M 190 Samstag, den 21. August 1897. 24. Jahrgang
Fuldaer MZkitnng
mit NnterhaLtungs-Krilage „Kternr und Kluwen".
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Zweite» Klatt. *
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Wie weine Tante vom Reisefieder irurirt wird.
Eine lustige Geschichte von PH. v. Weißenfels.
„Hast Du eine Tante, lieber Freund?" „Gewiß; denn wer sollte in unseren Zeiten nicht eine Tante haben!"
„Aber ob Deine Tante so eine Tante ist, wie meine Tante, möchte ich stark bezweifeln."
„Meine Tante — Gott hab' sie selig — war eine gute Tante; als Beleg dafür mögen Dir 24 Strumpfschäfte dienen, die sie mir seinerzeit gestrickt hat und deren Vigognewolle noch heute tadellos ist. Auch sparsam war sie, das können die Dankeszähren Dir verrathen, die ihre vier Schwefter- kinder zu vergießen pflegen, so oft im Familienkreise ihr Name genannt wird; wurde doch jedes von ihnen nach ihrem Tode um 25000 Mark reicher. Auch stets gesund und munter war die gute, sparsame Tante. Schau' Dir das Bild an, welches vor mir auf dem Schreibtisch steht. Aber ich will nicht lügen, bester Freund! Ein Leiden kehrte bei ihr unter Umständen immer wieder — das Reisefieber. Wenn meine Tante sich einmal — was freilich äußerst selten geschah — entschloß, ihr gemüthliches Heim in G. zu verlassen und nur in die Vetternstraße zu wandeln, so setzte schon dieser Gedanke allein sie in eine fieberhafte Erregung. Noch an demselben Tage begann sie ihre Kleider, etwa 10 an der Zahl, in den Reisekorb zu packen; nur das Einfachste behielt sie für die Reise zurück: ein einfaches Lüsterkleid von anno dazumal. Nicht minder antik war der Kapothut, den sie bei dieser Gelegenheit zu tragen pflegte. Ganz bedenklich aber zog sie die Aufmerksamkeit ihrer Mitmenschen auf sich durch einen einst schwarz gewesenen Shawl, den sie „zum Schutze" malerisch um sich zu werfen pflegte. Ich glaube, bester Freund, Du hättest sie in diesem Anzuge als Tante verleugnet, sogar als vielversprechende Erbtante.
In diesem Anzuge stand Tante Rieckchen eines Tages
r^Aus dem Jahresbericht der Hanauer Handelskammer für 1896.
xv.
Der Handelskammer waren aus dem Kreise Schlüchtern Mittheilungeu über vielfach mißbräuchliche Ausnutzung der in der Proviantamtsordnung vom 9. Februar 1893 enthaltenen Bestimmung unterbreitet worden, daß die Proviantämter Verpslegungs- mittel, welche im Inlands erzeugt werden, so weit irgend thunlich von Produzenten kaufen müssen. Eine Notiz darüber war in verschiedenen Zeitungen von privater Seite veröffentlicht worden. Der Herr Kriegsminister ordnete darauf nähere Informationen bei der Handelskammer durch den Vorsitzenden des Proviantamtes der Hanauer Garnison an. Letzterem wurden die betreffenden Akten zur Verfügung gestellt.
In den uns unterbreiteten Mittheilungen war eine Reihe von Fällen namhaft gemacht worden, in denen Landwirthe bei Händlern Getreide aufgekauft hatten, um es bei Proviantämtern als Maare, die im eigenen landwirthschaftlichen Betriebe erzeugt sei, abzusetzen. Der Erfolg der Vorschrift der Prooiant- amtsordnung war somit nur der, daß statt des einen Zwischenhandels ein doppelter sich einführte, durch den sich die Bezüge des Proviantamtes selbstredend vertheuern. Kann eine Vorschrift zu diesen Konsequenzen führen, so dürfte darin der beste Beweis für ihre Unzweckmäßigkeit liegen, abgesehen davon, daß es von dem berufsmäßigen Zwischenhandel als ungerecht empfunden wird, wenn ihm, der seine Steuern für seinen Betrieb an den Staat wie jeder Landwirth entrichtet, von den Behörden selbst das Geschäft erschwert wird. Wie auch schon von anderer Seite befürwortet worden ist, so halten auch wir es für eine Forderung nicht nur aus Gründen der Billigkeit, sondern auch aus Gründen wirthschaftlichen Interesses im allgemeinen, „daß die Proviantämter angewiesen werden, entweder auf dem Wege öffentlicher Ausschreibung Lieferungsanerbietungen einzufordern, oder freihändig da zu kaufen, wo sie am besten und billigsten bedient werden."
** Ais den ÄmdeMchern der W«.
Von Fr. Henze.
3 ------ (Nachdruck verboten.)
Es ist daher auch natürlich, wenn der Rhönwanderer den Wunsch „Auf Wiedersehn!" heimwärts trägt. Es ward geschrieben:
Der Winter naht, Die Schneegans zieht, Drei Bursche fingen Ein heimathlich Lied.
