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Mittwoch, den 11. August 1897

24. Jahrgang

illdaerWZkitiing

mit Unterhattungs-Hrtlage „Sterne und Klumen".

erscheint täglich. Sonn- und Feiertag« ausgenommen. — «ierteljährlicher AbonnemcntspreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 «fataio Inserate kotzen die einspaltige Garmond,eile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. ”‘

o Zwei Kaisertoaste.

Die Blätter find voll von Festberichten aus P e t e r s - bürg. Man versteht es in Rußland, ungeheueren Pomp und Luxus zu entfalten, und zu Ehren des deutschen Kaiserpaar.es hat man sich diesmal besonders angestrengt. Es kommt auch diesmal auf­richtiger von Herzen, als damals, wo Kaiser Wilhelm II. zum erstenmal in Rußland war zum Besuche des jetziger Zaren. Nikolaus verhielt sich sehr formell und zurückhaltend, ja fast beleidigend kühl und unter­hielt seinen Gast vorwiegend mit militärischen Schau­spielen, von denen hinterher behauptet wurde, es seien wirkliche, zu diesem Zwecke besonders einstudirte, auf den äußeren Effekt berechnete Schauspiele, nicht aber ernsthafte Hebungen gewesen, die einen Einblick in die russischen Armeeverhältnisse gewährten. Auch gegen die vorjährige Begegnung in Breslau hebt sich die Petersburger vortheilhaft ab. Der Zar ist in­zwischen entschieden aufgethaut. Die Er­nennung des deutschen Kaisers zum russischen Admiral ist eine Auszeichnung, die schon über das gewöhnliche Maß von Höflichkeit und Ehrung hinausgeht und von wirklich freundschaftlichen Beziehungen zeugt.

Den wichtigsten Moment bei solchen Monarchen- Begegnungen bilden immer die Trinksprüche bei dem Galadiner. In Peterhof hat der Zar seinen Trinkspruch in französischer Sprache ausgebracht, wie­wohl er des Deutschen vollkommen mächtig sein soll. Kaiser Wilhelm antwortete deutsch, soviel aus den Berichten zu ersehen ist. Dieser Sprachunterschied hat offenbar einen „tieferen Grund", aber man wird nichts Verstimmendes dahinter suchen dürfen. Den wesent­lichen Inhalt derartiger hochfeierlicher Aeußerungen kennt man ja im voraus; er ist so ziemlich immer und überall derselbe. Aber der Ton macht die Musik und nur auf ihn ist man einigermaßen neu­gierig. Der Zar, welcher anscheinend kein Redner ist, sprach kurz, aber mit mehr Wärme als vor einem Jahre. Er sprach im Anklang an den Breslauer Trinkspruch von den „traditionellen Banden, welche uns vereinen und welche zum guten Glück zwischen unseren beiden benachbarten Reichen bestehen", und bezeichnete den hohen Besuch als „werthvolle Garan­tie für die Erhaltung des allgemeinen Friedens, der den Gegenstand unserer stetigen Bestrebungen und unserer heißesten Wünsche bildet".

Kaiser Wilhelm ging mehr aus sich heraus und gerieth gleich so ins Feuer, daß er nicht nur für die „gnädigen Worte" und den „liebevollen Willkomm" des Zaren dankte, sondern ihm auch seinen „ties- gesühltesten, freudigsten Dank" für die Ernennung zum Admiral, diese besondere Ehrung, „zu Füßen legte." In der Ehrung sah er einen neuen Beweis für die Fortdauer unserer traditionellen, einigen, auf unerschütterlicher Basis begründeten Beziehungen und versicherte, der unerschütterliche Entschluß des Zaren, den Frieden zu erhalten, finde auch in ihm „den

Das Sün-enerste.

Original - Roman von Max Benno.

$0 ------ (Nachdruck verboten.)

Der Akrobat fuhr fort:

Nun kam eine traurige Zeit. Mein Geldvorrath war verbraucht und die Einnahmen so schlecht, daß unsere Nahrung oft tagelang nur aus Brod und Kar> löffeln bestand. Wir zogen ruhelos in aller Herren Länder umher; da wurdest Du geboren, ein halbes Äahr später erkrankte Josephine. Ich ließ sie im Regensburger Spitale zurück. Dich nahm eine Kollegin tn ihre Obhut. Wir kamen nach Weilbach; hier be­kam ich die Nachricht, daß Deine Mutter verstorben 1kl. Tjn der Neujahrsnacht trieb es mich, einen Be­such auf dem Haidhofe zu machen. Ich stellte mich vor em Fenster und schaute in die Stube hinein. Eine unerwartete Scene spielte sich vor mir ab: Deine Großmutter lag vor meinem Sttesvater auf den Knieen. Von dem Gesprochenen verstand ich manches, alles jedoch nicht; da reifte in mir ein Entschluß. Ich kannte die Herzensgüte Scholasttkas, eilte nach der Stadt und ein paar Stunden später lägest Du in warme Decken und Tücher gehüllt vor der Hausthür des Haidhofes im Schnee. Ich verbarg mich in der Nähe und wartete, bis die Bäuerin im Hofe erschien

