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223 Mittwoch, den 29. September 1897 LL. Jahrgang

FuIdaerWZeitiiiii;

mit Nnierhaltungs-KeUasr „Sterne und Klumen«.

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Zweites Klatt.

-'S 89

In Erinnerung bringen wir den geehrten Lesern der 8P Fuldaer Zeitung T8 die sofortige Erneuerung des Abonnements

für das 4. Quartal 1897.

Verfolgt.

Dem Englischen von Marion Crawford nacherzählt von Cora von Schönburg.

H ------ (Nachdruck verboten.)

Nelli kniete sich, beruhigt durch den Gedanken, daß ihre Mutter ihr gleich folgen werde, nieder und verrichtete ihr Gebet, wie sie es während der elf Jahre ihres Lebens täglich gethan. Sie räusperte sich, blickte nach der Uhr hin und dann in die liebevoll auf sie herabblickenden Augen der Mutter, senkte endlich das Köpfchen auf deren Knie und sagte die einfachen Worte des Vaterunsers. Draußen tobte der Sturm, einzelne Regentropfen fielen durch den Kamin in das erlöschende Kohlenfeuer.

„Vater unser, der Du bist in dem Himmel, ge- heiliget werde Dein Name, zukomme uns Dein Reich--“ Nelli fuhr, laut aufschreiend, in die

Höhe und klammerte sich in wilder Angst an ihre Mutter. „Mama, Mama", rief sie, entsetzt nach dem Fenster blickend, „er rief Mary Goddard! Du bist gemeint, O!"

Diesmal konnte kein Zweifel sein. Während des Gebetes hatte es dreimal an die Fensterladen geklopft und eine Stimme hatte, durch Wind und Wetter hör­bar, den genannten Namen deutlich in das Zimmer gerufen.

Frau Goddard riß daß Kind im Ausspringen mit sich empor und blickte dann in wilder Verzweiflung im Zimmer umher. Es war, als suchte sie ein Entkommen.

„Ich muß hinein! Ich will hinein!" klang aber­mals die Stimme von draußen.

Das Mädchen hielt die Mutter noch immer um­klammert und hinderte durch ihr Gewicht jede freie Bewegung.

„Laß ihn nicht herein, Mama, laß ihn nicht herein !" jammerte sie, mit allen Gliedern zitternd.

Furchtsame oder scheinbar furchtsame Menschen beweisen gewöhnlich gerade im Augenblicke der Ge­fahr die größte Unerschrockenheit. Frau Goddard befreite sich von Nelli's sie umklammernden Armen, und nachdem sie das erschrockene Kind in einen Sessel gedrückt, sagte sie mit unnatürlicher Ruhe: „Bleib fetzt hier, mein Liebling, und .fürchte Dich nicht. Ich will hingehen und die Thüre aufmachen."

Nelli war zu sehr vom Schrecken gelähmt, um noch an Widerstand zu denken. Frau Goddard trat auf den erleuchteten Vorplatz hinaus und zog die Thüre hinter sich zu. Die Hand an das Schloß der Außenthüre gelegt, hielt sie einen Augenblick inne, dann drehte sie den Schlüssel um und öffnete. Ein kalter, durchdringender Regen wehte herein und ver­wehrte ihr für einen Angenblick den Ausblick ins Freie. Sie trat kühn in das Dunkel hinaus.

„Komm herein!" rief sie mit gedämpftem Tone.

Gleich darauf näherten sich Schritte von der Seite des Wohnzimmers her. Roch eine Minute später und die Frau erkannte in dem unsicheren Lichte die geisterhaften Züge eines Mannes.

Als Frau Goddard in die Züge des vor ihr Stehenden blickte, war es ihr einen Augenblick, als stände ihr das Herz still. Sie bemühte sich umsonst, in der verkommenen Gestalt eine Aehnlichkeit mit dem zu entdecken, welchen sie einst ihren Gatten genannt. Doch es blieb ihr nicht lange Zeit zur Ueberlegung. Der nächtliche Eindringling hatte rasch die Thüre hinter sich zugezogen und fragte, indem er dicht vor ihr stehen blieb:

„Erkennst Du mich nicht, Mary? Du mußt mich retten — sie sind mir auf den Fersen."

