4£ 214 Samstag, den 18. September 1897. 24. Jahrgang
mit Unterhaltungs-KrUage „Sterne und Ktumen"
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Redaktion und Verlag der ,Fuldaer Zeitung^.
Uerfolgt.
Dem Englischen von Marion Crawford nacherzählt vou Cora von Schönburg.
2 ------ (Nachdruck verboten.)
Frau Goddard trat etwas befangen ein. Hinter ihr her schritt Elleonor, welche durch all die kürzlich vorgegangenen Neuerungen ganz still geworden war und die großen Augen stets weit geöffnet hielt, um all die Wunder darin aufzunehmen. Frau Goddard war noch immer schwarz gekleidet, obwohl ihre Trauer etwas von der gewöhnlichen Form abwich. Es wäre Frau Ambrose schwer gefallen, zu fügen, worin eigentlich der Unterschied lag; vielleicht war das Kleid etwas zu knapp, das Hütchen etwas zu klein, der Schleier etwas zu kurz. Möglich, daß die Mode es jetzt so verlangte, aber Frau Ambrose wollte auf die Wahrnehmung hin wetten, daß die Fremde ausländisches Blut in den Adern habe.
„Ich würde schon früher gekommen sein," begann Frau Goddard etwas verschüchtert durch die strenge Erscheinung der Predigersfrau, „allein die Einrichtung der „Cottage" hat mich so lange in Anspruch genommen."
„Bitte, das macht nichts," antwortete Frau Ambrose, und fügte nach einer Pause hinzu: „es freut mich recht, ^Sie einmal hier zu sehen." Es schien, als habe sie mit ihrem Gewissen 'Rücksprache genommen, ob sie, der Wahrheit gemäß, mehr sagen dürse oder nicht. Frau Goddard aber war schon für das geringste Entgegenkommen dankbar.
„Ich danke Ihnen," sagte sie, „Sie sind sehr freundlich. Darf ich Sie bitten, Herrn Ambrose meinen Dank für seine gütige Mithilfe auszusprechen? Wir haben sehr viel in diesen Tagen zu thun gehabt — nicht wahr, mein Liebling?", wandte sie sich an das Kind. Sie zog es näher heran und blickte ihm in die schönen Augen. Allein Nellie war scheu und versteckte ihr Köpfchen hinter der Schulter der Mutter, I
um von dort aus einen unsicheren Blick auf Mrs. Ambrose zu werfen.
„Wie alt ist Ihre Kleine?" fragte die Pfarrerin etwas freundlicher, denn sie liebte Kinder; und jedes Kind, dessen Mutter fremdes Blut hatte, that ihr ganz besonders leid.
„Elleonor, ich nenne sie Nellie, ist jetzt acht Jahre alt; im Februar wird sie neun. Sie ist groß, nicht wahr?" fügte sie mit mütterlichem Stolze hinzu, obschon das Kind für seine Jahre ungewöhnlich zart war.
Die ehrliche Frau Ambrose vermochte auch nicht eine Zustimmung mit ihrem Gewissen zu vereinigen und änderte deshalb die Unterhaltung.
„Ich fürchte. Sie werden Billingsfield recht einsam finden," begann sie.
„O, daran werde ich mich schnell gewöhnen — ich ziehe einen einsamen Wohnort vor, um für einige Jahre, am liebsten bis an mein Lebensende, in der Zurückgezogenheit leben zu können. Außerdem wird Nellie die Landluft sehr gut thun, sie wird sich viel kräftiger darin entwickeln."
„Sie scheint mir recht wohl auszusehen," entgegnete Frau Ambrose noch immer mit einiger Herbheit, indem sie die Hellen Augen und die klare Haut des Kindes betrachtete. „Sie haben bis jetzt immer in der Stadt gelebt?" bemerkte sie weiter.
„Nicht immer, aber doch wohl den größten Theil des Jahres."
Die junge Dame begann etwas unruhig unter Frau Ambrose's forschendem Blick zu werden, und die Letztere erkannte darin ein Zeichen ihrer Unaufrichtigkeit.
„Glauben Sie, die „Cottage" recht wohnlich machen zu können?" fragte sie, um die Unterhaltung wieder in Fluß zu bringen.
