M 147 Freitag, dm 2. Juli 1897. 24. Jahrgang
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Das Sündenerde.
Original - Roman von Max Benno.
16 ------ (Nachdruck verboten.)
„Man muß Martin bei guter Laune erhalten," sagte er, „der sich auf die versprochene Lieferung verläßt. Es ist noch früh genug, daß ich den Bock in die Schenke bringen kann, ohne daß irgend Jemand einen Verdacht schöpft."
„Stimmt," entgegnete Vogtherr; „denn daran, daß der Sohn eines Dieners der hoben Polizei auf verbotenen Wegen gehe, denkt ohnehin kein Mensch. Ich komme wahrscheinlich auch zu dem Feste, aber dennoch erwarte ich Dich morgen hier, wo Du mir dann", fügte er lachend hinzu, „über die Verwendung der Banknote Rechenschaft ablegen mußt."
Bastian nahm seinen Schiebkarren wieder zur Hand und verschwand in dem Walde. Vogtherr aber ging in seine Hütte, wo er an dem morschen Tische Platz nahm.
„Ich muß das Eisen schmieden, so lange es warm ist," murmelte er, „und auf eigene Rechnung Geschäfte machen; dann bin ich geborgen, wenn es je meinem guten Freunde da droben einfallen follte, eines schönen Tages französischen Abschied zu nehmen, wie es sein Alter mit dem vornehmen Titel gethan hat. Man muß sich überhaupt eilen, denn sind derartige Säch- lein auch noch so fein eiugefädelt, der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Meiner Martha muß es schließlich auffallen, daß ich fast keine Nacht daheim bin, und wenn das Mädel hinter die Geschichte käme — wahrhaftig! — ich glaube, ihren eigenen Vater schonte sie nicht. Dieser Bastian Schlund gibt ein prächtiges Werkzeug für mich. Er ist ein Taugenichts oben heraus und würde seine Seele unbedingt dem Teufel verschreiben, wenn dieser ihm bei seiner Faullenzerei ein gutes Leben verspricht. Er ist überdies ein verschlagener Bursche, der wie ein Fuchs die unschuldigste Miene zur Schau tragen kann. Morgen weihe ich ihn ein und dann — Glück auf!"
Ein paar Stunden später hatte sich der Nebel verzogen und die Sonne lachte vom wolkenlosen Himmel herab. In dem Dorfe Buchenberg wurde es lebendig.
Eine aus Weilbach bestellte Musikgesellschaft blies die Tagwache und am Waldrande krachten die Böller.
Der festliche Zug ordnete sich vor dem Rathhause und die Festjungfrauen voran, bewegte er sich unter Musik und abermaligen Salven der Geschütze dem Gotteshause zu, wo die Weihe der Fahne stattfand.
Nach einem feierlichen Umzuge durch die Dorfgaffen waren am Nachmittage bald Tische und Bänke auf dem Festplatze besetzt, da das Landvolk aus der Umgebung und eine große Anzahl von Gästen aus der Stadt Weilbach theilnahm.
Auch Hermann Sommer hatte sich eingefunden. Er saß mit mehreren jungen Leuten und dem Schäfer Willibald, sowie dem Großknechte Valentin an einem Tische.
Der junge Mann schien im Gegensätze zu der allenthalben herrschenden Festlichkeit nicht bei guter Laune zu sein. Einsilbig und verdrossen schaute er
vor sich hin und trank mit sichtlicher Hast aus dem vor ihm stehenden Kruge. Nur zuweilen hob er den Kopf und richtete seine Blicke nach der mit Tannenreis umflochtenen Tribüne, auf welcher sich der Festausschuß mit den Ehrenjungfrauen befand. Was er dort sah, trug jedoch augenscheinlich zur Verbesserung seiner Stimmung nicht bei.
Ob es ihn wohl ärgerte, daß er heute die Gesellschaft Adolf Vogels vermissen mußte, den man sonst fast regelmäßig an feiner Seite sah, der aber in seiner Eigenschaft als Ausschuß - Mitglied auf der Tribüne verblieb, oder das ungezwungene und heitere Plaudern und Lachen, welches daselbst unter den jungen Leuten stattfand? Vielleicht fühlte sich auch seine Eitelkeit verletzt, da man ihn, den sonst immer verhätschelten Großbauernsohn, kaum beachtete, weil die allgemeine Aufmerksamkeit den mit Ehrenzeichen geschmückten Kriegern aus Nah und Fern gatt.
