223 Mittwoch, den 29. September 1897. 24. Jahrgang
FiildakrWZeitüiig
mit Urrterhaltrytgs Beilage „Sterne und Flamen".
Erjcheinl täglich. Sonn- und Feiertage auSgeuomm«. — Vierteljährlicher LbonnemeutSpreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Karmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
tt Die Lohnbewegung der Metallarbeiter in Berlin.
Anfänglich erschien es so, als stände Berlin am Vorabende eines allgemeinen Ausstandes der Metallarbeiter. Und in der That wurde die Lohnbewegung der Former von einigen Blättern bereits in diesem Sinne behandelt. Das würde ein Riesenausstand geworden sein, denn im ganzen zählt Berlin in der Metallindustrie und im Maschinenwesen mehr als 47 000 Gehilfen, Lehrlinge und Arbeiter. Aus dieser Ziffer ersieht man nebenbei, daß die Reichshauptstadt eine Stätte der Arbeit ist, nicht hauptsächlich etwa eine Stadt müßigen Vergnügens.
Richtig ist es, daß im Anfänge dieser Lohnbewegung die Neigung zu einem allgemeinen Ausstande unter den Arbeitern sehr groß war. In einer Metallarbeiter- Versammlung wurde mit brausendem Beifall ein Redner belohnt, der mit der Ausdehnung des Ausstandes „in ungeheure Dimensionen" drohte, wenn den Forderungen der Arbeiter nicht sollte nachgegeben werden. Aber sehr bald scheint dann die Stimmung kühler geworden zu sein. Und wenige Tage nach jener Versammlung gelangte von der Leitung der Organisation der Metallarbeiter an den Vorstand des Verbandes der Berliner Metallindustriellen ein Schreiben, in dem angezeigt wurde, daß der Metallarbeiterverband zu Unterhandlungen geneigt wäre. Der Verband der Metallindustriellen hat dieses Schreiben unbeantwortet gelassen, und zwar, wie in der Presse verkündet wurde, grundsätzlich deswegen, weil der Verband der Industriellen nicht verhandelt mit einer Organisation, die auf sozialdemokratischer Grundlage steht. Leider hat die Firma Borsig, bei der zuerst die Arbeitseinstellung stattfand, auch die angebotene Vermittelung des Einigungsamtes des Gewerbegerichtes zurückgewiesen — ein Verfahren, das kaum Billigung in weiteren Kreisen finden dürfte. Erst hinterher hat der Jndustriellen-Verband eine Vertrauens-Kommission eingesetzt, die nun über den Umfang des Ausstandes genaue Erhebungen anstellt und auch die Frage erörtert, ob der Verband in irgendwelche Unterhandlungen sich einlassen will.
lieber die Ursachen des Ausstandes besteht keine Klarheit. Behauptung steht gegen Behauptung. Die Firma Borsig hat erklärt, daß sie nicht die Löhne heruntersetzen wollte. Die Arbeiter versichern dagegen, daß sie allen möglichen Quälereien ausgesetzt gewesen seien bei der Firma Borsig, und namentlich die Former behaupten, daß sie vor einer Lohnherabsetzung von 25 pCt. standen, nämlich so, daß sie sich einen Abzug für die Arbeit der Kernmacher gefallen lassen sollten.
Da keine Klarheit herrscht, kann man weder für die eine noch für die andere Seite Partei ergreifen. Aber das kann man mit ziemlicher Bestimmtheit sagen, daß die Arbeiter wenig Freude und keinen Erfolg haben würden von einer Arbeitsniederlegung in größerem Stile. Bis jetzt sind etwa 500 Former ausständig, und schon die Unterstützung dieser Leute macht finanzielle Schwierigkeiten. Was sollte werden, wenn 20 000 oder 30 000 feiernde Metallarbeiter zu unterstützen fein würden? Die Hirfch-Duncker'fchen Gewerkvereine sind mit dem, Ausstande auch nicht einverstanden. Das von Dr. Hirsch herausgegebene Blatt ,Gewerkoerein' bemerkt dazu: „Wir hätten gewünscht,^ daß die deutschen Arbeiter der Metallbranche zuerst ihren englischen Berufsgenossen zu Hilfe gekommen wären, statt sich selbst in einen Streik einzulassen, der große Dimensionen annehmen kann."
Nun wohl, er kann es. Aber wir glauben nicht, daß dies der Fall sein wird. Und sollte das Unwahrscheinliche dennoch Ereigniß werden, so würde sicherlich dieser Lohnkampf von den Arbeitgebern mit großem Nachdrucke und hoher Ausdauer geführt werden, und das Ende des Ganzen würde sein eine ungeheuere Schädigung der Industrie und bei den Arbeitern eine zwecklose Verschleuderung von Millionen
von Unterstützungsgeldern und demgemäß ein heftiger moralischer Katzenjammer.
