JVi 202
Samstaff, den 4. September 1897
24. Jahrgang
44. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands x« Landshut.
Landshut, 3. September.
VII. (Schluß.)
Der vierte und letzte Tag wurde eröffnet durch hl. Messen, die morgens 7 Uhr in sämmtlichen Kirchen celebrirt wurden. Um 8 Uhr wurde die
vierte geschlossene Mersammluug
eröffnet. Die Berathung der Anträge wird fortgesetzt.
Der Ausschuß für Soziales empfiehlt einen Antrag, der die Förderung der Fachbildung in den Arbeitervereinen wünscht. Ohne Debatte wird der Antrag angenommen. Bei einem Antrag, welcher die Gründung von Arbeiterinnenvereinen befürwortet, weist Referent Domkapitular Stigloher auf München hin, wo über 17,000 Arbeiterinnen solchen Vereinen angehören.
Generalsekretär Dr. Hille-Berlin gibt die Anregung, daß durch Plakate in den 3. und 4. Wagen- klassen der Eisenbahn auf diese Vereine hingewiesen werde. (Beifall.) Hierauf wird der Antrag angenommen. Ein fernerer Antrag empfiehlt die Erbauung von Arbeiterwohnungen und Hospizen für ledige Arbeiter und Arbeiterinnen möglichst im Anschluß an Vereinshäuser. Der Antrag wird angenommen. Ein fernerer Antrag empfiehlt, die Fürsorge für die arbeitende Jugend dahin zu bethätigen, daß die jugendlichen Arbeiter durch Gründung von Vereinigungen für dieselben gesammelt würden. Redemptorist ?. St ein ko f er wünscht unter lebhaftem Beifall der Versammlung, daß die katholischen Studenten in diesen Vereinigungen die Aufsicht führten. Das werde versöhnend auf die Arbeiterkreise einwirken. Der Antrag wird angenommen. Ohne Debatte wird ein Antrag angenommen, welcher den Beitritt zum -Charitasverein und die Unterstützung der Zeitschrift „Charitas" empfiehlt. Auf Antrag des Abg. Dr. Porsch wird Fürst Löwenstein abermals unter großen Beifall einstimmig zum Kommiffar der Generalversammlung berufen. Dieser nimmt die Berufung an, regt aber zugleich die Bildung eines Centralkomites an, das dem Kommiffar bei Wahrnehmung der Geschäfte zur Seite stehen soll. Die Sache soll auf der nächsten Generalversammlung in Krefeld weiter verfolgt werden. Damit ist das Pensum der letzten geschloffenen Generalversammlung erledigt. Präsident Dr. B ach em dankt für den zahlreichen Besuch und die Mitarbeit und fchließt die Versammlung kurz nach 9 Uhr mit dem katholischen Gruß.
Die
„Glaube mir, liebe Julie, ich bin kein Egoist. Gerade 'weil ich Dich liebe, denke ich ernst und praktisch an die Zukunft. Mit meinem geringen Gehalt kommen wir nicht aus!"
„Ich mache keine hohen Ansprüche, lieber Gustav," warf Die Angesprochene ein. , .
„Ja, ja, so denkt ihr jetzt, und wenn ihr verheirathet seid, sprecht ihr doch anders. Und selbst, wenn Du so ärmlich leben wolltest, ich kann es nicht, ich will es nicht. In mir glüht ein heißes Streben, emporzukommen; tausend Pläne reifen in meinem Geiste, zu Geld, zu Ansehen zu gelangen; doch sie zu verwirklichen fehlt mir eine Kleinigkeit; die -summe von zweitausend bis dreitausend Mark. Wenn ich die hätte, dann . ."
Es war ein Liebespaar, das so seine Gegenwartssorgen und Zukunftspläne austaufchte, Gustav Almers und Julie Helling, ein Mädchen von sechsundzwanzig Jahren. Mit banger Wehmuth horchte Julie auf die Worte des Geliebten; noch nachdem sie sich verabschiedete, dachte sie voll Sorgen daran. Um so dankbarer war sie ihrer Mutter, als diese ihr einen Rath ertheilte, wie sie die Wünsche des Bräutigams erfüllen könnte: . ____
„Ich bin leider weder im Stande, Drr ssme Mitgift mach eine Erbschaft zu hinterlassen," sagte Frau Helling zu ihrer Tochter, „aber vielleicht kann ich Dir das, was ich bei Lebzeiten nicht vermag, durch meinen Tod verschaffen."
