mit Unterhaltungs-Beilage „Sterne und Minen".
Mittwoch, den 7. Juli 1897.
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einer Kei
rt Regieren mit dem Centrum.
In den Preußischen Jahrbü^ern schreibt deren .s5ermrsqeber, der freikonservative Professor Delbrück, der Regierung Rezepte vor, wie sie regieren joll. Er warnt vor der Entwickelung allzu großer Energie. Er meint, diese würde stets scheitern an der Mehrheit des Reichstages, an deren Aenderung durch Neuwahlen er nicht glauben kann; und er gibt frank und frei zu, daß auch nach seiner Ansicht eine solche erhöhte Energie-Entwickelung zum Konflikt und zum Staatsstreiche führen müfse.
Professor Delbrück ist vielmehr der Ansicht, daß man im Einverständnisse mit dem Centrum regieren müsse, und er wendet sich an Herrn v. Miquel mit einem beweglichen Anrufe: Herr v. Miquel werde doch nie und nimmer zum Macher einer Gewaltpolitik werden, zum Vertreter einer solchen „selbstmörderischen Politik." Herr v. Miquel dürfte vielmehr der' Mann fein, um einzusehen, daß mit dem Centrum regiert werden müsse etwa in der Art, wie während der siebziger Jahre mit de:. Nationalliberalen regiert worden ist; also nicht so, daß die Männer der Regierung selbst aus den Reihen des Centrums genommen werden, sondern nur so, daß „die Schiffsführer nicht nutzlos der Meeresströmung widerstreben mögen, die sie schließlich doch unwiderstehlich fortführt."
Dieser Vorschlag, von dieser Seite gemacht, ist zu interessaut, als daß man ihn einfach unbeachtet lassen könnte. Aber wir fürchten, Herr v. Miquel selbst, an den Professor Delbrück in so beweglichen Worten sich wendet, wird nicht sonderlich davon bewegt sich fühlen. Denn gerade Herr v. Miquel dürfte recht wenig Neigung in sich verspüren, Hand in Hand mit dem Centrum die Welt vor die Schranken zu fordern, und zwar aus dem sehr einfachen Grunde, weil aller Voraussicht nach das Centrum felbstihm keine Gelegenheit dazu bieten wird. Oder aber Herr v. Miquel müßte eine neue Wandlung durchmachen, die alles das, was er vorher an Wandlungen durchgemacht hat, vollkommen in den Schatten stellen müßte. Und das wird wohl selbst Herrn v. Miquel zu schwer werden, der, wie wir wissen, einer der Haupttreiber war gegen das Zedlitz'sche Schulgesetz auf christlich-kon- seffioneller Grundlage, und der nunmehr eine Finanzbahn wandelt, auf der ihm das Centrum doch nie und nimmermehr folgen kann, trotz aller und immer von neuem wiederholter Versicherungen seiner Leiboffiziösen, er meine es gar nicht so schlimm mit seinen Finanzplänen, wie es aussehe.
So wird jetzt durch die bekannten ,Berliner
Das Knndenerbe.
Original - Roman von Max Benno.
29 ------ (Nachdruck verboten.)
Am folgenden Morgen faß Hermann Sommer aufrecht in feinem Bette und schaute sehnsuchtsvoll ins Freie, wo sich in einiger Entfernung der dunkle Wald malerisch von dem blauen Firmament abhob. Dem lebhaften Temperament des jungen Burschen dauerte die Gefangenschaft zwischen den vier Wänden seiner Kammer schon viel zu lang.
Da wurde die Thüre geöffnet und Scholastika trat herein. Sie war einfach schwarz, aber mit einer gewissen Sorgfalt gekleidet, wie immer, wenn sie zum Kirchgang oder einem Besuche in der Nachbarschaft den Haidhof verließ.
Sie grüßte den Patienten mit einem freundlichen „Gelobt fei Jesus Christus", worauf ebenso herzlich aus Hermanns Mund „In Ewigkeit" klang.
Dann stellte sie einen Stuhl neben das Bett und nahm Platz. Mit sichtlicher Befangenheir schaute der junge Mann in ihr plötzlich ernst gewordenes Gesicht. Seine Unrphe steigerte sich, als sie begann:
„Ich war soeben bei Anna, die mir gar sonderliche Sachen erzählt hat. Obgleich Du mir kein Wort darüber sagtest, weiß ich nun, warum Du mit Vogel
Politischen Nachrichten' in erregtem Tone versichert, es sei „glatt aus der Luft gegriffen", was Centrumsblätter gesagt hatten, daß nämlich der erste Gedanke des Fürsten Hohenlohe, Herrn v. Miquel das Reichsamt des Innern mit der Stellvertretung des Reichskanzlers zu übertragen, an den „ungemessenen Forderungen des Finanzministers inbezug auf seine Machtbefugnisse im Reiche und in Preußen gescheitert sei". Der Offiziosus spricht auch, gerade nicht sehr höflich, von einer „besondern Dreistigkeit", mit der diese Behauptung vorgebracht worden fei . . . nun, wir kennen leider diese Tonart längst hinreichend, um uns nicht mehr allzu sehr von ihr imponiren zu lassen. Man pflegt meist nur dann so lebhaft zu zucken, wenn man an einer empfindlichen Stelle angestoßen wird!