Diese Worte waren im Flüstertöne gesprochen worden. Dann suchte der Unhold seinen Arm um ihre Taille zu legen, sie wich aber voll Abscheu zurück. Wenn seine Züge sie noch im Zweifel gelassen, so verrieth ihn jetzt doch die Stimme, und die abweisende Bewegung war daher nur zu natürlich. Er machte einen zweiten erfolglosen Versuch, sich ihr zu nähern. — Da kam ihr ein Gedanke. Sie faßte ihn am Aermel und fchon ihn in das Eßzimmer. Es war nicht er­leuchtet.

„Warte hier einen Augenblick —" sagte sie.

„Nein, nein. Du wirst rufen —"

„Ich will Dich retten. Es ist jemand im Wohn­zimmer."

Ehe er antworten konnte, war sie fort. Er horchte aufmerksam und ohne sich von seinem Platze zu rühren auf jedes Geräusch; allein es blieb alles still im Hausflur. Es dünkte ihm eine Ewigkeit, ehe sie wieder erschien. Sie trug ein Licht in der Hand, als sie ein­trat, und setzte dieses, nachdem sie die Thüre leise zugezogen, auf den Tisch. Es war, als handle sie im Traum.

„Setze Dich", sagte sie, und deutete auf einen Stuhl. „Bist Du hungrig?"

Seine eingesunkenen Augen begannen aufzuleuchten, während die Frau Bier und Fleisch herbeiholte und vor ihn hinsetzte. Er verschlang alles, ohne ein Wort dabei zu reden. Sie betrachtete ihn verstohlen vom andern Ende des Tisches her. Zwischen ihnen stand die einsame Kerze.

Walter Goddard war ein Mann von ungefähr vierzig Jahren. Er hatte ehemals für schön gegolten. Jetzt aber hatten die Augen blaue Ringe, das helle Haar war kurz geschoren, und der dichte Stoppelbart, welcher sein Gesicht umgab, ließ nur undeutlich die Konturen des kleinen Mundes und des spitzen Kinnes errathen. Der ganze Ausdruck des Gesichtes war un­angenehm zu nennen. Die Hände waren unsauber, wie die ganze übrige Erscheinung des Mannes. Ein von Nässe triefender Hut, welchen er sich offenbar abzunehmen schämte, beschattete seine Stirn. Um den Hals schlang sich ein zerfetztes Tuch, und ein ebenfalls durchnäßter Kittel klebte an den mageren Gliedmaßen. Während des Essens schauderte er von Zeit zu Zeit zusammen, als friere er.

Die Frau war ihrem natürlichen Impulse gefolgt, als sie den Rufenden hereinließ und ihm zu essen bot. Sie war zu sehr von Entsetzen gelähmt, um sich mit einmal ihre Lage klar machen zu können. Endlich faßte sie sich so weit, um fragen zu können: „Wie bist Du hierhergekommen?"

Er beugte sich noch tiefer über seinen Teller, als schäme er sich, angesehen zu werden.

„Frage mich nicht," sagte er kurz.

„Warum thatest Du es?" hob sie von Neuem an.

Goddard ließ ein heißeres Lachen vernehmen. „Warum ich es that?" wiederholte er. „Hast Du jemals gehört, daß sich Jemand die Gelegenheit zur Flucht aus dem Gefängnisse entgehen ließ? — Nun, warum starrst Du mich denn so an, Mary?"

„Es thut mir leid für Dich," sagte sie.

„Jedenfalls scheinst Du Dich nicht sehr über das Wiedersehen mit mir zu freuen," bemerkte er trotzig.

„Das hättest Du Dir denken können."

Ihre Rede klang hart und grausam. Sie empfand das selbst, allein Schreck und Abscheu und der Ge­danke an die Folgen des so plötzlich über sie herein­gebrochenen Unglücks hatten jedes weichere Gefühl in ihr erstarrt.

Goddard schob den Teller zurück, stützte das Kinn in die Hand und sagte höhnisch: „Du hast mir nach dreijähriger Trennung einen recht warmen Empfang bereitet, Mary."

„Ja, ich bin über Dein Kommen entsetzt," gab

sie zu; „Du weißt recht gut, daß ich Dich nicht ver bergen kann."

