M 185 Montag, den 16. August 1897. 24. Jahrgang
FiildaerMZeitliiig
mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne und Klumen".
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«r Die „Sammlung der Parteien"
will noch immer keine Fortschritte machen, wiewohl doch so unendlich viel darüber geredet und geschrieben wird. Im Gegentheil, man kommt immer weiter auseinander, vielleicht gerade wegen dieses vielen Redens und Schreibens. Der,Reichsbote' meint deshalb schon, es sei überhaupt ein Fehler von Herrn v. Miquel gewesen, die Parole des Sammelns gerade jetzt auszugeben. Er hätte bis nach den Wahlen warten sollen; jetzt bringe die Debatte nur Zwietracht. Bis zu den Reichstagswahlen ist noch fast ein Jahr, und schwerlich wird dann Alles so heiß gegessen werden, wie es jetzt gekocht wird. Die alte Gewohnheit, persönliche Verhältnisse und Einflüsse werden an manchen Orten manche wieder zusammenführen, die sich jetzt bitter befehden. Der allgemeine Zug indeß wird, wenn nicht inzwischen Wunder geschehen, der starke Zug nach links sein, der sich schon bei den Nachwahlen der letzten Zeit bemerkbar gemacht hat. Vereinzelte, auf die Centrumspresfe scheltende Stimmen aus dem katholischen Lager werden es nicht zu hindern vermögen, daß auch in der Centrumspartei sich dieser Zug geltend macht. Die Wählerschaft des Centrums wird sich daran nicht beirren lassen durch den Hinweis, daß uns mit den Konservativen die christliche Weltanschauung verbinde, während uns alle unsere Grundsätze von dem Liberalismus trennten. Es handelt sich in der Politik gegenwärtig nicht um die Weltanschauung, sondern um sehr materielle Dinge, und wenn die Konservativen da rücksichtslos Forderungen und Bestrebungen vertreten, die wir für »vereinbar halten mit den Interessen der Gesammtheit, so werden wir ihnen unbedingt entgegentreten. Wer sich zu dem Stichwort des Sammelns bekennt, der muß doch wohl vor allem auf die Befeitigung alles dessen hinwirken, was die Gegensätze hervorgerufen und verstärkt und damit das Sammeln verhindert hat. Dem Centrum wird Niemand nachsagen können, daß es durch extreme und einseitige Forderungen die anderen abgestoßen habe. Wer uns freilich ä Ia,Reichsbote' deshalb die Existenzberechtigung und Bündnißfähigkelt abspricht, weil wir „ultramontan", d. h. katholisch sind, mit dem rechten wir nicht. Mit Fanatikern ist keine vernünftige Politik zu treiben. Im Uebrigen ist gerade die Centrumspartei stets eine Mittelpartei im besten Sinne des Wortes gewesen. Sie hat nie einseitig die Interessen einer einzelnen Klasse oder Gruppe vertreten, sondern allen gerecht zu werden gestrebt. Wer gerade der Hilfe besonders bedürftig war, dessen hat das Centrum sich auch besonders angenommen, lnur auf Maßlosigkeiten und Unmöglichkeiten hat es sich nicht eingelassen. Es hat nie Feindschaft oder Voreingenommenheit gegen irgend eine Erwerbsgruppe, fei es Industrie, sei es Landwirthschaft, sei es Handel gezeigt, sondern stets betont: alle sind berechtigt und nothwendig, man muß alle zu erhalten und zu heben suchen. Von diesem Boden wird es sich auch durch keine Angriffe abdrängen lassen. Was aber wird ihm von rechts her zum Vor-
Das Sündenerde.
Original - Roman von Max Benno.
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In der That hatte die Wirthin ein besonders saftiges Stück ans Feuer gesetzt, denn die fremden Gäste hatten in ungewöhnlichem Grade ihr Interesse geweckt. Sie wußte nicht, was sie mit denselben anfangen sollte. Die Kleidung erschien halb ländlich, halb städtisch. Aus der Gegend, das fand die Wittwe sofort heraus, waren sie nicht.
Man konnte es ihr deshalb nicht verargen, wenn sie sich wiederholt in der Nähe der Thüre zu schaffen machte und dann begierig die Bruchstücke der Unterhaltung, welche zu ihr drangen, auffing.
Es war wenig genug und nur über die Perfön- lichkeiten ihrer Gäste bekam sie bestimmten Aufschluß. Der Herr war ein Polizeikommissar, die alte Frau mit den weißen Haaren eine Hofbäuerin und hieß Scholastika, das hübsche Mädchen wurde Martha genannt.
Louischen war in dieser Beziehung besser daran. Nachdem sie den verlangten Wein auf den Tisch gestellt hatte, hielt sie der Herr auf.
