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218 Donnerstag, den 23. September 1897 21 Jahrganp

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Deutsches Keich.

Berlin, 22. September.

* Der Kaiser ist am Mittwoch von Budapest her in Breslau eingetroffen und dort im Schlosse von der Kaiserin erwartet worden. Schon vorher hatte der Kaiser während der Eisenbahnsahrt den Vortrag des Oberpräsidenten Fürsten Hatzfeld übtr den Nothstand in den Ueberschwemmungsgebieten ent­gegengenommen. Die Kaiserin ist schon vor dem Kaiser von Breslau nach Berlin abgefahren. Im Nothstandsgebiet hat die Kaiserin persönlich große Summen vertheilt.

* Der Schwarze Adlerorden, von dessen Ver­leihung wir bereits hervorgehoben haben, daß sie in den letzten Jahren viel zahlreicher als früher erfolge, ist in diesem Jahre bereits in 15 Fällen verliehen worden. 6 Verleihungen fallen auf Preußen, 5 auf Oesterreich-Ungarn, 3 auf Rußland und 1 auf Italien. Gestorben sind seit 1. Januar 5 Ritter dieses Ordens.

* Zur Regelung der Auslieferung zwischen den deutschen Schutzgebieten und den Nieder­landen sowie deren Kolonien ist am Dienstag im Auswärtigen Amt ein Vertrag mit dem niederländischen Gesandten unterzeichnet worden.

* Ein schwerer Mngkücksfalk hat unsere Marine betroffen. Heute Vormittag ist bei dem ersten Feuerschiff vor Kuxhaven das Torpedoboot 8 26 gekentert und gesunken. Der Kommandant Lieutenant zur See Herzog Friedrich Wilhelm von Mecklenburg-Schwerin und sieben Mann sind er­trunken. Der Herzog Friedrich Wilhelm ist der Stiefbruder des regierenden Großherzogs uud der Sohn des Großherzogs Friedrich Franz I. aus dessen dritter Ehe mit Maria Prinzessin von Schwarzburg- Rudolstadt. Derselbe wurde geboren zu Schwerin am 5. April 1871.

* Die Koste» der letzten Kaisermanöver stellen sich, nach einer Schätzung der,Franks. Ztg/, auf mehr als 10 Millionen Mark.

* Landgerichtspräsident Anion Massermann, früher angesehener nationalliberaler Abgeordneter und Parteiführer, ist am letzten Sonntag in Mannheim im 77. Lebensjahre geftorben Der Verstorbene war ein besonders heftiger Gegner der katholischen Kirche.

Gegenüber den Thatsachen, die im schlesischen Ileberschweminungsgeöiete festgestellt wurden, und dis sich dabin zusammenfassen ließen, daß die bisher gespendete Hilfe vollkommen unzureichend ist, um den ersten Nothstand zu beseitigen, erscheint eine neue offiziöse Darlegung, die es sich angelegen sein läßt, die preußische Staatsregierung von dem Vorwurfe rein zu waschen, daß sie ihre Pflicht zu Helsen hier versäumt habe. Diese Darlegung stellt sich so an, als habe irgend jemand von der Regierung verlangt, sie solle in aller Geschwindigkeit die Ursachen beseitigen, aus denen am schlesischen Gebirge so leicht Ueber- schwemmungen entstehen. In diesem Sinne schreiben die ,Berl. Polit. Nachr/: „Wenn der Vorwurf er­hoben wird, daß die Regierung eine ausreichende Hilfsaktion nicht entfalte, so erhellt die Hinfälligkeit einer solchen Behauptung von selbst, soweit es sich um diejenigen Maßnahmen handelt, welche zur Ver­hütung ähnlicher Katastrophen zu ergreifen sind." Natürlich! Dann schreibt der Offiziosus weiter: „Was aber die Maßregeln zur Beseitigung vorhandener Nothstände anlangt .... ,so sind dem Ob erpräsi­denten ausreichende Mittel zur Verfügung gestellt, um, so weit b:e Kräfte der Geschädigten nicht aus­reichen, wirksame Beihilfe zu leisten . . . .; über­triebenen Erwartungen . . . muß natürlich die Erfüllung versagt bleiben." Dann wird weiter die ganz unhaltbare Behauptung aufgestellt, nur die „oppositionelle Presse"'habe'derlei Vorwürfe gegen die Regierung erhoben. Das ist absolut unwahr. Zeitungen aller Parteirichtungen haben der Wahrheit gemäß festgestellt, daß die Hilfs­aktion der Regierung vollkommen unzureichend gewesen

ist, und alle Ausreden helfen nichts gegen diese, auch offiziell durch die Kreisbehörden vollkommen sicher festgestellte Thatsache.