„O, davon bin ich ganz überzeugt," antwortete ihr Besuch, froh, das Thema wechseln zu können und die anfängliche Befangenheit überwindend. „Es ist ein reizendes kleines Haus. Allerdings nicht sehr geräumig, aber darum um so eher einzurichten mit dem, was wir an Möbeln besitzen. ,®er Garten ist klein, aber hübsch angelegt, die Küche außerordentlich bequem. Ich bin wirklich entzückt von der praktischen Eintheilung des Baues. Die Aussicht ist auch ganz wunderhübsch. — Wo führt doch das schöne alte Thor hin, welches man gerade gegenüber sieht?"
„Es führt in den Schloßpark," antwortete Frau Ambrose.
„O," sagte Frau Goddard mit plötzlich verändertem Tone, „aber es wohnt doch Niemand dort?"
„Nein, es wird durch einen Administrator verwaltet."
„Wie meinen Sie das?" fragte Frau Goddard schüchtern. „Ist ein minderjähriger Erbe da, für den der Besitz verwaltet wird?"
„Nein, es wird ein Prozeß darum geführt; mein Mann sagt, derselbe spiele schon seit 40 Jahren, ohne daß einer der streitenden Parteien ihr Recht zugesprochen wurde."
„O, ich verstehe," antwortete Frau Goddard. „Auf diese Weise wird es wohl nie zu einer Entscheidung kommen."
„Für's Erste jedenfalls nicht."
„Der Park scheint wunderschön zu sein; glauben Sie, daß es erlaubt ist, einmal hineinzugehen? Ich liebe die Bäume so sehr. — Welch' schönen Garten haben Sie selbst, Frau Ambrose!"
„Wünschen Sie ihn vielleicht einmal zu sehen?" fragte die Hausfrau, in der Hoffnung, dem Besuche ein Ziel zu setzen.
„Ganz außerordentlich gerne, stimmte ihr Frau Goddard zu. — „Dir macht es auch Vergnügen, einmal durch den Garten zu laufen, nicht wahr, Nellie?"
Das kleine Mädchen nickte kaum merklich mit dem Kopfe, während es Frau Ambrose anstarrte.
Sie waren noch nicht weit gekommen, als ihnen der Pfarrer begegnete. Er hatte einen abgetragenen Rock an, die Hände steckten in riesigen Gartenhandschuhen und auf dem Kopfe trug er einen zerdrückten Filzhut. Frau Goddard, welche der reservirten Hausfrau gegenüber eine bedrückende Scheu empfunden hatte, begann sich beim Anblicke des ihr entgegenlachenden Gesichtes wesentlich erleichtert zu fühlen.
Die freundlichen Fragen und Bemerkungen, mit welchem er sie im Garten herumsührte, thaten das ihrige, um sie bald in eine gemüthliche Stimmung zu versetzen.
Frau Ambrose vermittelte unterdessen die Freundschaft zwischen Nellie und Karo.
Nachdem durch diesen Besuch das erste Eis gebrochen, stand dem nachbarlichen Verkehre der beiden Häuser kein weiteres Hinderniß mehr entgegen. Frau Ambrosens Sticheleien über fremdes Blut und die Zurechtweisungen ihres Gatten hierüber wurden immer seltener und hörten schließlich ganz auf. Die neue Nachbarin wurde als vollberechtigtes Mitglied der Billingsfielder Gesellschaft angesehen und als solches geduldet.
Ja, die Freundschaft zwischen der Pastorat und der Cottage nahm während des ersten Jahres von Frau Goddard's Aufenthalt bereits so zu, daß kaum eine Woche verging, ohne daß sie nicht einmal mit ihrer kleinen Tochter an dem Mittagstische der Pfarrersleute Theil nahm. Ebenso ost kamen auch diese, um den Thee bei ihr zu trinken.
(Fortsetzung folgt.)
-u- Denkwürdige Tage
der HSoche vom 19. vis 25. September.
