Jfä 167 ______Montag, den 26. Juli 1897 24. Jahrgang
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mit NnterhaLtrmgs-Krilage „Sterne und Klrrrnrn".
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xh. Endlich
ist das Schicksal des Vereinsgesetzes oder vielmehr des kleinen Sozialistengesetzes entschieden. Wie schon durch ein Extrablatt der ,Fuld. Ztg/ gemeldet, wurde es am Samstag zwar nur mit einer knappen Mehrheit von 4 Stimmen (209 gegen 205) vom Abgeordnetenhaus« abgelehnt, aber es wurde doch a b- gelehnt.
Von den 433 Sitzen zum Abgeordnetenhaus« sind augenblicklich zwei erledigt; das Haus zählt also 431 Stimmen. Es fehlten am Samstag 16 Abgeordnete. Das Centrum war vollzählich vertreten bis auf vier Mann, von denen sich drei mit konservativen Freunden der Vereinsgesetznovelle „abgepaart" hatten, und von denen einer als unabkömmlich sich der Fraktion gegenüber entschuldigt hatte. Immerhin ist es bedauerlich, daß einige Mitglieder bei einer Entscheidung, wobei es auf einige wenige Stimmen ankam, in Folge der „Abpaarung" — einem Uebereinkommen zwischen einem Freunde und einem Gegner eines Gesetzes, bei der Abstimmung durch gleichzeitige Abwesenheit die beiderseitigen Stimmen auszugleichen — nicht zugegen gewesen sind, wenn wir auch bei denselben den durch die Abpaarung bethätigten guten Willen anerkennen wollen.
„Ich wollte, es wäre Schlafenszeit und alles gut abgelaufen/ seufzt der tapfere Feldherr Falstaff auf :bem Schlachtfeld« von Shrewsbury. So werden auch am Samstag die Nationalliberalen gar häufig geseufzt haben, und je tiefer, je länger die Abstimmung auf sich warten ließ. Hing doch von ihnen das Schicksal der Vorlage und damit ihrer Partei ab, und wenn sie auch mit einiger Sicherheit wußten, daß von ihnen nur ein Bueck und Schoof dafür stimmen würden, so war es doch sehr unsicher, ob das nicht gerade genügte, um dem Gesetze die Mehrheit zu sichern. Dann wäre die ganze Verantwortung auf die nalionalliberale Partei gefallen, und bei der Stimmung im Volke wäre ihr das theuer zu stehen -gekommen.
Nun, es ist noch eben gut gegangen, wiewohl auch der nationalliberale Abgeordnete v. Sanden die Zahl der Gegner durch Stimmenthaltung um einen verminderte. Die Nationalliberalen stehen jetzt groß da als Ritter der Freiheit und können sich stolz in die Brust werfen: „von" nationalliberal, um so stolzer, als sie am Samstag nach Schluß der Sitzung beschlossen haben, das räudige Schoof aus ihrer Partei auszuschließen. Herr Bueck ist freilich darin geblieben, aber er hat nur die eine Sünde auf dem Gewissen, während Herr Schoof den Nationalliberalismus in ganz Hannover zu verderben droht. Ob bie Nationalliberalen unter dem Drange der Ver- hältnisfe sich so weit entwickeln werden, daß auch einmal das Centrum mit ihnen gegen Eigensucht und Polizeigesinnung bei Wahlen zusammengehen kann, muß die Zukunft lehren.
^Das Srmdenerbe.
Original-Roman von Max Benno.
