165 FreiLaq, den 23. Juli 1897. 24. Jahrgang
mit Unterhaltrmgs-Ksilage „Sterne und Hlumen".
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• Die Friedens-Verhandlungen
in Konstantinopel scheinen endlich einer Einigung nahe tu sein. Alle Anzeichen deuten daraus hin, daß der Sultan es an der Zeit hält, seinen Widerstand gegen die Forderungen der Mächte in Bezug aus die neue Grenze aufzugeben; man erwartet bereits noch im Laufe dieser Woche den Abschluß eines Präliminar- Friedens. Auch die Meldung, daß 60 türkische Redief- Bataillone nach Hause geschickt werden sollen, deutet auf einen Umschwung tu der Stimmung der maßgebenden türkischen Kreise. Die ernsten Mahnungen zum Nachgeben, die von den Kaisern von Deutschland, Oesterreich und Rußland dem Großherrn zugingen, und die Erkenntniß der Nutzlosigkeit eines Widerstandes gegen das diesmal wirklich „einige" Europa haben wohl am meisten den Umschwung in den Entschlüssen des Sultans herbeigeführt, in Folge dessen der Minister des Aeußern, Tewsik Pascha, bereits am Donnerstag den Botschaftern miltheilte, daß die Türkei „im Prinzip" die von den Mächten vorgeschlagene Grenzlinie annehme.
Auch die selbstbewußte Sprache, welche die französischen Minister am Samstag in der Kämmer bei der Abwehr der Angriffe der Opposition gegen die orientalische Politik der Regierung führten, deutet daraus hin, daß man ein Ergebniß, wie es von Frankreich angestrebt worden ist, erwarten kann. Die französische Politik ist bekanntlich daraus gerichtet, einerseits den Frieden zu erhalten und andererseits Griechenland so viel als möglich vor den Folgen seiner thörichten Handlungsweise zu schützen. Es ist leicht zu erklären, daß Frankreich dabei, wenigstens soweit der zweite Punkt des Programms in Betracht kommt, in einen gewissen Gegensatz zu Deutschland geratben mußte, das unbegreiflicher Weise lange Zeit so offen den Beschützer der Türkei gespielt hat, daß ihm selbst der Vorwurf der Verletzung der Neutralität nicht erspart geblieben ist. Eine solche ausgesprochen türkenfreundliche Politik hätte allerdings nur dann einen Sinn gehabt, wenn Deutschland entschlossen gewesen wäre, den Widerstand der Türkei gegen die Forderungen der übrigen Mächte bis zum letzten Ende zu mnterstützen. So haben auch offenbar die Türken die Lage aufgefaßt und man wird sich nicht zu wundern brauchen, wenn ihnen jetzt die deutsche Politik inkonsequent und unzuverlässig erscheint. Als der türkisch- griechische Krieg ausbrach, verkündeten die Berliner Offiziösen in allen Tonarten, daß ein schneller und gründlicher Sieg der Türken das geeignetste Mittel sei, die Wiederherstellung des Friedens herbeizuführen. Mit dieser Auffassung stimmt es denn auch überein, daß Kaiser Wilhelm dem Sultan zum Siege seiner Truppen Glück wünschen ließ. Schnell und gründlich war dieser Sieg, aber für die schnelle Wiederherstellung erwies er sich nicht gerade günstig; denn es hat, seitdem,durch das Telegramm des Kaisers von Rußland die Einstellung der Feindseligkeiten am 17. Mai
Das Sünderrerke.
Original-Roman von Max Benno.
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Nun wurden eiligst Decken und Teppiche zusammengerafft und die Bäuerin auf die Tragbahre gebettet, daß sie so viel als möglich gegen das Unwetter geschützt war.
Die Trägerinnen eilten mit ihrer Last durch die Hinterthüre aus dem Hause, von wo an sich ein Fußweg in schwacher Steigung aufwärts nach dem Waldrande zog.
Mit Schrecken gewahrte sie, daß das Wasser bereits die hintere Seite des Gebäudes bespülte und ein wilder Strom zwischen dem Gemäuer und der beginnenden Anhöhe hinfloß. Von Ängst' ergriffen, zögerten sie einen Augenblick. Doch der Uebergang mußte gewagt werden, ehe das Wasser noch höher anschwoll.
„In Gottes Namen," rief Martha und machte den ersten gefährlichen Schritt in den reißenden Strom. Die Botin folgte und nach wenigen Sekunden war glücklich die höher gelegene Stelle des Weges erreicht. 9htn ging es so schnell als möglich aufwärts und endlich nahm die gut durchwärmte Stube Annas die völlig Durchnäßten und zum Tode Erfchöpften auf.
erfolgte, großer und zwei Monate dauernder Anstrengungen der Mächte bedurft, um den Sultan nur zu einem Verzicht auf die Eroberung Thessaliens zu bewegen.
