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Samstag, den 28. August 1897

21. Jahrgang

MdacrWZcitilng

mit Unterhaltungs-KeUage „Sterne und Klumen".

krschnnt tLqlich Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Bierteljährlicher AbonnementspreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda «nd auSwSrtS 1 Mark 50 Pfennig. Jnjerate kosten die einspaltige Aarmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

* Endlich!

Endlich ist es gefallen das heißersehnte, bange, lange mit steigender Ungeduld immer wieder vergebens erwartete große beseligende Wort „Allianz". Die Dinge ließen sich in Petersburg zuerst recht kühl und nüchtern an. Die knappen Trinksprüche des Zaren ließen gar viel von der Franzosensreundlichkeit ver­missen, die er im vorigen Jahre in Frankreich bekundet hat; ja die Wärme des Tones blieb sogar weit zurück hinter dem, womit der deutsche Kaiser begrüßt worden war. Nicht einmal das schöne Wort „Waffenbrüder­schaft" wurde fo rasch, wie man gewünscht hatte, wiederholt. Sollten dem Lohgerber auf dem „Throne" Frankreichs denn alle Felle wegschwimmen? Sollte er die schwere Wasserfahrt mit Seekrankheit und allen ihren sonstigen Unbequemlichkeiten nur gemacht haben, um sich bei der Rückkehr von seinen getreuen Unter« lhanen auspfeifen zu lassen? Die boshaften Fran­zosen haben ihn schon vor seiner Reise reichlich mit Spott und Hohn überschüttet; was stand erst zu er­warten, wenn er ohne „Allianz" wiederkam? Man hat den Russen schon so viel Geld geborgt; sollte man nun auch noch die Reisekosten für Faure in's Wasser geworfen haben? Um sich einigermaßen zu trösten, fing ein Theil der französischen Presse an, die freundlichen Worte, die ein anderer Theil als nichts- fagende Formalitäten verhöhnte, zu drehen und zu deuteln, bis dem Sinne nach „Allianz", und naiürlich „Allianz gegen Deutschland" herauskam.

Da endlich aber noch vor Thoresschluß ertönte das wunderbare Wort aus dem Zarenmunde, zwar nicht buchstäblich als „Allianz", sondern als „alliirte Nationen", aber das ist ja dasselbe. Herr Faure hatte freilich im letzten Augenblicke auch verzweifelte Anstrengungen gemacht, um es herauszulocken. Nach­dem er an „Freude", „Dank", „inniger Freundschaft" herumgewürgt hatte, kam er kühn heraus mit „den beiden vereinten und alliirten Nationen, welche von dem gemeinsamen Ideal der Civilisation, des Rechtes und der Gerechtigkeit geleitet werden". Nachdem das Wort dem Zaren auf die Zunge gelegt war, fühlte dieser ein menschliches Rühren und sprach von den „beiden befreundeten und alliirten Nationen, welche gleichmäßig entschlossen sind, mit ihrer ganzen Macht zur Aufrechterhaltung des Weltfriedens im Geiste von Recht und Billigkeit beizutragen". Hurrah! Tusch! Tusch!

Ob das nun glücklich macht? Herrn Felix Faure ohne Zweifel! Mit zufriedenem, vergnügtem Sinn konnte er sich einschiffen, —die Reise war nicht vergeb­lich; er bringt den Franzosen das Wort „Allianz" mit, nach dem man so inbrünstig geseufzt hat. Auch die Franzosen werden glücklich sein. Sie haben jetzt ein so schönes Wort zum Spielen. Ihr Revanchedurst kann sich einmal wieder laben. Ob hinter dem Wort auch eine Sache steckt? Wenn sie sich an ihm genug ergötzt haben, werden sie fragen: Ist es denn nun auch etwas Reelles? Oder ist es eine schillernde Seifenblase? Möglich, daß Herr Faure auch die ge­schriebene Allianz schwarz auf weiß mitbringt. Nur werden die Franzosen damit nicht viel weiter kommen; denn sie verstehen unter „Allianz" ein mit feindlicher Spitze gegen Deutschland gerichtetes Bündniß. Wenn sie von einem Defensivbündniß reden und Deutschland hinstellen, als den „sprungbereiten Tiger", so ist das ebenso Heuchelei, wie ihre offiziellen Friedensversicher­ungen. Eine „Allianz" hat für sie keinen Werth, wenn sie nicht die Wiedergewinnung Elsaß-Lothringens zum Zweck hat. Die Verpflichtung aber/ ihnen dazu zu verhelfen, ist der Zar ganz gewiß nicht eingegangen. Wenn man Jnterpxetationskünste üben will, kann man das aus den Trinksprüchen deutlich herauslesen. Herr Faure ist über die „Allianz" entzückt, wegen des „ge­meinsamen Ideals der Civilisation, des Rechtes und der Gerechtigkeit." Unter „Recht und Gerechtigkeit" verstehen die Franzosen an erster Stelle die Heraus­gabe des „geraubten" Elsaß-Lothringens, und ver­stand wohl in des Herzens Kämmerlein auch Herr

Faure darunter. Der Zar aber stellt der „Allianz" als Aufgabe die „Aufrechterhaltung des Weltfriedens im Geiste von Recht und Billigkeit." Ihm ist also der Weltfrieden die Hauptsache und damit meint er es ernst, denn er liegt im Interesse Rußlands. Also die Reise des Herm Faure hat die Weltlage um kein Haar geändert, zum mindesten eher verbessert als ver­schlechtert, denn sie hat Frankreich noch fester in das russische Schlepptau verknüpft und es damit noch stärker verpflichtet, seinen Revanchesturm auf die Er- laubniß Rußlands zu stellen.

