M 173 Montag, den 2. August 1897. 24. Jahrgang
FllldierWZtitiiiig
mit Unterhaltrmgs-SeUage „Sterne uns Klumen".
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xh Unsere Ausfuhrindustrie
ist in letzter Zeit von zwei schweren Schlägen getroffen, oder doch ernstlich bedroht: dem nordamerikanischen Kinley-Taris und der Kündigung des englischen Handelsvertrags. Nach Amerika hatten bisher die Textilindustrie, die Zucker-, die chemische Industrie, sowie die Leder- und Glaswaaren- industrie eine bedeutende Ausfuhr. Im Jahre 1895 führten wir für 92 Millionen Dollar Maaren nach den Vereinigten Staaten aus; daran war die Textilindustrie mit 30 Prozent betheiligt. Läßt sich auch die Wirkung des neuen Tarifs im Einzelnen noch nicht übersehen, so steht doch fest, daß die deutsche Einfuhr erheblich erschwert und die deutsche Industrie geschädigt werden muß. Als der Tarif in Sicht kam, wurde namentlich von bauernbündlerischer Seite mit großem Lärm ein energisches Auftreten der deutschen Regierung dagegen verlangt. Am liebsten hätte man Deutschland in einen Zollkrieg mit Amerika hineingehetzt. Die deutsche Regierung hat auch Einspruch erhoben gegen den Zollzuschlag für Zucker aus Ländern mit Ausfuhrprämien. Die Amerikaner haben aber darauf keine Rücksicht genommen.
Die neuen Männer, die jetzt am Ruder sind, werden wohl nicht umhin können, ihre Tüchtigkeit zu beweisen und die deutsche Ausfuhr gegen das amerikanische Absperrungssystem nach Möglichkeit zu schützen. So ganz wehrlos sind wir ja nicht, denn Amerika führt mehr nach Deutschland aus als wir ihm ein und wird gewiß nicht den deutschen Markt verlieren mögen. Es hat 1895 allein für 431 Millionen Dollars Rohbaumwolle nach Deutschland eingeführt. Allerdings kann ohne diese Baumwolle unsere Textilindustrie nicht existiren, aber die Baumwolle unterzubringen hat doch auch Amerika ein lebhaftes Interesse. Bei einem Zollkriege werden stets beide Theile geschädigt, und so darf man hoffen, daß wir daran vorbeikommen, ohne allen Schaden für unsere Ausfuhrindustrie freilich wohl kaum.
Die Kündigung des Handelsvertrages mit England kommt nicht ganz überraschend. Sie hängt zusammen mit der Zollpolitik Kanadas. Dies will englischen Maaren eine Zollvergünstigung von 12V£, über ein Jahr sogar von 25 pCt. gewähren. Dann stehen aber die Meistbegünstigungsverträge Englands mit Deutschland und Belgien entgegen, die auch für die englischen Kolonien gelten. England selbst hat keine Schutzzölle, sondern nur Finanzzölle für eine kleine Zahl von Artikeln. Die Kolonien dagegen haben inderSchutzzollpolitik freie Hand, nur durften sie bisher keine Differenzialzölle gegenüber Ländern einführen, die mit England einen Meistbegünstigungsvertrag haben. Ob das Vorgehen Kanadas mit London abgekartet ist, ob England beabsichtigt oder erreichen kann, mit all seinen Kolonien einen Zollverein zu bilden, das ist noch nicht klar. Vorläufig gilt unser Vertrag noch bis zum 30. Juli
*<* Das Sündenerve.
Original - Roman von Max Benno.
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Vogtherr war nicht wenig erstaunt, als er das Jawort der Tochter erhielt. Auf einen so schnellen Erfolg hatte er nicht gerechnet. Mit einem befriedigten Grinsen dankte er und wollte dem Mädchen die Hand reichen, doch mit abweisender Geberde schüttelte Martha den Kopf.
„Ich habe gethan, was ich thun mußte," hielt sie mit ernster Betonung entgegen, „denn trotz allem bin ich Dein Kind. Du aber handelst nicht wie ein Vater an mir. Das weißt Du recht gut. Deshalb wirst Du es auch begreiflich finden, wenn jenes Gefühl, das Vater und Tochter mit einander verbinden sollt, in mir nicht mehr lebt. Es ist mir schwer genug geworden, aber ich vertraue auf die Gnade des allgütigen Vaters im Himmel, der mich nicht < verlassen wird auf dem dornenvollen Pfade, auf welchem ich durch die Pflicht gedrängt worden bin."
Verwirrt schlug Vogtherr die Augen nieder. Er wandte sich ab und begab sich, ohne eine Bemerkung an die Worte der Tochter geknüpft zu haben, in den Wald zu feinem Meiler hinaus.
