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Frettag, den 30. Juli 1897

24. Jahrgang

uldaer

mit Unterhaltung» Keilage „Sterne uns Klnmen«

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Deutsches Keich.

Berlin, 29. Juli.

* Einen antipoknischen Akt hat das branden­burgische Provinzialschulkollegium geübt. Dasselbe hat einen Berliner Lehrer, der den Kindern der hier an­sässigen Polen Privatunterricht in ihrer Muttersprache ercheilte, im Disziplinarwege zu 250 Mk. verurtheilt und ihm die Fortsetzung dieses Unterrichts verboten. Der Lehrer hat hiergegen Protest erhoben und richter­liche Entscheidung beantragt. Zur Zeit bestehen in Berlin 9 Kleinkinderschulen und 2 Fortbildungsschulen, in denen der Unterricht in polnischer Sprache ertheilt wird. Diese Schulen werden aus Privatmitteln unter­halten. Eine solche Pflege der polnischen Sprache scheint dem Provinzialschulkollegium Kopfschmerzen gemacht zu haben.

* Mit der Frage der AufHevurig der Iollk- kredite beschäftigt sich der soeben erschienene Bericht der Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft über den „Handel und die Industrie Berlin im Jahre 1896". Das Aeltesten-Kollegium war im April vorigen Jahres vom Handelsminister zu einem Gutachten darüber er­sucht worden, ob durch die Aufhebung der Zollkredite der heimische Getreidehandel geschädigt werde. Diese Frage haben die Aeltesten in ihrem Gutachten bejaht. Sie führten aus, daß die Aufhebung der Zollkredite eme Ausnahme-Maßregel sei, daß aber zu einer solchen kein begründeter Anlaß vorliege. Die Aufhebung der Zollkredite würde eine beträchtliche Erhöhung des im Getreide-Jmporthandels angelegten Kapitals "nach sich ziehen, so daß namentlich die kleineren Unternehmungen zu einer kostspieligen Anspannung ihres Kredites ge- nöthigt sein würden. Eine weitere Folge werde die Verlegung der Getreide- und Mehllager nach den See­plätzen sein, wodurch dem Jnlande Gelegenheiten zu Arbeits- und Kapitalverwendung künstlich entzogen würden. Diesen Nachtheilen für den Handel ständen keine Vortheile für andere Berufszweige, speziell die Landwirthschaft, gegenüber. Ausländisches Getreide könne nicht entbehrt werden, da, um unser Getreide backfähig zu machen, eine starke Vermischung desselben mit dem kleberreichen ausländischen Weizen nöthig sei. Ein weiterer Grund für die Verwendung ausländischen Weizens sei die unregelmäßige Zufuhr des inländischen zu den Märkten, die es einer größeren Mühle un­möglich mache, einen ununterbrochenen Betrieb vor- wiegend auf diese inländischen Zufuhren zu gründen.

Das Sündenerve.

Original - Roman von Max Benno.

^0 ------ (Nachdruck verboten.)

Vogel schöpfte tief Äthern. Er drängte die hef­tigen Worte, welche auf feinen Lippen schwebten, zurück.

Er lachte sogar.

„Ich bin ein ungeschickter Spieler," sagte er, „und gab als ein echter Dummkopf meine Trümpfe vor der Zeit aus der Hand. Du hast mich überlistet und es wird am besten sein: ich mache gute Miene zum bösen iE Deinen Vorschlag annehmen, denn den Kops selbst in die Schlinge stecken ist schließlich doch em verzweifelt schlechtes Geschäft, aber schwören! - Was fallt Dir nur ein? Du weißt doch, daß unter uns Leuten der feierlichste Schwur keinen Pfiffer­ling werth ist. Dagegen brauchst Du nicht daran zu zweifeln, daß mir eine brasche voll Geld und die guten Lächlein, welche man sich damit verschaffen kann, viel lieber als ungeschmälzte Wassersuppen im Brumm- fatten sind."

„x)n dieser Voraussetzung handelte ich," versicherte Vogtherr, während er die Fesseln entfernte, „und wenn id) dabei etwas fcharf nut Dir umging, so rechnete ich lediglich auf einen schnelleren Erfolg. Ich täuschte

h. Die Versuche, welche mit der GekegrapHie oH«e Draht, wie wir bereits gemeldet haben, im August zu Kiel in Anwesenheit des Kaisers und des Prinzen Heinrich ftattfinben werden, werden zu dem Zwecke angestellt, um zu ermitteln, ob mit Hilfe dieser Telegraphie eine Nachrichtenvermittlung zwischen Schiff und Land und zwischen Schiffen unter ein­ander möglich ist. Uebrigens sind in Kiel schon vor einigen Jahren derartige Versuche gemacht worden damals aber sind sie gescheitert.

ti Eine Ausbesserung der Isörster steht für die künftige Tagung des Landtags nach den,Berl. Pol. Nachr/ in Sicht. Dabei dürfte, wie das Blatt schreibt, auch zugleich die Frage entschieden werden, zu welcher Beamtenkategorie die Förster zu rechnen sind. Bisher bilden sie eine Gruppe für sich zwischen Subaltern- und Unterbeamten, wenigstens was ihre Tagegelder anlangt.