Deutsches
Berlin, 28. September.
ti Der Kaiser hat aus Anlaß des Untergangs des Torpedoboots „8 26" an den Reichskanzler einen Erlaß gerichtet, in welchem er feiner Trauer über „den Verlust braver, bis in den Tod getreuer Männer, an deren Spitze ein so tüchtiger Offizier aus fürstlichem Geschlecht" gestanden habe, Ausdruck gibt. Bezüglich des Herzogs heißt es in dem Erlaß dann weiter: „Die großen Hoffnungen, die ich an den hingegangenen Herzog Friedrich Wilhelm Adolf Günther, Herzog zu Mecklenburg, knüpfte, sind durch die unerforschliche Fügung Gottes zerstört. Die Marine wird mit mir dem Kameraden, der ihr Stolz und ihre Freude war, ein treues Andenken bewahren." Der Erlaß schließt: „Möge das Beispiel der Dahiu- geschiedenen, die für ihren Kaiser und ihr Vaterland bis zum letzten Augenblick treu ihre Pflichten erfüllten, meiner Marine für alle Zeiten zum Nacheifern voran- lenchten."
* Die kommenden Wariueforderuugeu haben, so sucht die,Nat.-Lib.-Korr.' zu beschwichtigen, nichts mit ausschweifenden Plänen gemein. Die Ausarbeitung der Neuforderungen fei unter strenger Rücksichtnahme auf die Finanzkraft des Reiches erfolgt. Die Politiker, die mit dem Schlagworte „Weltmachtpolitik" und „uferlose Flottenpolitik" eine neue Wahlparole auszumünzen gedächten, würden eine arge Enttäuschung erleben. Was die Regierung fordere und als fachlich unabweisbar und finanziell durchführbar nachweisen werde, das werde keinen Anhalt für irgend eine ergiebige Agitation gewähren. Alles das haben uns die ,Berl. Pol. Nachr.' und die ,Köln. Ztg.' auch schon gesagt. Es kommt nur darauf an, was man für „unabweisbar" und „durchführbar" hält. Die von der ,Köln. Zeitung' enthüllten Pläne gehen schon weit über den vom Reichstage zurückgewiesenen Hollmann'schen Plan hinaus. Es scheint fast, als glaube man für hohe Forderungen jetzt dadurch Stimmung machen zu können, daß man „Weltpolitik" und „uferlose Flottenpläne" möglichst demonstrativ zurückweist. Das ist eine Verbeugung vor der Volksstimmung, die aber niemand täuschen kann. Der ,Nat.-Ztg.' wird bestätigt, daß für das nächste Etatsjahr 50 Millionen und für die folgenden bis 1905 jährlich 60 Millionen verlangt werden sollen. Der geplante „Einheitstyp" für die Panzerschiffe ist der des jüngst vollendeten Panzerschiffes „Kaiser Friedrich III." Während der fünf Jahre feit der Aufstellung der Entwürfe für dies Schiff fei die Ansicht, daß mit diesem „Typ" das Beste getroffen sei, nicht erschüttert worden. Und nach abermals fünf Jahren? „Eine kleine, aber leistungsfähige Flotte" ist nach der,Nat.- Ztg.' das Ziel des Staatssekretärs Tirpitz, der bei seiner Ankunft aus Ostasien in Berlin verschiedene Pläne zur Flottenerneuerung vorgefunden, diese aber wesentlich reduzirt und dann die Zustimmung des Finanzministers v. Miquel sowie der „Reichsverwaltung" (was ist das?) dafür erhalten. Fehlt nur noch die Zustimmung des Bundesraths und des Reichstages. Die, Staatsbürger-Zeitung' will wissen, es werde dem Reichstage unmittelbar nach seinem Zusammentritt eine besondere Flottenvorlage zugehen; von der Stellung des Reichstages dazu werde es abhängen, ob er ein natürliches Ende haben werde oder nicht. Nach allem aber, was in anderen Blättern aus dem Reichsmarineamt verlautbart worden ist, scheint diese sich doch gar nicht mit Auflösungsgedanken zu tragen. Oder wäre am Ende beabsichtigt, „sehr mäßige" Forderungen für eine „kleine" Flotte aufzustellen, um dann diese zur Wahlparole zu machen und den Gegnern das Agitationsmittel der „uferlosen Flottenpläne" aus der Hand zu schlagen? Man kann die Ausführungen der,Nat.-L.-Korr.' auch so auslegen. Das Manöver würde aber wohl nicht verfangen.
