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M 163 Mitwoch, dm 21. Juli 1897. 24. Jahrgan«

FiilioierWZeitiiiig

mit Unterhaitungs-Keilage „Sterne und Ktumen".

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Welch.

Berlin, 20. Juli.

ft Der Kaiser ist, nachdem Herzog Karl Theo­dor von Bayern am Montag bei ihm in Stavanger an Bord der „Hohenzollern" eingetroffen ist, mit demselben sofort nach Bergen zurückgekehrt. Heute bringt der ,Reichsanzeiger' seit mehreren Tagen zum erstenmale wieder eine Notiz über das Befinden des Kaisers. Dieselbe, unterzeichnet von Dr. Leuthold, besagt, daß die heute von dem Herzog vorgenommene Untersuchung des Auges des Kaisers ein durchaus befriedigendes Ergebniß gehabt habe. Das Sehver­mögen sei in keiner Weise gestört, nur beständen noch leichte Reizerscheinungen, infolge deren der Kaiser sich noch einige Zeit Schonung auferlegen müsse. Der Kaiser werde die norwegische Reise fortsetzen, während der Herzog demnächst die Heimreise antreten werde.

* Die Nachricht, daß Kaiser Mikljekm im Herbste des nächsten Jahres nach Jerusalem kommen wird, um der Einweihung einer protestantischen Kirche beizuwohnen, hat, wieder ,Berl. Bors.-Cour/ schreibt, auch unter den Israeliten Jerusalems, selbst denjenigen, welche nicht deutscher Zunge angehören, eine lebhafte Bewegung hervorgerufen und bei den dortigen jüdischen Behörden den Gedanken angeregt, dem Kaiser einen besonderen feierlichen Empfang zu bereiten. Es ist jetzt das zweite Mal, daß ein deutscher Kaiser nach Jerusalem kommt. Der erste war der Hohenstaufe Kaiser Friedrich II., der sich auch zum Könige von Jerusalem krönen ließ. Im Jahre 1869 wurde Kronprinz Friedrich Wilhelm, unser späterer Kaiser Friedrich 111., in den Mauern Jerusalems begrüßt. Einige Tage nach seiner Ab­reise hielt damals Kaiser Franz Joseph seinen Ein­zug in die hl. Stadt.

* Der Abgeordnete v. Mennig serr wird, wieder ,Hannov. Courier' berichtet, sein Reichstagsmandat während der Wintersession noch behalten, dagegen wird er eine Kandidatur bei den Neuwahlen nicht wieder annehmen-.

* Der nationalliberale Abgeordnete MaMrecht, der durch einen Sturz mit seinem Reitpferde einen Bruch des Schlüsselbeins erlitten hat, wird trotz des­selben am Sonnabend in Berlin anwesend sein, um gegen die Herrenhausfassung des Vereinsgesetzes zu stimmen. — In Bezug auf diese Abstimmung schreibt die ,Kons. Korr/: „Angesichts der Lage der Dinge ist es nolhwendig, daß für die bevorstehende Abstimmung über das Vereinsgesetz im Hause der Abgeordneten unter keinen Umständen Abpaarungen zwischen Freunden und Gegnern des Gesetzes statt­finden. — Der Vorsitzende der polnischen Land­tagsfraktion, Abg. Motty, fordert die polnischen Abgeordneten auf, am 24. ds. zur Abstimmung über das Vereinsgesetz vollzählig zu erscheinen.

* Der bisherige Präsident des Reichsversicherungs­amts Dr. Aoediker hat die Stelle eines Direktors bei der Aktiengesellschaft Siemens und Halske ange-

Das Kündrnerbe.

Original - Roman von Max Benno.

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5.

. Die Flucht Hermann Sommers aus dem Gefäng­nisse hatte nicht nur in dem Städtchen Weilbach, son­dern im ganzen Thale und selbst in weiteren Kreisen ungeheures Aufsehen gemacht. Nunmehr zweifelten nur noch Wenige an seiner Schuld.

Der Polizeikommissar Forner war ganz rasend, und der Gefängnißwärter Schlund mußte eine böse Stunde erleben, als er zu dem Beamten mit der Nachricht von dem Entweichen des Verhafteten kam.

Nach dem letztem wurde sofort nachdrücklich ge­fahndet. Man schickte an alle Landjäger - Stationen Steckbriefe aus, telegraphirte nach den Hafenstädten, versandte Photographien, aber ohne Erfolg. Obgleich der Kommissar Forner seine Pflicht gethan hatte, kam auch er nicht ohne eine scharfe Rüge von oben davon. Der den Polizeibehörden gespielte Streich war auch zu schlimm. Mit Anspannung des ganzen verfügbaren Apparates hatte man nach den Falschmünzern gesucht, und nun war derjenige, von dessen Geständnissen in erster Linie der Erfolg aller Bemühungen abhing.

nommen und ist am Montag bereits den Beamten dieser Gesellschaft vorgestellt und in seinem neuen Wirkungskreis eingeführt worden. Wie ein parla­mentarischer Berichterstatter meldet, bezieht Dr. v. Boediker in seiner neuen Stellung 100,000 Mark Jahresgehalt, außerdem hat sich die Gesellschaft ver­pflichtet, im Falle der Lösung des Vertrags eine Ab­standssumme von 300,000 M. an ihn zu zahlen.