Die Gläser erklingen, Ade! liebe Rhön!
Bis Sonnenwende!
Auf Wiedersehn!
* * * Milseburg, 910t). 1885.
Ich komme wieder
Und schaue nieder Ins Rhöner Land; Mein Wort zum Pfand!
Kreuzberg, 3. Sept. 1891.
* ♦ *
Wenn der Jude nicht mehr handelt, Wenn die Milseburg von dannen wandelt. Wenn in der Ulster fließet goldner Wein, Dann hör ich auf, ein Freund der Rhön zu sein.
Milseburg, 20. Juni 1896.
Es zogen zwei munt're Gesellen Auf die Berge der herrlichen Rhön, Sie ließen dem Herzen entquellen: O Welt, wie bist du so schön!
Wir Menschen wissen nicht weiter,
Was bringet der kommende Tag, Doch so's Gott will, sehn fröhlich und heiter Wir wieder das gastliche Dach.
Lammersfeld, 1: Oktober 1895.
Pfingstfahrt.
Als die heiligen Tage der Pfingsten gekommen. Da haben zu fünft wir Reißaus genommen.
Hinaus in die Berge, — die Brust ist so matt, Ade, mein Würzburg, du l—iebliche Stadt!
Der Führer, der war in der Rhön bekannt. Als Rhöntroubadour allerorten genannt, — Doch bewahr mich der Herr in Gnaden davor. Noch öfter zu führ'n solch' gemischtes Corps.
Der zweite, der trug einen geistlichen Frack, Das Brevier trug er gar sorgsam im Sack, Oft zog er's herfür, ging fürbaß allein Und schaute andächtig per Zwicker hinein.
Der dritte besaß ein freches Maul, Im Essen und Trinken war er nicht faul; Er pflegt seines Leibes, er schreit, räsonnirt Und öfters des Tages er sich wäscht und frisirt.
Der vierte ein Jüngling mit lockigem Haar, Ein großer Verehrer von „Käseblaaz" war; L In Dipperz, wo Niemand es ihm verwehrt. Da hat er der Stücke wohl sechse verzehrt.
Den fünften streich' ich vor Allen heraus. Er war sehr solid, denn die Frau zu Haus
vor uns und setzte uns auseinander, daß es höchste Zeit zum Gehen sei. Sie wbllte weiter reisen nach Z. zu Schwester Minna, und hatte auf unsere Vorstellungen, daß der Zug erst in einer Stunde abfahre, nur ein mechanisches „Höchste Zeit!" zu erwidern. „Liebe Kinder," sagte sie schließlich, als auch meine Frau sie dringend bat, die letzte Stunde lieber im traulichen Heim zuzubringen, als in dem luftigen Bahnhofgebäude, „liebe Kinder, laßt es gut sein! Hab' herzlichen Dank, mein bestes Aennerle, für die erwiesene Gastfreundschaft, Du bist ein Prachtweib! Gratulire Dir, lieber Edwin, zu solcher Hausfrau! Ich habe innerhalb der acht Tage, wo ich bei Euch war, die feste Ueberzeugung gewonnen, daß Ihr zusammen paßt. Glück auf denn, Ihr jungen Leutchen, laßt es Euch gut gehen! Auf Wiedersehen im nächsten Jahre!" Damit drückte sie meiner Frau einen kräftigen Kuß auf die Lippen, schüttelte ihr mit Thränen in den Augen die Hand und griff zum Koffer, der reisefertig in einer Stubenecke stand. Diese energische Handbewegung überzeugte mich, daß Tante Rieckchen nicht länger zu halten war. Eiligst schlüpfte ich in den Ueberzieher, nahm ihr, da unsere Magd verhindert war, den zentnerschweren Koffer ab, in dem sich eine Fleischmaschine und eine Küchenwaage für Schwester Minna befand, und begleitete sie nach dem Bahnhofe. Unterwegs setzte mir die Tante die Gründe auseinander, die sie veranlaßten, so früh wie möglich auf der Bahnbildfläche zu erscheinen.
„Höre, lieber Edwin, wie's mir vor zwei Jahren ergangen ist; wäre ich zur rechten Zeit auf den Bahnhof gegangen, so hätte ich mir manche Unannehmlichkeit, manche Schreiberei erspart. Ich war also damals auf der Reise wie heute, war in O. Bei Albrechts abgestiegen, hatte ich bei ihnen vier Tage zugebracht und wollte weiter reisen. Wie ich eine Viertelstunde vor Abgang des Zuges mit Vetter Robert auf dem Bahnhofe ankomme, durchfährt mich plötzlich wie ein elektrischer Funke der Gedanke: mein Gott, wo hast du dein Rundreisebillet? Ich halte auf Zureden der Else
Ermahnt', als sie gab zum Abschied die Hand: „Mein Alter, sei brav und mach mir kein' Schänd!"