freundlichsten Widerhall; und so werden wir, mit einander die gleichen Bahnen wandelnd, vereint dahin streben, unter dem Segen desselben die kulturelle Entwicklung unserer Völker zu leiten." „Vertrauens­voll", so erklärte er weiter, könne er das „Gelöbniß in die Hände" des Zaren legen, daß er ihm bei dem großen Werke, den Völkern den Frieden zu erhalten, mit ganzer Kraft zur Seite stehen und ihm seine kräftigste Unterstützung auch gegen jeden an- gedeihen lassen werde, der es versuchen sollte, diesen Frieden zu stören oder zu brechen."

Gegen diese Worte gehalten, klingt der Trink- fpruch des Zaren nun freilich außerordentlich kühl und nüchtern. Aber wenn er es auch nicht so enthusiastisch ausdrückt, so hat er im Wesentlichen doch dasselbe gesagt: der Friede soll erhalten werden, und das ist jedenfalls aufrichtig gemeint. Etwas überraschend auch für den, der an Reden des deutschen Kaisers gewöhnt ist, klingt die Zusage der „kräftigsten Unterstützung" gegen jeden Friedensstörer. Steckt dahinter eine positive Abmachung und ist es an eine bestimmte Adresse gerichtet, oder ist es ein begeistertes Wort des Augenblicks? An Kommentaren wird es in nächster Zeit nicht fehlen. Wenn es mehr ist als ein besonders feierlicher Aus­druck des Entschlusses, an der Erhaltung des Friedens mitzuwirken, dann hätte man gern aus dem Munde des Zaren eine ähnliche Versicherung gehört. Sie wäre dann allerdings ein kräftiger Dämpfer auf die Revanchelust Frankreichs gewesen, aber wer aufrichtig den Frieden will und die Franzosen so am Zügel hat, wie es bei dem Zaren noch immer der Fall ist, der könnte ihnen auch wohl einmal ernst­haft zurufen: Mit euren Revanchegelüsten ist es nichts, zumal der Zar doch nicht im Traume daran denkt, die Hoffnungen der Franzosen zu verwirklichen. Es würde damit mancher Illusion der Garaus gemacht, und was Rußland eben an Liebe bei Frankreich verliere, würde ihm sicher mehr als ersetzt durch die Freundschaft Deutschlands. Die Worte unseres Kaisers zeigen ja deutlich, bis zu welchem Grade die deutsche Regierung bemüht sein will, die alten „preußischen Traditionen" gegenüber dem Zarenreiche aufrecht zu erhalten.

Vor einigen Tagen brachte die ,Nowoje Wreinja' zur Begrüßung des deutschen Kaisers einen Artikel, der in Frankreich verstimmte, weil er zu viel von der Freundschaft Rußlands und Deutschlands sprach und damit Frankreichs Hoffnungen abschwächte. Er hätte auch in Deutschland ver­stimmen können, weil man daraus eine ziemlich kate­gorische Aufforderung an dieses lesen konnte, sich, wie bei der ostasiatischen Frage auch ferner in Den Dienst der russischen Politik zu stellen, widrigenfalls die Rusfen für unsere Freundschaft dankten. Die Rede des deutschen Kaisers in Peterhof wird nächstens aus dem Munde des Zaren ihren Widerhall finden, wenn Präsident Faure nach Petersburg kommt, und nachher mit Dir durch die Hausthür verschwand. In der gleichen Nacht fand mein Stiefvater durch Erfrieren den Tod. Ein gewisfes Etwas trieb mich an seine Leiche und hier traf ich mit der Haidhof­bäuerin zusammen, die mich erkannt hatte. Sie rief mich beim Namen, aber mein böses Gewissen jagte mich in die Flucht. Wegen Schulden verließen wir die Stadt; mehrere Jahre lang führte ich ein unstätes Leben, da wurde ich mit Cirkusdirektor Wolfert be­kannt. Dieser wußte meine ungewöhnlich kräftigen Glieder zu schätzen und stellte mich als Akrobat an. Als solcher kam ich nach Nizza und machte einen Ab­stecher nach Monte Carlo. Ich spielte und mir, dem seither von einem Mißgeschick in's andere geworfenen heimathlosen Komödianten lachte das Glück. Ich ge­wann mit jedem Satze und sah mich schließlich im Besitze einer riesigen Summe, fast einer halben Mil­lion. Dieses Geld ist heute noch mein Eigenthum und in einer Bank deponirt; es gehört Dir. Die nötigen Urkunden findest Du in meinem Schreibtische. In jener Verkleidung, die Du gesehen haft, machte ich meinen zweiten Besuch auf dem Haidhofe und alles Uebrige ist Dir bekannt. Du wunderst Dich vielleicht darüber, warum ich mich Dir nicht schon früher ent­deckt habe, warum ich als reicher Manu nicht in die Heimath zurückgekehrt bin? Ich erwog wiederholt

Alsdann werden wir sehen, ob unsere Beziehungen zu Rußland wirklich so „innig" sind, wie die Worte Wilhelms II. sie erscheinen lassen.