„Mutter!" klang es vorwurfsvoll von Juliens Lippen.
„Versteh mich recht," wies sie die Mutter zurück. „Laß mich in eine Versicherungsgesellschaft einschreiben, und Du erhältst dann nach meinem Tode eine gewisse Summe ausbezahlt."
Mit tausend Freuden griff das Mädchen diesen Plan auf und beeilte sich, denselben alsbald zu verwirklichen; aber zugleich nahm sie trotz des Abwahnens derselben eine höhere Summe auf, als die Mutter ihr angerathen, nicht achtend, wie hohe Monatsraten sie selbst hierfür zu erlegen halte.
~ »-.-rfnm- ansaenornnt«! — Bierteliäbrlicker Abonnementsvreir ohne Bringerlohn und Bestellgeld in FuLa und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.
erjd,nnt 15 Pf, Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt._______________
Wissenschaft, wirthschaftliche Jnteressenkämpfe und sonstige Wirren sind in einem Maße vorhanden, daß ein Redner sagen konnte, das Kopfschütteln werde nachgerade vorwiegende Beschäftigung der Deutschen. (Heiterkeit). Bei der katholischen Einigkeit muß auch die Liberias in dubiie ihren Platz behaupten, wenn Fehler vermieden werden sollen. Ein gewisser demokratischer Zug geht durch unsere Zeit; er hat vortreffliche Eigenschaften, aber auch Gefahren. Der Geist der Kritik wird schon in der Schule gepflegt. Zurückschrauben kann man die demokratische Bewegung nicht, aber Aufgabe der Staatsmänner ist es, sie in richtige Bahnen zu lenken. (Bravo.) Pius IX. hat gesagt, „von oben erwarte ich nichts Gutes mehr; das Heil der Welt muß von unten kommen". Wir können nicht mehr nach Schablonen arbeiten, nicht mit Vorderladern kämpfen. Darum möge man nicht gleich den Bannfluch aussprechen. Richt zum Hassen, zum Lieben sind wir da. (Bravo.) Streiten wir nicht in nebensächlichen Dingen, marschiren wir, wenn es sein muß, in getrennten Kolonnen, aber die Direktionslinie muß dieselbe sein. (Bravo.) Keinesfalls darf kein wilder Landsknechtkampf entstehen. Das ist kein katholischer Kampf, auch kein patriotischer, selbst wenn das stolze Wort ertönt: Das Vaterland an die Spitze! (Bravo.) Sorgen wir dafür, daß nichk die Art des Kampfes der katholischen Einheit schade, denn unsere wirthschaftliche Kraft ist doch aus der kathol. Kirche geschöpft. Wir dürfen nicht in Einzelfragen vorschnell urtheilen. Das eigentliche Blut der Kirche, das durch ihre Adern strömt, ist das Gebet. Beten wir um erleuchtete Führer und apostolische Bischöfe. Ein apostolischer Bischof wirkt viel mehr, als tausend Abhandlungen über Autorität. Beten wir um die Einigkeit im'katholischen Lager. (Stürm. Bravo!)