h. Es scheint so, als habe die Regierung auch in Sachen der Arveiterschutz - Gesetzgevung vor dem Einflüsse des Herrn v. Stumm kapitulirt, in­dem sie dem Reichstage, wie bekannt, in seiner bevor­stehenden Tagung die Unfallsversicherungsnovelle nicht wieder vorlegen will. Wenigstens kann man darauf aus einer offiziösen Aenßermg schließen, die besagt, daß die Regierung deswegen aus die Wiedervorlage dieser Novelle verzichte, weil „die Anschauungen der Reichstagsmehrheit sich mit denen der Hauptinter­essenten nicht in Einklang bringen ließen." Das ist ohne Zweifel keine Empfehlung für den Grafen von Pofadowsky in seiner neuen Thätigkeit als Staats­sekretär des Innern. In der Kommission des Reichstages, die in der vorigen Sitzungsperiode diese Novelle zur Vorberathung hatte, sagte Hr. v. Stumm rund heraus, daß er es lieber sehen würde, wenn gar nichts zu Stande käme, als daß etwas beschlossen würde, das ihm und den Kreisen, die die gleiche Anschauung mit ihm haben, nicht gefiele. Und nun hat Herr v. Stumm ganz augenscheinlich wieder seinen Willen durchgeführt!

* Der preußische Handelsminister hat die Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft ersucht, sich darüber zu äußern, in welcher Weise Schiedsgerichte zwischen Kaufleuten und ihren Angestellten am zweck­mäßigsten zu gestalten wären. Der Handelsminister hat dieses Ersuchen an die Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft gerichtet, obwohl diese bei früherer Gelegenheit ihre Abneigung gegen eine solche Ein­richtung im allgemeinen kund gethan haben. Jetzt soll ermittelt werden, ob es sich mehr empfiehlt, selbst-' ständige kaufmännische Schiedsgerichte einzusetzen, oder ob es besser ist, das Fachgericht an eine bereits be­stehende Organisation, namentlich etwa an die Amts­gerichte anzugliedern. In letzterem Falle, so wird berichtet, hat der Handelsminister eine besondere schleunige Prozeßart ins Auge gefaßt. Die Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft haben 'beschlossen, über diese Angelegenheit zunächst ihre Sachverständigen-Kom- mission für gewerbliche Angelegenheit zu hören.

* Der Kontenstand in Preußen berechtigte Mitte September zu folgenden Ernteerwartungen (1 — sehr gut, 2 — gut, 3 — mittel, 4 — gering, 5 — sehr gering): Kartoffeln 2,8 (August 2,7), Klee und Luzerne 2,5 (2,5), Wiesen 2,7 (2,6), Winter­weizen 2,o, Winterspelz 2,1, Winterroggen 2,8, Klee (junge Saat) 2,3.

* Ireivurg i. Mr., 22. Sept. Elf volle Monate sind nunmehr verflossen, seit Erzb ischof Dr. Roos aus dem Lehen schied, und immer noch steht die Frage der Wiederbesetzung des erzbischöflichen Stuhles auf dem Punkte, daß die Großherzogl. Regierung es be­reits seit. 10 Monaten unterläßt, auf der Kandidaten­liste die etwaigen unliebsamen Kandidaturen als solche zu bezeichnen und die Liste dem Domkapitel zur Vor­nahme der Bischofswahl zurückzusenden. Immer mehr gewinnt es den Anschein, als sollte die Sedisvakanz noch von längerer Dauer sein. In Rom hat man dies wohl auch vorausgesehen; denn Papst Leo XIII. bat, wie aus einer Veröffentlichung im amtlichen ,Anzeigeblatt für die Erzdiöse Freiburg" hervorgeht, dem Erzbisthums-Verweser Weihbischof Dr. Knecht die Vollmacht ertheilt, die Pfründen freier Kol- lat ur zu besetzen. Von den 764 Pfarreien der Erz­diözese steht bei etwa 360 dem Erzbischof die freie Kollatur zu.

Ausland.

* Amsterdam, 22. Sept. Die Königin-Regentin eröffnete heute in Begleitung der Königin Wilhelmina die Tagung der Generalstaaten mit einer Thronrede, welche zunächst die Hoffnung ausspricht, daß die Königin Wilhelmina noch vor Ablauf der Session im September 1898 die Regierung des Landes über­nehmen werde. Sodann bezeichnet die Thronrede die Lage des Landes und der Kolonien als ziemlich zu­friedenstellend; Handel, Schifffahrt und Industrie feien in günstiger Entwickelung begriffen. Die Be­ziehungen zum Auslande seien die freundschaftlichsten. Der Dienst des Heeres und der Flotte in Indien er­fordere leider große Opfer zur Befestigung der Herr­

schaft in Atschin. Schließlich werden eine Anzahl Gesetzentwürfe angekündigt.