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Er kannte die Verhältnisse auf dem Haidhofe ziemlich genau. Wäre man früher vor die Noth- wendigkeit der Bezahlung einer so großen Schuld -gestellt worden, so hätte das allerdings auch eine «mpfindliche Lücke in dem Vermögen Scholastikas veranlaßt ; aber nach den Verheerungen durch die Sturm- fiuth ergab sich eine ganz andere Rechnung, für die ein mehr als bedenkliches Resultat bevorstand. Die Grundstücke und der Wald waren entwerthet und die Kapitalien nahezu erschöpft. Um die ungeheure Schuld bezahlen zu können, mußte das Gut mit einer bedeutenden Hypothek belastet werden, und das war bei der ohnehin mißlichen Lage der Landwirth- schaft ein gefährlicher Schritt. An einen Ausweg hatte Valentin gedacht, aber denselben nicht zu stellen gewagt. Wie nicht selten auf den großen Höfen in Süddeutfchland, wo oft ein Dienstbote fast sein ganzes Leben auf demselben Platze zubringt, war der Großknecht durch seine Sparsamkeit nach und nach zu einem Vermögen gekommen, das für seine Verhältnisse sehr beträchtlich erschien. In ähnlicher Lage befand sich •ber Schäfer Willibald, der seit mehr als einem
Der Abg. Graf Limburg-Stirum behauptete in Uebereinstimmung mit dem Minister des Innern wieder, weite Kreise des Volkes verlangten das Gesetz. „So löse man das Haus doch auf!" rief man ihm zu. In konservativen Kreisen scheint man verschiedentlich auch erwartet zu haben, daß die Ablehnung von der Regierung mit der Auflösung beantwortet werden könnte. Man kann auch in konservativen und freikonservativen Blättern den Wunsch nach Auflösung lesen. Aber die Regierung weiß sehr wohl, was sie thut, indem sie jeden Gedanken daran von sich weist. Auch die einsichtigen Konservativen fürchten im Ernste nichts mehr als Neuwahlen. In der Gewißheit, daß sie nicht erfolgen, kann man dann freilich gut renommiren, daß man sie nicht fürchte. Man tröstet sich jetzt damit, daß die Regierung auf das Gesetz nicht dauernd verzichten werde. Wir bezweifeln auch nicht, daß die Nationalliberalen bei anderer Gelegenheit dafür sein würden. Für die nächste Session dürfen wir ihrer aber wohl noch gegen das Gesetz sicher sein. Dann, dann stehen die Wahlen unmittelbar bevor. Was nach den Wahlen kommt, läßt sich nicht voraussagen.
Minister v. d. Recke, der bis dahin immer allein am Regierungstische das Gesetz hatte vertheidigen müssen, erhielt heute Sukkurs von dem neuen Vizepräsidenten des Ministeriums, Dr. v. Miquel. Er hatte ihn auch sehr nöthig, denn seine heutige Rede hatte wieder viel unter dem Gelächter der Linken und des Centrums zu leiden, über das ihn der Beifall der Rechten kaum getröstet haben wird. Den Höhepunkt erreichte die Heiterkeit, als Herr v. d. Recke behauptete, viele Anhänger der Sozialdemokratie würden um- kehren, wenn deren Bestrebungen für unerlaubt und verbrecherisch erklärt würden. Der schlaue Herr v. Miquel sprach indeß gar wenig von dem Gesetze, sondern hielt eine Programm-Red e. Ut aliquid fecisse videatur, war offenbar dabei der Gedanke. Er wollte zum Sozialistengesetze reden, weil dies vielleicht oben gewünscht wurde; er wollte aber möglichst wenig dafür reden, weil er nur mit halbem Herzen dabei ist. Aljo hielt er eine Programm-Rede, von welcher der Abg. Richter mit Recht meinte, sie hätte auch in einer Reüe gegen das Gesetz untergebracht werden können.
Was Miquel sagte, klang ja recht schön, nur war es, gerade wie seine Solinger „Programm-Rede", so unbestimmt, daß es jeder unterschreiben, kein Mensch aber etwas Genaues daraus entnehmen kann. Wir unsererseits wenigstens unterschreiben es ganz gern, wenn der Minister sagt: Die Regierung wolle nicht im Schlepptau irgend einer Partei fahren, sondern stehe über den Parteien. Die Jntereffen-Gegen- sätze müßten sich ausgleichen, und hoffentlich werde sich bald ein Kompromiß der Interessen bilden, mit dem die leitende Regierung zusammengehen könne. Keiner könne dabei das Ganze erreichen, aber alle würden das erreichen, was sie unter den bestehenden
Menschenalter alljährlich seinen Lohn fast ungeschmälert in die Sparkasse trug. Wenn die Bäuerin sich zur Annahme dieser Ersparnisse entschließen konnte, war sofort geholfen; aber Valentin kannte die Charaktereigenthümlichkeiten derselben und glaubte deshalb nicht daran. Einen Versuch entschloß er sich aber dennoch zu machen, und zu diesem Zwecke begab er sich in das Schafhaus, wohin Willibald zwei Tage vorher von der Weide zurückgekehrt war.
Wie er nicht anders erwartete, wurde von diesem sein ganzer Besitz ohne weiteres zu dem genannten Zwecke zur Verfügung gestellt. Auch Willibald sprach jedoch Zweifel darüber aus, daß Scholastika von ihrem Anerbieten Gebrauch machen werde.
Diese hatte sich nach der Entfernung des Großknechts in ihren Lehnsessel gesetzt, wo sie in Gedanken verloren, säst eine Stunde lang blieb. Mehr und mehr kam in ihrem Mienenspiele der Widerschein eines festen Entschlusses zum Ausdrucke.
Sie erhob sich und trat an ihren Wandschrank. Aus diesem nahm sie das Hausbuch und machte sich, dasselbe durchblätternd, eine Reihe von Notizen auf einem Bogen Papier. Dann rechnete sie.
