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M 225 Freitag, den 1. September 1897. 24. Jahrgang

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K Sturmbvten.

Seit Monaten blickte die politische Welt Deutsch­lands mit Spannung den ersten Nachrichten entgegen, die Aufschluß geben würden über die Gestalt der Pläne, die die Reichsregierung für die Marine hegt; und wer für jedesmal, daß das Wort Marine während der letzten drei Monate in den deutschen Zeitungen gedruckt wurde, nur eine Reichsmark bekäme, müßte damit ein hübsches Sümmchen bei einander haben.

Jetzt wissen wir ungefähr, was die Regierung will. Vor allen Dingen will die Regierung sehr viel Geld haben, etwa 400 Millionen Mark und mehr während der nächsten sieben Jahre. Unsere Leser kennen die Ziffern bereits, und wir brauchen sie also nicht zu wiederholen.

Aber was unsere Leser noch nicht wissen, und was uns selbst etwas Neues war, das ist der Ueberfluß des Reiches an Geld. „Die Lage sowohl der preußischen wie auch der Reichsfinanzen ist so günstig, daß keinerlei Bedürfniß besteht, auf eine Vermehrung der Einnahmen durch.... Steuermaßnahmen hinzuwirken . . . Die für die Ver­stärkung unserer maritimen Wehrkraft erforderlichen Mittel lassen sich angesichts der Finanzlage aufbringen, ohne daß an irgendwelche Steuermaßnahmen gedacht zu werden braucht—" fo belehrt uns in halbamtlichem Tone die .Norddeutsche Allgemeine Zeitung'. Es freut uns sicherlich, wenn es sich so verhält, daß das Reich ohne besondere neue Steuermaßnahmen alle die Flotten­pläne der Regierung ohne weiteres bezahlen könnte; denn gut mit Geld versehen zu sein, ist immer an­genehm. Besonders angenehm ist es für Staaten, die während der letzten Jahrzehnte nur Anleihen aufnahmen, ohne zunächst an eine Heimzahlung der Anleihen aus den jährlichen regelmäßigen Reichsein­nahmen zu denken. So steht es bei uns im Deutschen Reiche. Und dem Centrum ist es in erster Reihe zu danken, daß es durch den Antrag Lieber die

Verfolgt.

'DemEnglischen von Marion Crawford nacherzählt von Cora von Schönburg.

13 ------ (Nachdruck verboten.)

Das Verbrechen der Fälschung wäre für Mary Goddard schwer zu ertragen, aber vielleicht doch zu überwinden gewesen. Bei dem Verhöre waren jedoch Dinge an's Licht gekommen, welche von vornherein alle Bande der Zuneigung zerrissen hatten. Umstände, welche gezeigt, daß er nicht nur untreu in seinen Ge­schäften, sondern auch untreu gegen das Weib ge­wesen war, welches ihn geliebt. Diese Erinnerung war das Hinderniß, welches sich, unübersteiglicher als alles Andere, zwischen die Ehegatten stellt. Diese Sünde konnte auch das liebende Herz nicht vergeben, und wo sonst das Mitleid erwacht wäre, da konnte nur noch die Verachtung Raum finden.

Und doch — sie mußte ihm helfen, koste es, was es wolle. Aber wie vermochte sie dem Gutsherrn gegenüber in einem Momente gleichgiltig zu erscheinen, wo sie sich von Gesahren umlauert sah? Jeder Augen­blick konnte einen Polizeibeamten über ihre Schwelle führen, der eine Haussuchung vornahm.

Alle diese Gedanken jagten sich, während sie auf dem Gange kniete, in ihrem überreizten Hirn. Sie preßte die Hände gegen die Schläfen, dann trocknete

Frage einer geordneten und geregelten Schulden­tilgung in Fluß und dann auch in dem Schulden­tilgungs-Gesetze zu einem gedeihlichen und vorläufigen Abschlüsse brachte.

9?un wohl, das sind keine Sturmboten. Das wären hübsche, friedliche Nachrichten. Aber die Re­gierung will nun diesen angenehmen Finanzstand in einseitiger Weise ausnützen für den Ausbau und die Erweiterung der deutschen Kriegsflotte, und wenn die Regierung ihren Flottenplan wirklich so im Reichstage einbringt, wie er neulich in der ,Kölnischen Zeitung' bestätigt war, und wenn sie dann auch darauf besteht, so wird es wohl Sturm geben. Die Sturmbringerin wäre dann also die Regierung selbst.