Doch trotz all dieser verschiedenen Sitten Waren wir in pleno gar wohl gelitten. Man pflegte uns sorglich bei Tag und bei Nacht Und hat bei der Rechnung uns glimpflich bedacht.
Drum eh' wir nun scheiden aus diesem Revier, Hab Dank, liebe Rhön, für solches Pläsier! Und geht es auch wieder zur Stadt zurück, Schaut oftmals zu dir unser sehnender Blick.
Abtsroda, 20. Mat 1877.
* * *
Der „Rhöntroubadour", Professor L. Höhl zu Würzburg, ein Rhöner Kind, war einer der besten Kenner, ein begeisterter und begeisternder Sänger der Rhön; den Ehrennamen „Rhöntroubadour" trägt er mit Recht. Er starb am 1. März 1896 als Pfarrer zu Ebern. Im Fremdenbuch des Klosters Kreuzberg ward ihm folgender Nachruf gewidmet:
Leopold Höhl.
Leise ist des Sängers Lied verklungen, Hiner goldnen Harfe Saite riß entzwei;
Hhr und Herz hat er uns stets bezwungen, 'Kreisend, was die Seele adelt, fest und treu.
Hb der Heimath Berge dein vergessen?
Land und Leute, die dein Mund so schön besang?
Die dein Denken, Lieben ungemessen Aimmelaufwärts hob durch deinen Liedesklang?
H, so lang von Kreuzbergs Höhen wehen
Hisig oder lind die Lieder der Natur:
Aallen auch durch Wälder, Fluren, Seen Laute Abschiedsgrüße ihrem Troubadour!
Kreuzberg, 10. April 1896.
* » *
Lebt wohl, ihr Berge, hoch und schön, Gern werd ich euer gedenken. Denn von euren klaren Höhn Die Schritte ich abwärts muß lenken.
Wasferkuppe, Juni 1881.
* ♦ *
Traute Rhone, deine Thäler Will ich immerdar besingen, So lang noch aus meiner Kehle Sang und Liedeston mag dringen.
Deine Berge zu besteigen. Alle Jahre will ichs wagen; Bis man meine müden Glieder Wird zur letzten Ruhe tragen.
Dammersseld.
* * ♦
Auch den einzelnen Bergen der Rhön wird manch warmes Wort gewidmet.
Wiksevurg.
Wit Müh' stieg ich auf in Nebelgrau, In Sturm und Wettergebrause;
Lacht spärlich mir auch des Himmels Blau
So fühl ich mich dennoch zu Hause.
Hin lieblicher Anblick: im neuen Gewand
Klickt freundlich und schmuck die Kapelle klein, —
And die gastliche Hütte sogleich zur Hand —
Auf ich getrost in die Thale hinein:
Hott grüß'dich, Gott schütz dich, mein Rhönerland!
Milseburg, 4. Ottober 1893.
mein Lüsterkleid in den Reisekorb gepackt, denn die Kinder meinten, es sei zu dünn für die kühle Jahreszeit und für die weite Reise bis zu meinem nächsten Ziel, M. In diesem Lüsterkleid befand sich mein Rundreisebillet, und ich stand da, verrathen und verkauft. Ich eilte zur Güterexpedition: der angegebene Korb war vor einer Stunde mit dem Güterzuge abgegangen. Siehst Du, Edwin" — schloß die in Erregung gerathene alte Dame ihre Auseinandersetzung — „jene traurige Erfahrung hat mich in meinem Vorsatze bestärkt, in Zukunft so früh wie möglich zur Stelle zu sein."
Bei diesen letzten Worten drang der Pfiff einer Lokomotive zu unseren Ohren.
„Mein Gott, Edwin, der Zug ist da," rief in fieberhafter Angst die gute Tante und schlug ein Tempo an, das einem Lieutenant der italienischen Bersaglieri Ehre gemacht hätte. Dabei rannten ihr perlende Schweißtropfen über das puterrothe Gesicht, und ihre Stimme war dem Weinen nahe, als sie Hervorstöhnte: „Ach, Edwin, ich bleibe sitzen."
„Liebste Tante," erwiderte ich besänftigend, „sei unbesorgt ; wir haben noch dreiviertel Stunden Zeit, bis der Zug nach M. geht."
Da ertönte ein zweiter Pfiff.
„Mein Gott, er geht ab," pustete sie hervor und schlug Marsch-Marsch-Tempo an.
Als wir aber auf der sogenannten Dreierbrücke angelangt waren, die einen Ausblick auf den Bahnhof gewährte, bemerkte die fieberkranke Tante einen Zug, offenbar wars ein Güterzug, und nun gings im Sturmschritt über die Brücke; all mein abmahnend Rufen war vergeblich.
„Ich bleibe sitzen," hörte ich sie hervorstöhnen, und es war mir unmöglich, mit der Kofferlast im Arme ihr zu folgen.
„Billet lösen," rief sie mir, sich nach mir umwendend, mit thränenerstickter Stimme zu
Ich mußte wohl oder übel auf alles eingehen und wandte mich dem Bahnhofgebäude zu, während sie auf den Zug los-