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M 220 Samstag, den 25. September 1897. 24; Jahrgang

FilldaerWZkitiliig

mit Mterhaltungs Keiiage „Sterne uns Ktumen".

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An unsere Postadonurnte« wenden wir uns beim herannahenden Quartalswechsel mit dem freundlichen Ersuchen, das Abonnement auf die ,Fuldaer Zeitung' sofort erneuern zu wollen, damit unter dem An­drang der Arbeiten, welcher gegen den 1. Oktober hin bei den Postanstalten Eintritt, die Zusendung des Blattes keine Unter­brechung erleidet.

# Kabinet Stumm?

In diesen Tagen hat großes Aufsehen gemacht die Veröffentlichung eines vertraulichen Rundschreibens, das Herr Gäbel, Direktor im Reichs-Versicherungs­amt und stellvertretender Präsident desselben, an die Vorstände der Berufsgenossenschaften und Altersver­sicherungsanstalten gerichtet hat. In diesem Rund­schreiben wird darauf hingewiesen, daß der „Christ­liche Zeitschriftenverein" in Berlin insbesondere die Aufgabe sich gestellt hat, den staatsfeindlichen und sozialdemokratischen Bestrebungen durch Einführung volksthümlicher und billiger Schriften entgegenzuwirken.

Im Verlage des genannten Vereins erscheinen Sonntagsblätter, Soldaten-, Arbeiter-, Frauen- und Volksblätter und auch kirchliche Blätter. Der Leiter der Vereinsunternehmungen ist der protestantische Prediger Hülle in Berlin. Und eben diese Erzeugnisse des Christlichen Zeitschriftenvereins empfiehlt Herr Direktor GMel amtlich zur Verbreitung in geeigneten Fällen, namentlich wenn es sich um Beschaffung paffender Lesewerke und Zeitschriften für Krankenhäuser oder Heilanstalten handelt, die unter der Leitung oder unter der Einwirkung der Behörden stehen, an die das Rundschreiben gerichtet ist. Ausdrücklich ist in dem Rundschreiben darauf hingewiesen, daß Herr Direktor Gäbel mit der Versendung desselben einer Anregung des Hrn. Staatssekretärs desJnnern, Grafen von Posadowskp-Wehner, folgt.

Man muß wissen, was es mit den Erzeugnissen dieses „Christlichen Zeitschriftenvereins" auf sich hat, um diese amtliche Empfehlung richtig würdigen zu können. Man versteht dies am besten durch die An­führung einiger Beispiele. So gehört zu den Erzeug­nissen des „Christlichen Zeitschriftenvereins" die „Reue Korrespondenz", die zum Theil aus dem ministeriellen literarischen Bureau in Berlin versorgt wird; und diese Korrespondenz treibt ganz genau die Politik, die die preußische Regierung und nament­lich Herr Abg. Freiherr von Stumm befür­worten. Was befürwortet besonders Herr v. Stumm? Bekämpfung der Sozialdemokratie mit den Waffen der Macht, mit der Polizei, oder auch mit dem bauenden Säbel — kurz und gut Unterdrückung der Sozialdemokratie mit roher Gewalt. Und in diesem

Verfolgt.

Dem Englischen von Marion Crawford nacherzählt von Cora von Schönburg.

8 ------ (Nachdruck verboten.)

Frau Goddard schwieg noch immer, und da er nicht zu ihr hinsah, so entging ihm ihre unnatürliche Erregung.

„Ich habe Ihnen meine Vergangenheit mitgetheilt," nahm er von Neuem seine Rede auf. „Ich war ein Seemann, und habe mir als solcher ein kleines Ver­mögen erworben; schließlich' erbte ich hier den Besitz meines Onkels. Was Sie sonst noch wissen wollen, bin ich gerne bereit, zu beantworten, ich habe nichts, woraus ich ein Geheimniß machen möchte. Mein Alter ist 42 Jahre, und meine Einkünfte belaufen sich auf etwa fünftausend Pfund; dabei bin ich ein guter Haushaller. Ich möchte Ihnen gern einen Antrag machen, Frau Goddard, mit größter Ehrerbietung, einen Antrag---"

Die junge Frau sank mit einem leisen Ausrufe des Schreckens in ihren Stuhl zurück. Aus ihrem Gesichte war alle Farbe gewichen, und sie starrte den Gutsherrn mit weit geöffneten Augen an. Dieser schien die eigenthümliche Art, wie seine Werbung aus­genommen wurde, gar nicht zu bemerken, wenigstens

Sinne war auch ein Flugblatt gehalten, das aus dem Verlage des sogenannten Christlichen Zeitschristenvereins im Juli dieses Jahres erschien und die von dem Minister des Innern von der Recke im preußischen Abgeordnetenhause eingebrachte Gewaltnovelle zum Vereinsgesetze bis zum Himmel erhob.