Der Präsident Dr. Bachem hielt hierauf die Schlußrede. Er dankt zunächst der Bürgerschaft, dem Magistrat und dem Bürgermeister der Stadt Landshut für die gastliche Aufnahme, wo die ganze Polizei und die Feuerwehr für den Katholikentag aufgeboten worden sei. (Heiterkeit.) „Herzlicher Dank gebührt auch den Bischöfen, dem hiesigen Klerus und allen Theilnehmern an der Generalversammlung. Die Versammlung hat uns wiederum ein glänzendes Beispiel der'Einheit gegeben. (Bravo.) Dank allen Denjenigen, die uns durch ihre herrlichen Reden bis zur letzten Stunde begeistert haben. Auch den Damen, die so ausdauernd den Verhandlungen beigewohnt haben, gebührt herzlicher Dank. (Bravo.) Bringen Sie, meine verehrten Damen, das Gehörte in Ihre Familien! (Bravo.) Aber auch die Herren mögen die hier empfangene Begeisterung in die weiten Kreise ihrer Volksgenossen tragen, auf daß wir bald gezwungen sind, in jedem deutschen Lande besondere theilte, er verreise, um sich anderwärts eine bessere Existenz zu gründen. Sobald er einen passenden Posten gefunden, würde er sie, die er auch in der Ferne treu liebe, heimführen. Julie war durch diesen Brief wie niedergeschmettert. Seitdem aber begannen die Schmerzen in Brust und Auge, wie sie das Bücken über die Maschine erzeugte, sich häufiger und heftiger einzustellen;jdas aber hielt sie nicht im Mindesten von ihrer Arbeit ab, im Gegentheil, es trieb sie noch zu größerem Fleiße an, um die lange Trennungsfrist zu verkürzen, denn trotz alles Seelenleidens zweifelte sie noch immer nicht an ihm. Die Schlußworte seines Briefes versicherten sie ja doch seiner Liebe und Treue. Ja, sie wußte ihm sogar Dank, daß er ihr den schmerzlichen Abschied erspart hatte.
Lange Wochen waren so für Julie unter übermäßigem Arbeiten und übermäßigen Schmerzen verstrichen, als der Fall eintrat, dem ihre Bemühungen, nie aber ihre Gedanken und Gefühle galten: die arme Mutter starb. Mit tiefem Schmerz entledigte sich Julie der neuen Sorgen und Arbeiten, welche der Todesfall ihr auf erlegte; noch aber hielt sie mit dem Nähen nicht ein, da sie die ganze Verficherungsfumme für ihn allein bestimmt hatte und die Bestattungskosten Nicht ans derselben bestreiten wollte. Erst als sie die Bestattungskosten ausbezahlt erhielt, schrieb sie dem Geliebten, nun fei sie endlich im Stande, ihm das zu verschaffen, was er verlange ; nichts stehe ihrer Vereinigung, ihrem Glück entgegen. Aus diesen Brief folgte eine Antwort Gustavs, voll der tiefsten Entschuldigungen und Dankesbefchwörungen, er werde ihr Bild unvergeßlich im Herzen tragen; auf das Glück, das er einst so heiß begehrt, müsse er aber verzichten, er fei bereits fei vier Wochen verheirathet.
Dieser Brief übte auf das überangeftrengte überreizte Mädchen eine noch tiefere Wirkung als der erste. Eine Zeit- lunq war sie starr, dann löste sich der Anfall in einen Fleber- srost Da lag das Geld vor ihr, die Frucht ihres Fleißes, der Lohn unendlich langer Qual und Aufopferung. Aber sie empfand keine Freude an dem Gelde, dasselbe hatte keinen Werth für fie ohne ihn! Nimmermehr. Fort, nur fort mit
In der
vierte« ««d letzte« össeutkichen Dersammkung, welche Mittwoch Morgen um 10 Uhr begann, theilte der Vorsitzende Dr. Bachem mit, Herr Abg. Lieb er habe gestern noch im Arbeiterverein gesprochen und sei jetzt körperlich derart angegriffen,' daß er heute nicht sprechen werde. Darauf ergriff das Wort Herr Pfarrer Ley über das heilige Land. Heute lasse die Sicherheit der christlichen Pilger in Palästina nichts zu wünschen übrig. Das Benehmen der Araber, Türken und Israeliten sei sogar rücksichtsvoller, als in Deutschland manchmal bei katholischen Aufzügen der Fall sei. (Bravo!) Aber die hl. Orte seien im unumschränkten Besitz der Türken, so daß an manchen derselben der christliche Pilger nicht einmal seine Andacht verrichten kann. Ist denn keine Möglichkeit vorhanden, auf friedlichem Wege das Coenaculum seiner rechtmäßigen und ursprünglichen Bestimmung wiederzugeben? Der Sultan hat die löbliche Sitte, christlichen Souveränen beim Besuche des Landes Grundstücke zu schenken. Die Blätter melden, Kaiser Wilhelm II. werde im Frühjahr Jerusalem besuchen zur Eröffnung der evangelischen Kirche. Wir werden neidlos und mit Ehrfurcht im Geiste zuschauen, wie der Kaiser seine Anhänglichkeit an sein Bekenntniß bekundet, wissend, daß in edlen Herzen auch die Hochachtung vor dem katholischen Bekenntnisse lebt. Hoffentlich wird er, wie der evangelischen Landeskirche, seine Fürsorge auch der katholischen zuwenden. Es ist wohl nicht zu kühn, zu hoffen, daß durch seine mächtige Vermittelung zugefügtes Unrecht wieder gut gemacht wird, nach dem Grundsatz Suum caique. (Bravo!) Welche Liebe und Begeisterung würde unter den Katholiken für den Kaiser entflammen, wenn sein Besuch in Jerusalem das Coenaculum den Katholiken wieder verschaffte. (Bravo!) Welche Freude für den Papst würde es zum 60. Jahre seines Pontifikates sein, wenn er hörte, der Kaiser habe das Coenaculum aus den Händen des Sultans empfangen und dem Apostolischen Stuhle zurückgegeben! Wir haben Ursache, der Hochherzigkeit des Kaisers zu vertrauen. (Lebhaftes Bravo!)