Alles in allem ist es schließlich ganz gut, daß das Wort „Allianz" endlich einmal gefallen ist. Die Franzosen haben wieder etwas, woran sie sich auf­richten und zugleich in der Geduld üben können. Die „Allianz" nöthigt sie aus Rücksicht auf ihren „Alliirten" die Befriedigung ihres Herzenswunsches zu vertagen, bis es diesem genehm ist. Je länger die heiße Rachsucht auf Befriedigung warten muß, um so mehr wird sie sich abkühlen. Ueber ein Viertel­jahrhundert hoffen und harren sie nun schon vergebens; mit der Zeit werden die Vernünftigen unter ihnen dessen müde werden und sich ins Unvermeidliche fügen. Schon jetzt lodern ja die Flammen längst nicht mehr so hoch wie noch vor einem Jahrzehnt. Die Zeil bringt neue Sorgen und neue Gedanken.

Deutsches Deich.

Berlin, 27. August.

* Ter Kaiser empfing am Donnerstag im Neuen Palais den Gesandten der Republik Chile, Francisco Antonio Pinto, in Abschiedsaudienz und darauf den neuer. Gesandten der Republ'k, Ramon Subercaseaux, behufs Entgegennahme seines Beglaubigungsschreibens. Beiden Audienzen wohnte der Botschaftern. Bülow bei.

* Durch Kaiserliche ZSeKimrnung werden alle Veteranen der Kriege von 1864, 1866 und 1870/71 die Hundertjahrdenkmünze erhalten.

Der König von Siam ist am Donnerstag Abend auf dem Bahnhof in Potsdam eingetroffen. Zu feinem Empfang war der Kaiser mit den in Pots­dam wohnenden Prinzen des königlichen Hauses und den dort garnisonirenden Prinzen aus souveränen deutschen Fürstenhäusern erschienen. Außerdem waren der Kriegsminister und der Chef des Generalstabs Graf v. Schlieffen mit den Offizieren des Haupt­quartiers anwesend. Vom Bahnhof begab sich der Kaiser mit seinem Gaste zu dem Stadtschloß, woselbst um 8 Uhr ein Souper stattfand. Heute Morgen legte der König von Siam im Mausoleum bei der Friedens­kirche einen Kranz am Sarkophage Kaiser Friedrichs nieder. Hierauf wohnte der König mit den siamesi- fchen Prinzen einem Exerziren des Lehrinfanterie- Bataillons vor dem Neuen Palais bei, an welches sich eine kurze Gefechtsübung anschloß. Der König fuhr später nach Glienicke, wo er dem Prinzen Friedrich Leopold einen Besuch abstattete. Mittags traf der König von Siam in Berlin ein, wo im Königlichen Schloß zu Ehren desselben eine Frühstückstafel statt­sand. Nachmittags fand an der Siegessäule ein Vorexerziren der Feuerwehr vor dem siamesischen Könige statt.

* Dem Reichstag ist eine Petition von einer Anzahl kaufmännischer Vereine zugegangen, welche darum ersucht, dem Anträge der Budgetkommission auf Beschränkung der Einsendungen an Sonn- und Festtagen die Zustimmung zu versagen.

* Zwischen der deutschen «nd chinesische« Re­gierung sollten nach einer aus England stammenden Nachricht Verhandlungen schweben mit dem Ziele, deutsche Offiziere für die Leitung der chinesischen Armee und Marine zu gewinnen. Wie die ,Nordd. Allg. Ztg/ offiziös meldet, ist an zuständiger Stelle von derartigen Absichten, sei es der deutschen oder der chinesischen Regierung, nichts bekannt.

* Im Reichs Rokamt ist man, wie die ,Post" vernimmt, zur Zeit damit beschäftigt, Erhebungen über die Einführung sog. Kartend riefe anzustellen.

* Die Ausführuugs - Mekimmungeu zum Kaudwerkergesetz werden gegenwärtig im Reichs­amt des Innern ausgearbeitet, so daß sich der Bundes­rath sogleich nach seinem Zusammentreten mit den­selben befassen kann. Dem um das Gesetz verdienten Geh. Oberreg.-Rath Dr. Wilhelmi im Reichsamt des

Innern ist der Württembergische Friedrichsorden II. Kl. verliehen worden.