„O, ich habe auch keine Wunderthaten von Dir erwartet," sagte er mit bitterem Spotte. „Auch habe ich mich nicht der Hoffnung hingegeben. Dir durch meine Rückkehr eine besondere Freude zu bereiten; allein auf etwas Gefühl von Seiten einer Frau, welche ihren Mann seit drei Jahren nicht gesehen, hatte ich doch gerechnet."

Die unnatürliche Ruhe der Frau war auf dem Punkte, einer grenzenlosen Aufregung Raum zu geben.

„Ich will für Dich thun, was ich kann, Walter," sagte sie.

„Dann gib mir fünfzig Pfund und zeige mir den nächsten Weg in östlicher Richtung," fuhr der Ver­brecher sie an.

„Ich habe nie so viel auf einmal im Hause," versicherte sie erschrocken. „Aber wenn Du warten willst, so kann ich es Dir verschaffen."

„Ich möchte mich am liebsten selbst überzeugen," sagte er mißtrauisch. „Und bis wann kann ich es haben?"

„Bis morgen Abend. Früher kann ich nichts von der Bank ausbezahlt bekommen."

„Du hast also etwas auf der Bank liegen?"

„Natürlich, aber eine Anweisung würde Dir ja nichts nützen — leider."

„Ja gewiß „leider!" denn dann könntest Du mich gleich los werden. O Mary —" rief der Elende mit plötzlich veränderter Stimme — „früher liebtest Du micht doch!"

„Es war recht thöricht von mir," entgegnete sie, von ihm wegblickend, „verdient hast Du es jedenfalls nicht."

„Weil ich unglücklich war?"

„Unglücklich!" wiederholte sie verächtlich. „Un­glücklich — der Du mich mit jedem Athemzuge be­trogen hast! Nein, Walter, ich hätte Dir viel ver­zeihen können, aber das nicht — nicht das!"

„Was denn? Meinst Du die Geschichte wegen des Geldes?" fragte er, heftiger werdend.

„O nein, die Geldfrage hat nichts damit zu thun," entgegnete sie. „Du hättest entehrt und zum Zucht­hause verurtheilt sein können, und ich hätte Dir doch vergeben. Ich würde dennoch versucht haben. Dich zu sehen. Dich zu trösten und mit Dir zu leiden. — Aber das Andere — nein — das konnte ich Dir nicht verzeihen, und ich werde es nie können. — Du hast mich nie geliebt, und das ist der Grund, warum ich mich nicht freuen kann. Dich zu sehen."

„Doch, das that ich, Mary — und ich schwöre Dir, ich liebe Dich noch immer! Er war näher ge­treten und würde einen neuen Versuch gemacht haben, sie an sich zu ziehen, aber sie stieß ihn mit wild funkelnden Augen zurück.

„Wage nicht, mich anzurühren," rief sie, „oder ich zeige Dich sofort an!" Goddard zog sich bleich und zitternd zurück.

„Das würdest Du doch nicht thun," jammerte er.

Sie war stehen geblieben und sah ihn drohend an. „Du kennst mich nicht," zischte sie, ich würde es doch thun."

„Du bist hart wie ein Stein," sagte er in sich versunken.

Einige Minuten lang schwiegen Beide, dann hob der Sträfling von Neuem an:

„Du wirst mich jetzt wohl wieder in den Regen hinausjagen?

„Allerdings! Hier bist Du keinen Augenblick sicher. Du mußt gehen und Dir morgen das Geld holen. Am besten wäre es, Du gingst jetzt gleich."

„O Mary, wer hätte je so etwas von Dir denken können!" stöhnte Goddard.

„Was denkst Du, das ich thun sollte? Im Hause kann ich Dich nicht schlafen lassen, und eine Scheuer habe ich nicht. Wenn man Dich hier sähe, wäre alles zu Ende — man kennt Deine Geschichte."

„Wer kennt sie?"

„Der Pfarrer und seine Frau — auch der Schloß­herr — Herr Juxon".

„Juxon?" wäre der wohl eine Persönlichkeit, welche mich anzeigen würde?"

„Wenn er wüßte, daß Du Dich hier herumtriebest, so kann man das fast mit Sicherheit annehmen," entgegnete Frau Goddard nachdenklich. „Er ist