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Veilgge Jur Mllösex Zeitung.

Donnerstag, öen 23. September 1897.

24. Jahrgang

Urrfolgl

rt Die ScheÜMe Reformbcwcgnng.

Seit dem vergangenen Frühjahre besteht in der Tagespresse wie in der periodischen Publizistik eine Kontroverse, welche immer mehr die öffentliche Auf­merksamkeit nicht blos in Deutschland erregt, und über die wir unserem Leserkreise einen kurzen orien- tirenden Ueberblick nachgerade schuldig sind.

Im vorigen Jahre wurden Statistiken veröffentlicht, aus welchen hervorging, daß die kathol. Bevölkerung Deutschlands einen verh ältnißmäßi g zu geringen B r u ch t h e i l von Vertretern in den höheren, namentlich den gelehrten Berufszweigen aufweise. Fast gleichzeitig erhob sich in der katholischen Tagespresse, vornehmlich in der ,Köln. Volkszeitung' ein Sturm gegen das Treiben des französischen Ex-Freimaurers Leo Taxil, welcher seit Jahren schon angebliche Enthüllungen aus dem Satanskultus der Freimaurerei veröffentlichte, die auch in Deutschland nicht gerade geringe Verbreitung und, wie es scheint, auch Glauben fanden. Der Jesuitenpater Gruber wies nämlich nach, daß diese „Enthüllungen" lediglich Schwin­de l e i e n des genannten Leo Taxil seien und behauptete, daß die von demselben gefeierte Miß Vaughan, die sich von der Freimaurerei losgesagt und eifrige Katho­likin geworden sein sollte, überhaupt nicht existire. Das war nun für alle die, welche bis dahin an Taxil, die Miß und ihre Bekehrung geglaubt hatten, eine schwer verdauliche Pille. Man wollte vielfach den Jesuttenpater nicht ernst nehmen und brachte schließlich die Frage auf dem im letzten Herbst in Trient statt­gefundenen Antifreimaurer-Kongreß zur Verhandlung. Leo Taxil war selbst zugegen und vertheidigte sich in weinerlicher Entrüstung gegen die Insinuation, daß er em Lügner und Betrüger sei; schließlich einigte man sich dann dahin, eine Kommission zu ernennen, welche die Frage, oU die Miß Vaughan existire oder nicht, gründlich prüfen und entscheiden solle. Die Kom­mission wurde ernannt, trat in Rom zusammen und kam zu dem Ausspruch, sie habe keine überwiegenden Gründe für oder gegen ihre Existenz finden können und müsse daher die Frage dahingestellt sein lassen. Allein trotzdem war in den Augen des deutschen Publikums die Sache entschieden; niemand zweifelte mehr ernstlich daran, daß das ganze eine Schwindelei Leo Taxils sei.

Auch der „Evangelische Bund" veröffent­lichte eine Flugschrift' zur Sache. Der Verfasser, Pfarrer Drechsel in Augsburg, der mit einer in den »Flugschriften' seltenen Ruhe schreibt, meint, wenn man Schell's Broschüre lese, so glaube man zwar vielfach, einen protestantischen Theologen zu hören, allem er sei doch immer noch zu katholisch, während man nach Allem, was er sage, hätte annehmen dürfen.

I gehenden Kritik nach ihrer prinzipiellen Seite hin. Darüber herrschte aber in all diesen Gegenschriften nur eine Stimme, daß Schell nicht in ruhiger, sach­licher Weise, sondern in Erregung und mit Uebertreibung und so verworren und ohne logische Ordnung geschrieben, daß man oft Mühe habe, herauszufinden, was er denn eigentlich wolle.

Auf akatholischer Seite erfolgten inzwischen wertere Publikationen zur Sache. Vielerseits freute man sich dort darüber, daß ein katholischer Theologie- Professor so gegen die Zustände in der katholischen Kirche zu Felde ziehe; andere wieder meinten, man habe keine Ursache zur Freude, da Herr Schell auch auf die Protestanten mit Wucht losschlage. Ein Dr. Wahrendorp behauptete in einer Broschüre „Katholizismus als Fortschritts-Prinzip?", Herr Schell sei zwar offenbar ein Mann, mit dem sich reden lasse, aber er habe zu wenig Einfluß in der kathol. Kirche, die zu bildungsfeindlich sei und zu sehr unter dem Banne des Jesuitismus stehe, als daß man sich mit ihr verständigen könne. Nächstens würden die Würde des Papstes und die Funktionen des Jesuitengenerals in einer Hand vereinigt; jede Religion trage das Kainsmal der Unduldsamkeit an sich, und vor Allem müsse man gegen die Jesuiten sich vor­sehen, denen aller Aberglaube rc. zur Last falle. Herr Schell möge sich doch äußern, wie er sich denn zu dem kirchlicherseits immer noch geübten Exorcismus stelle rc. Die katholische Theologie sei über­haupt keine Wissenschaft und gehöre nicht auf die Universitäten.