Martha aber machte sich wieder auf den Weg zu
nächsten Jahres; bis dahin kann Kanada auch die neue Tarifbestimmung zu Gunsten Englands nicht in Anwendung bringen.
Man kann nun vielfach lesen, auch England breche jetzt mit dem so lange hochgehaltenen Freihandelsprinzip und führe die Schutzzollpolitik ein. Ohne Zweifel wird man nicht ein Prinzip hochhalten, wenn das Geschäft dabei Schaden leidet. Jndeß müsfen wir vorläufig nicht glauben, daß England auch für sich selbst Schutzzölle einführen wird. Es dürfte sich damit begnügen, daß seine Konkurrenten aus seinen Kolonien in anderm herangehalten werden. Die deutsche Industrie, die 1895 nach den Kolonien für 97 Millionen Mark ausführte, könnte alfo auch dadurch schon empfindlich geschädigt werden. Jndeß sieht man bei uns bis jetzt der Zukunft noch ziemlich ruhig entgegen.
Man sagt sich auch hier wieder, daß ein Zollkrieg ein zweischneidiges Ding ist. Die deutsche Industrie ist so stark geworden, daß sie sich auch von England so leicht nicht unterkriegen lassen wird. Vor allem hat aber England selbst ein Interesse daran, seine Ausfuhr nach Deutschland nicht zu verlieren. Diese betrug im Jahre 1895 578 Millionen Mark. Die Einsuhr aus Deutschland war allerdings 100 Millionen größer, aber Englands Ausfuhr zu uns ist ebenfalls groß genug, um nicht entbehrt werden zu können. Ueberdies würde England feine Schifffahrt schwer schädigen, wenn es seinen Freihandel ernstlich einschränken wollte, während die deutsche Schifffahrt immer mehr erstarkt ist. Es kommt hinzu, daß England auch ein Konflikt mit den Vereinigten Staaten droht, wenn es der kanadischen Einfuhr besondere Vortheile vor der amerikanischen gewährt. Endlich haben auch die englischen Kolonien ein großes Interesse daran, den deutschen Markt nicht zu verlieren. Sie führten nach Deutschland im Jahre 1895 sür 303 Millionen Mark Waaren aus, während dies zu ihnen, wie schon bemerkt, nur für 97 Mill, brachte. Die deutsche Position ist da also sehr günstig.
Die deutsche Regierung hat ein Jahr zu Verhandlungen mit England frei. Trotz des hochmüthigen Tones, den ein Theil der englischen Preffe anschlägt, halten wir die englische Regierung nicht für unklug genug, sich in die Gefahren eines Zollkrieges zu stürzen. Unsere neuen Männer aber werden hoffentlich die aus sie gesetzten Hoffnungen erfüllen, wenn wir auch diese neuen Männer noch nicht alle haben. Thöricht ist es, wenn einige liberale Blätter wegen der Kündigung des englischen Handelsvertrags Vorwürfe gegen die deutsche Regierung richten, als hätte diese durch ihre „agrarische" Politik die Kündigung verschuldet.
Deutsches gktdp
Berlin, 31. Juli.
* An Zöllen ii. s. w. sind in Deutschland im 2. Quartal d. I. zur Anschreibung gelangt 173 337 560 M. der Tante, bei welcher sich nun auch die Bäuerin befand.
Diese trat auf sie zu. „Ist es wahr?" fragte Scholastika mit bebender Stimme, „was mir Anna gesagt hat? Du entschlössest Dich zu dem verhängniß- vollen Schritte — Du hast Deinem Vater das Jawort gebracht?"
„Es ist so," bestätigte das Mädchen ruhig, denn mir blieb keine andere Wahl."
Die Greisin schlang die Arme um ihren Hals.
„O Kind, Kind," stöhnte sie, „was hast Du gethan? Freiwillig Dich in einen gähnenden Abgrund gestürzt! Mit einem förmlichen Komplott umgarnte man Dich. Dieser Sigel ist, wie seine ganze Handlungsweise darthut, ein verworfener Mensch; und Dein Vater? — Ich will kein Urtheil über ihn fällen, aber er nimmt eine furchtbare Verantwortung auf sich. Und doch muß nach reiflicher Ueberlegung auch ich zugeben, daß Dein Entschluß das einzige ist, was Rettung verspricht. In der augenblicklichen Aufregung rechnete ich mit der Niedertracht des Mannes, der Dich zum Weibe begehrt, nicht. Die Hingabe meines ganzen Vermögens würde nichts helfen, da das Geld für den reichen Mann nicht in Betracht kommt. Dagegen liegt das Schicksal Deines Vaters infolge der gefälschten Wechsel in seiner Hand. Eine
(gegen die gleiche Zeit des Vorjahres — 8 994007 M.) Die Jst-Einahme beträgt 163 195 992 M. (— 539170 M.) Hiervon entfallen auf Zölle 94335118 M. (— 3393182M.), Zuckersteuer und Zuschläg zu derselben 16908340 M. (— 5167123 M.), Salzsteuer 10892 141 M (— 132526 M), Maischbottich- und Branntweinmaterialsteuer 5 204493 M, Verbrauchsabgabe von Branntwein und Zuschlag zu derselben 25 640148 M. (— 654693 M), Brausteuer und Uebergangsabgabe von Bier 7 382 249 M.