* KoHc Meamle aks „Gesetzverächler". Als Beispiel dafür, wie schwer es sei „selbst für den ordnungsliebendsten Staatsbürger, keine Gesetzüber- tretung zu begehen", berichtet die Volkszeitung: „In Baden-Baden wurden gestern wegen Verstoßes gegen I
die Bestimmungen über die Sonntagsruhe zwei Badegäste, die in einem Blumenladen Blumen kauften, von einem Schutzmann festgestellt. Einer der Kaufenden legitmirte sich als der Oberbürgermeister von Stuttgart Rümelin, der andere als der Reichskanzler Fürst Hohenlohe." An und für sich ist die Geschichte ja recht komffch. Nicht komisch aber ist es, wenn dieser „Witz" gegen die Sonntagsruhe ausge- beutet wird.
X Der Deutsche Kaudekstag hatte am Montag eine Ausschußsitzung. In derselben wurde referirt über die Verhandlung der am Sonnabend stattgehabten Konferenz zur Vorbereitung der Handelsverträge. Die Vertreter der Konferenz waren dahin überein gekommen, daß eine Centralstelle oder ein Zollbeirath vom Reichskanzler berufen werden möchte, daß die drei Vertretungskörperschasten der Landwirthschaft, der Industrie und des Handels berechtigt fein sollen, je 5 Mitglieder des Beiraths zu wählen und daß der Reichskanzler sich vorbehält, 10 weitere zu berufen. Außerdem wurde für noth- wendig erachtet, daß dem Beirath eine Arbeitsstelle zur Verfügung gestellt und für ihn ein besonderes Bureau gebildet werde. Im Gegensatz zu den Ver- tretem der Landwirthschaft und der Industrie konnten die Vertreter des Handels in der Konferenz keine unbedingte Zustimmung zu den Vereinbarungen geben, da sie erst das Einverständniß des Ausschusses des deutschen Handelstages nachsuchen müßten. Der Ausschuß hat nun den Vereinbarungen zugestimmt, aber das Präsidium beauftragt, dahip zu wirken, daß der Handelstag anstatt 5 Mitglieder 8 in die Centralkommission zu wählen berechtigt sei. Um die Wahl der Mitglieder des Handelstages in die Centralkommission vorzubereiten, wurde eine Kommission gebildet, die bestehen soll aus Mitgliedern des Präsidiums des Handelstages und den Herren Dr. Weigert-Berlin und Geh. Kom.-Rath Michel-Mainz. Bezüglich der 10 vom Reichskanzler zu wählenden Mitglieder der Centralkommission schreibt die ,D. Tagesztg.', sie setze nicht ohne Grund voraus, daß hierunter Vertreter des Bundes der Landwirthe sein würden. Darüber, daß die neu abzuschließenden Handelsverträge die Interessen der Landwirthschaft ganz besonders berücksichtigen müßten, herrsche, wie sie bestimmt wisse, volle Uebereinstimmung zwischen der Regierung, den Vertretern der Landwirthschaft und der nationalen Industrie. Zu wünschen fei, daß diese Uebereinstimmung noch vor den nächsten Wahlen durch irgend welche Regierungsäußerung öffentlich bekundet werde.
* Der Nrozetz Hrülter hat unfern Polenfressern nicht die erwünschte Unterlage zu Anklagen gegen die Polen gegeben. Der Widerhall in der Presse entspricht durchaus nicht dem Lärm, den man s. Z. über die Ermordung des Lehrers gemacht habe. In Ermangelung „nationaler" Entrüstung wendet man sich gegen die Eisenbahnverwaltung, über die der Prozeß interessante Dinge enthüllt hat, als über den „Mord". Das ist sehr vernünftig, denn da ist wirklich etwas zu rügen.
□ Erfurt, 29. Sept. Auf dem national« sozialen Vertretertage wurde zunächst über das allgemeine Wahlrecht verhandelt, wobei schon erhebliche Meinungsverschiedenheiten zwischen der Richtung Sohm und der Richtung Göhre-v. Gerlach zu Tage traten, v. Gerlach und Andere wollten, daß die National-Sozialen unter Umständen auch für einen Sozialdemokraten stimmen sollten, z. B. wenn dieser mit einem Kandidaten Stumm'scher Art oder mit einem konservativen Gegner des allgemeinen Wahlrechtes in die Stichwahl käme. Herrn Sohrn und Anderen gefiel das schlecht. Schließlich wurde in einer Resolution die Erwartung ausgesprochen, daß die Parteigenossen bei den Reichstagswahlen jedem Kandidaten die Frage nach feiner Stellung zum Reichstagswahlrechte vorlegen würden. Professor Sohrn, der das Referat hatte, meinte vorn Centrum, man könne „es nicht schlankweg königstreu und monarchisch" nennen; habe es doch gewissermaßen einen auswärtigen Souverän. Eine Partei, die, wie die National-Sozialen, von ihren Gegnern fortwährend beschuldigt wird, sie sei revolutionär :c., sollte mit derartigen Vorwürfen denn doch etwas vorsichtiger fein. Ein Pastor Lehmann aus Homberg schien sich für wunders wie vorurtheils- frei zu halten, als er erklärte, unter Umständen würde