„Wie ich hörte," nahm er das Wort, „verkehren
wurf gemacht? Daß es in den Einseitigkeiten und Maßlosigkeiten nicht mitthun will, die angeblich der Landwirthschaft das Heil bringen sollen, in Wahrheit aber nur einem kleinem Theile, und gerade dem am wenigsten bedürftigen, nützen würden und überdies ganz unausführbare Utopien sind, Utopien von so drastischer Deutlichkeit, daß auch die Urheber nicht wohl darüber im Zweifel seiu können.
Wir haben uns nicht im Geringsten zu ändern, wenn die „Sammlung" Erfolg haben soll. Zu ändern haben sich die Konservativen, die uns von sich wegtreiben. Man bemerkt aber gar nichts von einer Aenderung. Sie halten fest an der Politik der Ausbeutung der Gesammtheit zum Vortheil einer ganz beschränkten Klique und der Unterdrückung alles dessen, was sie „Umsturz" zu nennen belieben. Die Unter« drückungs- und Polizeisucht ist allerdings mehr bloßes Mittel zum Zweck. Man glaubt sich damit den Machthabern besonders empfehlen zu können, wie man sich vor einigen Jahren durch sozialen Reformeifer glaubte empfehlen zu können. So bald sie sich bereit erklären, alle hetzerischen Thorheiten abzuweisen, die die Führer des Landwirthsbundes aushecken, den Staat nicht mehr als eine Einrichtung zu betrachten, die bloß zur Befriedigung der Hab- und Herrschsucht ihres eigenen Kaisers vorhanden ist, die anderen Klassen als politisch gleichberechtigt zu behandeln, statt sie mittels ungerechter Wahlgesetze zu Staatsbürgern zweiter Klasse herabzudrücken, den verfolgungssüchtigen Polizeisinn aufzugeben, kurz, so bald sie auch die Rechte und Interessen anderer voll zur Geltung kommen lassen, gehen wir gern mit ihnen zusammen. Aber daran denken sie nicht im entferntesten. Sie glauben sich selbst die Treue der Wählerschaft erhalten zu können, indem sie alle anderen Parteien als Feinde oder als Bauern und widerwillige Freunde der Landwirthschaft denun- ziren. Da ein solcher Vorwurf eine schwere Ungerechtigkeit gegen das Centrum enthält, dürfen sie sich nicht beklagen, wenn nun auch ihre Bauern ihre Volksfreundlichkeit gebührend kennzeichnen und ihnen die Maske abreißen
Die „Sammlung" gelingt Herrn v. Miquel übrigens nicht einmal auf der Rechten selbst. Die verwandten Gruppen Konservative, Landwirthsbündler und Antisemiten gerathen sich schon wieder in einer Reihe von Wahlkreisen in die Haare und überwachen einander mit Argusaugen in eifersüchtigster Furcht, der andere möchte mit einer eigenen Kandidatur die Cirkel stören oder dem aufgestellten Kandidaten sein politisches Bekenntniß vorschreiben. — Zwischen den Konservativen und den Nationalliberalen ist das Tafeltuch ganz zerschnitten. Die ersteren setzen nur noch einige Hoffnung auf die nationalliberale Großindustrie, die ihnen aber schon das Vereinsgesetz nicht hat retten können. Von freikonservatioer Seite ist soeben ein Programm über das Zusammengehen von Landwirthschaft und Industrie aufgestellt worden. Da beide Berufsgruppen politisch nicht organisirt sind (trotz des Bundes der Landwirthe), so sind unter Landwirthschaft wohl die die jungen Leute des Cirkus Wolfer jeden Abend in dieser Wirtschaft."
„Das stimmt," bestätigte das Mädchen, „jedrs- mal nach der Vorstellung finden sie sich ein und haben uns die Zeit manchmal schon recht lange gemacht."
„Kennen Sie einen Karl Lermo?" fragte der Herr weiter.
Louise schüttelte das Köpfchen. „Lermo?" wiederholte sie, „nein, diesen Namen hörte ich noch nie. Dagegen ist ein „Karl" darunter, ein schlanker junger Mann mit schönen blauen Augen, der auch sonst ganz hüsch wäre, hätte er nicht einen so häßlichen Bart. Er ist aber etwas eigen und macht bei dem muthwilligen Treiben der andern nicht mit. Es scheint ihm etwas Schlimmes passirt zu sein, da er immer so einsilbig und traurig dasitzt."
Der Herr wechselte mit dem Mädchen und der alten Frau einen Blick. § Ein Lächeln spielte um seinen Mund, als er sah, wie ersteres bei der Schilderung Louischens bis an die Haarwurzeln erglüht war.-
„Wir sind doch während des Abends in diesem Zimmer allein," wandte er sich jetzt abermals an die Kellnerin.
