162 Dimstag, den 20. Juli 1897. 24. Jahrgang
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Deutsches Reich.
Berlin, 19. Juli.
* lieber das Befinden des Kaisers und seine weitere Reisedisposition liegen amtliche Nachrichten noch nicht vor. Herzog Karl Theodor von Bayern hat heule auf der Reise nach Kiel Berlin passirt. Derselbe wird in Scharanger an Bord der „Hohen- zollern" gehen, um das verletzte Auge des Kaisers zu untersuchen.
* Auf der Ilußkandreife wird, wie die ,Post" wissen will, der Kaiser von beiden Divisionen des ersten Geschwaders begleitet sein. Das Kaiser- geschwader, dasam7.Aug. an der Mündung der Newa erscheinen wird, besteht einschließlich der Dacht „Hohenzollern" aus zehn Schiffen mit einer Besatzung von zusammen rund 4500 Mann an Bord. — Wir glauben nicht, daß eine so starke Machtentfaltung gerade erforderlich wäre, um das deutsche Reich in Rußland würdig zu vertreten. Rußland kennt uns zur Genüge, und das Bisrnärckische Wort: „Wir fürchten Gott und sonst Niemanden auf der Welt!" sollte doch auch heute noch, wenn es überhaupt einen Werth hat, feine Kraft nicht eingebüßt haben.
* Kultusminister Ir. Dosse hat sich nach der Schweiz begeben. Auf das Ersuchen des Hilfsvereins deutscher Lehrer ist dem Verein von Seiten des Kultusministers ein Bildniß zugestellt worden; dasselbe trägt die eigenhändige Unterschrift des Ministers und den Wahlspruch: „Nur treu!" Der Verlag des Hilfsvereins deutscher Lehrer wird das Bildniß vervielfältigen. Die Lehrer haben sich diese Gunst vom Minister erbeten mit Rücksicht auf seine Verdienste um das Zustandekommen des Lehrerbesoldungsgestzes.
* Der Oberpräsident von Hannover, Herr vor» ZLennigsen, hat den,Hannov. Tagesnachr." zufolge sein Abschiedsgesuch zum 1. Januar nächsten Jahres bereits eingereicht.
* Der national soziake ^erteitag findet voraussichtlich wieder in Erfurt, und zwar in den Tagen vom 26. bis 29. September statt. Vom Vorstand wird folgende Tagesordnung vorgeschlagen: 1) Politischer Jahresbericht. 2) Geschäftlicher Jahresbericht. 3) Das allgemeine Wahlrecht als Grundlage der inneren und äußeren Politik. 4) Das Genossenschaftswesen. 5) Ein soziales Schulprogramm. 6) Die Lage der Kleinbauern. Die Namen der Referenten werden in einiger Zeit veröffentlicht werden.
* Die Sozialdemokratie rüstet sich für die nächsten Reichstagswahlen. Am Sonntag ist in Berlin ein sozialdemokratisches Flugblatt vertheilt worden. Es führt den Titel: „Das Attentat auf das Vereinsund Versammlungsrecht." In dem Flugblatte wird die Stellung der Sozialdemokratie zur Vereinsgesetz- Novelle gekennzeichnet und die bestimmte Erwartung ausgesprochen, daß der Ausfall der nächsten Wahlen dem „Polizeiminister" v. d. Recke die Antwort auf fein Vereinsgesetz bringen werde.
*<* Das Simdenerbe.
Original - Roman von Max Benno.
31 ------ (Nachdruck verboten.)
