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Samstag, den 17. Juli 1897.
24; Jahrgang
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mit Unterhaltungs-Keilage „Sterne und Klnmeu".
Deutsches Deich.
Berlin, 17. Juli.
U Der Kaiser soll, wie ein Gerücht, welches der Bestätigung noch bedarf, verbreitet, morgen die Nordlandsreise abbrechen und von Bergen nach Kie zurückfahren. Das Gerücht gewinnt an Wahrscheinlichkeit durch eine Meldung aus Tegernsee, wonach die Kaiserin sich morgen auf einige Tage nach Kiel begibt, um bei dem Anlaufen der „Hohenzollern" den Kaiser dort zu begrüßen und dann nach Tegernsee . zurückzukehren. Auffallender Weise meldet der ,Reichs- anzeiger' im Gegensatz zu den vorigen Tagen nichts über das Befinden des Kaisers.
* Der Inltizrniniker hat gutem Vernehmen der ,Deutschen Tageszeitung' zufolge angeordnet, daß mit Rücksicht auf die Gehaltszulagen an höhere und mittlere Beamte Remunerationen nicht mehr gewährt werden sollen; dagegen können solchen Gerichtssekretären, welche als Gerichtsschreiber bei größeren Gerichten fungiren, eine Remuneration von etwa 300 Mk. als Entschädigung für ihre Mehrarbeiten, gleichsam als Funktionszulage, gezahlt werden. Doch sollen besondere Vergütungen an Unterbeamte auch noch weiter bewilligt werden, und zwar soll hierbei namentlich das Weihnachtsfest in Betracht kommen, zu welchem den mit geringem Diensteinkommen angestellten Unterbeamten in reichlicherem Maße als bisher wirth- schastliche Beihilfen gewährt werden sollen.
* lieber die Mevrörgung des ^ropffes Sagitcf schreibt die,Germania': Schon lange vor Beginn des Offiziums hatte sich eine dichte Schaar von Katholiken, welche keinen Einlaß mehr in die St. Hedwigs- kirche gefunden hatten, in der Nähe der Kirche zusammengefunden. Um dem großen Andrange .zu wehren, mußten schließlich die an die St. Hedwigs- kirche angrenzenden Straßen durch die Polizei gesperrt werden. Nur Personen, welche mit einer Einlaßkarte versehen waren, durften den Kordon passiren. Das Innere der Hedwigskirche selbst mr bis auf den letzten Platz gefüllt. In der Mitte der Kirche stand, mitten in einem Meer von Kerzen, der Sarg des Verblichenen. Rings an den Wänden der mit Palmen und schwarzem Flor geschmückten Kirche erblickte man die Banner der Korporationen, welche ihrem geliebten kirchlichen Oberhaupte die letzte Ehre erweisen wollten. Nachdem das Todtenoffizium, welches von über 70 Geistlichen der Delegatar gebetet wurde, beendet war, celebrirte der Stellvertreter des Kardinals Dr. Kopp, Generalvikar Kanonikus Speil das Requiem. Ihm assistirten Kanonikus Schulz, der Vertreter des Breslauer Domkapitels, als Presbyter assistens und Pfarrer H e i n e l t und Kaplan K a p i tz a von St. Hedwig als Diakon resp. Subdiakon. Der Kirchenchor sang das Requiem von Claudio Gasculini. Dem Requiem wohnte als Vertreter des Kultus- ministerinms der Geheimrath Förster bei; das Polizeipräsidium war durch den Geheimen Reg.-Rath Friedheim, die Stadt Berlin durch mehrere Stadt- räthe und Stadtverordnete vertreten. Zahlreich wohnten die barmh. Schwestern aller Kongregationen, welche hier Niederlassungen haben, die Borromäcrinnen, Dominikanerinnen, die Grauen und die Marienschwestern dem Trauergottesdienste bei. Nach Beendigung des Requiems hielt Herr Speil von den Stufen des Altars an das lautlos lauschende Publikum eine Ansprache, in welcher er einen kurzen lieberblick über das Leben des Verstorbenen gab und die Verdienste desselben in besonders weihevoller Weise hervorhob. Nachdem am Sarge die üblichen kirchlichen Gebete verrichtet, ward der Sarg zu dem vor dem Portal der Kirche harrenden Leichenwagen geführt. Unterdesfen fetzte sich die Spitze des schier endlosen Zuges, der sich weit von der Kirche aus die Linden hinauf fortpflanzte, in Bewegung. Dem Zuge wurde das Sterbekreuz des St. Eduard- Meistervereins vorangetragen. Neben demselben schritten zwei Herolde mit Marschällstäben, hinter diesen 16 Ministranten im Chorrock mit Palmwedeln in den Händen; ihnen schlossen sich die Kinder und das Lehrerkollegium der St. Hedwigsschule an sowie die
Waisenmädchen und Waisenknaben, die Zöglinge der Dominikanerinnen, des Josefsheims und die Zöglinge der Ursulinen. Dann kamen die Vereine, zuerst die Arbeiterinnen, dann die Jungfrauenkongregation, der Lehrlingsverein, verschiedene Aloisiusvereine, mehrere Arbeitervereine aus Berlin und der Umgebung Berlins; hieran reihten sich die Bruderschaft vom heiligen Altarssakrament, die Kongregation studirender Jünglinge, der Männergesangverein St. Sebastian, der Gesellenverein, mehrere andere Vereine und schließlich die Studentenvereine Ascania und Burgundia. Dann folgten 8 Wagen mit barmherzigen Schwestern und 18 mit dem Klerus, unter welchem sich auch der Armeebischof Dr. Aßmann befand. Der Leichenwagen wurde von vier Pferden gezogen. Hinter dem Leichenwagen fuhr ein Galawagen des Kaisers und dann bildeten noch weitere 20 Wagen mit den nächsten Verwandten des Verblichenen, darunter 5 Geschwister, und den übrigen Leidtragenden den Schluß des fast endlosen Zuges. Die Straßen, welche der Zug pas- sirte, waren von vielen Tausenden Menschen besetzt. Nach 12 Uhr langte der Leichenkondukt am Kirchhofe an. Als sich der Sarkophag der Gruft näherte, fang der St. Hedwigs-Kirchenchor den Psalm De profundis. Pfarrer Faber vollzog während dessen die feierliche Einsegnung, und unter dem Gesänge des Requiem aeternam wurde der Sarg in die Gruft hinabgesenkt. Gegen 1 Uhr war die Beerdigungsfeierlichkeit beendigt.