Ob die Türken bloß deshalb so lange Widerstand gegen die Forderungen der Mächte geleistet haben, weil sie guten Grund zu haben wähnten, nicht an die Einigkeit derselben zu glauben, mag dahingestellt bleiben — jedenfalls geht aus den Bemerkungen des französischen Premierministers in der Samstagssitzung der Kammer deutlich hervor, daß das bald drängende, bald hemmende Verhalten Deutschlands selbst bei den eu'.opäischen Diplomaten den Eindruck hervorgerufen hat, als ob Deutschland, um es milde auszudrücken, nur schwer in eine Linie mit den übrigen Mächten zu bringen wäre. Die Verwunderung über diese Zickzack- Politik ist um so größer, als man früher daran gewöhnt war, in orientalischen Dingen Deutschland mit Oesterreich-Ungarn oder mit Rußland gehen zu sehen, wobei von einer selbstständigen Politik Deutschlands im Orient oder gar von einer Initiative desselben wenig zu bemerken war. Diese Politik ersparte uns diplomatische Niederlagen und machte es uns möglich, den „ehrlichen Makler" zu spielen Dagegen ist es jetzt, wenn man Herrn Meline glauben darf, Frankreich gewesen, das nicht nur den „ehrlichen Makler", sondern sogar den „Schiedsrichter" hat spielen können. Das sind Wandlungen, bemerkt die,Frankf. Ztg.', die für uns weder vortheilhaft noch schmeichelhaft sind, um so weniger, als wir uns wiederholt sogar von unseren Bundesgenossen getrennt haben.
Wie die Einstellung der Feindseligkeiten, so wird auch die neueste Nachgiebigkeit des Sultans auf das persönliche Eingreifen des Zaren zurückgeführt. Vor einiger Zeit schon wurde gemeldet, daß der russische Minister des Aeußern den Regierungen der übrigen Großmächte vorgeschlagen habe, einen Druck auf die Türkei auszuüben, um sie zu einer Beschleunigung der Friedens-Verhandlungen zu bewegen. Nun soll der Kaiser von Rußland selbst an den Sultan ein Telegramm gesandt haben, in dem er ihn auffordert, keine Schwierigkeiten mehr dem Abschlüsse des Friedens zu. machen und ihn auf die Folgen hinweist, welche sich für die Türkei aus der von der Pforte beliebten Politik ergeben könnten. Eine bemerkenswerthe Illustration erhält dieses Telegramm des Kaisers Nikolaus durch die Meldung, daß die Schwarze-Meer-Flotte wieder in Bereitschaft gesetzt sei, binnen 12 Stunden in See zu stechen. Solche Drohungen — denn das Ziel der russischen Flotte könnte doch nur der Bosporus sein — machen auf den Sultan jedenfalls mehr Eindruck, als diplomatische Noten, die zu beantworten die Pforte sich so viel Zeit nimmt._______________________________
Deutsches Derch.
Berlin, 22. Juli.
* Das Werernsgesetz wurde heute vom Herrenhause in zweiter Lesung mit 112 gegen 19 Stimmen
Die Botin und . Martha kleideten sich um. Scholastika aber mußte zu Bette gebracht werden, da sie zu fiebern begann.
Obgleich keine Gefahr für das hochgelegene Gebäude bestand, dachte in dieser grauenvollen Nacht daselbst doch niemand an Schlaf.
Martha, die Tante und die Botin blieben beisammen und erwarteten in banger Sorge den anbrechenden Tag. Die wenigen Stunden kamen ihnen wie eine ganze Ewigkeit vor.
Endlich graute der Morgen. Sie richteten ihre Blicke zu Thal. Welch gräßlicher Anblick bot sich ihnen dar.
Wo man vorher grünende Wiesen und Saatfelder zu sehen bekam, schäumte ein breiter See, dessen schmutzig gelbes Wasser sich zwischen den Anhöhen hinwälzte, mit Balken, Hausgeräth und Thierleichen bedeckt.
Die schönen Waldungen waren verwüstet, die kräftigsten Stämme mit den Wurzeln aus dem Boden gerissen und andere abgeknickt und zerfetzt — ein Bild der Verheerung und des Grauens, wie man es in diesem Thals noch nie erlebt hatte.