st Die Minister v. Wliquek und v. d. Mecke sind in der That am Freitag nach Kiel gereist und am Samstag von dort zurückgekehrt. Herr v. Luca- nus war nicht mitgereist, wird aber ebenfalls reisen. Der,Hamb. KorrV stellt noch vor der Abreise des Kaisers nach Kiel „wichtige innerpolitische Entscheidungen" in Aussicht. Von anderer Seite wird der Rücktritt des Herrn v. d. Recke als nicht unmöglich bezeichnet. Die,Deutsche Tagesztg/ kündigt für diesen Fall als seinen Nachfolger eine Persönlichkeit an, „die schon früher an leitender Stelle der Regierung angehört hat". Etwa Graf Eulenburg oder Herr von Puttkamer? In der Kanzlerfrage ist demselben Blatte zufolge die Entscheidung schon getroffen. Wir werden ja wohl bald sehen.
st Als russische Antwort anf die Kingaöe des Mundes der Kandwirtße kann man einen Artikel des ,Dnieweik Warszamskfi betrachten. Er weist darauf hin, daß im Königreich Polen eine Menge deutscher Fabriken und Unternehmungen beständen, lediglich um den Eingangszoll zu umgehen. Der überwiegende Theil der Aktien dieser Anlagen befinde sich in den Händen einiger Berliner Kapitalisten, die daraus einen ihnen im Auslande erwachsenden Gewinn von 40—50 pCt. zögen, während ihnen ihr Kapital daheim nur 4 pCt. bringe. Durch diese Konkurrenz werde das russische Gewerbe geschädigt. Das Blatt regt daher die Frage an, ob es sich nicht empfehle, sich dieser Konkurrenten zu entledigen.
S Mit einer Meforur der Getreide-Dreis- «otirung beschäftigt sich der Minister des Innern in einem Schreiben, das er an den Oberpräsidenten der Provinz Westpreußen und vermuthlich auch an die übrigen Oberpräsidenten gerichtet hat. In demselben bezeichnet er die Preisnotirung des ,Reichsanz/ als nicht zureichend. Es müßten womöglich aus allen Orten des Reichsgebiets, die einen irgendwie namhaften Getreideumsatz hätten, Nachrichten gesammelt werden. Um die geeigneten Orte zu eruiren, empfehle es sich bei allen Städten mit mehr als 5000 Einwohnern eine Umfrage über ihre Verhältnisfe zu veranstalten und das Ergebniß dem statistischen Amt mitzutheilen. Vor allem komme es darauf an, eine möglichst große Anzahl solcher Orte auszuwählen, aus denen Berichte über die täglich gehandelte Menge inländischen Getreides und den für diese erzielten Ge- sammterlös erstattet werden könnten. Orte mit großem Umsatz müßten täglich telegraphisch. Orte mit geringerem
nachträgliche Einlösung hebt das Verbrechen nicht aus und Dein Vater ist verloren, wenn Sigel es zur Anzeige bringt. Er würde es thun und wird nur dann schweigen, wenn Du die ©einige bist. Ich sagte neulich einmal, Du müssest eben auch eine Kreuzträgerin werden, wie ich, und nun bist Du es schon! Ich konnte es wissen," fügte sie mit dumpfer Stimme hinzu. „Wird doch alles, was ich liebe, von dem Fluche des Sündenerbes verfolgt."
Laut aufschluchzend sank sie in ihren Lehnsessel und drückte die Hände vor das Gesicht.
Martha setzte sich neben sie hin. In diesem Augenblicke dachte sie nicht an das eigene Weh, sondern nur an den Schmerz der guten Frau. Sie ergriff eine ihrer Hände und führte sie an die Lippen.
„Verzage nicht, Mutter," bat sie, „und vertraue auf Gott, zu dem auch ich meine Zuflucht nehme, und der, seit der schwere Schritt gethan ist, eine wunderbare Ruhe in mein armes Herz gesenkt hat. Der Gedanke an die Verbindung mit dem ungeliebten Manne kommt mir gar nicht mehr so fürchterlich vor, wie anfangs. Was liegt viel an mir? Die schönste Hoffnung ist ja doch unwiederbringlich dahin. Ich werde eine reiche Frau, was nicht unterschätzt werden dars. Du hast schon oft darauf hingewiesen, wie viel Elend und Noth es auf dieser Welt gibt