. . . . , ------jne diese Er-

laubniß veröffentlichte. Dr. Braun's Broschüre (Mamz: Kirchheim) liegt bereits in vierter Auflage, Dr. Höhler's Artikel, noch ehe sie im .Pastor bonus‘ vollständig zum Abdruck gelangt, als Broschüre unter dem Titel: „Fortschrittlicher Katholizismus" oder „Katholischer Fortschritt" ? (Trier: Paulinusdruckerei) m zweiter Auflage vor. Die Bewegung geht ihren Gang weiter und wo und wie sie enden wird, läßt sich zur Zeit noch nicht übersehen, zumal Dr.'Schell in der neuesten Auflage ein weiteres Streit­element aufgeworfen, indem er die kathol. Nationen offen zur Agitation für eine umfassendere An­wendung der Volkssprachen in der kirch­lichen Liturgie aufruft. Die theologische Fakultät zu Würzburg, der deutsche Episkopat und der aposto­lische Stuhl zu Rom aber haben bis jetzt noch nicht zur Sache gesprochen und scheinen einstweilen die Ent­wickelung der Kontroverse der Publizistik überlassen und zuwarten zu wollen.

schlichen frommen Formen als Vertreter wahren Fort­schrittes und wahren Konservatismus den Kampf be­ginnen". Da sei doch Luther ein anderer Mann ge­wesen, der frei und frank völlig mit der kirchlichen Tradition gebrochen habe, um seine neue kirchliche Gemeinde allein auf den Boden der Schrift zu stellen.

So steht die Kontroverse zur Zeit. Dr. Schell's Broschüre ist bereits in sechster Auflage erschienen und wesst darin eine Reihe von Einschränkungen und Milderungen früherer Schroffheiten auf, während sie m der prinzipiellen Hauptfrage, der Forderung der Befreiung der theologischen Wissenschaft von der Censur des kirchlichen Lehramtes, noch ganz auf dem früheren Standpunkte verharrt; ein Vorgehen, das begreiflich wird, wenn man in Erwägung zieht, daß Schell für den dritten Band seiner Dogmatik die kirchliche

Bestellungen auf die iIuLdaerr Zeitung' für das am 1. Oktober b. I. beginnende

4. Wmrtal

wolle man nicht bis auf die letzten Tage des laufenden Monats verschieben, damit in der Zusendung des Blattes keine Unterbrechung eintritt.

Dem Englischen von Marion Crawford nacherzäblt von Cora von Schönburg.

0 (Nachdruck verboten.)

„Allerdings nicht," antwortete Frau Goddard, „aber ich möchte nicht, daß Sie sich meinetwegen bemühten ■ dw Cottage gefällt uns ohnedem schon so gut."

„Nun, ich hoffe. Sie werden sie immer lieber ge­winnen," erwiderte der Gutsherr mit einem offenen Lächeln; „Sie wissen — was in meinen Kräften sieht, wird geschehen." Dabei stand er, wie um Ab­schied zu nehmen, auf. — „Ist es erlaubt, dieses

I liche Bildungsstufe bringen und befähigen, den Katholizismus auch der gebildeten Welt, namentlich der Männerwelt wieder mundgerecht und sympathisch zu machen. Der Katholizismus müsse vergeistigt, die rohen Auswüchse an ihm beseitigt, sein Gottesbegriff ; geläutert, mit dem Wust aller Vorurtheile aufgeräumt, und mit den Protestanten engere Fühlung gesucht werden, indem man mehr die gemeinsamen Berührungs­punkte betone und die trennenden Gegensätze bei Seite lasse. Die Katholiken sollten sich mehr den höheren Berufszweigen widmen, weniger für die Heranbildung von Geistlichen und mehr für die Förderung der weltlichen Studien thun, sich an den Bestrebungen der Akatholiken auf dem Humanitären Gebiete eifriger belheiligen, und sich von der jesuitischen und romanischen Bevormundung lossagen, um Gott und Kirche in ihrer deutschen Weise zu dienen und den Glaubensgehalt mit der dem deutschen Geiste eigenthümlichen Vernünftigkeit und Gründlichkeit zu vertiefen. Die hl. Schrift, das Evangelium, sei die fundamentale Glaubensquelle, welche maßgebend sei und an die man sich deshalb halten müsse. So habe auch der verstorbene englische Kardinal Manning die Aufgabe der Kirche in der Gegenwart aufgefaßt. Auch er habe von den Jesuiten nichts wissen wollen, sondern sie für ein Hinderniß des Fortschrittes der katholischen Kirche betrachtet; er habe nicht gewollt, daß man so viel über Streitfragen und Maria predige, so viel Gebete mit mechanischen Wiederholungen (Rosenkranz, Litaneien) verrichte; er habe einen wissen­schaftlich hochstehenden Klerus verlangt, der konziliant und fein gebildet auftrete und geeignet sei, die Leitung des öffentlichen Lebens zu übernehmen; man solle sich mehr mit der hl. Schrift befaffen rc.