Erst im Laufe des Tages wurden die gräßlichsten Ereignisse bekannt. Weiter oben im Thale hatte die Sturmfluth in Städten und Dörfern eine größere
angenommen. (Vergl. Parlaments-Bericht. Die Red. Am Samstag wird das Gesetz auch im Abgeordnetenhause zur erneuten Berathung kommen. Angeblich will Minister Dr. v. Miquel eine Rede zu seinen Gunsten halten, doch klingt das nicht gerade wahrscheinlich. Die ,Nordd. Allgem. Ztg.' richtet „in letzter Stunde" nochmals an das Abgeordnetenhaus die Mahnung, das „gleiche Entgegenkommen" wie das Herrenhaus zu beweisen und die dargebotene Hand anzunehmen. Ein Gleiches thut die ,Post'. Beide Blätter suchen dem Gesetze möglichst viele gute Seiten abzugewinnen und die Bedenken dagegen als unbegründet hinzustellen. Es lohnt sich nicht, jetzt noch auf diese Lockrufe einzugehen. Ob die nölhige Anzahl Nationalliberalen ihnen folgt, muß sich ja bald zeigen.
* Arhr. v. Warschau der, wie im Gegensatz zu anderen Meldungen ein Berichterstatter erfahren haben will, sein Entlassungsgesuch eingereicht hatte, wird diesem Berichterstatter zufolge im Reichsdienfle verbleiben und im Oktober einen Botschafterposten, in Rom oder in Konstantinopel, übernehmen. Ebenso werde Frhr. v. Rot en Han an die Spitze einer Botschaft treten. Sobald Herr v. Bülow die Geschäfte des Auswärtigen Amts übernommen hat, beabsichtige Unterstaatssekretär v. Rotenhan einen längeren Urlaub anzutreten, um nach dessen Ablauf einen Botschafterposten zu übernehmen. Die Bestätigung dieser Angaben bleibt abzuwarten. — Herr v. Boetticher, der gegenwärtig mit seiner Familie als Gast des Grafen Douglas auf Ralswick bei Bergen weilt, gedenkt, wie derselbe Berichterstatter meldet, Mitte August nach Naumburg zu übersiedeln. Anfang nächsten Jahres dürfte er das Oberpräsidium der Provinz Sachsen übernehmen, da, wie verlautet, Herr v. Pommer-Esche sich von diesem Amte ins Privatleben zurückziehen will. Herr v. Köller dagegen wird wahrscheinlich bereits am 1. Oktober das Oberpräsidium von Schleswig-Holstein (nicht von Hessen-Nassau!) antreten.
ft Das ostpreußische Organ des Bundes der Laudwirthe hatte der Regierung 500 Millionen Mark zu Fkottenzwecken angeboten, das heißt nicht aus der Easche der Agrarier, sondern aus denen der Steuerzahler überhaupt. Die ,Korr. des Bundes der Landw.' bezeichnet dies als einen „rollenwidrigen Seitensprung" und erklärt: „Wir können versichern, daß unser ostpreußisches Bundesorgan die Meinung der Bundesleitung keineswegs ausgesprochen hat. Der Bundesvorstand trägt keine Verantwortung für diese Auslassung, die wir lediglich als die private Ansicht dessen bezeichnen müssen, der sie sich, ohne dazu autorifirt zu sein, erlaubt hat." Die Bundesleitung weiß eben recht wohl, daß sie mit der Flottenbegeisterung wenig Beifall finden würde.
□ Der Bund der Laudwirthe wird mit seinem Anträge auf Erlaß eines zeitweiligen chelreide- GinfuHrvervotes von Reichswegen kurz abgewiesen. Das amtliche Blatt erklärt, das Einfuhrverbot würde
Anzahl von Häusern niedergerissen oder geradezu gehoben und auf ihrem Rücken entführt. Eine Menge Vieh war zu Grunde gegangen, Mühlenwerke zerstört und das Schmerzlichste von allem: eine ganze Reihe von Unglücklichen, welche sich nicht zu retten vermocht hatten, fanden in den Wellen den Tod.
Auch im unteren Thale waren die Verheerungen, wenn auch nicht so unerhört, wie an anderen Orten, furchtbar genug und namentlich ist die Haidhofbäuerin schwer heimgesucht worden. Das Wasser war in das Haus und in die Ställe gedrungen, das Rindvieh und die Pferde ertrunken, noch viel größer war der Schaden, welchen die Sturmfluth an Feldern und Wiesen, im Walde und in anderer Weise gethan hatte.
Das einen Werth von mehreren Tausend Mark darstellende Holz, welches die Arbeiter der leichteren Abfuhr wegen an den durch das Thal führenden Weg gebracht und aufeinander gesetzt hatten, war bis auf den letzten Stamm und das letzte Scheit fort- geschwemmt. Die Felder und Wiesen sahen aus wie öde Gebirgsflächen, mit Geröll und Steinen bedeckt.
Valentin hatte diese Hiobsposten der Bäuerin nach der Wohnung Annas gebracht, wo erstere das Bett hütete, da sie sich von dem Fieberanfalle noch nicht ganz erholt hatte. Der alte Mann war ganz un-