Samstag, den 21. August 1897
21. Jahrgang
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vor uns. Da ist es ganz unmöglich, daß Herr Tirpitz feine „Gedanken" dem Lande verheimlichen könnte.
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Erstes Klatt.
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mit Unterhaltnngs-Keilagr „Sterne und KInme««.
* Die „Marinegedanken"
der ,Nordd. Allg. Ztg/ haben bekanntlich nirgen Anklang gefunden; auch bei den Nationalliberalen und Freikonservativen nicht.. Was die Konservativen davon halten, hat ihre Presse vorläufig verschwiegen; in diesem Falle ist aber Schweigen ebenfalls eine Antwort. Die landbündlerische Kommandite hat es mit den Nationalliberalen und den Freikonservativen gehalten. Welcher offiziöse Werth den „Marinegedanken" zuzu- fchreiben war, weiß man nicht. Da aber die Marineverwaltung sich neuerdings ein eigenes Preß-Departement zugelegt hat, war die Vermuthung berechtigt, daß man hier sein Debüt zu begrüßen habe. Wenn dies stark mißglückte, so kann dies die Vermuthung nur bestärken, denn die Offiziösen haben von jeher Hervorragendes im Ungeschick bei der Vertheidigung von Regierungsgedanken geleistet. Die ,Nordd. Ällg. Ztg/ hat bis jetzt zu aller Kritik ihrer „Anregung" geschwiegen, was gleichfalls darauf hindeuten könnte, daß sie ihr „eingesandt" war und sie aus eigener Vollmacht den Handschuh nicht aufzuheben wagte. Heule endlich bricht sie „dies räthselhafte Schweigen", aber nur um ein paar Verwahrungen einzulegen, die sie getrost auf eigene Faust wagen konnte. Sie bestreitet, die Absicht der Regierung kundgegeben zu haben, das Etatsrecht des Reichstags einzuschränken durch die Forderung großer Pauschalquanten für die Schiffsneubauten auf mehrere Jahre im voraus. In der That hat sie sich gehütet, von einer solchen Absicht der Regierung zu sprechen. So fällt man doch nicht mit der Thür ins Haus. Auch darin hat sie recht, daß sie nicht für ein Marine-Septennat plaidirt hat. Aber sie hat doch dieses Septennat als das „Ideal" bezeichnet und die Bewilligung von Pausch- quanten zu Schiffsneubauten für mehrere Jahre befürwortet; ob das gerade sieben sind, ist Nebensache.
Für uns wäre die Hauptsache, zu wissen, ob der Artikel „Gedanken" die Marineverwaltung wiedergibt oder nicht. Sollte die ,Nordd/ sich auf ein fo heikles Gebiet ohne alle Führung gewagt haben? Das glaubt man nicht leicht, zumal da man weiß, daß die Marineverwaltung sich mit großen Plänen trägt und nicht in dem bisherigen Geleise fortfahren will. Darum hat ja gerade Herr Hollmann gehen müssen, weil man mit der bisherigen Art des Flottenausbaues nicht mehr zufrieden war und Hollmann die neuen Pläne nicht verwirklichen konnte. Mit „diesem" Reichstage wird auch Herr Tirpitz nichts ausrichten, wenn er von dem „Kämpfen und Feilschen um jedes einzelne neue Schiff" nichts hören und mit dem, was er haben kann, nicht zusiieden sein will. Sollte das „Pauschquantum" oder etwas ähnliches als Wahlparole von ihm gedacht sein, so wird er inzwischen wohl durch denZ Widerspruch aus dem Kartelllager belehrt morden sein, daß diese Parole eine unglückliche wäre. Wir glauben kaum, daß eine Kartellmehrheit sich gegen ein Pauschquantum allzu sehr sträuben würde; jedenfalls würde sie für neue Schiffe so großmüthig bewilligen, daß die Marineverwaltung kein Pauschquantum mehr zu wünschen brauchte. Wenn Nationalliberale und Freikonservative jetzt das Marine-Septennat so bestimmt abweisen, so geschieht es vorwiegend aus Furcht, die Regierung möge ihnen mit solchen „Gedanken" die Wahlen verdecken. Sie sehen in dem Artikel der ,Nordd/ vor allem einen „politischen" Fehler; die Sache ist ihnen nicht so zuwider.
Jndeß man vertusche und verschleiero so viel man will, es wird unmöglich sein, die Wähler darüber zu täuschen, daß die Wahlen ein Plebiszit über die uferlosen Flottenpläne bedeuten. Wahrscheinlich wird aber die Regierung den Kartellparteien den Gefallen des Verschleierns gar nicht thun. In einer großen Täuschung über die Stimmung der Bevölkerung befangen, wird man vielmehr dort, wo die kostspieligen Pläne gehegt werden, die Marineflagge recht demonstrativ heraushängen in dem Glauben, das Volk werde ihr in halben Haufen zuströmen. Ueberdies haben wir noch eme Reichstagssession mit einem Marineetat
Deutsches Keich.
