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24. Jahrgang

Samstag, den 11. September 1897.

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die einst so blühende antisemitische Bewegung sich augenblicklich im Stillstand befinde, werde wohl nie­mand bestreiten; dieser Stillstand aber sei darauf zurückzuführen, daß in der Berliner Bewegung ein­zelne Sonderströmungen vorhanden seien, die der Eitelkeit einzelner Personen ihren Ursprung verdanken. Jeder glaube, das richtige Heilmittel in der Hand zu haben, jeder quacksalbere herum in Vereinen und Vereinchen, und wenn man aus all diesen Versuchen das Facit ziehe, sei es gleich Null. Der Redner zog gegen die „kleinen Geister" zu Felde, die nur die eigene Person verherrlichen wollen. In der Debatte wandte sich ein Herr Krauts besonders gegen Pro­fessor Förster, der die Flinte ins Korn geworfen und als Schulmeister politische Kinder vor sich zu haben glaube, denen er befehlen dürfe. Ein Herr Fisch- wasfer vom „Germanischen Volksbund" warf der Parteileitunq vor, daß sie kein festes Ziel habe, wo­gegen ein Herr Richter vor dem politischen Kessel­treiben des „Germanischen Volksbundes" warnte. Hr. v. Mosch erblickte die Schuld an dem Stillstand der Bewegung in der falschen Organisation, während Herr Kretzler lebhaft gegen Herrn v. Mosch, dessen Blatt und seinen Mitarbeiter Förster vom Leder zog. Herr v. Mosch erwiderte, daß Professor Dr. Förster jetzt genau so wie er (v. Mosch) vom „Germanischen Volksbunde" angestellt sei und pro Monat 100 Mk. Gehalt für seine Agitation bekomme, da er mit seinem Professorengehalte seine Familie nicht ernähren könne. Es fehlte nicht an höhnischem Lachen und Pfuirufen der einen Gruppe gegen die andere, aber zum Schluß auch nicht mit dem Hochrufen auf die Einigkeit der Antisemiten. .

* Sozialdemokraten als Arbeitgeber. Der Verein der deutschen Kaufleute Berlin Vlll (Ost)

| theilt der ,Nordd. Allg. Ztg.' folgenden, ebenso i amüsanten wie charakteristischen Vorfall mit: Jüngst brachte in der Versammlung des Vereins der Nerven­arzt Dr. Munter folgende Sache zir Sprache: Der sozialistische Vorstand der ausgelösten Ortskranken­kasse für Handlungsgehilfen und Lehrlinge hatte eines Abends die Kassenärzte zu einer Konferenz Abends um 8 Uhr eingeladen; der Vorsitzende, Maaß, erschien aber erst mit einer Stunde Verspätung, und als einer der Aerzte ihn bescheidentlich darauf aufmerksam machte, daß es eine Rücksichtslosigkeit sei, Aerzte, die doch leicht in den Abendstunden von ihren Patienten gebraucht würden, so lange unnöthig warten zu lassen, da donnerte ihm der sozialistische Führer entgegen: „Sie haben zu warten, bis Sie gefragt werden ; denn hier sind Sie die Arbeitnehmer und wir die Arbeitgeber!"

* Das Kuratorium der Rohdschen Stiftung zur I Mnlerstütznug jüdischer Kandwerker in der Provinz Posen beabsichtigt in Ermangelung von Bewerbern die Zinsen des Stiftungskapitals von 200,000 Mark anderen Zwecken zuzuführen. Dazu bemerkt die ,Allg. isr. Wochenschr/: „Die Zuviel­erzeugung an Intelligenz unter den Juden ist eine schreckliche geworden; es gibt jetzt fast so viel studirte Juden als jüdische Börsianer. Dem Handwerk und Ackerbau widmen sich noch gegenwärtig die wenigsten Söhne mittelmäßig begüterter jüdischer Bürger, und die Zahl des modernen intelligenten Proletariats ist nicht geringer, als die der talmudisch gebildeten Bettler und Landstreicher es vor einem halben Jahrhundert war." . , „

* Der Inhaber des Bernsteinmonopols Kom- merzienrath Becker hat den Danziger Drechslern die Lieferung von Bernstein verweigert. Offenbar ärgert er sich darüber, daß in Danzig eine Drechsler- genosfenschaft gegründet und daß die Strandnutzung von Weichselmünde bis Polsk an eine andere Firma verpachtet wurde. Ein Danziger Drechsler hat in Beantwortung des Schreibens der Firma Becker u. a. bemerkt, daß er durch Beckers Manipulationen bezw. die Verweigerung des Materials geschäftlich geschädigt werde und Becker eventuell dafür verantwortlich machen würde. Die Nichtausführung seiner Bestellung seitens der Firma komme der Vernichtung seiner Existenz gleich. Die Danziger Bernsteindrechsler haben eine | Genossenschaftsversammlung einberufen und werden : sich voraussichtlich an die Regierung wenden. Wird diese nach wie vor dem Treiben des Herrn Becker ; ruhig zusehen, blos weil er eine schöne Pachtsumme

Konfessionelle Mischungen.

