M 155 Montag, den 12. Juli 1897 24. Jahrgang
FuldaerMZeituiig
mit Urrtrrhaltirrrgs-Keilage „Sterne nnd Kiumen".
Erscheint tänlich Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementsvreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Psennig. Inserate kosten die einspaltige Karmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Deutsches R^ich»
Berlin, 10. Juli.
* Der Kaiser hat infolge günstigerer Witterung am Sonnabend von Göteborg aus feine Nordlandsreise weiter fortgesetzt.
* Das Llaatsministerium hielt am Sonnabend Nachmittag'unter dem Vorsitz feines Vizepräsidenten Dr. v. Miquel eine Sitzung ab, in welcher die Einführung des Grafen Posadowsky erfolgte und der Sommerurlaub der einzelnen Minister und deren gegenseitige Vertretung während des Urlaubs festgesetzt worden sein soll. Uebrigens hat Dr. v. Miquel seine Absicht, zur Kur nach Wiesbaden zurückzukehren, aufgegeben.
Q Kerr v. Wickman«, deutscher Botschafter bei den Vereinigten Staaten von Nordamerika, aller Voraussicht nach Nachfolger des Grafen Posadowskq im dem Amte des Reichsschatzsekretärs, scheint nicht ganz nach dem Geschmacke des Bundes der Landwirthe zu sein. Dessen Presse hatte in voriger Woche von einem bevorstehenden vollständigen Spstemwechsel auf dem Gebiete unserer Handelspolitik gesprochen. Jetzt aber befleißigt sich dieselbe Presse einer sehr kühlen Sprache, und die ,Deutsche Tageszeitung' sucht den Spieß umzudrehen, indem sie der liberalen Presse große Hoffnungen auf Herrn v. Thielmann andichtet, was man, wenn man die Wahrheit sagen will, bestreiten muß, und dann fortfährt: „Eine gewisse Berechtigung ist ihnen (eben diesen Hoffnungen der liberalen Presse) nicht abzusprechen, da es zu bekannt ist, daß Freiherr v. Thielmann als Unterhändler bei dem russischen Handelsverträge fungirt und den Vertrag vom Bundes- ralhslische aus nach Kräften vertheidigt hat." Die ,Kreuz-Zeitung' möchte nach wie vor Herrn v. Thielmann für ihren besonderen Srandpunkt in Anspruch nehmen, während wiederum die ,Kölnische Zeitung' genau der entgegengesetzten Ansicht ist. Endlich veröffentlicht die ,New-'Iorker Staatszeitung' ein Gespräch — sogenanntes Interview — mit Herrn v. Thielmann, das uns durch einen Drahtbericht der ,Frankf. Ztg.' bekannt wird. Danach bestreitet Herr v. Thielmann, daß man ihn schon im voraus für irgendwelche Anschauungen oder Grundsätze auf handelspolitischem Gebiete in Anspruch nehmen könne. Bei den Verhandlungen über den russischen Handelsvertrag habe er nur seiner Sprachkenntnisse wegen als Unterhändler, aber nicht als maßgebender Faktor mitgewirkt. Er selbst aber habe noch gar kein Programm.....Man sieht, noch vorsichtiger konnte
er sich unmöglich ausdrücken. Wir aber warten ruhig auf die Dinge, die da kommen sollen.
* Prälat Propst Dr. Iatzrrek ist am Dienstag, wie erst nachträglich in weiteren Kreisen bekannt wird, von Lähn, wo er zur Kur weilte, nach hier zurückgekehrt. Leider hat er die erhoffte Genesung nicht gefunden, im Gegentheil hat fein Zustand sich so verschlimmert, daß das Befinden des Kranken, der im St. Hedwigs-
Das Snnderrerbe.
Original-Roman von Max Benno.
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Der junge Haidhofbauer drückte sich in eine Ecke des überfüllten Waggons und dachte über seine Erlebnisse nach. Dabei regten sich nicht die angenehmsten Empfindungen in ihm. Er mußte sich gestehen, daß er wieder einmal recht leichtsinnig gewesen und sein Mißgeschick selbst herbeigeführt hatte. Bastian hatte ihn allerdings verleitet, aber daß dieser der beste Bruder nicht war, hatte er ja vorher gewußt. Der von dem Kraftmenschen gegen den Landsmann ausgesprochene Verdacht fiel ihm ein. Seine Gutmüthig- keit ließ jedoch den Glauben an einen solchen Schurkenstreich nicht aufkommen. Wenn Martha wüßte, fpann er seine Gedanken weiter, wie der vergangene Nachmittag von ihm zugebrachr worden war? Und die Mutter! Sie hatte ihm noch die liebreiche Ermahnung mit auf den Weg gegeben, sich nicht hinreißen zu lassen und in jeder Hinsicht vorsichtig zu fein.