Eine Zeit lang blieb er stehen wie auf der Stelle gebannt. Fast kam ihm alles vor wie ein schrecklicher Traum. Mehr und mehr aber drängte sich ihm das Bewußtsein der furchtbaren Wirklichkeit auf, und ein namenloser Schmerz zerriß sein Gemüth. Eines schweren Verbrechens angeklagt, verhaftet, entehrt, das Zuchthaus vor sich. — Hermann schlug laut aufschreiend die Hände vor das Gesicht und ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte feinen ganzen Körper. Er fetzte sich auf die Pritsche und starrte in dumpfer Verzweiflung vor sich hin. Er dachte an die Mutter — an Martha! „Barmherziger Gott!" stöhnte er, „wie werden sie mit Entsetzen und Abscheu erfüllt werden, wenn man ihnen das Gräßliche mütheilt!" Die Mutter! Er, der Stolz und die Freude ihres Alters, dem von ihr in nie versiegender Liebe fast jeder Wunsch, den sie ihm an den Augen absah, erfüllt worden, war, hatte Schmach und Schande über ihre grauen Haare gebracht! — Aber er war ja unfchuldig! Fälschlicherweise hatte man ihn angeklagt! Ein wilder Zorn brachte fein Gemüth in Aufruhr. Er schnellte empor, rüttelte an
* Wozu die AröeiLergrofcheu, d.h. die von dem sozialdemokratischen Arbeiter als „Beitrag" regelmäßig an die Parteikaffe zu zahlenden Groschen gut sind, ersieht man aus folgender Mittheilung in Berliner Blättern. Die parlamentarischen Vertreter der „sozialdemokratischen Arbeiterpartei" haben bereits zum größten Theile ihre Badereisen angetreten. Liebknecht weilt mit Familie in einem englischen Badeorte, Bebel macht eine Reise durch Italien, Singer und Bamberger, die Geschäftsführer des,Vorwärts", sind auf einer Nordlandsreise begriffen, während Auer sich noch in Berlin aufhält. Die meisten namhaften „Genossen" halten sich ferner da und dort in Bädern und Kurorten auf. Zwei bekannte süddeutsche Parteiführer weilen augenblicklich in Marienbad, was darauf schließen läßt, daß man auch als „ausgepreßter Sklave des Kapitals" noch „Fett ansetzen" kann, während die Mehrzahl der Berliner an der Ost- und Nordsee weilt. Ob diese Mittheilungen wohl vermögen. Verblendeten die Binde von den Augen zu reißen?
* Im Interesse der weiteren Durchführung der Sonntagsruhe für das im Betriebsdienst der Po stund Telegraphenverwaltung beschäftigte Personal sind noch zu Lebzeiten des Staatssekretärs v. Stephan folgende allgemeine Anordnungen getroffen worden: Es ist streng darauf zu halten, daß die Bestimmungen über die Sonntagsruhe des Personals auch bei Veränderungen in den Betriebsverhältnissen und in der bestehenden Diensteintheilung durchgeführt bleiben. Die verschiedenen Dienstgeschäfte sind so weit, wie irgend thunlich, in eine Hand zu legen, damit nach Möglichkeit eine Beschränkung des dienst- thätigen Personals erreicht wird. Endlich wird empfohlen, unter Hinweis auf den Fall, daß ein Betriebsbeamter mit geringen Unterbrechungen 17St. im Dienst beschäftigt, demnächst aber mehr als 24 Stunden ohne Unterbrechung dienstfrei gewesen war, die Arbeitszeit und die dienstfreie Zeit in kürzeren Abstufungen wechseln zu lassen.
O Betreffend Abänderungen der Mäckerciver- ordnung sollen im Reichsamt des Innern gegenwärtig Erörterungen darüber stattfinden, ob es angezeigt erscheine, im Herbst ds. Js. nochmals Berichte über die Wirkung der Verordnung einzufordern, besonders da einzelne Regierungen, z. B. Bayern, einen bezüglichen Wunsch ausdrücklich zu erkennen gegeben hätten In den interessirten Kreisen erwarte man bestimmt, daß Erleichterungen des Betriebs demnächst eintreten würden.
* Die Eisenbahndirektion Berlin hat ihren sämmt- lichen Angestellten und Arbeitern durch Anschlag in den Werkstätten den Beitritt zu dem sozialdemokratischen Kisenvahnarveiterveröand, sowie das Halten des Verbandsblattes ,Weckruf der Eisenbahnarbeiter Deutschlands" verboten. Wer sich zum Beitritt habe verleiten lasten, solle sofort fein Ausscheiden herbeiführen, andernfalls trete unnachsichtlich der eisenbeschlagenen Thür, riß das Fenster auf und zerrte an der Eisenstäben — es war alles umsonst!
Wieder fiel er in sein dumpfes Grübeln und Sinnen zurück. Die verworrensten Gedanken jagten sich in feinem Gehirn. Im Vordergründe derselben stand immer das Bild der Mutter mit dem grenzenlosen Herzeleid, das ihr durch fein grausames Geschick angethan war. Wenn man ihn verurtheilte, wenn ihn das Zuchthaus aufnahm? Wie häßliche Gespenster tauchten diese drohenden Schrecken vor seinem Geiste empor. Er konnte sie durch nichts von sich cheuchen, denn nur dadurch vermochte er sich, wie ihm der Kommissar gesagt hatte, zu retten, daß er den Namen desjenigen angab, der ihn ins Unglück gestürzt hatte. Er kannte ihn nicht. Nein, nein, gellte eine Stimme in ihm; das Aeußerste, das Fürchterlichste wenigstens sollte die arme Mutter nicht erleben — daß man ihn in öffentlicher Gerichtsverhandlung als Verbrecher brandmarkte und ihm die zwilchene Sträflingsjacke anzog. Wieder näherte er ich dem Fenster und griff nach dem Gitter. Er dachte an die Flucht.