Berlin, 19. August.
* Der Kaiser empfing gestern Vormittag im Schloß Wilhelmshöhe den Chef des Civilkabinets Wirk! Geh. Rath v. Lucanus und den Staatssekretär des Reichsmarineamts Contreadmiral Tirpitz zum Vortrage.
* Der deutsche Kaiser hat dem deutschen Alexander-Hospital in Petersburg 2000, den beiden Reichsvereinen 1000, dem Verein „Palme" 500, dem Stadthauptmann für die Armen Petersburgs 3000 und der „Englischen Schule", in der Kinder von hilfsbedürftigen deutschen Reichsangehörigen erzogen werden, 500 Rubel überweisen lassen.
* ^rirrz Keinrich ist vom Kaiser unter dem gestrigen Datum zum Inspekteur der 1. Marine-Inspektion Kiel ernannt; das bisher vom Prinzen geführte Kommando der 2. Division des 1. Geschwaders hat Kondre-Admiral Bendemann erhalten. Kapitän zur See Schuckmann ist zum Kommandanten von Helgoland ernannt.
* Dec Polizeipräsident v. Mirrdyeim hat, da wiederholt über unerhebliche Uebertretungen Strafanzeigen erstattet wurden, denen offenbar eine amtliche Verwarnung durch die Polizeiorgane nicht vorangegangen war, die Beamten der Schutzmannschaft darauf hingewiesen, daß sie nicht glauben sollten, ihre Tüchtigkeit durch möglichst viele Anzeigen von Uebertretungen beweisen zu müssen, sondern daß sie das Publikum zuvörderst möglichst vor Gesetzesverletzungen zu warnen und von solchen zurückzuhalten und erst dann zur Anzeige zu schreiten hätten, wenn ihre Warnung unbeachtet gelassen würde oder wenn sie auf Böswilligkeit stießen.
* Das Staatsministerium hat, wie die,PosU vernimmt, am Donnerstag namhafte Unterstützungsbeträge für die Wasserbeschädigten zu bewilligen beschlossen. Nachdem jüngst Kommissare der bethei- ligten Ressorts sich in Schlesien persönlich orientirt haben über die dortige Nothlage, deren Linderung und Vermeidung für die Zukunft, sollen, wie die ,Nordd. Allg. Ztg/ vernimmt, in nächster Zeit zu dem gleichen Zwecke Kommissare die Provinz Brandenburg bereisen. Namentlich kommen hierbei die Kreise Kottbus, Sorau, Guben und die Stadt Forst in Betracht.
_* Abermals wird von einem öevorstehende» Rücktritt des Reichskanzlers gemunkelt. Nach in Wien eingetroffenen Privat-Nachrichten aus Petersburg soll der deutsche Reichskanzler Fürst Hohenlohe bei seiner Anwesenheit daselbst verschiedenen Personen gegenüber kein Hehl daraus gemacht haben, daß er nicht gesonnen sei,, die schwere Bürde des Reichskanzleramtes noch länger zu tragen. Die Nachricht klingt nicht unwahrscheinlich; hieß es ja schon vor längerer Zeit, Fürst Hohenlohe werde im Herbst resp. nach dem Besuch in Petersburg zurücktrelen.
ti Der Kultusminister hat, um die Direktoren - Versammlungen durch Beseitigung belastenden Beiwerks fruchtbarer zu gestalten, bestimmt, daß diese Versammlungen künftighin statt alle 3 Jahre alle 4 Jahre abzuhalten sind, und zwar in solchen Jahren^ in welchen keine Verwaltungs-Berichte fällig sind. Für jede Versammlung hat das Provinzial- Schulkollegium zu schriftlicher Vorbereitung in der Regel nicht mehr als zwei bestimmt begrenzte Aufgaben von praktischer Bedeutung zu stellen, bei bereit" Auswahl unter Beibehaltung des bisher üblichen Verfahrens ihm die Berücksichtigung der etwa von den Lehrerkollegien ausgehenden Vorschläge überlassen bleibt. Das Provinzial - Schulkollegium darf auch eine beschränkte Zahl von Fragen des Schuldienstes für eine bloß mündliche Erörterung der Direktoren-Versamm- lung vorlegen. Dem Kultusminister bleibt vorbehalten, seinerseits Themata zu schriftlicher oder mündlicher Behandlung zu stellen.
* Wege-, derSchukentkastung von Disstdeuteu- kirrdern hat der Kultusminister aus Anlaß eines Spezialfalles erklärt, daß er es nicht für angemessen erachte, die Kinder, deren Eltern aus der Landeskirche ausgetreten sind, lediglich wegen mangelnder Kenntniß
in der Religion wider den Willen der Eltern in der Schule über das sonst vorgeschriebene Alter h naus zurückzuhalten.