Man kann sagen: ja, warum sollte der Reichstag, der doch auch in diesem Jahre mehr als vierzig Millionen für die Marine bewilligt hat, nicht im folgenden Jahre noch ein paar Millionen zulegen, wenn es durchaus nöthig ist? Und warum sollte er das nicht mehrere Jahre hintereinander thun? Aber das ist hier kaum die Hauptsache. Die Regierung fordert nach dem Plane, wie er durch die Zeitungen skizzirt wurde, gleich Festlegung der Bewilligungen auf sieben Jahre. Wollte dies der Reichstag, dessen Mandate mit dem Sommer des nächsten Jahres ablaufen, der Regierung bewilligen, so würde der neue Reichstag, der rechtmäßig im Jahre 1898 zu wählen sein würde, gar kein Bewilligungs­recht mehr haben; denn der alte Reichstag hätte dann schon mit der Regierung alles fertig gemacht über den Kopf des neuen Reichstages hinweg bis wieder zum Ablaufe von desfen Mandat und noch auf zwei Jahre weiter, und daß dafür im Reichstage jetzt eine Mehrheit zu finden ist, bezweifeln wir in allem Ernste.

Selbst nationalliberale Blätter erklären in recht entschiedenem Tone, daß das nicht angehe. „Das angeblich geplante Septennat — so schreibt die ,Nationalzeitung' — würde entweder das Etatrecht derart einschränken, wie kein Parlament es sich gefallen lassen wird; oder es könnte leicht den Keim von Konflikten in sich bergen, indem die Regierung sich im Besitze von Bewilligungen glaubte, die der Reichstag möglicherweise bei der Einstellung der einzelnen Summen in den Jahres­etat nicht als vorbehaltene und endgiltige anerkennen würde."

Die ganze Art und Weise, wie die Flottenpläne behandelt und besprochen werden, läßt nun leider darauf schließen, daß die Regierung große Pust dazu hat, unter allen Umständen an ihren Forder­ungen festzuhalten. Sie wird aber das Sep­tennat nicht bewilligt erhalten, und aus diesem Gegensätze könnte ja schneller, als man sich gedacht hat, eine Auslösung des Reichstages sich ent­wickeln mit Neuwahlen unter dem Feldgeschrei für

sie ihre Thränen und versuchte aufzustehen. Es ge­lang ihr nur mühsam und sie mußte sich einen Augen­blick an die Wand lehnen, ehe sie Kraft zum Fort­gehen fand.

Nellie hatte die ganze Zeit über geduldig im Salon gewartet. Als die Mutter das erste Mal zurückgekehrt war, hatte sie ihr gesagt, daß ein ausgehungerter Wanderer Einlaß begehrt und sie um etwas Nahrung gebeten habe. Nellie solle ruhig fitzen bleiben und warten, bis er wieder fortgegangen sei. Das hatte das Kind auch vertrauensvoll gethan, ober die Zeit war ihr dabei lang geworden. Sie blickte rasch von ihrem Buche auf, als sich die Thür öffnete.

„Hast Du geweint, Mama?" sagte sie forschend.

„Ich glaube ja, liebes Kind. Der arme Mann sah so schrecklich elend aus."

Es war schon sehr spät und Nellie so schläfrig, daß es nicht schwer fiel, sie für den Augenblick zu beruhigen. Unter anderen Umständen wäre es keine Kleinigkeit gewesen, sie über das Auffallende der ganzen Episode hinwegzutäuschen.

Frau Goddard vermochte während der ganzen Nacht kaum die Augen zu schließen. Es war ihr, als könne sie nie wieder schlafen. Sie dachte an den elenden Störer ihres Friedens; ob er Unterkunft für die Nacht gefunden hatte, ob er noch frei oder bereits in die Hände seiner Verfolger gefallen fei. Sie wußte.

oder wider die Marine. Darum werden diejenigen Parteien und Wahlkreise die klügsten sein, die diese Möglichkeit schon jetzt und recht scharf ins Auge fassen!

Deutsches Deich.

Berlin, 30. September.