* Dem Abg. Pfarrer Askraut ist zum zweiten Male vom König!. Konsistorium die Bestätigung als Pfarrer der Sophienkirche versagt worden. Die Gemeinde hat nun eine Eingabe an den Kaiser als den obersten Landesbischof mit der Bitte um Be­stätigung des Pfarrers Jskraut eingereicht.

* Mit den Marineforderungen beschäftigt sich die ,M. P. K/. Nach ihr soll es feststehen, daß an den Reichstag in der nächsten Session Marinefor­derungen „in nicht ganz unbeträchtlicher Höhe gelangen werden". Sehr euphemistisch ausge­drückt !

O In der allgemeine» Marrverwattung soll nach einer Verfügung des Ministers Sorge dafür ge­tragen werden, daß Arbeiter, welche in Folge eines Betriebsunfalles erkrankt sind, nach ihrer Genesung wieder beschäftigt werden, soweit sich im Bereiche der Verwaltung eine für ihre Kräfte und Fähigkeiten irgend geeignete Beschäftigung bietet. Der neue Lohn ist so festzusetzen, wie er für die Arbeitsleistung des Verletzten unter Mitberücksichtigung der Dauer feiner bisherigen Beschäftigung im Verwaltungsdienste an« gemeßen ist: sei es, daß der Arbeiter in feiner früheren Thätigkeit wieder beschäftigt, fei es, daß er nur noch zu einer geringer gelöhnten Arbeit verwendet werden kann. Der Bruchtheil der Erwerbsfähigkeit, welcher der Rentenfestsetzung zu Grunde gelegt ist, darf nicht ohne weiteres als maßgebend angesehen werden. Bei Bemessung des neuen Lohnsatzes ist davon auszugehen, daß der neue Lohn zuzüglich der Unfallrente den früheren nicht übersteigt, es sei denn, daß der Arbeiter auch sonst in die Lage gekommen wäre, einen höheren Lohn zu erlangen, z. B. wenn ihm eine besser gelöhnte Be­schäftigung zugewiesen wird oder eine allgemeine Auf­besserung der Arbeiterlöhne erfolgt.

* Der Dund deutscher Tifchkerinnungen beabsichtigt beim Bundesrath um Einbeziehung des gesammten Tischlerhandwerks in die Unfallver­sicherung zu petitioniren. Gleichzeitig soll auch die Genehmigung zur Begründung einer selbständigen Unfallversicherungsberufsgenossenschaft für das deutsche Tischlergewerbe nachgesucht werden.

Die Berliner Zimmerer haben sich am Montag Abend in drei Versammlungen mit dem Aus­stand befaßt. 2800 Zimmerer arbeiten bei 262 Arbeit­gebern zu den neuen Bedingungen. Die Kommission hat 2100 Arbeitsberechtigungskarten verausgabt. Aus­ständige wurden in letzter Stunde 530 gezählt. An UnterstüHungen wurden in den beiden letzten Wochen 10000 Mark ausgezahlt. Die Arbeitswilligen wurden zum letzten Mal auf gefordert, noch im Laufe dieser aus dem Gefängnisse entkommen, und aufs Neue sah man die gefundenen Spuren verwischt.

Unter die Wenigen, welche nicht an eine Schuld Hermanns glaubten, zählte in erster Linie Martha Vogtherr. Die Nachricht von dem Geschehenen hatte sie fast niedergeworfen, aber sie verlor weder Ver­trauen noch Muth. Die gelungene Flucht des Jugend­freundes beruhigte sie sogar einigermaßen. Um so mehr befremdete es sie, daß sie am Tage nach der Verhaftung und Flucht Hermanns in dem Hause der Tante die Haidhofbäuerin in einem geradezu trost- und hoffnungslosen Zustande fand.

Die sonst so starkmüthige Frau, welche die schwer­sten Schicksalsschläge nicht zu beugen vermocht hatten, schien ganz gebrochen zu fein.

Martha empfand tiefes Mitleid mit ihr. Sie fühlte sich der schwer Heimgesuchten, welche sie bis jetzt immer nur mit ehrfurchtsvoller Scheu betrachtet hatte, auf einmal nahe gebracht.

Mit kindlicher Zärtlichkeit schmiegte sich Martha an die Jammernde und sprach ihr Trost zu.

Sie beharrte darauf, daß Hermann, wenn ihn auch noch fo viele verdammten, ganz gewiß unschuldig fei.

Ihre überzeugungsvolle Fürsprache rief nur ein trauriges Kopf schütteln der Matrone hervor.

