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M 213

Freitag, den 17. September 1897.

24. Jahrgang

uldaer

mit Unterchaltnngs-Keilagr „Sterne urtt» Slumeu"

W

Erscheint täalich Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementsvre is ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 60 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Barmondzeile oder deren Raum 15 M , Reklamen die Petitzeile 25 Ps.. bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

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Der Wahlaufruf desbadischen Centrums ist nun erschienen. An der Spitze steht die alte Forderung der direkten Wahlen für den Landtag sowie einer neuen, der Gerechtigkeit entsprechenden Wahlkreiseintheilung. Mit Recht wird darauf hingewiesen, daß die nationalliberale Partei der Zweiten Kammer die Hauptschuld daran trage, daß diese elementare Forderung bis jetzt noch nicht erfüllt sei, und bemerkt, daß der Einfluß und die Macht der Nationalliberalen unter allen Um­ständen gebrochen werden solle. Nicht minder wichtig ist die Frage der Revision der Gemeinde­ordnung. Weiter verlangt das Centrum für alle Gemeinden, die nicht der Städteordnung unterstehen, direkte Wahl der Bürgermeister und Gemeinderäthe durch die Bürger selbst.

In kircbenpolitischer Beziehung sagt der -Entwurf Folgendes: „Stets haben wir, wie der politischen, so auch der kirchlichen und religiösen .Freiheit das Wort geredet. Religion und Kirche haben unveräußerliche Rechte; die freie Entfaltung ihrer Wirksamkeit kann auch den bürgerlichen und staatlichen Interessen nur Nutzen bringen. Ein auf gegenfeitiges Wohlwollen und Vertrauen gegründetes freundliches Einvernehmen der Träger der staatlichen und kirchlichen Gewalt, welches die beiderseitigen Rechte gewissenhaft beachtet und die beiderseitigen Interessen loyal schont, kann auch dem Staat nur förderlich sein. Man muß es demnach beklagen, daß noch immer gesetzliche Bestimmungen in Kraft sind, die in der schlimmsten Zeit unheilvollen Konfliktes zur Bedrückung der Kirche in's Leben ge­rufen worden sind. Die Beseitigung solcher gesetz­lichen Mißstände ist eine Forderung der Gerechtigkeit. Wir werden nicht aufhören, darauf zu dr.ngen, bis die wohlbegründeten Beschwerden der katholischen :Kirche gehoben und ihren wohlberechtigten Forde­rungen Rechnung getragen ist." Mit besonderer 'Schärfe betont der Aufruf, daß der alte Kultur­kampfs g ei st in der national lib er al en Partei heute noch herrschend ist. Wie sehr die Kirche Anlaß und Grund hat, Vertheidigung ihrer Rechte durch die Staatsgewalt zu fordern, und wie dringend -es geboten sei, die Wähler nicht zur Abwehr kirch­licher Herrschaftsgelüste, wohl aber zur Erhaltung kirchlicher Rechte und Interessen aufzurufen, beweise schon die Thatsache, daß der erzbischöfliche Stuhl nach 10 Monaten noch unbesetzt ist. Diese für den katholischen Theil beunruhigende That­sache muß die Aufmerksamkeit aller Staatsbürger auf sich ziehen.

Des Weiteren fordert das Centrum thunlichste Sparsamkeit im Staatshaushalte und mög­lichst gerechte Verkeilung der öffentlichen Lasten sowie eine Verbesserung des ©teuer«

Verfolgt.

Dem Englischen von Marion Crawford nacherzählt von Cora von Schönburg.

1 ------ (Nachdruck verboten.)

In Billingsfield, in der englischen Grafschaft Essex, führte der Prediger Augustin Ambrose ein beschauliches Leben — fast noch stiller und beschaulicher, als er es selbst wünschte; denn das Einkommen seiner Pfarrei war fchmal. Deswegen befchäftigte er sich nebenbei damit, träge Söhne wohlhabender Eltern gegen reichen Entgelt für den Besuch der Universität vorzubereiten.

Das Leben im Pfarrhause zu Billingsfield bot nichts Bemerkenswerthes. Morgengebet, Frühstück, Arbeit, — Spaziergang, Arbeit, Essen, Arbeit, Abend­gebet, Bett, — das war das Tagesprogramm, in das nur der Wechsel der Jahreszeiten eine Veränderung brachte. Der -Pfarrer beschäftigte sich in seinen Muße­stunden mit Gartenbau, und zeigte eine besondere Vorliebe für die Anlage von neuen Spargelbeeten.