Es ist schon oft darauf hingewiesen worden, daß die Aufgabe des Bonifatiusvereins immer größer, ja fast unlösbar wird, weil die konfessionelle Mischung der Bevölkerung derart fortschreitet, daß fast ganz Deutschland zu einer einzigen großen Diaspora wird. Seitdem die Aera der Postkutsche durch das Zeitalter der Eisenbahnen abqelöst ist, wird der Drang, „in die Ferne zu schweifen", selbst in dem kleinsten Dorfe lebendig. Wer mit der Eisenbahn über das platte Land fährt, sieht auf den Gesichtern der mit Feldarbeiten beschäftigten Burschen und Mädchen nicht selten einen Ausdruck der Sehnsucht, der an die Worte erinnert, welche Schiller die Maria Stuart den Wolken zurufen läßt: „Wer mit euch wanderte, mit euch schiffte!" Und so zieht man — oft planlos — in die „weite Welt". Die Energischen und Kräftigen bringen es zu etwas, fehr viele gehen aber auch im Strudel des fremden Lebens unter, besonders in der Großstadt. In konfessioneller Beziehung kommt der Protestantis­mus dabei viel besser weg, als die katholische Kirche, denn er hat bei seiner größeren Seelenzahl eine räum­lich viel kleinere Diaspora als wir, und oft macht sich auch die Hilfe der Behörden bei ihm in recht umfang­reichem Maße geltend.

Im übrigen ist es ja selbstverständlich, daß bei den großen Wanderungen unserer Tage sowohl die katholische Bevölkerung protestantischer Städte als die Zahl der Protestanten in katholischen Städten zu­nimmt. Vor 200 Jahren. war Berlin noch ganz protestantisch, Köln noch ganz katholisch; heute zählt Berlin 200,000 Katholiken und Köln 40,000 Prote­stanten. Aehnlich liegen die Verhältnisse in allen anderen Großstädten. Die territoriale Abgrenzung Deutschlands nach Konfessionen, wie sie im West­fälischen Frieden festgesetzt war, und dem Grundsätze cujus regio, ejus religio entsprach, ist heute auf ewig entschwunden. , ,

Unter diesen Umständen ist es Aufgabe der Kirche, sich für die neuen Verhältnisse einzurichten. Für die katholische Kirche ist das ganz besonders schwierig, weil in der Periode der stärksten Wanderungen der Kulturkampf dazwischen kam. Da war an eine fortschreitende Entwickelung nicht zu denken; die Kirche war sogar oftmals nicht in der Lage, das Bestehende zu behaupten, da die meisten Diaspora­gemeinden verwaisten. Eine solche Periode der Stag­nation in wenigen Jahren wieder wett zu machen, ist immer äußerst schwierig. Daher erklärt es sich, daß trotz aller Anstrengungen der Bischöfe überall Noth herrscht; von Nord und Süd, von Ost und West erschallen trübselige Klagen, die ausklmgen in die Bitte: Gedenket Eurer Brüder in der Diaspora!

Nun könnte man sich auch die Frage voilegen, ob diesem „Drange in die Ferne" nicht dadurch ge­steuert werden könnte, daß man den Leuten sagt. „Bleibe im Lande und nähre dich redlich." In manchen Fällen werden solche Ermahnungen ja nicht ohne Erfolg sein, daß sie aber dem Uebel wirk­sam steuern könnten, ist undenkbar. Wie oft haben die katholischen Generalversammlungen nicht schon Warnungen erlassen, in protestantische Gegenden und Großstädte zu ziehen! Die hochw. Geistlichkeit thut sicher auch ihr möglichstes. Aber was hat es im ganzen geholfen! Der Zwang, nach Arbeitsgelegen­heit zu suchen, ist zu durchschlagend pnd wenn z. B. ein Arbeiter zu Hause keine Arbeit bekommen kann, wohl aber in der Großstadt, so kann man ihm nicht verdenken, wenn er dorthin zieht. Primum est vivere, deinde pliilosophari. Nur vor der leichtsinnigen Auswanderung sollte man überall dringend warnen.