* In Betreff des Mersügungsrechtes der Lehrlinge über ihre freien Nachmittage hat der Handelsminister eine beachtenswerthe Entscheidung getroffen. Der Verband der deutschen Barbier-, Friseur- und Perrückenmacher-Jnnungen wandte sich im Dezember v. I. an den Handelsminister mit der Bitte, den freien Wochentag-Nachmittag wenigstens für die im Barbier- und Friseurgewerbe beschäftigten Lehrlinge wieder aufzuheben, da die jungen Lehrlinge, namentlich wenn sie allein dastehen, Gefahr laufen, auf Abwege zu gerathen, wenn sie diesen freien Nachmittag beliebig ausnutzen dürfen. Darauf hat nun der Handelsminister unter dem 19. Juli dem Vorstand des genannten Verbandes in einem ablehnenden Bescheid geantwortet: „Der Ein­wand der Prinzipale, daß die Lehrlinge während der freien Nachmittage auf Abwege gerathen, fei nicht stichhaltig, denn der Lehrling fei nicht etwa berechtigt, über den freien Nachmittag nach Belieben zu ver­fügen, vielmehr haben die Meister das Recht und die Pflicht, ihn auch während feiner freien Zeit zu überwachen und zu einer angemessenen Verwend­ung seiner Mußestunden anzuhalten."

* An der Amgestaklung des Isernsprech- wesens wird von den Elektrizitätstechnikern eifrig gearbeitet. Es handelt sich nach der ,Vosf. Zeitung' darum, die Aufgabe zu lösen, daß die Fernsprech- theilnehrner anstatt wie bisher mit einer festen Jahres­abgabe, künftig nach der Zahl und der Zeit­dauer der von ihnen geführten Gespräche zur Zahlung herangezogen werden. In dem heutigen Umlageverfahren liegt insofern eine Ungerechtigkeit, als für die Herstellung des Fernsprechanfchluffes eines großen Geschäftsbetriebes, der während des ganzen Tages mit wenigen Unterbrechungen die Aufmerksam­keit und Thätigkeit des Fernsprechbeamten in Anspruch nimmt, der gleiche Beitrag gefordert wird wie für die Fernsprechanlage eines kleinen Geschäftsmannes, der es im Monat manchmal kaum auf 3 bis 400 Gespräche bringt. Wie nun verlautet, ist die Zählung der Gespräche und die Feststellung ihrer Dauer durch mich nicht und nun ist Alles in Ordnung gebracht Heute noch erhältst Du das Geld."--

Zwei Tage später erklärte Vogel der Wirthin auf der Herberge, daß er sich wieder auf die Reise be­geben werde, und zwar diesmal wahrscheinlich für längere Zeit. Er ließ sich mit feinem Goldwaaren- kistchen und der Reisetasche nach der Station führen und dampfte mit dem nächsten Zuge ab.

* *

Martha befand sich allein zu Hause und räumte auf. Da erschien der Postbote und brachte ein ziem­lich umfangreiches Packet. Das Mädchen legte es auf die Seite, da es an den Vater adressirt war.

Mit eigenartigem Grinsen durchschnitt dieser nach seiner Heimkunft die Umschnürung und brachte einen neuen vollständigen Anzug zum Vorschein, der nach Stoff und Fa^on eher für einen besseren Landwirth paßte, als für einen Kohlenbrenner.

»Ich muß die nächste Woche nach München", be­lehrte Vogtherr die Tochter, „wo ich in meinen ge­wöhnlichen Kleidern nicht umherlaufen kann. Ich habe dafelbst wegen Kohlenlieferungen an eine Firma zu thun. Wenn Du mich begleiten willst, ist es mir recht."