Woche die Arbeit einzustellen, weil sonst der weitere Verlauf des Ausstandes zu Ungunsten der Zimmerer ausfallen könne, da die meisten Arbeitgeber nur der augenblicklichen Nothlage gehorchend den 60 Pfennig- Stundenlohn zahlten, während sie fest entfchloffen feien, bei der ersten Gelegenheit wieder zum alten Lohn­satz zurückzukehren. Uebrigens hat das Kuratorium des neuerrichteten Arbeitsnachweises im Baugewerbe den Antrag der Lohnkommission wegen Betheiligung der Arbeiter an der Verwaltung des Arbeitsnach­weises dahin beantwortet, daß man im Prinzip mit dieser Forderung einverstanden sei, daß man jedoch in Folge der geltenden Geschäftsordnung ohne Zu­stimmung der Innung der Bau-, Maurer- und Zimmermeister keine Aenderung vornehmen dürfe. Das Kuratorium fei bereit, die Angelegenheit der nächsten Jnnungsverfammlung zur Entscheidung vor­zulegen und sogar das Gesuch der Arbeitnehmer zu befürworten.

* Der ,Reichsanz/ veröffentlicht die Bekannt­machung betr. Abänderung der Bestimmungen über die Befähigung von Kisenöahnöetrieösöeamlen vom 5. Juli 1892 gemäß dem vom Bundesrathe in der Sitzung vom 24. Juni d. I. gefaßten Beschlüsse. Danach erhält der Schlußsatz unter C. Z. 4 der Be­stimmungen über die Befähigung von Eisenbahnbetriebs- beamten folgenden Wortlaut: „Die Landesaufstchts- behörden sind ermächtigt, für einzelne Stationen und Bahnstrecken mit einfachen Verkehrs- und Betriebs­verhältnisfen eine Abweichung von den vorstehenden Bestimmungen über die Befähigung von Eifenbahn­betriebsbeamten dahin zuzulassen, daß Bahnpolizei­beamte einer Klaffe durch Beamte einer andern Klaffe aushilfsweise vertreten werden, auch wenn die zur Vertretung heranzuziehenden Beamten zwar die formelle Befähigung dafür nicht besitzen, jedoch zur ordnungs­mäßigen Wahrnehmung der ihnen aus dem anderen Dienstzweige zu übertragenden Geschäfte tatsächlich befähigt, sowie mit den in Frage kommenden örtlichen Verhältnissen vertraut sind. Die vorstehende Aenderung tritt sofort in Kraft."

ft Ein „Merci» Berliner Boftsekreläre" ist hier nach dem Vorbilde des Postassistentenver- bandes begründet worden. Das Hauptziel des neuen Vereins soll dahin gehen, im Gehalt eine Gleich­stellung der Postsekretäre mit den preußischen Gerichts­sekretären zu erreichen, deren Meistgehalt nach der vor kurzem beschlossenen Besoldungsaufbesserung 3800 Mk. beträgt, während sich das Meistgehalt der Postsekretäre auf 3500 Mark beläuft. Auffallend ist, daß diesem Verein, der sich eine derartige Aufgabe gestellt hat, nur die Berliner Postfekretäre und die der Vororte, nicht aber die Postsekretäre der übrigen 39 Postdirektionsbezirke beitreten können.

* Die Erhöhung des Zolls auf amerikanische Aahrräder soll der ,N. B. C/ zufolge an maß­gebenden Stelle von neuem erwogen werden. Die deutsche Fahrradindustrie hält einen Schutzzoll von 50 Mark für das Stücks!) wünschenswerth.

Diese preßte das Mädchen innig an sich.

„O möchtest Du recht haben, liebes Kind," seufzte sie, möchte auch ich mich an den Glauben anklammern können, den Dein Herz Dir verleiht, aber es geht eben nicht. „Abermals griff das Sündenerbe mit feiner erbarmungslosen Hand in mein Leben. Es ist der Reue und Buße für Treulosigkeit und gebrochene Schwüre noch nicht genug. „O Martha, Martha," stöhnte die Greisin, und schloß das Mädchen aber­mals stürmisch in ihre Arme, „auch Deine Zukunft wird durch die Schuld anderer verbittert, auch Du wirst, ohne etwas Böses gethan zu haben, eine Kreuz­trägerin fein."

Sie glitt auf den Boden nieder und hob die Hände empor. „Vergieb, oergieb," flehte sie, „ich hätte ja so gern die Hand zur Versöhnung des Rache­engels geboten, ich wagte zu hoffen, daß der ewigen Gerechtigkeit Genüge gethan fei, aber es war eine Täuschung! Der bittere Kelch ist noch nicht bis auf die Hefe geleert." ’

In maßloser Bestürzung hatte das Mädchen auf die Selbstanklagen der Bäuerin gehört. Sie begriff deren Sinn nicht in ihrem vollem Umfang, aber dennoch wurde dadurch in ihr eine unbestimmte Ahnung ge­weckt.