Konservativen, unter Industrie die Nationalliberalen zu verstehen. Es scheint aber kaum, daß die nationalliberalen Großindustrieellen den Konservativen große Dienste werden leisten können und wollen. — Die „große liberale Partei" oder das Kartell aller Liberalen will, dank vor allem der Eifersucht der Führer, auch noch immer nicht fertig werden. — Im großen und ganzen wird also wohl das „Ergebniß" des Sammelpunkts sein: ein starker Zug nach links bei den nächsten Wahlen, aber kein Kartell, sondern nur ein Zusammengehen von Fall zu Fall.
Deutsches Deich.
Berlin, 14. August.
* Der Kaiser hat, wie nachträglich bekannt wird, von Peterhof aus der Königin-Regentin unmittelbar nach Eingang der Nachricht von der Ermordung des Ministerpräsidenten Canovas fein herzlichstes Beileid übermittelt.
* Sein silbernes Dienstjubiläum und damit zugleich sein 35. Geburtstag begeht heute Mrinz Keinrich. Arn 14. Aug. 1872 wurde der Prinz als Sekondelieutenant in das 1. Garderegiement z. F. und als Unterlieutenant zur See in das Seeoffizierkorps eingestellt und wird seitdem in den Ranglisten des Heeres und der Marine geführt. Allerdings trat Prinz Heinrich den praktischen Dienst erst am 23'. April 1877 an, an welchem Tage er sich in Gegenwart feiner Eltern auf dem Seekadetten-Schul- schiff „Niobe" einschiffte.
* Der bisherige Oberverwaltungsgerichts- rath a. d. Kempteumacher ist, wie der,Reichsanz' meldet, unter Verleihung des Charakters als Geheimer Oberregierungsrath und unter Belaffung des Ranges der Räthe 2. Kl. zum Staatskommiffar an der Berliner Börse ernannt worden.
X Eine kleine Denunziation an die Polizei leistet sich die ,Post'. Sie bemerkt, der Professor Dr. Pesch, der auf dem praktisch-sozialen Kursus in Beuthen über den Sozialismus reden werde,, sei der Jesuitenpater H. Pesch. Da fein Vortrag doch sicher unter die gesetzwidrige „Ordens- thätigkeit" falle, dürfe man gespannt sein, ob die Regierung dem Vortrage Hindernisse in den Weg legen werde, „mit anderen Worten: man wird sehen, ob das Jesuitengesetz noch angewandt wird ober nicht." Sollte die Polizei den zarten Wink der ,Post' beachten, so würde man nicht sehen, daß das Jesuitengesetz noch immer angewandt wird, sondern daß es noch immer gehässig und chikanirend ausgelegt und angewandt wird. Einen wissenschaftlichen Vortrag über den Sozialismus für eine Ausübung der Ordensthätigkeit zu erklären, ist eine böswillige Auslegung des Gesetzes, die freilich nicht beispiellos wäre. Wird der Wink der,Post' beachtet, so würde das zugleich ein beachtenswerthes Streiflicht auf den allerneuesten Kours werfen.
* Das IteiHswaHsgesetz dient dem,Reichs- boten' zufolge „nur der Sozialdemokratie und dem
„O freilich," versicherte diese, „mit Ausnahme des Sonntags ist diese Stube niemals besetzt."
Nun wollte der Herr nichts weiter wissen und Louischen ging. Es wurde allmählich spät und die äußeren Gelasse füllte» sich mit Gästen.
Die Wirthin trug eine Platte mit duftendem Roastbeef auf, aber fo einladend auch das Gebotene war, die beiden Frauen genossen kaum einige Bissen. Nur der Herr that dem Braten alle Ehre an.
Er schaute auf feine Uhr. „Es ist Zeit," sagte er und erhob sich. „Ich gehe in die Vorstellung, während ihr indessen hier bleibt. Ich warte jedoch nicht bis zum Schluß, sondern eile wieder hierher, öbald ich meiner Sache gewiß bin."
Er entfernte sich und die alte Frau war mit dem Mädchen allein.
Die Wirthin gesellte sich zu ihnen und suchte ein Gespräch anzuknüpfen, aber sie fand bald heraus, daß es ihren Gästen nicht um eine Unterhaltung zu hun war. Sie ehrte ihren Willen und ging, indem ie die Thüre hinter sich ins Schloß zog. Plötzlich )enrmte sie ihren Schritt.
Ein krampfhaftes Weinen und Schluchzen drang an ihr Ohr. Sie wußte selbst nicht warum — auch