Betrachten wir die Dinge in ihrem ganzen Zu- fammenhang, so bleibt schließlich nichts anderes übrig, als daß die Kirche ihren zerstreuten Schäflein nach- q e h t. So hat die Kirche es auch ja immer gehalten; vom apostolischen Zeitalter an. Es müssen Opfer gebracht werden! Oft haben sich in wenigen Jahren in einer protestantischen Stadt einige Hundert katho­lische Arbeiter angesiedelt und dann ist plötzlich eine

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mit Unterhaitungs-Keiiage „Sterne und Kluuren".___________________

Gemeinde von tausend Seelen da, die alles entbehrt: I ' Gotteshaus, Priester und katholische Schule. Bis । die Kirche wirksam eingreifen kann, gehen oft Hun­derte von Seelen verloren. Am meisten drängen sich ; natürlich die zuziehenden Katholiken in der Reichs­hauptstadt und ihrer Umgebung zusammen. Die strahlensörmige Entwicklung katholischer Kolonien um Berlin verursacht Schwierigkeiten, für Kirche und Schule Sorge zu tragen, bei denen jedem Priester, der nicht durch Glaubenseifer und Energie Seltenes leisten kann, der Muth vergehen muß. Und doch dürfen wir Kelle und Schwert nicht niederlegen. So schwierig die Aufgabe ist — unsere Hände dürfen nicht erlahmen. Der Aufblick zu Gott wird uns stärken und im übrigen sollen wir des Wortes ge­denken: Nur wer sich selbst verläßt, ist ganz ver­lassen. ________________________________________

Deutsches

Berlin, 10. September.

* Der Kaiser gedenkt morgen Nachmittag von Homburg seine Reise nach Totis zu den österreichisch­ungarischen Manövern anzutreten, während die Kaiserin nach Potsdam zurückkehrt. Kurze Zeit vorher findet die Abreise des italienischen Königspaares statt.

Die Entscheidung über den Rücktritt des Dürsten Kohenloye ist nach allgemeiner Annahme nur vertagt worden, dürfte aber binnen kurzem er­folgen. Daß sie noch nicht erfolgte, war, wie die ,Dtsche Tagesztg/ hört, mehr äußerlich als innerlich begründet. Was hierunter zu verstehen ist, bleibt Ge- | heimniß des Blattes. Von der Aussprache des Reichs- i kanzlers mit Minister v. Miquel erwartet das Blatt, daß die innere Politik des Reiches das Gepräge der Miquel'schen Persönlichkeit traaen werde, und damit ! erklärt es sich vorläufig zufrieden. Von anderen Blättern wird immer wieder die Pflickttreue des Fürsten Hohenlohe gegenüber Kaiser und Reich betont, die ihn veranlasse, trotz vieler Mißlichkeiten und Hemmnisse im Amte zu bleiben. Was sind das aber für Zustände, wo der höchste Reichsbeamte nur deshalb seinen Posten nicht aufgeben zu sollen glaubt, weil er befürchtet, daß sonst alles drunter und drüber gehe! Denn etwas anderes kann der Hinweis auf seine Pflichttreue doch kaum bedeuten. — Die ,Nat.-Ztg/ widmet der inneren Lage einen längeren Artikel, in welchem sie der Besorgniß Ausdruck gibt, daß immer bedenklichere Zugeständnisse an das „Agrarierthum" und die „Reaktion" gemacht werden würden, für die Vereinigung aller Liberalen eintritt und empfiehlt, die ländliche Bevölkerung über den vom Bund der Land- [ wirthe angerichteten Schaden aufzuklären. Sie kommt zu dem Ergebniß: „Wenn der konservative Groß­grundbesitz bei der Forderung der „großen Mittel" beharrt, weil er angeblich nicht anders fortbestehen kann — nun, dann muß der Liberalismus die Kon­sequenz davon ziehen und zu seinem großen Mittel greifen: die ländliche Bevölkerung um die Forderung schaaren, den Großgrundbesitz, der nicht existiren kann, systematisch von Staatswegen, durch die endliche Durchführung umfassender innerer Kolonisation in bäuerliche und andere kleine Wirthschasten zu ver­wandeln." Die ,Deutsche Tageszeitung' erklärt, dem kühl bis ans Herz hinan gegenüberzustehen.

* Der Aviso „Pfeil" mit der Leiche des verun­glückten Lieutenants zur See v. Kahnke an Bord ist heute Vormittag in Kiel eingetroffen. Die Leiche wird Nachmittag zur Beisetzung nach Berlin überge­führt werden.

* Der,Reichsanz.' warnt vor einem £. Kue, 6 Hastings Street, King's Croos in London N., der in deutschen Blättern Gelddarlehen an ehrbare Leute gegen Unterschrift anbietet. Hinter dieser Anzeige steckt eine Schwindelbande, die unter Annahme der verschiedensten Namen und Adressen das Publikum zu betrügen sucht. .

* Auch ein Antrag auf Erweiterung des Merchs- eisenvahn - Amtes wird, wie in Reichstagskreisen verlautet, in der nächsten Session des Reichstages außer einem Anträge auf Errichtung eines Reichs­zolltarif-Amtes gestellt werden.

* Eine Versammlung von Antisemiten hat dieser Tage in Berlin statlgefundeii. Der Redakteur der,Staatsb.-Ztg/, Wildberg, führte u. aus: Daß

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