Durch den schrillen Pfiff des Signals wurde er aus seinem Sinnen geweckt. Die Absteigestation war erreicht. Er verließ den Wagen. Da wurde seine Aufmerksamkeit durch Hilferufen und ein klägliches
krankenhause liegt, als bedenklich bezeichnet wird. Dem Vernehmen nach handelt es sich um Magenkrebs.
f Der H'ikgerzug deutscher Katyokike« nach Kourdes unter Leitung des Stiftsvikars Birkhäuser wird nach einer uns zugehenden Mittheilung am 6. September d. I. von Aachen aus die Fahrt über Paris und Bordeaux antreten und am 15. September wieder in Aachen eintreffen. Der Aufenthalt in Lourdes ist auf 5 Tage bemessen. Das ausführliche Programm wird demnächst veröffentlicht. Anmeldungen nimmt Herr Stiftsvikar Birkhäuser (Aachen, Chorusplatz Nr. 6) schon jetzt entgegen.
* Ein neues Wahlgesetz ist uns von den,Berl. Polit. Nachr.' ohne Grund in Aussicht gestellt worden. Die,Nordd. Allgem. Ztg.' erklärt, an maßgebenden Stellen sei von der Absicht der Regierung, in der nächsten Landtagssession eine Vorlage wegen Regelung des Wahlrechtes in Staat und Gemeinde einzubringen, nichts bekannt. Warum sollte man auch? Einen besseren Landtag bekommt die Regierung ja nie wieder und in den Städten mit vorwiegend katholischer Bevölkerung herrschen meist die Nationalliberalen. Es ist' also Alles in Ordnung. Eine Aenderung des Wahlrechtes kann das nur unangenehm ändern.
* Die Verhandlung zur MiederherKellung der Aroduktenöörfe, welche auf Einladung des Oberpräsidenten v. Achenbach am Sonnabend zwischen der Landwirthschaftskammer und den Produktenhändlern hier stattfand, ist nach einer hiesigen Korrespondenz gescheitert, da man sich über den Kernpunkt der Streitfragen, die Zusammensetzung des Börsenvorstandes, nicht einigen konnte. Bekanntlich bestehen die Produktenhändler darauf, daß der Vorstand aus freier Wahl sämmtlicher Börsenmitglieder hervorgehe.
* Beschlagnahmt wurde am Freitag in den Geschäftsräumen der Centralspedition die gesammte Auflage des „Sozialist" und des „Armen Konrad". Ueber den Grund der Konfiskation hat bis jetzt noch nichts verlautet.
□ Köln, 11. Juli. Am 22. Juni 1897 fand im erzbischöflichen Palais Hierselbst unter dem Vorsitze Sr. Eminenz des hochwürdigsten Herrn Kardinals und Erzbischofes von Köln die Versammlung des Centralvorstandes des Afrika-Vereines statt, an welcher von den Vertretern auswärtiger Diözesanvereine theil- nahmen: die Herren Justizrath Müller aus Trier, Domkapitular Dr. Rüping aus Münster und Domdechant Walter aus Limburg. Der Vorsitzende des Verwaltungsausschusses, Herr Landgerichtsdirektor Reichensperger, führte aus, daß die Missions- thätigkeil in den deutschen Kolonien sehr erhebliche Fortschritte gemacht hätte und daß die Missionsstationen in der erfreulichsten Weise sich entwickelten und durch die Anlage mehrerer neuen Stationen vermehrt worden seien. Dagegen seien die Einnahmen des Vereines im letzten Jahre im Verhältnisse zu denen der vorhergehenden Jahre nicht gewachsen, insbesondere nicht die zur freien Verfügung des Vereines eingegangenen
Wimmern geweckt. Er drängte sich durch einen Trupp von Passagieren, welcher sich neben dem auf dem gegenüberliegenden Geleise stehenden Zug gebildet hatte und sah vor sich ein gräßliches Bild. Einer der Unglücklichen, welche zu Dutzenden das Volksfest besuchen, um die Theilnahme der Festgäste anzuflehen, ein alter blinder Mann, war trotz der Warnungsrufe des Schaffners feiner schwerhörigen Führerin in dem Augenblick über den eisernen Tritt des Waggons gefolgt, als die Maschine gegen den Zug mit wuchtigem Stoß heranfuhr. Er war unter den Wagen gefallen und die in Bewegung geratenen Räder hatten ihm beide Arme zerquetscht.
Nun lag er blutend auf dem Pflaster und rathlos jammerte und schluchzte die Führerin neben ihm.
Hermann fühlte sich bei diesem traurigen Anblick tief ergriffen. Es that ihm wehe, daß sich von den vielen Gaffern kein einziger sich der Unglücklichen annahm. Es waren ja nur Bettler. Rasch entschlossen trat er auf die Führerin zu und schüttelte den ganzen Inhalt des Geldtäschchens in ihre Hand.
Dann entfernte er sich und eilte nach seinem Zuge, in welchem er gerade noch zur rechten Zeit vor der Abfahrt ankam.