* Betreffend die staatliche Schulaufstchl über den schulplanmäßigen Religionsunterricht in konfessionell gemischten Schulen hatte der Kultusminister zu Ende vorigen Jahres in einem Erlaß bestimmt, daß, wenn ein Ortsschulinspektor dem geistlichen Stande angehöre, er sich auf die Beaufsichtigung des Unterrichtes in der eigenen Konfession zu beschränken und statt seiner für die andere Konfession der Kreisschul- mspektor einzutreten habe. Im Falle auch dieser Geistlicher sei und derselben Konfession, wie der Ortsschulinspektor angehöre, habe der Departements-Schulrath emzutreten. Eine Regierung hatte diese Verfügung dahin ausgelegt, daß, wenn der Departements-Schulrath eintrete, dieser der andern Konfession angehören müsse. Diese Deutung ist nach einer Entscheidung des Ministers unrichtig. Er erklärte, die Verfügung habe nur den Zweck gehabt, für den Fall, daß der Orts- bezw. Kreisschulinspektor Geistlicher sei, konfessionelle Beunruhigungen fzu vermeiden. Die Konfession des Departements - Schulrathes könne aber für die Ausübung eines Theiles des staatlichen Aufsichtsrechtes ebenso wenig bestimmend sein, wie sie es grundsätzlich in der Orts- und Kreisinstanz bei denjenigen Aufsichts- Beamten fei, welche nicht Geistliche seien. Hier müsse vielmehr an den Takt des staatlichen Beamten der Anspruch gestellt werden, durch ein den Umständen entsprechendes Auftreten konfessionelle Konflikte, soviel an ihm sei, zu vermeiden.
Abermals beschäftigte sich eine ganze Anzahl politischer Blätter mit der Angelegenheit ZSismarck- Windthsrst, d. h. mit dem Thema, was den Sturz Bismarcks als Reichskanzler herbeigeführt habe. Wie erinnerlich sein wird, wurde Bismarck als Kanzler entlassen, weil er, ohne den Kaiser, der schon damals der eigentliche Leiter der ganzen Politik war, zu fragen, mit Dr. Windthorst eine längere Konferenz unter vier Augen gehabt hatte. Was die beiden damals verhandelt haben, darüber ist bis jetzt nie etwas Genaues in die Oeffentlichkeit gedrungen. Die,Münch. Allg. Ztg/ deutet aber an, daß es sich um den Versuch gehandelt habe, das Centrum oder wenigstens die adeligen Mitglieder der Centrumsfraktion ins Re- gierungsfahrwaffer zu bringen. Wenn das richtig ist, so kann dieser Versuch nur von der Regierung ausgegangen sein, denn Windthorst hatte kein Interesse daran, das Centrum zu zersplittern, er war vielmehr darauf bedacht, dasselbe zu stärken. Also diese Annahme ist hinfällig. Aber auch die folgende ist nicht haltbar: Windthorst habe einem Komplotte zum Sturze Bismarcks angehört. Thatsache ist nur, daß Dr. Windthorst den Fürsten Bismarck um eine Unterredung ersucht hat, daß dieselbe stattgefunden hat, und daß der Kaiser deswegen gegen den Reichskanzler so aufgebracht war, daß er ihn nach einem heftigen Wortwechsel entließ. Wenn nun der Bismarckpreffe jetzt auf einmal so viel daran gelegen ist, zu erfahren, was Dr. Windthorst und Bismarck damals mit einander verhandelt haben, so mögen sie doch in Friedrichsruh anfragen. Der Alte fühlt ja noch oft das Bedürfnis, frei von der Leber weg zu sprechen, er wird dann gewiß auch über seine Konferenz mit Dr. Windthorst reinen Wein einschenken. Sollte er aber dabei nicht strikte bei der Wahrheit bleiben, so werden sich sofort Männer erheben, welche ihn an Hand von Aufzeichnungen, welche Dr. Windthorst über jene Unterredung mit dem Fürsten Bismarck hinterlassen hat, korrigiren werden. Das weiß vermuthlich Bismarck selbst, und darum hat er sich bis jetzt wohlweislich gehütet, ein unwahres Wort oder überhaupt ein Wort über die für chn so folgenschwere Konferenz mit dem verstorbenen Centrumsführer laut werden zu lassen.
* Die Betheiligung der Soziakdemokrateu a« de« pre«tzischen Kandtagswahke« jagt den Konservativen nach der etwas renommistischen Versicherung der ,Kons. Korr/ keine Furcht ein. In konservativen Wahlkreisen sei sie nicht zu befürchten und der demagogischen Agitation werde man Herr zu werden wissen. Allerdings in diesen meist ländlichen Wahlkreisen ist die Sozialdemokratie noch nicht stark genug und die Oeffentlichkeit der Stimmabgabe würde hier für einen Sozialdemokraten ein Spiel um sein Brod bedeuten. Es wird darum ja auch