Deutsches Deich.

Berlin, 10. August.

O Die Nachricht, daß der Kaiser sich in diesem Jahre nicht zu der Regatta nach Cowes begeben werde, hat in der Presse Veranlassung gegeben, nach Gründen zu suchen, die für den Kaiser bestimmend gewesen seien, von feiner alljährlichen Theilnahine an jener Regatta für dieses Jahr abzusehen. Was an den mannigfachen Kombinationen zutreffend ist, entzieht sich der Kenntniß; mit Sicherheit steht der Grund für das Fernbleiben des Kaisers in der Oeffentlichkeit nicht fest. Indessen ist infolge der Jubiläumsfeier in Eng­land ein zweiter Grund für den Kaiser erwachsen, die Gastfreundlichkeit Englands nicht in Anspruch zu nehmen. Man hat nämlich seinen Vertreter beim Jubiläum, den Prinzen Albrecht, in nichts weniger als liebenswürdiger Weise behandelt. Das ,Berl. Tagebl/ berichtet, daß, als die Festprozession vor dem „army and navy Club“ bei Piccadilly vorbeigezogen fei, die ungezogensten Zurufe an die Adresse des Prinzen gerichtet worden feien. So fei ihm unter Anspielung auf das kaiserl. Telegramm in der Jame- son'fchen Affaire zugerufen worden: „Wollen Sie nicht ein Telegramm abschicken?" Prinz Albrecht erwiderte diese Taktlosigkeit nur damit, daß er mit dem Finger auf den an seinem Helm befindlichen kaiserl. Adler hinwies. Mag auch die Londoner offizielle Welt den Vorfall mit Entrüstung verurtheilen: er genügt, um deutschen Fürsten den Besuch in England zu verleiden.

* Der Botschafter Frhr. v. Uhiekma«« ist laut Meldung des ,Reichsanzeigers' zum Staatssekretär des Reichs-Schatzamts unter Beilegung des Charakters als Wirkt. Geheimer Rath ernannt worden.

h Fürst ZLismarck hat, wie die in Weimar er­scheinende Zeitung .Deutschland' dieser Tage, offen­bar in höherem Auftrage, verkündete, zu dem Groß- Herzog von Sachsen-Weimar gesagt, er stehe bis zum letzten Tage seines Lebens dem Kaiser und den Fürsten mit seinem Rathe zur Verfügung, wenn es verlangt oder durch die Verhältnisse bedingt werde. Dafür hat ihm der Großherzog gerührt die Hand gedrückt. Wie die ,Postt jetzt meldet, hat Fürst Bismarck schon vor dem Besuche des Fürsten Hohenlohe und des Herrn v. Bülow dem Herzog Johann Albrecht von Mecklen­burg ganz dasselbe gesagt. Gewiß ist er aber darüber nicht im Zweifel, daß dieser Rath nicht verlangt werden wird.

st Bei der Abstimmung über die Irereins- gesetznovelle im Abgeordnetenhause hat auch der Konservative Abg. Darnink gefehlt, obwohl er in Berlin anwesend war. Auf eine öffentliche Anfrage seiner Wähler, warum er sich der Abstimmung ent­halten habe, hat der Abg. Damink nunmehr eine diesen Gedanken, aber das Bewußtsein meiner Schuld hielt mich zurück. Richt umsonst sagte ich neulich, daß ein solches Bewußtsein, das Unglück eines Menschen verschuldet zu haben, durch jahrelange Reue nicht ver­wischt wird. Ich zog Josephine in's Verderben hinein. Deshalb wollte ich Buße thun und wagte nicht, die Hand nach einem Glücke auszustrecken, das der Besitz eines Sohnes und die Vaterfreude gewährt. Ich wußte damals in Stuttgart sehr gut, wer neben mir auf der Anlagenbank saß, aber dennoch fragte ich Dich nach Namen und Heimath. Als ich dann Deine Antwort vernahm konnte ich mich fast nicht mehr halten, was Dir nicht entging. Doch mit meiner ganzen Kraft stemmte ich mich gegen das sich mir aufdrängende Gefühl und behielt das Geheimniß für mich. Diese Entsagung übte ich bis zum heutigen Tage, vor die Schwelle des Todes, denn Hermann, ich fühle es: mein letztes Stündlein ist nicht mehr fern. Du aber wirst glücklich fein. Grüße mir alle Deine Sieben und bitte die Großmutter um Verzeihung für Josephine und mich. Ich muß hier bleiben, draußen bei den stummen Schläfern in der kühlen Erde, bis die Posaune des Engels zum großen Tage der Vergelt­ung ruft."

Erschöpft hielt er inne. Zärtlich schmiegte er sich an den Sohn.