Sein erster Blick, als er den Wagen betrat, fiel auf Bastian. Dieser erhob sich und streckte, mit den Augen
Gaben, während doch eine Steigerung derselben mit Rücksicht auf die immer größer werdenden Anforderungen an den Verein dringend nothwendig fei. Der Schatzmeister, Herr Bankdirektor Elkan, theilte sodann mit, daß seit dem 7. Juli 1896 bis zum 22. Juni 1897 eingegangen seien im Ganzen 114033,16 Mk.; unter den Einnahmen befinden sich Beiträge aus den Erzdiözesen Köln 22 311,32 Mk., Freiburg 3498,30 Mk., den Diözesen Münster 21880,80 Mk., Rottenburg 10157 Mk., Paderborn, 9436,10 Mk., Trier 5072,35 Mk., Ermeland 1536,40 Mk., Limburg 1507 Mk., Hildesheim 1210 Mk., Fulda 1193,35 Mk., Osnabrück 1159,30 Mk., Breslau 1011,35 Mk., dem apostolischen Vikariat in Sachsen 7457 Mk. usw. Auf Antrag des Kassenrevisors, Herrn Oberlandesgerichtsraths P ünder, ertheilte der Centralvorstand dem Schatzmeister unter dem Ausdruck lebhaften Dankes für die mühevolle Verwaltung Decharge. Hierauf berichtete Domkapitular Hespers über die katholischen Missionen in den Schutzgebieten. Im Anschluß an diesen Bericht beschloß der Centralvorstand des Afrika-Vereins, die Summe von 100 000 W^arf, welche für die Heranbildung deutscher Missionäre bestimmt war, an die neuegegrünbeten deutschen Missionshäuser zu oertt) eilen, ferner 70000 Mark den sieben in den deutschen Schutzgebieten thätigen Missions- gesellschasten für die Missionen in Deutsch-Ostafrika, Kamerun, Togo, Deutsch-Südwestafrika, Neu-Guinea und Bismarck-Archipel zu überweisen.
* Ka«dsh«1, 10. Juli. Fürst Löwenstein, der ständige Kommiffar der deutschen Katholikenversammlungen, war Mittwoch in Landshut, besichtigte die zu der diesjährigen Katholikenversammlung bisher ge troffenen Veranstaltungen, wohnte auch einer Ausschußsitzung an und sprach sich sehr b efriedigt aus. Die Postanstalten nehmen jetzt schon Abonnements auf das ,5 e ft blatt zum 44. deutschen Katholiken- tageinLandshut' zum Preise von 75 Pfg. entgegen.
* Ircivnrg, 10. Juli. Zur Erzbischofsfrage meldet der.Pfälzer Bote', daß Rom alle Vorschläge der badischen Regierung, über die Köpfe des Domkapitels hinweg den Erzbischof zu ernennen, abgelehnt habe. Das würde den Mißerfolg der Mission des badischen Gesandten am Berliner Hofe, Eugen v. Jagemann bestätigen, mit welcher die badische Regierung eine solche Eile gehabt haben soll, daß sie nicht einmal das Begräbniß des Erzbischofs, geschweige denn die Vorschlagsliste des" Domkapitels abwartete.
Ausland.
* Gör;, 10. Juli. Am Donnerstag ist der Metropolit der Görzer Kirchenprooinz, Fürsterzbischof Dr. Alois Zorn, einem Herzleiden erlegen. Der verstorbene Fürsterzbischof war am 13. Januar 1834 zu Pervasina int Görzischen geboren. Nach Ablegung seiner Studien wurde er zum Professor der Fundamen- tal-Theologie und der Dogmatik am Central-Seminar
zwinkernd, die Hand hin. „Dumme Geschichte heute", raunte er ihm zu, „von der man am besten zu keinem Menschen was sagt. Ich sah dich vorhin scbon dort drüben, wo Du den barmherzigen Samariter gespielt hast. Du wärest doch ebenso, wie ich, ganz ausgebeutelt. Wo brachtest Du denn die Goldfüchse her, welche von Dir der alten Vettel geschenkt worden sind?"
Hermann fühlte sich durch die rohe und herzlose Aeußerung Bastians verletzt und nahm die bargebotene Hand nicht. Dagegen setzte er sich neben ihn.
„Es war gut," fuhr dieser fort, „daß ich nur einen Theil meiner Baarschaft bei mir trug, sonst wäre wahrscheinlich alles zum Teufel gegangen und Du hast offenbar auch eine Reserve gehabt?"
Wieder drängte sich Hermann unwillkürlich der Argwohn des Kraftmenschen auf. „Du hast von den Spielern wirklich keinen gekannt?" fragte er.
Es war nicht hell genug in dem Wagen, daß Hermann den jähen Farbenwechsel erkannte, der sich auf dem Gesichte seines Nachbars vollzog. Dieser lachte erzwungen.
„Was fällt Dir ein," hielt er entgegen, Du wirst doch nicht glauben, daß ich mit den Burschen gespielt und mein gutes Geld geopfert hätte, wenn mir bekannt gewesen wäre, daß sie Spitzbuben sind? Dagegen will ich Dir gestehen, daß ich mich nicht zum