Kein Wunder, daß diese Expektorationen eines katholischen Theologie-Professors allgemeines Auf­sehen erregten und alsbald die katholische und akatholische Tagespresse zu beschäftigen begannen. Zunächst brachte die ,Kölnische Volkszeituna' Lierrn^S^llspaltenlangen Artikel, welcher „er selbst werde'im Namen der Offenbarungs°?Reli- aller Anerkennung des mancherlei gion gegen die int Katholizismus die wahre christliche

J ? er gesagt habe doch tm allgemeinen Religion von innen und von oben gefährdenden Uebertrerbung und Verallgemeinerung der c----------- ~ ~ ’

bestehenden Schäden vorwarf. Schon am Tage danach erfolgte jedoch ein neuer Schlag. Am 19. April erklärte nämlich Leo Taxil in einer eigens berufenen öffentlichen Versammlung in Paris mit der frechsten Unverfrorenheit vor einem zahlreichen Publikum, daß alle seine Satans-Enthüllungen lediglich Erfindungen seines Kopfes seien und die angebliche Konvertitin Miß Vaughan nie existirt habe. Das war ein arger Skandal. Seine früheren gläubigen Anhänger fühlten sich tief beschämt; aus dem akatholischen Lager erscholl lautes Hohngelächter über die katholische Leichtgläubigkeit und Herr Schell triumphirte. Eine neue Auflage seiner Broschüre erschien nach der anderen und er suchte sich in einem geharnischten „Machtwort zur Abwehr" gegen die Kritik der Kölnischen Volkszeitung' zu ver- , vtll ^ullu ,tul,, tbetbtpen, roofoi er aufs Neue wider die Jefuiten und Druckerlaubniß ebenso wenigerlangen konnte, wie für

^e rfn btefen herausgegebene seine Broschüre, weshalb er beide oh ' v ~ italienische Zeitschrift ,Civilta Cattolica1 zu Felde zog. « * • r »" - - -

Allein nun regte es sich auch anderwärts auf katholischer Seite. Neben einer Menge mehr oder minder kritischer Artikel in verschiedenen Zeitungen, welche im einzelnen zu verfolgen nicht angänglich ist, erhob zunächst Herr Dr. Franz, der frühere Dom­herr zu Breslau, in den »Historisch-politischen Blättern' Einsprache gegen Schell's abfällige Bemerkungen über die katholischen Bestrebungen auf dem Gebiete der christlichen Nächstenliebe; Professor von Hertling zu München behandelte in mehreren sehr ruhig und vornehm gehaltenen Artikeln über „Katholizismus und Wissenschaft" in der gleichen Zeitschrift das Zurück- siehen der Katholiken in den höheren Berufsarten und führte eine ganze Reihe von Aufstellungen Schells auf das richtige Maß zurück, ohne sich jedoch auf eigentlich theologifche Fragen einzulasfen; ähnlich ver­fuhren Professor Dr. Schindler zu Wien im ,Oester- reichlschen Literaturblatt' und Rektor Dr Huppert zu Bensheim im Mainzer Katholik', welcher sich auch auf einzelne theologische Punkte kurz einließ. Dom­kapitular Dr. Braun zu Würzburg veröffentlichte unter dem Titel „Dmtinguo" eine Broschüre, in welcher er ausführlicher auf die Anklagen Schells einginq, vielfache Unrichtigkeiten nachwies und namentlich die Haltlosigkeit der Berufung desselben auf den ver­storbenen Kardinal Manning darlegte, dessen kritische

Da die Sachen so standen, erschien mit einem Male von dem katholischen Professor der Apologetik an der Universität zu Würzburg, Dr. Schell, "eine Broschüre, welche allenthalben das größte Aufsehen erregte. Anknüpfend an die oben erwähnten statisti­schen Nachweise und die gläubige Aufnahme, welche Taxil mit seinen Teufelsgeschichten vielfach in katho­lischen Kreisen gefunden, behauptete er, die Gründe des Zurückbleibens der deutschen Katholiken in den höheren Berufsarten und der Leichtgläubigkeit Taxil gegenüber lägen darin, daß man die gebildeten Katho­liken nrchlicherseits zu wenig zum selbstständi- gen D entert an leite, und die kirchliche Wiffenfchast in Deutschland unter dem Einflüsse des Jesuitenordens mind^erwerthig geworden sei. Die Jesuiten und ihre schuler bildeten einen Ring, welcher jede freiere vernunftgemäßere Behandlung der Glaubenswahrheiten von Seiten der deutschen Theologen mit Verdäch­tigungen, Verzerrung und Verketzerung zu hindern und zu unterdrücken suche, einen unvernünftigen Aberglauben und französisirende Andächteleien befördere, die össent- liche Meinung durch seine Presse beherrsche und da­durch die deutschen Katholiken in beschämende geistige Jnferiorität bringe. Diesen Zuständen müsse ein Ende ge- , »UiVIIIUi ^lunnmq oarieaie neuen tritiirho pacht' und namentlich der deutschen Wissenschaft die ihr Bemerkungen über die Zustände in der katboliscken s'äws*sä

und sie dadurch aus eine höhere, Wissenschaft- | lieh die theologischen Auffassungen^ Schells einer esi!-