Derlei Politik verbirgt sich unter der Flagge eines christlichen Zeitschriftenvereins. Derlei wird amtlich empfohlen durch den Staatssekretär des Innern und durch den stellvertretenden Leiter des Reichsversicherungsamtes! Protestantisch-kirchliche Kreise haben auch schon öffentlich davor gewarnt und darauf hingewiesen, daß der Bettieb und seine Er­zeugnisse nicht beurtheilt werden dürsten nach der christlichen Firma, die das Unternehmen trägt. Die natürliche Folge solcher Machenschaften wird die sein, daß das Vertrauen zu der Unparteilich­keit des Reichsversicherungsamtes unter­graben wird, und wenn eine Behörde im Reiche gerade dieses Vertrauen ganz besonders braucht, so ist dies unzweifelhaft vor vielen anderen das Reichs­versicherungsamt. Wie kann der neue Staatssekretär des Innern dies verantworten?

Als die letzte Tagung des Reichstages geschlossen wurde, war unerledigt geblieben die Unfallver­sicherungsnovelle. Der Reichstag ging aus­einander in der bestimmten Ueberzeugung, daß diese Novelle in der nächsten Tagung wiederkehren werde — der Reichstag, ausgenommen die Herren v. Stumm und Genossen. Wohl hatte Herr v. Stumm in der Kommission, der diese Novelle zur Vorberathung über­wiesen war, die Aeußerung gethan, daß es ihm lieber sei, wenn gar nichts zustande komme, als daß die Novelle nach den Beschlüssen der Kommission ange­nommen würde. Aber damals glaubte man doch noch nicht, daß der Einfluß des Herrn von Stumm groß genug sei, um wirklich auch diese Novelle in der Ver­senkung verschwinden zu lassen. Und doch ist es so — die Regierung, wiederum in der Gestalt des neuen Herrn Staatssekretärs des Innern, hat vor ihm kapitulirt; die Novelle wird dem Reichs­tage in seiner neuen Tagung nicht zugehen. Daß das so kommen werde, wissen wir zwar aus halb­amtlichen Presse-Aeußerungen schon seit einigen Wochen. Aber kennzeichnend für die Gründe, die die Regie­rung zu ihrem Handeln bestimmen, ist eine soeben erschienene Aeußerung darüber in den,Berliner Polit. Nachr/ Diese sagen es ganz offen heraus, daß die Regierung auf eine erneute Vorlage der Unfallver­sicherungs-Novelle deswegen verzichtet, weil „die An­schauungen der Reichstagsmehrheit sich nicht in Einklang bringen lassenmit denen der Hauptinteressenten" — also Freiherr von Stumm und Genossen.

Monate lang hatten eingehende Berathungen zwischen der Regierung und der Mehrheit der Kommission stattgefunden, um etwas Brauchbares zu Stande zu bringen. Da kommt Herr von Stumm, erklärt, deuteten die noch immer niedergeschlagenen Augen auf eine vollkommene Ungewißheit über den Eindruck seiner Rede.

„Frau Goddard," Hub er von Neuem au, „wollen Sie mich heirathen?"

Er hatte einfach und ehrlich gesprochen, wie er es ihrer beiderseitigen Stellung angemessen fand; nicht zu viel und nicht zu wenig und ohne jede romantische Beimischung, wie es dem gereiften Manne zukam. Jetzt war er seines Urtheils gewärtig und blickte zu seiner Nachbarin auf. Sie hatte ihr Gesicht abgewendet und, es mit den schmalen, weißen Händen deckend, in den Kissen des Sessels geborgen. Die nur durch das Summen des Theekessels und den Wettersturm draußen unterbrochene Stille begann dem Gutsherrn unheimlich zu werden Es dünkte ihm eine Ewigkeit, ehe Frau Goddard sich zu regen begann; als sie end­lich die Hände sinken ließ und in seine Augen schaute, da grauteihm fast vor der erdfahlen Blässe ihrer Züge.

„Es ist unmöglich!" stieß sie hervor.

Er schien auf diese Einwendung gefaßt.