19.1734 fand unter Adolf von Dalberg die feierliche Jnaugu- ratiou der Fuldaer Universität statt. Nach der kirchlichen Feier mit voraufgehendem und nachfolgendem pomphaften Aufzuge „sprang aus zwei Fässern rother und weißer Wein zur Freude des Volkes und zur Erinnerung an die außerordentliche Begebenheit". —1870wurdeParis durch die deutschen Truppen eingeschlossen; siegreiches Gefecht der deutschen Armee auf den Höhen von Sceaux.
20.1862 zerriß König Wilhelm von Preußen die bereits unterzeichnete Abdankungsurkunde. — 1863 starb der berühmte Sprachforscher Jakob Grimm. — 1866 Einverleibung von Kurhessen, Nassau, H annover nnd Frankfurt a. M.zu Preußen. — 1870 wurde von den italienischen Truppen Rom eingenommen.
21. 1792 trat der neugewählte französische Nationalkonvent zusammen, welcher Frankreich als Re publik erklärte, das Königthum und die christliche Religion abschaffte, sowie eine neue Zeitrechnung bezw. Kalender einsührte, welche 14 Jahre bestand. — 1829 fand in Fulda die kirchliche Weihe des ersten Bischofs auf dem wiederhergestellten Bis chofssitze Johan nAdamRieger und Tags darauf die feierliche Einsetzung statt. Der bischöfliche Stuhl zu Fulda war nach dem 1814 erfolgten Tode des Fürst- abtes Adalbert III. von Harstall, unter welchem die Abtei und das Kloster Fulda nach 1068jährigem Bestehen der Säkularisation zum Opfer fiel, 15 Jahre lang unbesetzt geblieben..— 1838 wurde die erste preußische Eisenbahn zwischen Berlin und Potsdam eröffnet.
22.1353 wurde der Propst v on Allendorf Heinrich VII. zum Abt von Fulda erwählt. Während seiner Regierung (1364) wüthete in Fulda die Pest, welche über 3000 Menschen wegraffte. — 1811 marschirten die er ft en Fuldaer Rekruten nach Frankfurt. — 1870 machten die Franzosen aus Metz einen Ausfall. — 1887wurde den Franziskanern aus dem Frauenberge bei Fulda die Niederlassung zur Unterstützung der Seelsorge wieder gestattet.
23.63v.Chr. wurde der Kaiser Au g ustus zu Rom, 1783 der berühmte Historienmaler Peter von Cornelius zu Düsseldorf und 1791 der Sänger und Kriegsheld Theodor Körner zu Dresden geboren. — 1869 starb zu Wiesbaden der am 19. März 1790 zu Fulda geborene Romanschriftsteller Heinrich König. EineTafel an einem Hause der Schulstraße zu Fulda gibt sein Geburtshaus an. In Fulda sicherte er sich ein Andenken durch ein Vermächtniß an die Stadt. — 1870 kapitu- lirte die Festung Toul.
24.1706 wurde zu Altranstädt der Friede zwischen Schweden und Sachsen geschlossen, wodurch letzteres Polen verlor. — 1788 starb nach einer 28jährigen, segensreichen Regierung Heinrich VIII. von Bibra, der 83. Abt von Fulda, im 78. Lebensjahre. Sein Name ist noch jetzt unvergessen und das Wahrzeichen der „guten alten Fulder Zeit". Heinrich von Bibra sorgte für den Bau neuer Straßen und widmete der Hebung der Land- wirthschaft wie der Industrie und der Armenpflege feine Sorgfalt. Er errichtete ferner öffentliche Schulen und eine Bildungsanftalt für Lehrer, erbaute die Landesbibliothek, welche er mit zahlreichen Werken ausstattete, und erweiterte das Bad Brückenau und die Saline zu Salzschlirf. — 1876 starb Sanitätsrath Dr. Martiny, Begründer und langjähriger Dirigent des Bades Salzschlirf, und am selben Tage Ernst von Bandel, der Erbauer des Hermanndenkmals im Teutoburger Walde.
25.1540 wurde von Ignatius von Loyola der Jesuitenorden gestiftet; derselbe zählt gegenwärtig über 14,000 Mitglieder. — 1555 wurde auf dem Reichstage zu Augsburg der 2. Neligionsfrieden gefchloffen. — 1871 zogen nach dem deutsch-französischen Kriege die siegreichen Truppen in Kassel ein, freudig bewillkommnet von der ganzen Stadt.