* Unter der Spitzmarke „Generakpofimeister und — Bischof" schreibt die,Straßb. Post' mit gutem Humor: Ein berufsmäßiger Zeitungsleser liest die Blätter mit ganz anderen Augen als der Durchschnittsleser. Er liest insbesondere auch zwischen den Zeilen und findet dabei manche Dinge, die Anderen entgehen mögen. So steht im Briefkasten der,Kreuz- ztg.' — fremde Briefe liest ein wohlerzogener Mensch nicht, den Briefkasten einer Zeitung liest ein wohlerzogener Journalist immer — folgende Notiz:
Kammerherr v. B. Sie haben ganz recht, der berühmte Bischof Freiherr v. Ketteler war ursprünglich auch Husarenoffizier. Sie dürfen nur nicht übersehen, daß er nach seinem Ausscheiden aus dem Dienste Theologie studirt und die geistliche Laufbahn von unten auf absolvirt hat.
Das ist ganz köstlich! „Auch Husarenoffizier." Für die Oeffentlichkeit kommt augenblicklich nur ein Husarenoffizier in Betracht, der Herr v. Podbielski. Um ihn handelt es sich also. Die Sache hängt offenbar so zusammen, daß der Kammerherr v. B. der ,Kreuzztg.' geschrieben hatte: „Heda! Blasen Sie doch mal thörichten Liberalen Staub aus den Augen! Kerle moquiren sich drüber, daß Husarenoffizier Generalpostmeister geworden. Auch katholische Blätter. Dummes Volk! Haben wohl ganz vergessen, daß Bischof Ketteler in Mainz auch früher Husarenoffizier gewesen? Na, wenn Husarenoffizier für Bischof taugt, dann doch sicher für Generalpostmeister!" Die,Kreuz- ztg.' las diesen Brief mit einem nassen und einem trockenen Auge und suchte sich dann in ihrem Briefkasten so gut 'als möglich durchzuschlängeln. Ja, wenn ein Husarenofftzier ganz umsattelt, ein der Gottes- gelahrsamkeit Beflissener wird und von unten an die Stufenleiter der geistlichen Würden hinaufsteigt, dann kann er gewiß auch schließlich noch einmal ein „berühmter Bischof" werden. Die,Kreuzztg.' vergißt nur gänzlich die Nutzanwendung auf den Generalpostmeister iii machen. Der hat eben nicht Postmeistergelahrsam- eit studirt, und seine voraussichtliche, noch zu erwartende Berühmtheit wird wohl ganz anderer Art sein, als die seines bischöflichen Kameraden. Oder ist auch das „unter Kameraden ganz egal" ?.....(Hier
müssen wir noch eine kleine Berichtigung anhängen, um einen Jrrthum der,Kreuzztg.' aufzuklären. Bischof letteler war nicht Husarenoffizier, sondern hatte sich der Jurisprudenz gewidmet, ehe er in den geistlichen Stand eintrat. Offenbar wird er mit seinem Bruder verwechselt, der allerdings die Offiziers-Laufbahn betreten hatte, später aber in den Kapuziner-Orden eintrat und als Pater Bonaventura starb.)
* Das preußische Staatsöatznnetz hatte sich von 1870 bis Ende 1890/91 tHeils durch Verstaatlichung von Eisenbahnen, theils durch Eröffnung neuer Strecken von 3195,17 km. auf 24708,15 km., darunter 6309,49 km. oder 25,4 pCt. Nebenbahnen mit 3881 Stationen erweitert. Das Anlagekapital bezifferte sich auf 6393451775 Mark und verzinste sich in dem gedachten Jahre mit 5,26 pCt. Am Schluffe des
Etatsjahres 1895/96 waren 27199,91 km., darunter 8265,56 oder 30 pCt. Nebenbahnen im Betriebe. In dem Etatsjahre 1897/98 soll die Betriebslänge 29197,44 km., darunter 9184 km. Nebenbahnen, erreichen.