„Es geht nicht anders," murmelte sie. „Und wenn auch. Ich will nicht. Um mit Schulden zu arbeiten und zu kämpfen bin ich zu alt. Auf diese Weise
Verhältnissen erreichen könnten; der preußische Staat sei sich stets seines sozialen Brufes bewußt gewesen. Die Sozialpolitik könne sich aber nicht auf eine einzelne Klaffe beschränken. Sie müsse sich dem besonders zuwenden, der besonders leidend sei, wie jetzt Mittelstand und Landwirthschaft rc. rc.
Irgend etwas Greifbares hieraus zu entnehmen, ist nicht möglich. Der Bund der Landwirthe kann alle dem jubelnd zustimmen, hat indeß keine Sicherheit, daß seine Forderungen berücksichtigt werden sollen. Wir alle haben keine Gewißheit, wie lange das Regierungs - „Programm" in Geltung ist. Der Zug der Gegenwart bietet vielmehr der Befürchtung Raum, daß nicht die von Miquel gepriesene Mittellinie innegehalten werde, sondern ein ostelbisch- st umm sch er Kurs. Trotz der schönen Rede Miquels bleibt uns also nichts übrig, als mit Zurückhaltung, ja Mißtrauen die weitere Entwickelung abzuwarten.
Deutsches Deich.
Berlin, 24. Juli.
* Der Kaiser wird am 3. August die Rußland- Reise antreten. Die „Hohenzollern" wird von den im Dienst gehaltenen Panzerdivisionen begleitet sein. Auf der Rhede von Kronstadt wird das deutsche Geschwader von der vereinigten russischen „Baltischen Meerflotte" empfangen werden, soweit diese für diesen Zweck zusammengezogen werden kann. Das deutsche Geschwader wird 4500 Mann Besatzung an Bord haben. Der Kaiser wird mit dem Prinzen Heinrich gleichzeitig den russischen Boden betreten, da letzterer zur Zeit die 2. Division des Panzergeschwaders führt und seine Flagge an Bord des Kreuzers 1. Kl. „König Wilhelm" gesetzt hat. Unser Brandenburg- Geschwader wird damit zum ersten Male in einem russischen Kriegshafen vor Anker gehen.
* Das Abkommen Aeutschkands mit Irarrk- reich über die Grenzregulirung des deutschen Togogebietes und der französischen Kolonie Dahomey ist, wie der,Reichsanz/ im nichtamtlichen Teile meldet, am 23. d. M. von dem Botschafter Grafen Münster in Paris und dem französichen Minister des Aeußern Hanotaux unterzeichnet worden.
X Die letzte Plenarsitzung des Abgeordnetenhauses war eine der interessantesten und lebhaftesten der ganzen Session. Wiewohl allgemein angenommen wurde, daß die Debatten kurz und ruhig sein würden, war doch der Zudrang zu den Tribünen so stark, wie wir ihn kaum jemals erlebt haben. Schon auf der Straße hatten sich große Trupps Neugieriger angesammelt, die vergebens Eintritt in das Haus suchten oder auf bekannte Abgeordnete warteten. Aber auch diese konnten den meisten nicht helfen, denn drinnen standen längst alle Gänge und Korridore voll von Leuten, die ebenfalls durch gute Freunde und Bekannte eingeführt werden wollten, aber alle Tribünenplätze besetzt fanden, weil andere ihnen zuvorgekommen waren.
bleibt mir noch eine hübsche Summe, mit deren Zinsen ich, bis es ans Sterben geht, sorgenfrei leben kann und die dann nach meinem Tode Martha erhält. Von der abermaligen Versündigung Hermanns darf das gute Kind nichts erfahren. Es hat ohnehin Kummer genug."
Sie schloß ihr Buch, legte es wieder in den Schrank und vervollständigte ihren Anzug.
Dann ging sie zu der Kapelle hinauf und stattete auf dem Rückwege Anna einen Besuch ab.
Dieser machte sie eine Mittheilung, über welche die Wittwe in grenzenloses Erstaunen gerieth. Die Unterredung dauerte lange, aber schließlich erfolgte doch ein sowohl für Scholastika als auch für Anna augenscheinlch befriedigender Schluß.
Die Bäuerin begab sich wieder nach dem Haidhofe. Kaum hatte sie daselbst ihre Oberkleider abgelegt, als Valentin mit dem Schäfer Willibald in der Stube erschien.
In sichtlicher Befangenheit blieben diese beiden an der Thüre stehen, und erst auf die freundliche Frage Scholastikas nach chrem Wunsche trat Valentin einen Schritt vor. Er räusperte sich und fand nicht gleich das richtige Wort.
„Wir sind zwei alte Burschen," begann er endlich, „die unser Herrgott jede Stunde ab rufen kann. Wir