Das Eine ist klar: wenn die Regierung eine Bahn einschlagen will, die zur Schmälerung der Rechte der Volksvertretung im Parlamente führen soll, so mag sie dies versuchen, wenn ihr nicht anders zu rathen ist. Die Verantwortung für ein solches verhängnißvolles Thun wird ihr ganz allein bleiben, die Wege des Centrums aber werden weitab führen von der Richtschnur einer solchen „selbstmörderischen Politik"._____
Deutsches Reich.
Berlin, 6. Juli.
* Zu Ehren v. Böttichers fand diesen Abend im Kaiserhof ein Avschiedsmaljk statt, an welchem sämmtliche Bevollmächtigte zum Bundesrath theil- nahmen.
S Zur Uebernahme der Geschäfte des Reichspostamtes durch den Staatssekretär v. ^odöieksiri schreibt die ,Nordd. Allgem. Ztg.', bezüglich derselben seien allerlei unrichtige Nachrichten im Umlauf. Welche sie hierbei im Ange hat, sagt , sie nicht; sie gibt nur einen historischen Ueberblick über die Leitung des Reichspostamtes in den jüngsten Monaten. Nach dem Tode Dr. v. Stephans habeDr. Fisch er die Geschäfte des Ressorts bis znm Antritt seines Urlaubs geleitet. Dann habe der vom Weltpostkongreß in Washington zurückgekehrte Direktor der 1. Abtheilung, Fritsch, die Stellvertretung des Staatssekretärs übernommen, an dessen Stelle dann in den beiden letzten Tagen der Direktor der 4. Abtheilung, Wittw o, getreten sei. Uebrigens wird die Nachricht, daß der Unterstaatssekretär Dr. Fischer einen sechsmonatlichen Urlaub angetreten habe, offiziös als unzutreffend bezeichnet. — Heute Mittag hat Staatssekretär v. Podbielski die höheren Beamten des Reichspostamts empfangen.
Ergötzlich liest sich ein Streit zwischen der freikonservativen ,Post' und der national- liberalen ,Nationalzeitung' um die Stellung der ,Natio na liberalen zum Wereinsgesetz. Die .Nationalzeitung' versichert wiederholt in dem Brusttöne der Ueberzeugung, daß kein einziger Mann der nationalliberalen Fraktion des Abgeordnetenhauses für das Gesetz in der Fassung zu haben sein würde, wie es aus dem Herrenhause herausgekommen
Streit bekämest und warum er Dich mit dem Messer angriff."
Hermann war roth geworden. In seiner Verlegenheit fand er keine Antwort.
„Ja, ich weiß es," fuhr die Bäuerin fort, „denn Anna sagte mir ihrer Pflicht gemäß alles, und ich gebe Dir die Versicherung, daß mir diese Erfahrung großen Kummer gemacht hat."
Sie hielt in mächtiger Bewegung inne, und eine Thräne rollte über ihre bleichen Wangen.
Tiefer Anblick griff Hermann ans Herz. Auch seine Augen wurden feucht. Er schlang den Arm um den Hals der Mutter und zog sie zärtlich an sich.
„Verzeihe mir Mütterchen," bat er, „sei mir nicht bös. Siehe, ich wußte es ja bis zu dem Feste selber nicht recht, daß ich Martha so grenzenlos gut bin. Es ist fast auf einmal über mich gekommen und hat mein ganzes Wesen in einen solchen Aufruhr versetzt, daß ich in der Meinung, Martha habe ihre Neigung bereits Adolf geschenkt, vor Weh und Jammer fast starb. Als ich ihn dann mit dem Mädchen im Gartenhaufe sah, als ich seine zudringlichen Worte vernahm, da wußte ich nicht mehr, was ich that, und auch jetzt noch kommt mir alles beinahe wie ein wüster Traum vor. Es hat sich aber ja alles zum Guten gewendet, und ich hege gegen Adolf keinen Groll mehr, nachdem
ist, daß vielmehr alle Mann wie einer an die Fraktions- beschlüffe sich halten und diesen gemäß stimmen würden. Aber die ,Post' will sich durchaus nicht überzeugen lassen, daß alle Nationalliberalen so stimmen werden, wie die,Nationalzeitung' es angekündigt; vielmehr fährt das freikonservative Schwesterorgan ganze Batterien schwerstes Geschütz auf, um die Nationalliberalen davon zu überzeugen, daß sie einige Mannen verlieren würden zu Gunsten der Beschlüsse des Herrenhauses. Und so spinnt der Streit auch fort ohne Ende — ergötzlich, wenn es sich dabei nicht um so ernste Dinge handelte. Aber wenn nun die nächsten Freunde der Nationalliberalen deren Versicherungen nicht einmal ernst nehmen wollen, was sollen wir dazu sagen?