Erschrocken zog er den Arm plötzlich zurück. Ein Schlüssel wurde in das Schloß der Thür gesteckt und geräuschvoll ging diese auf.
Entlassung ein. Ein Theil der Mitglieder hat in Folge dieses Anschlags bereits seinen Austritt aus dem Verbände angezeigt.
Ausland.
* ^aris, 19. Juli. In dem heutigen Ministerrath im Elysse theilte der Minister für die Kolonien, Lebon, mit, daß eine Kavallerieabtheilung, welche von Timbuktu ausgebrochen war, um Räuberbanden zn verfolgen, eine Schlappe erlitten habe. Die Truppe habe zwei europäische Offiziere und zwei Unteroffiziere sowie 29 eingeborene Spahis verloren.
* Wien, 19. Juli. Zum Grabe des seligen Canisius nach Freiburg wird vom hiesigen Canisius- komitee eine Wallfahrt veranstaltet, für welche das Programm mit Bewilligung und unter dem Segen des hochwürdigsten Herrn Kardinals Fürst- Erzbischof von Wien, Dr. Anton Gruscha, unter Führung des Weihbischofs Dr. Joh. Schneider bereits festgesetzt ist. Die Wallfahrt wird am 25. August früh 7 Uhr vom hiesigen Westbahnhof angetreten und am 30. August ihr Ende erreichen. Die hiesige Canisius- feier, für welche die Zeit vom 13.—16. November in Aussicht genommen ist, umfaßt am Samstag, den 13. November: Abends Begrüßung der fremden Gäste, am Sonntag den Sodalentag im Katholischen Gesellenvereinshause, Nachmittags Fahrt nach Maria- Hietzing, am Montag Ausflug nach Klosterneuburg. Besuch des Grabes des hl. Leopold und Besichtigung des Stiftes. Nachmittags und Abends Versammlungen des Katholischen Schulvereins, Abends im katholischen Gesellenvereinshause konstituirende Versammlung des Vereins Mr Erbauung einer Canisius- Jubiläums-Kirche in Wien; am Dienstag, den 16. November: Vormittags Schlußsitzung des Sodalen- tages. Abends Canisius-Festfeier im großen Musik- vereins-Saale, nachher Fest-Kommers der katholischen Studentenschaft im kleinen Musikvereins-Saale. Bei der überaus rührigen Thätigkeit des Komitees und dem großen Interesse, welches in weitesten katholischen Kreisen sich für die Canisiusseier kundgiebt, ist nicht daran zu zweifeln, daß dieselbe einen überaus glänzenden Verlauf nimmt.
* Konstantinopet, 19. Juli. Der Minister des Aeußern, Tewfik Pascha, hat am Samstag den Vertretern der Mächte den Entwurf eines Friedens- v ertrag es vorgelegt. Dieser Entwurf hält nicht nur an der Grenzlinie Salambria-Ieragis fest, sondern fordert auch eine Kriegsentschädigung von 4l/2 Millionen Pfund, also eine halbe Million Pfund mehr, als der von den Botschaftern festgesetzte Betrag, und kommt auf die Forderung der Abschaffung der Kapitulationen zurück.
* Attzeu, 19. Juli. Die Bevölkerung ist wiederum gegen die Dynastie stark gereizt. Der Grund hierzu liegt jetzt hauptsächlich in der Unzufriedenheit der
Der Gerichtsdiener erschien. Er brachte eine Suppe und einen Krug mit Wasser.
Schweigend zog er sich wieder zurück.
Hermann empfand kein Bedürfuiß. Er rührte die Suppe nicht an.
Unruhig und gedankenvoll ging er in dem kleinen Raum auf und ab.
Allmählich brach die Nacht herein und Hermann sah sich in völliges Dunkel gehüllt.
Da wurde feine Aufmerksamkeit abermals durch ein Geräusch an der Thür geweckt. Diese drehte sich in ihren Angeln und mit einem brennenden Kerzenlicht trat Bastian in die Zelle herein.
Eine kleine Reisetasche trug er in der Hand. Er stellte das Licht auf die Pritsche und zog Hermann, der aufs neue bitterlich zu meinen anfing, an seine Brust.
„Armer Kerl," sagte er, Du dauerst mich recht und ich zweifle gar nicht daran, daß Du unschuldig bist. Aber es ist eine ganz verfluchte Geschichte, wie mir mein Alter sagte, der mit dem Kommissar sprach. Die Herren sind wegen der Falschmünzerei Feuer und Flammen und ganz wüthend, daß man bis jetzt noch keinen Anhaltspunkt sand. Der Kommissar hat auch den Juden Abraham Voos vernommen, der aber nicht in den geringsten Verdacht kam, da Du