„Warum sollte es unmöglich sein?" erwiderte er ruhig. „Ich möchte Sie zu keiner Entscheidung drängen, liebste Frau Goddard. Vielleicht bin ich zu rasch vor­gegangen, und wenn ich Sie allein lasse, so wird Ihnen die Ueberlegung leichter."

er wünsche nicht, daß Beschlüsse in dem Sinne der getroffenen Vereinbarungen zustande kommen, und — sie kommen in der That nicht zustande. Sollte wirklich der Einfluß der berufenen Männer der Reichsregierung den besonderen Einwirkungen einzelner Männer ohne Amt gegenüber schon so schwach geworden sein, daß er nichts mehr gilt, wenn Herr von Stumm ober andere es auch in wichtigen politischen und sozialen Fragen anders wollen? Und soll etwa das eine Bethätigung des so oft gerühmten altpreu­ßischen Geistes sein, von dem die Regierung in Berlin sich leiten läßt?

Noch hoffen wir, daß die Aeußerung der ,Berl. Polit. Nachrichten'' nicht die wahren und maß­gebenden Anschauungen der Reichsregie­rung wiedergegeben hat. Es könnte ja sein, daß man damit nur einen Fühler ausgestreckt hat, um zu ergründen, was man im Reiche darüber denkt. Aber sollte die Reichsregierung wirklich auf die Tonart des genannten offiziösen Organs gestimmt sein, dann würde das eine recht schlechte Empfehlung sein für den neuen Herrn Staatssekretär des Innern, und im ganzen genommen ein überraschendes Armuthszeugniß für die Abhängigkeit der Reichsregierung von einzelnen kleinen, aber mächtigen und rücksichtslosen Jnteressen- Gruppen.___________________________i____________

Deutsches R"ch.

Berlin, 24. September.

* Jetzt meldet sich auch die ,Kreuzzeitung' zum Worte über den Mißbrauch, den liberale Blätter mit dem Aesnche Kaiser Wilhelms in ZSudapeK und mit einigen Aeußerungen treiben, die der Kaiser dort gethan hat. Unter diesen Aeußerungen wird, nach dem ,Budapester Tageblatt', besonders die folgende hervorgehoben:

Ich kenne die parlamentarischen Verhältnisse Ungarns. Dieselben sind günstiger als diejenigen Deutschlands. Die Ungarn besitzen ungemein viel poli­tischen Instinkt, was freilich bei einem Volke, das seit tausend Jahren politisch denkt, kein Wunder ist. In großen Momenten sind die Ungarn immer einig. Sie finden und vereinigen sich, und Doktrinäre haben hier keinen Einfluß.

Dies soll der Kaiser zu dem Grafen Theodor Andrassy gesagt haben. Dazu bemerkt das frei­sinnige ,Berl. Tagebl.':

Die Hochachtung Kaiser Wilhelms vor dem ungarischen Parlamentarismus ist um so bemerkenswerther, als Ungarn nicht bloß parlamentarisch, sondern auch liberal regiert wird. Könnte sich der Liberalismus in Deutschland ebenso frei entfalten wie in Ungarn, so würde der Kaiser auch vor dem deutschen Parlamente dieselbe Hochachtung empfinden, wie vor dem ungarischen. . .

Die Meinungsfälschung, welche das,Berl. Tagebl.' mit vollem Bewußtsein begeht, liegt so klar zu Tage, daß jede weitere Bemerkung dazu überflüssig ist. Uebrigeus ist die Quelle, aus der geschöpft ist, näm­lich das genannte Budapester Blatt, auch nicht ganz lauter.

„O nein, nein!" rief die geängstete Frau ver­zweiflungsvoll. „Es ist unmöglich — ich versichere Sie, es ist unmöglich!"

Obwohl er die heftige Aufregung in ihrem Inneren erkannte, war Juxon doch nicht gewillt, den Kampf ohne Weiteres aufzugeben.

„Ich sehe die Unmöglichkeit nicht ein," sagte er, „denn wenn auch nicht mehr ganz jung, so bin ich doch auch kein alter Mann zu nennen. Sie selbst, meine liebe Frau Goddard, sind seit mehreren Jahren Wittwe —"

„Wittwe!" unterbrach sie ihn mit bitterem Lachen. ,Wiltwe! Wollte Gott, ich wäre es!"

Wieder barg sie ihr Gesicht in den Kissen, und ein unterdrücktes Schluchzen verrieth bie.innere Bewegung. Der Gutsherr starrte sie an, als hätte ihn ber Schlag gerührt. Das Blut stieg ihm in das gebräunte Gesicht und schwellte seine Stirnadern.

„Habe ich — habe ich Sie recht verstanden? Ihr Mann lebt?" — rang es sich aus feiner Brust.

Die junge Frau machte eine Bewegung, als wenn sie etwas sagen wollte.

„Ja," hauchte sie endlich. Der Gutsherr erhob sich und durchmaß aufgeregt das Zimmer.

„Aber, wo lebt er?" fragte er, plötzlich in seinem Laufe innehaltend. „Ich habe, glaube ich, ein Recht,