Baron Morsey spricht über „die katholische Einheit." Sie ruht im Altarssakramente; daher empfiehlt der Papst die eucharistischen Kongresse. Das ist der Ursprung der katholischen Einigkeit, deren Rothwendig- keit in heutiger Zeit so sehr hervortritt. Lernen wir von unseren Feinden, die den Zwiespalt wünschen; daher müssen wir das Gegentheil thun. Im deutschen Charakter liegt der Hang zur Uneinigkeit und Zersplitterung, wie das Schicksal des Vaterlandes zeigt. Für die deutschen Katholiken ist die Nothwendigkeit der Einigkeit nicht geringer wie früher. Noch bestehen die Reste des Kulturkampfes; der Atheismus der
In der ebenso anstrengenden als fchlecht bezahlten Arbeit des Nähens hatte sie das Mittel gefunden, die nöthigen Zahlungen zu erwerben. Mit aller Liebe, mit allem Opfer- muth, wozu nur das Herz eines Weibes fähig ist, gab sie sich ihrer Aufgabe hin. Jede freie Minute, das heißt jede Minute, welche ihr die Sorge um den Haushalt übrig ließ, den sie ja mit der Mutter zu bestreiten hatte, war für ihre Police, also für ihn allein bestimmt; fie gönnte sich keine Erholung, kaum hatte sie Zeit für Essen und Trinken.
Das Schmerzen und Mühen, die das fortwährende Bücken auf die Nähmaschine verursachte, achtete sie nicht; ihre größte, ihre einzige Sorge war gerade nur, genug Arbeit zu finden.
Es war ihr Stolz geworden, ihr eigenes Nest bauen zu dürfen, es bildete ihre Seligkeit, dem Geliebten die Wege der Zuttmst bahnen zu dürfen.
Gustav aber bemerkte oder beachtete wenigstens diese Opfer des edelstens Herzens nicht sonderlich. Er war nicht ganz der Idealist, wie sich ihn Julie erträumte, und wenn er auch dieselbe wirklich liebte, so war sein Gefühl doch nicht so tief, so rein, wie das ihre. Eigentlich faßte er ihr Thun als selbstverständlich auf. Hätte ihm eine Andere nicht wirklich eine Mitgift zugebracht, und hatte ein Mann, der eine Karriere vor sich hatte, nicht alles Recht hierzu? Da kam es zuweilen vor, daß sie ihn mit Klagen und Vorwürfen über- büufte, er liebe sie weniger, als sie ihn. Da gab es manchen Streit, wie er unter Liebesleuten nichts Seltenes ist, zumal unter solchen, bei denen die Brautschaft sich allzu lange hinauszieht.
Auch hatte er bisher ja nicht das Mindeste von all' ihrer Mühe, im Gegentheil, er fühlte sich sogar in seiner Saniere gehemmt durch sie. Mißhelligkeiten dieser Art verursachten wohl, daß die Stimme seines Herzens von den Einflüsterungen des praktischen Egoismus übertönt wurden.
Wie schmerzlich fühlte sich Julie eines Tages überrascht, als zur Stunde, wo fte den Geliebten wie gewöhnlich erwartete, statt desselben ein Brief eintraf, in dem er mit
FuldlmMZeitillig
mit Nntechaltunos-Keilagr „Sterne und Slumen"._________________