Da ereignete sich in der stillen Pfarrgemeinde ein Vorfall, der die Ruhe der Gemeindemitglieder in ihren Grundfesten erschütterte. Und dies würde in noch viel höherem Maße der Fall gewesen sein, wenn man geahnt hätte, was für schreckliche Folgen dieser Vor­fall haben würde. Es war dies zunächst der Einzug einer fremden Familie in die unter dem Namen der „Cottage" bekannte Villa vor dem Dorfe. Dies war

systerns wie auch eine sachgemäßere Eintheilung der Steuerobjekte, die in Berücksichtigung der darauf ruhenden Schulden aufgebaut ist. Das Centrum ver­spricht getreu seiner Vergangenheit für die Mittel­stände einzutreten und die Jntereffen des Hand­werks, des Kaufmannstands und der Landwirthschaft mit allen Kräften zu verfechten. Der Hausirhandel, die Filial- und Wandergeschäfte sollen stärker zur Staats- und Gemeindesteuer herangezogen, die Aus­wüchse im Geschäftsleben, der unlautere Wettbewerb mit aller Energie bekämpft werden. Die Vertreter der Landwirthschaft seien redlich bemüht, ihre landwirthschaftliche Lage durch Selbsthilfe zu ver­bessern. Diesem anerkennenswerthen Bestreben müsse der Staat Förderung und Hilfe zu Theil werden lassen, soweit die Rücksicht auf die wohlbegründeten Interessen der allgemeinen und der übrigen Stände es gestattet.

Auch für die Interessen der Arbeiter fordert das Centrum Förderung und Schutz. Es will eine Ausgleichung der sozialen und wirthschaftlichen Gegen­sätze herbeiführen, unter keinen Umständen den Weg des Ausnahmegesetzes beschreiten. Es fordert ferner die Berücksichtigung der besonderen Verhältnisse und Einrichtungen des badischen Landes bei Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches, eine Weiter­führung des Staatsbahnnetz es, sowie Herstellung von Nebenbahnen mit staatlicher Beihilfe und Berück­sichtigung der landwirthschaftlichen Interessen und Bedürfnisse.

Deutsches iUidp

Berlin, 16. September.

* Das orthodox-protestantische Berliner Pastoren­blatt, der,Reichsbote', möchte gern, daß wir uns in eine lange Polemik wegen seines Artikels über die „katholische Politik« (Vergl. Leitartikel in Nr. 211 der ,Fuld. Ztg.'. Die Red.) einließen. Wir haben aber gar keinen Anlaß, auf die alten Geschichten ein­zugehen, die er immer wieder aus protestantischen „Polemikern" oder aus den Notizen der Herren Graf Hoensbroech und Strucksberg abschreibt. Wir haben es mit der Gegenwart, nicht mit der Vergangen­heit zu thun. Oder glaubt der,Reichsbote' etwa, wir könnten ihm auf seine Geschichtchen und Anekdoten nicht mit doppelt so vielen dienen, welche die Be­handlung der Katholiken in den protestan- chschen Saaten illustrirten ober mit Aussprüchen protestantischer Größen, welche noch viel „schlimmer" sind, als die wieder von ihm citirten von Päpsten und Jesuiten? Dazu sind uns aber die Artikel des R,eichsboten' nicht bedeutsam genug. Wir erwähnen sie immer nur als Charakterisirung des Hasses und der Verbohrtheit, mit der gewisse „Orthodoxe" den Katholiken gegenüberstehen, nicht um folgendermaßen zugegangen: Herr Ambrose hatte eines Tages einen Brief erhalten, den er sogleich seiner Frau einhändigte. Er pflegte dies fast mit seiner ganzen Korrespondenz zu thun und er that überhaupt gar nichts, ohne vorher mit seiner bessern Halste darüber zu berathen. So gab er ihr auch jetzt den Brief. Sie überlas ihn mehrmals und legte ihn end­lich bei Seite, nachdem sie vorher noch „Goddard- Cottage" darauf geschrieben hatte. Der Brief lautete:

„Lieber Herr!

Fast fünf Monate sind verflosfen, seit ich Sie zuletzt gesehen. Trotzdem braucht es kaum einer Ver­sicherung, um Ihnen zu sagen, daß das Andenken an Ihre Güte stets in mir fortgelebt hat. Sie wissen es nicht und Sie können es nicht wissen, welchen Ein­druck Ihre Freundlichkeit auf mich gemacht hat. Sie haben mir gezeigt, daß ich recht gehandelt, und es war so schwer, recht zu handeln. Sie wissen, was ich damit meine. Noch einmal auf den schweren Schlag, welcher mich und meine unschuldige kleine Nelly be­troffen, zurückzukommen, wäre unnütz, da sie alles wissen. Sie gestatteten mir. Ihnen während unseres kurzen Beisammenseins, mein ganzes Herz auszuschütten, und ich habe mich von dem Tage an bedeutend, ja unendlich erleichtert gefühlt. Ich stehe abermals im Begriffe, Sie um eine Gefälligkeit zu bitten. Nur die" feste Ueberzeugung von Ihrer Güte läßt mich