O Der Minister des Innern hat angeordnet, daß die Dayrimgsmitterkontrotke möglichst scharf durchgeführt werden soll. Namentlich soll gegen die Weinverfälschungen vorgegangen werden. Nach dem Erlaß des Ministers soll die Polizei überall da, wo Weingeschäfte zu Schleuderpreisen verkaufen, ferner dort, wo Rosinen, Trester und ähnliche Maaren in größeren Massen gekauft werden, möglichst oft Proben der Weine solcher Firmen sich verschaffen, um sich zu überzeugen, wie weit sie den gesetzlichen Anforderungen entsprechen oder nicht. Diese Kontrolle soll sich im Gegensatz zu früher auch auf die Weine ausdehnen, die für die Ausfuhr bestimmt sind; ebenso sollen die Weinschankstellen kontrollirt werden.
* Mit der Verausgabung der Besitzzeugnisse für die Kunderljahrdeukmünze ist begonnen worden; sie haben großes Briefbogenformat und sind in Schwarzdruck ausgeführt. Innerhalb einer Umrahmung findet sich folgender Text: „Auf Befehl Sr. Majestät des Kaisers und Königs ist die von Allerhöchstdemselben zum Andenken an den hundertsten Geburtstag des Großen Kaisers Wilhelm I. gestiftete Erinnerungsmedaille aus erbeuteter Kanonenbronze dem .... verliehen worden, worüber ihm dieses Zeugnis ertheiltwird."
* Wie die Zimmerer, haben auch die Maurer Berkins den Verruf über den neuerrichteten Arbeitsnachweis im Baugewerbe in zwei öffentlichen Versammlungen am Mittwoch ausgesprochen. In einer Resolution wurde erklärt, der Arbeitsnachweis sei eine schwere Schädigung der Arbeiterinteressen, insofern ec dazu diene, um Arbeitswillige nach den Bauten zu dirigiren, wo die Maurer mit den Unternehmern im Kampfe ständen, ferner als durch ihn das Schwarzelistensystem eingeführt werde, um dadurch die besten und für die Arbeitersache thätigsten Kollegen arbeitslos zu machen, und endlich drittens die schwer erkämpften Forderungen der Maurer auf diesem Wege illusorisch gemacht werden sollten. In einer ferneren Resolution wurde beschlossen, daß überall da, wo die errungenen Löhne gekürzt würden, durch einmüthige Arbeitsniederlegung aller Betheiligten Protest dagegen eingelegt und die Arbeit nicht vor der unverkürzten Bewilligung der Forderungen wieder ausgenommen werde. Bis jetzt sind die Versuche der Arbeitgeber, den Lohn bis auf 50 Pfg. zu redu- ziren, vereitelt worden.
h. Der Berliner Aimmerstreik geht seinem baldigen Ende entgegen. Nach Mittheilung der Lohnkommission der Arbeitgeber haben bereits zwei Drittel der am Bau beschäftigten Zimmerer, d. h. ca. 2600 Mann, von 243 Arbeitgebern den Stundenlohn von 60 Pfg. bewilligt erhalten. Die Zahl der Ausständigen beträgt nur noch 480, die auf 33 Plätzen beschäftigt waren; Arbeitslose sind 250 zu verzeichnen.
h Hinsichtlich der „DerrnfserKkärnng" des neuerrichteten Arbeitsnachweises im Baugewerbe durch die Zimmerer und Maurer erklärt die Innung, daß die vereinigten Arbeitgeber gar nicht daran denken, das gemeinnützige Unternehmen, das nur allein aus dem praktischen Bedürsniß herausgewachsen ist, zu einem Tummelplatz halbpolitischer Meinungsverschiedenheiten zu machen oder es gar als Kampfeswaffe gegen die Arbeiterorganisation zu machen.
* München, 16. Juni. Der Reichtagsabgeordnete Dr Sigl, der Verleger-Redakteur des ,Bayrischen Vaterland', ist als Vertreter des Wahlkreises Regen in den Landtag Bayerns gewählt worden, und zwar mit einer Mehrheit von nur sieben Stimmen. Die Verhältnisse im Landtagswahlkreise Regen sind ganz eigner Art. Als der Vorgänger Dr. Sigls, der verstorbene Oekonom Ponn, 1893 gewählt wurde, gab er dem Drängen der Bauernbündler nach und trat dem Centrum nicht bei. Ponn wäre bei den Neuwahlen des Jahres 1899 zweifellos nicht mehr gewählt worden. Von einem Centrums- mann wollte man nichts wissen, von einem Beamten oder Geistlichen ebenfalls nicht. Im ersten Wahlgange erhielt Dr. Sigl 61, Bezirksarzt Dr. Schmidt 43, Bauer Vogel 20 und Bierbrauer Ernst 15 Stimmen. Hierauf wurde zu einem zweiten Wahlgange geschritten.