* Der Kaiser wird Rominten am 5. Oktober verlassen und am Nachmittag dieses Tages in Danzig auf der Schichau'schen Werft dem Stapellauf des Lloyd- Dampfers beiwohnen. Anfangs November wird der Kaiser sich zum Grafen Tschirschky-Renard auf Schloß Groß-Strehlitz in Oberschlesien begeben, um dort zu jagen. Auf der Reise nach Jerusalem wird der Kaiser, wie der ,Hamb. Korr.' aus Berlin meldet, von seiner Gemahlin nicht begleitet sein.

* Die Kaiserin, welche bekanntlich jüngst das Ueberschwemmungsgebiet in Schlesien bereist hat, hat für die am meisten betroffenen Kreise, soweit bis jetzt bekannt ist, zusammen 120 000 Mk. gespendet. Wie erinnerlich, hat das Ueberschwemmungs-Hilfs­komitee der Kaiserin eine bedeutende Summe zur Ver- theilung übergeben.

* Die ,Nordd. Allg. Ztq.' schreibt: „Die in den letzten Tagen durch die Presse gegangenen Mittheil­ungen über den Aotschafterposten in Konssanti- nopek sind, wie wir von zuständiger Seite erfahren, genau so unbegründet wie die kürzlich von uns zurück­gewiesene Meldung über eine veränderte Besetzung des Postens in Washington und wie früher auf- getauchte Meldungen über einen angeblich bevor­stehenden Wechsel auf den Botschaften in St. Peters­burg und London". Als Kandidat für Kon­stantinopel war Freiherr Marschall von Bieberstein genannt worden.

* Der Vollständigkeit wegen verzeichnen wir auch eine Meldung des,Hannov. Kour.' zu der Angelegen­heit der Reform des militärischen Strafprozesses. Danach soll die Frage, ob eine solche Vorlage an den Reichstag gelangen soll, erst dann zur Entscheidung kommen, wenn der K a i se r im Jagdschloß Hubertus- stock weilen wird. Dorthin soll sich dann auch der Reichskanzler zur Rücksprache mit dem Kaiser be­geben.

X Die Geister aus den Prozessen gegen von Lützow und von Tausch werden wieder lebendig! Der bekannte Polizeiagent Schumann, auch genannt von Normann-Schumann, hat bei der Staatsanwaltschaft eine Denunziation wegen M e ine i d s gegen den Abg. Bebel eingereicht. Herr Bebel war bekanntlich in jenem Prozesse als Zeuge vernommen worden, und er hat infolge der Denunziation bereits eine Vernehmung gehabt Schumann hatte vorher auf Bebel dahin einzuwirken gesucht, daß dieser ihm eine Ehrenerklärung und außerdem die schriftliche Zu­sicherung gebe, feinen Einfluß bei der sozialdemokra- daß es ihr nicht möglich gewesen wäre, ihn im Hause zu bergen, und daß sie Alles, was in ihrer Macht gestanden, für ihn gethan hatte, aber wenn der Regen gegen die Läden klatschte und der Wind durch den Schornstein heulte, dann fuhr sie dennoch geängstigt auf.

Derjenige, welcher all' diese Sorge hervorgerufen, hatte unterdeffen ein sicheres und für feine Verhält- niffe glänzendes Unterkommen gefunden. Er lag in dem Heuschober des Wirthshauses. Die Frage, wo er sein Nachtquartier aufschlagen könne, war schon vor seinem Besuche in der Cottage erledigt gewesen. Der Wirth des besagten Gasthauses hatte seiner An­gabe, daß er aus Iorkshire gebürtig und auf der Wanderung nach London zurück begriffen sei, gern geglaubt und ihm für eine Tagesarbeit das Nacht­lager überlaffen. Der Flüchtling schlief einen gesunden Schlaf. Er war darüber hinaus, sich durch nagende Reuegedanken die Nachtruhe stören zu lassen, außer­dem war er erschöpft von dem bereits zurückgelegten Wege, und die Aussicht auf Geld hatte einen nicht minder beruhigenden Einfluß. Er durste sicher hoffen, wenn er einmal außer Landes sei, der Verfolgung zu entgehen. Vielseitige Bildung und ein ungewöhnliches Sprachen-Talent boten eine sichere Bürgschaft für sein Fortkommen. Die Flucht selbst gedachte er in einem Fischerboote zu unternehmen. Dann wollte er sich in Frankreich in die Fremdenlegion aufnehmen lasten.