ihm eine andere Meinung beizubringen, denn das würde vergebliche Mühe sein. Heute erzählt er wieder allerlei Anekdotenhaftes über „katholische Politik" am Anfänge dieses Jahrhunderts. Auch das geht uns hier nichts an. Wir haben es mit der Gegenwart zu thun. Will der,Reichsbote' uns auf „Kirchhofsskan­dale" in Tyrol verweisen, so verweisen wir ihn auf die uns viel näher liegende Behandlung der Katholiken in Braunschweig (vergl. den ge­strigen Leitartikel der ,Fuld. Ztg.'. Die Red.) und anderen protestantischen Ländern Norddeutschlands. Diese Dinge existiren aber für den ,Reichsboten' nie, denn für ihn sind „die Protestanten immer und überall die Duldsamkeit selbst". Wir verlangen für uns die­jenigen Rechte und Freiheiten als Katholiken, welche wir nach unseren katholischen Anschauungen beanspruchen können. Wenn der ,Reichsbote' da von Ketzerverbrennen redet, so beweist dies dumme Zeug nur feine Bös­willigkeit. Eine Frohnleichnams-Prozession unter den Linden in Berlin, die der,Reichsbote' auch für ein non plus ultra von ultramontaner Anmaßung zu halten scheint, wäre unseres Erachtens gar keine so entsetzliche Forderung. Vor dem Kultnrkampse wallfahrteten die Katholiken Berlins ja auch alljährlich mit Fahnen rc. die Linden entlang zum Brandenburger Thore hinaus nach Spandau. Jndeß die Frohnleichnams-Prozession in Berlin und sonstwo gäben wir dem,Reichsboten' gern preis, wenn wir nicht in größeren und wichtigeren Dingen an der vollen Religionsfreiheit gehindert würden. Das Verlangen einer Konfession, in einem paritätischen Staate ausschließlich nach ihren Grundsätzen regiert zu werden, hat der,Reichsbote' allerdings nicht aus­drücklich nur für Staaten mit protestantischer Mehr­heit als ungerechtfertigt erklärt. Wir haben nur sagen wollen, daß dies seine wahre Meinung fei. Wenn das Blatt findet, in Oesterreich und Ungarn erhielten die Protestanten nicht alles, was sie beanspruchten nach ihren Grundsätzen, so wären die Katholiken in Preußen jedenfalls froh, wenn sie die Freiheit genössen, wie die Protestanten in jenen Staaten.

* Es gilt allgemein als sicher, daß in der näch­sten Reichstags - Session, die ziemlich kurz ausfallen soll, der Marme-Ktat der Punkt bilden wird, um den sich alles dreht. Die Regierung wird die Sache so zu drehen suchen, daß sie aus der Marinefrage eine brauchbare Wahlparole konstruiren kann. Wir fehen ja ringsum, wie alles geschäftig ihr den Boden zu ebnen bemüht ist. Kaiserliche Zeichnungen und Worte so gut wie Agitations - Versammlungen der Kolonial-Gesellschaft, die Artikel des offiziösen Preß- bureaus der Marineverwaltung sowohl wie freiwillig- gouveinementale Leistungen anderer Organe werden zum Stimmungmachen verwendet. Es ist ganz gut, daß die Reichslags-Session kurz werden soll, denn die ganze Arbeit würde doch unter stetem Hinblick

einen Wunsch aussprechen, der mir sonst allzu unbe­scheiden erscheinen würde. Sie erinnern sich vielleicht, mir von dem in Ihrer Nähe gelegenen Landhause gesprochen zu haben? Das Bild, welches Sie mir von demselben entwarfen, entzückte mich, und ich habe mich entschlossen, dasselbe zu miethen. Hoffentlich ist es noch zu haben. Wäre es zu viel verlangt, verehr- tefter Mr. Ambrose, wenn, ich Sie ersuchte, die nöthigen Schritte in dieser Sache für mich zu thun? Ich lege meinem Briefe 36 Pfd. Sterl. in Banknoten bei, da Sie diese Summe, wenn ich mich nicht irre, als Miethpreis angaben. Meine Freiheit in dieser Beziehung werden Sie entschuldigen, da Sie neben Ihrem freundlichen Interesse. gar keine feste An­knüpfungspunkte über meine Persönlichkeit haben. Sie meinten damals, ich könne mit einer Einnahme von 300 Pfd. Sterl. recht gut in Billingsfield auskommen. Nun beläuft sich mein Einkommen aber auf ungefähr 500 Pfd. Sterl., und wenn es mir daher gelingen sollte, die „Cottage" zu bekommen, so würde ich mit meinem Töchterchen unverzüglich dorthin aufbrechen. Wir haben, mit Ausnahme einer Woche in Margate, den ganzen Sommer in der Stadt zugebracht; das ist recht trübselig. Erlauben Sie mir, nochmals Ihnen meinen Dank für alle bisher erwiesene Güte auszu­sprechen. Ich verbleibe mit aufrichtiger Verehrung

Ihre ganz ergebene

Mary Goddard."