-|- Auf den Antrag Kauitz setzt der Bund der Landwirthe noch immer seine Hoffnung. Die,D. Tages- ztg/ bespricht in einem längeren Artikel die gegen­wärtige Preissteigerung des Getreides. Sie warnt davor, hieraus zu günstige Rückschlüsse auf die Lage der Landwirthschaft zu ziehen. Namentlich drohe vom amerikanischen Getreide Gefahr für unsere Produktion. Diese Gefahr veranlaßt das Blatt zu der Frage, warum die «deutsche Regierung zögere, die Getreide­zölle gegen die Vereinigten Staaten wesentlich zu er­höhen. Nachdem die ,D. Tagesztg/ die gegenwärtige Hebung der Getreidepreise zum Theil auf das Verbot des Terminhandels zurückgeführt hat, schließt sie ihren Artikel mit folgendem Räsonnement: „Alle diese Er­fahrungen aber werden den weitesten Kreisen die Ueberzeugung aufdrängen, daß durch irgend welche gesetzgeberische Maßnahmen die Getreidepreise dem wilden Spiele entzogen und die Getreideeinfuhr auf das nothwendigste Maß beschränkt werden müsse, nicht nur im Interesse der Getreideerzeugung, sondern auch in dem der Getreideverbraucher. Vielleicht ist die Zeit nicht allzu fern, wo die Nothwendigkeit solcher Maß­nahmen vom Getreideverbraucher viel lautef betont werden wird, als vom Getreideerzeuger. Daß das Ziel des sogen. Antrages Kanitz auf irgend welchem Wege erreicht werden müsse, wird bald auch von denen erkannt werden, die ihn als „gemeingefährlich" zu bezeichnen wagten."

ft Die Königsberger Anordnung betr. die russische Heflügekeinfuhr soll nach einer Blätter­meldung deswegen abgeändert worden sein, weil der Landwirthschaftsminister unterlassen habe, die erfor­derliche Zustimmung des Reichskanzlers bezw. seines Stellvertreters einzuholen. Diese Nachricht klingt wenig glaubhaft. Von anderer Seite wird die aller­dings nahe liegende Vermuthung ausgesprochen, daß Rücksicht auf die russische Freundschaft die Aufhebung der Quarantäne veranlaßt habe. Eine solche Rück­sicht findet die ,D. Tagesztg/ unverständlich; unter Bismarck, meint sie, wäre so etwas trotz seiner Freund­schaft mit den Russen nicht möglich gewesen. Vor­läufig will das Blatt an die Zuverlässigkeit dieser Nachricht nicht glauben; damit aber den Vermuthungen ein Ende gemacht werde, richtet es nochmals an die Regierung den Appell, die Gründe der Aufhebung zu veröffentlichen.

* Zur Ka1hokike«versammk««g i« Lands- Hut wird der ,@ermania' geschrieben, daß seit gestern Morgen schon 900 Anmeldungen vorliegen. An An­trägen sind über 30 gestellt. Die Rednerliste ist ab­geschlossen und bereits für die einzelnen Tage fest- gestellt. Die Rede über die römische Frage wird am zweiten Tage gehalten werden. Die Resolution ist schon im Juli eingebracht worden und von Graf Hompesch, Dr. Lieber, Frhr. v. Heeremann, Dr. Porsch, Gröber, Dr. Orterer, Dr. Schädler, Dr. Pichler, Bachem und Graf C. v. Preysing beantragt. Auch über den Antrag zur Präsidialfrage ist bereits Be­schluß gefaßt. Die sämmtlichen Anträge werden Montag früh bereits gedruckt vorliegen. Das Hoch­amt wird Montag der Erzbifchof von München in St. Martin, Dienstag der Münchener Abt v. Zenetti (St. Bonifaz) in St. Jodok halten. Der Bau der Halle wurde für vorzüglich erklärt, die nothwendigen Sicherheitsmaßregeln für gut befunden. Die Halle selbst enthält eine Restauration größeren Stils und ist nach Außen mit einem luftigen Zelte in Verbindung gesetzt, so daß auch bei Regen der Aufenthalt in frischer Luft ermöglicht ist. Die Generaldirektion der bayerischen Staatseisenbahnen hat eine Anzahl Extra­züge, unter anderen von Regensburg und Landau a. I. genehmigt.

* Ueber die Veranlassung des Besuchs des Staats­sekretärs Girpitz Beim Iürste« AismarcK waren in der Presse allerlei Vermuthungen angestellt worden. Jetzt meldet der ,Hamb. Courier" aus Kiel, daß der erstklassige Kreuzer „Ersatz Leipzig" auf den Namen des Fürsten Bismarck getauft werden solle, und daß Admiral Tirpitz bei seiner Reise nach Friedrichsruh vom Kaiser den Auftrag gehabt habe, den Fürsten Bismarck zu dem Stapellaufe diefes Schiffes einzu­laden. Fürst Bismark soll der Einladung entsprechen wollen.