* Das neue MMtärgewehr, das in der deutschen Armee zur Einführung gelangen wird, erweist sich, wie verlautet, von außerordentlicher Bedeutung durch seine großartige Wirkung. Es ist leicht von Gewicht und die Kugel vermag noch auf 800 Meter Entfernung in rasanter Flugbahn einen hinter einem andern stehenden Mann in vollständiger Marschausrüstung zu durchbohren. Die Vervollkommnung der Schußwaffen erhöht die Scheu vor dem Kriege. Leider ist das Mittel zur Erhaltung des Friedens sehr kostspielig.
ff In Fragen der gftetierpffidjf bcr Aeamlen gegenüöer den Gemeinden hat das Oberoerwal- tungsgericht eine wichtige Entscheidung getroffen. Ein Beamter wurde von Höchst nach Frankfurt a. M. versetzt und erhielt hier einen um 240 Mk. höheren Wohnungsgeldzuschuß als in Höchst Der Magistrat von Frankfurt veranlagte ihn infolge dessen für die drei letzten Vierteljahre des Steuerjahres nach feinem höheren Einkommen, indem er die Anschauung vertrat, daß bei Staatsbeamten die Veranlagung zur Staatseinkommensteuer nicht binde, weil Staatsbeamte nur mit der Hälfte ihres Einkommens zur Gemeinde-Einkommensteuer herangezogen werden könnten, ein Uebertragung der Ergebnisse der Staatssteuer also nicht ohne weiteres möglich sei und den Gemeinden das Recht zustehe, die neuzuziehenden Staatsbeamten von demjenigen Einkommen zur Gemeindesteuer heranzuziehen, das sie im Augenblick des Zuzugs hätten. Das Oberverwaltungsgericht trat dieser Auffassung bei und lehnte die gegen die Veranlagung durch den Magistrat erhobene Klage des Beamten ab.
* In den deutschen Münzstätten wurden im Monat Juni geprägt: Doppelkronen für 3,866,740 M. Kronen 79,040 M. (hiervon auf Privatrechnung 3,945,980 M.) und Einpfennigstücke für 5,003.38 M.
"*'Wle verlautet, sollen verschiedene Aende- rungen an den Uniformen und Abzeichen der veamteu und Driesträger vorgenommen werden. Die Landbriefträger sollen zu ihrem besonderen Schutze Säbel bekommen. Das wäre dann wohl die erste „Reform" des neuen Regiments im Reichspostamte. Auf den Säbel wird dann wohl bald der Helm folgen.
mir Anna die Versicherung gegeben, daß zwischen Vogel und Martha auch nicht eine Spur von einem Verhältniß besteht. Ich kann nichts für mein Herz, Mütterchen, das für ewig diesem Mädchen gehört. Sei lieb, sei gut und zürne mir nicht."
Die Bäuerin wischte das verrätherische Naß mit ihrem Tuche von den Augen und drückte ihre Lippen auf Hermanns Stirne.
„Ich zürne Dir nicht, mein Liebling," sagte sie weich, „aber traurig bin ich, weil das Verhängniß abermals so beängstigend in mein vielgeprüftes Leben eingreift. Du verstehst dies nicht, und ich kann Dir auch nicht sagen, was mich so peinlich berührt. Warum muß es gerade dieses Mädchen sein, die Tochter des Mannes, der ..."
Sie vollendete den Satz nicht. Abermals brachen ihre Thränen hervor.
Diesmal warf Hermann ihr einen vorwurfsvollen Blick zu.
„Du wirst doch nicht," hielt er entgegen, „die unschuldige und brave Martha dafür verantwortlich machen, daß der Vater bestraft worden ist! So ungerecht kannst Du nicht fein. Man sagt Vogtherr freilich auch jetzt noch manches nach, aber beweisen kann es niemand."
Scholastika ergriff Hermanns Hand. „Du deutest