Eine Reife machen! Nach der bayerischen Haupt­

zweckmäßige elektrische Anlagen bei den Vermittelungs- ämtern so gut wie vollständig gelungen. Es handelt sich nur noch um die Ueberroinbung einer Schwierig­keit, nämlich um die besondere Aufzeichnung derjenigen Fälle, wo ein Fernsprechtheilnehmer das Amt oder einen Theilnehmer vergeblich anruft. Nach dem augenblicklichen Stande der elektro - technischen Ein­richtungen würde das Anrufen bis zur Ertheilung einer Antwort oder bis der Anrufende selbst den Schluß herbeisührt, als vollzogenes Gespräch von den Kontrolapparaten ausgezeichnet werden. Da hierin, wie auch von der Fernsprechverwaltung anerkannt wird, in den meisten Fällen eine große Härte gegen den Theilnehmer liegen würde, so sinnen die Tech­niker auf Mittel, um dem Uebelstande abzuhelfen. Sobald die Aufgabe gelöst, dürfte zunächst ernstlich mit der Feststellung der Zahl und der Telephon­gespräche vorgegangen und demnächst die anberroeite Kostenberechnung für Fernsprechtheilnehmer eingeführt werden.

* Straßvnrg, 29. Juli. Die elsässischen Katholiken veröffentlichten einen Wahlaufruf zu den Bezirkswahlen. Der Aufruf ist u. A. von den Reichstags-Abgeordneten Gnerber, Simonis, Spieß, sowie dem Landesausschuß-Mitglied Baron Charpentier unterzeichnet. Das dem Wahlaufrufe beigefügte Programm enthält folgende Forderungen: Auf politischem Gebiete: Gleichstellung Elsaß-Lothrin- gens mit den übrigen Bundesstaaten; Abschaffung aller Ausnahmegesetze und des Diktatur-Paragraphen; all­gemeines, geheimes, direktes Wahlrecht für den Landes­ausschuß ; Beseitigung der veralteten Vereinsgesetze, Einführung der deutschen Preßgesetzgebung; größere Unabhängigkeit der Gemeindebehörden der Central­behörde gegenüber, überhaupt Vereinfachung der Ge­setzgebung; Freiheit des Unterrichtes. Auf wirth- schaftlichem Gebiete: Verbefferung der bestehenden wirthschaftlichen Verhältniffe, namentlich eine den Be­dürfnissen der verschiedenen Berufszweige entsprechende Organisation; es sollen diejenigen Bestrebungen unter­stützt werden, die eine gerechtere Vertheilung der Steuern herbeizuführen int Stande sind; vor Allem wird eine Entlastung der Landwirthschaft gefordert. Auf reli­giösem Gebiete verlangt das Programm Freiheit und Gleichstellung der verschiedenen Konfessionen und Kon- fessionalität der Schulen.

Ausland.

* Drösses, 29. Juli. In der Repräsentan­tenkammer stand gestern zur Berathung der Ge­setzentwurf über die Bürger gar de. Bei dem Ar­tikel „Eid der Treue gegen den König" proteftirt der Sozialist Demblon und greift die Person des Königs heftig an, weil dieser die Ernennung zum deut- chen Admiral angenommen habe. (Großer Lärm). Demblon wird zweimal zur Ordnung gerufen, setzt aber feine Angriffe fort. Der Präsident bittet gegen Demblon die ® en für zu verhängen. Woeste be- stadt! Welches Mädchenherz hätte diese' Aussicht nicht mit Entzücken erfüllt! Dies traf bei Martha in noch höherem Grade zu, da ihr außer der Umgebung von etlichen Stunden die ganze übrige Welt mir aus Büchern und Zeitungen bekannt war.' Ohne Bedenken sagte sie zu und machte gleich nachher Scholastika und die Tante mit dem bedeutungsvollen Ereignisse bekannt.

Die Greisin theilte ihre Freude und notirte ver­schiedene Sehenswürdigkeiten, Kirchen und Plätze für sie, an welche sie sich noch gut erinnern konnte, da sie vor vielen Jahren einmal durch ihren längst ver­storbenen Mann auf das Oktoberfest geführt worden war. Daran, daß inbeffen in ber bayerischen Metro­pole fast alles anders geworden, dachte die gute Frau nicht.

Die Reife wurde wirklich angetreten und München mit dem Schnellzuge am gleichen Tage erreicht. Vogt­herr wählte fein Quartier in der Nähe des Bahn­hofes im Gasthofe „Zum deutschen Kaiser" und trat mit Martha am folgenden Morgen einen Rundgang durch die Stadt an. Die Wünsche seiner Tochter bezüglich des Besuchs der Sehenswürdigkeiten gingen ihm jedoch augenscheinlich zu weit, und nach ein paar Stunden suchte er den Rathskeller auf. Das Mädchen fand Gefallen an dem eigenartigen Raum mit seinem