* Mrüstel, 22. Sept. Am 1. Januar 1898 wird wahrscheinlich das neue Gesetz in Kraft treten, wo­nach alle Fremden, die eine gewisse Zeit in Belgien gewohnt haben, zum Dienste in der Bürger wehr "her­angezogen werden sollen. Daß die Behörden dieses ungeheuerliche Gesetz strikte durchzuführen versuchen werben, erscheint uns zweifellos, und um so gespannter kann man darauf sein, zu was für Reklamationen und Verwicklungen dasselbe nachmals Veranlassung geben wird. Die belgische Presse scheint sich die möglichen Folgen jenes Gesetzes vorläufig noch gar nicht klar gemacht zu haben. Ein sehr angesehenes Antwerpener Blatt führte kürzlich aus, die Fremden genössen hier den Schutz der Gesetze und der Polizei und es sei daher auch nicht mehr wie recht und billig, daß dieselben auch zur Aufrechthaltung der Ordnung und zur eventuellen Beschützung des Landes mitwirkten. Wir dagegen meinen, daß die Fremden für den Schutz, den sie hier genießen, auch ihre Steuern bezahlen, wenn man ihnen aber die­selben Pflichten wie den Belgiern auferlegen will, fo sollte man ihnen billiger Weise doch auch die­selben Rechte, wie z. B. das Wahlrecht, das Recht öffentliche Aemter zu bekleiden und dergl. einräumen. Dieser Gedanke liegt denn doch so nahe, daß man sich eigentlich höchlich darüber wundern müßte, daß kein einziges belgisches Blatt auf denselben gekommen zu sein scheint, wenn man nicht eben wüßte, daß das ganze Gesetz hauptsächlich den Zweck hat, die Ein­wanderung von Fremden etwas mehr zu beschränken.

* Maris, 22. Sept. General Bourbaki ist heute in Bayonne im Alter von 81 Jahren gestorben. Bourbaki wurde am 22. April 1816 zu Pau geboren. Seine militärische Laufbahn machte er in einem Zuaven- Regiment und in der Fremdenlegion größtentheils in Algerien durch. Am Krimkriege nahm er rühmlichen Antheil. 1857 wurde er als Divisions - General Führer der Division von Lyon und zeichnete sich 1859 namentlich bei Solferino aus. Im Juli 1870 mit dem Kommando der Garde betraut, nahm er an den Schlachten der Rheinarmee um Metz im August Theil und wurde dort mit eingeschlossen. Anfang Oktober wurde er aus Metz entlassen, um Friedens-Mrhand- lung anzuknüpfen, die jedoch erfolglos blieben. Als­dann übernahm er das Kommando der Nordarmee, das er aber in Folge von Meinungsverschiedenheiten mit Gambetta bald niederlegte. Anfang Dezember wurde er an die Spitze der ersten Loirearmee gestellt, um Belfort zu entsetzen und nach Norden vorzurücken. Durch den Vorstoß, eines Theiles des Werder'schen Korps bei Villerfexel am 9. Januar und durch die Kämpfe bei Belfort vom 15. bis 17. Januar wurde er zum Rückzüge gezwungen, welcher ihm jedoch bei Pontarlier durch die preußische Südarmee abgesperrt wurde. Außer Stande, einen Ausweg zu finden, ver­suchte er in seiner Verzweiflung, durch einen Pistolen­schuß seinem Leben ein Ende zu machen, brachte sich jedoch nur eine schwere Verwundung bei, von der er nach langer Krankheit genas. Die Loirearmee hatte sich unter der Führung des Generals Clinchant auf das schweizerische Gebiet geflüchtet. Im Juli 1871 erhielt Bourbaki vom Präsidenten Thiers das Kom­mando des 6. und 1873 des 14. Armeekorps; 1879 wurde er zur Disposition gestellt. General Bourbaki ist mit den hl. Sterbesakramenten versehen gestorben.

* Stockholm, 22. Sept. Bei dem Empfange der schwedisch-norwegischen Vertreter im Auslande, anläßlich seines Jubiläums, sprach sich der König dahin aus, daß die Politik der vereinigten Reiche darauf hinzielen müßte, eine unparteiliche Neu­tralität aufrecht zu halten und freundschaftliche Beziehungen mit allen auswärtigen Nationen zu pflegen; denn diese Politik passe am besten für beide Reiche und stimme mit dem Wunsche und der Denk­weise der Bevölkerung überein.

Konstantinopel, 22. Sept. Gegen die Ein­setzung des internationalen Militärgerichtshofes auf Kreta hat der Sultan beiden Mächten Einsprache erhoben.

* Athen, 22. Sept. Von den in Mittelgriechen­land und aus Euböa befindlichen 90,000 thessalischen Flüchtlingen sind während der vorigen Woche gegen 3000 in kleineren Zügen nach ihrer Hennath