Nach einer Weile erhob Hermann sich und machte einen Gang über den Platz. Er näherte sich der Tribüne. Plötzlich schoß ihm das Blut ins Gesicht.
Adolf stand neben Martha. Das Paar kehrte ihm den Rücken zu und sah ihn nicht. Eifrig sprachen die beiden mit einander, aber ohne daß Hermann etwas verstand. Da näherte sich eine Blumenverkäuferin. Adolf erstand eine Rose, reichte sie Martha, und von dieser wurde die Blume an den Busen gesteckt.
Bei diesem Anblicke überkam den jungen Hofbauern ein Gefühl, wie es sich in seinem Leben noch nie in ihm geregt hatte. Sein ganzes Innere gerieth in Aufruhr. Die Brust pochte hörbar und es war ihm, als wende das Herz sich in schmerzlichem Krampf. Er schloß die Augen, um nichts mehr zu sehen, und eilte bann, durch die hin- und herwogende Menge sich durcharbeitend, davon. Er suchte ein einsames Plätzchen am äußersten Ende des Gartens auf und warf sich auf den Grasboden nieder. Allmählich löste sich der grenzenlose Aufruhr in seinem Gemüthe, und heiße Thränen quollen aus den brennenden Augen hervor. Er hörte nicht die heiteren Weisen der Musik, nicht die Hochrufe und das Beifallklatschen der Fest- gäste; unter dem Einflüsse des ihn durchbebenden Wehs gab er für keine andere Empfindung mehr Raum. Was er feit Wochen wie ein Heiligthum im" Herzen getragen, was ihm als ein beglückender Zukunftstraum vorgefchwebt hatte, lag nun in Trümmern vor ihm! Und er allein trug die Schuld. Warum hatte er feine Empfindungen für die liebliche Jugend- gespielin im Herzen verschloßen, warum ihr nicht gesagt, wie gut er ihr sei und wie er sie lieben und für sie leben wolle bis in den Tod. Nun war ihm ein anderer zuvorgekommen und hatte, glücklicher als er, die herrliche Rose gepflückt. Und diesen Glücklichen hatte er als einen Freund, ja wie einen Bruder geliebt und hätte ihm ohne Bedenken jedes Opfer gebracht!
Die weichen Empfindungen wurden durch stärkere Gefühle verdrängt. Eine wachsende Erbitterung bemächtigte sich seiner, die mehr und mehr geradezu in Haß überging; Der scheinbare Freund hatte seine Gutmüthigkeit zur Annäherung an Martha benutzt und ohne ihm auch nur eine Silbe davon zu sagen, feine verrätherischen Ziele verfolgt.
Rachsüchtige Gedanken durchkreuzten fein Gehirn, als er sich endlich erhob und über den immer noch belebten Festplatz der Schenke zuschritt.
Im Tanzsaale brannten bereits die Lichter. Lustige Weifen ertönten zu den offenen Fenstern hinaus. Hermann fah die tanzenden Paare und unwillkürlich schritt er die Treppe hinauf.
Unter der Thüre blieb er stehen und schaute in das Gewoge hinein. Er sah Martha am Arme Adolfs, und abermals empfand er einen stechenden Schmerz. Seine wilde Phantasie malte verwirrende Bilder vor ihn. Er glaubte das Mädchen sich zärtlich an ihren Tänzer schmiegen zu sehen, er glaubte zu bemerken, wie ihre Blicke an den {einigen hingen, und eine rasende Eifersucht machte ihn fast toll.
Es entging ihm, daß Martha, die feine Anwesenheit wahrgenommen hatte, mit Adolf auf ihn zutrat und ihn freundlich begrüßte. Erst der Klang ihrer Stimme schreckte ihn auf.
Eine Sekund»- lang maß er das Paar mit einem unbeschreiblichen Blick, bann stürmte er, häßlich lachend, davon. Martha hatte die Farbe gewechselt. Es war
ihr ausgefallen, daß Hermann sich den ganzen Tag über nicht gezeigt hatte, und nun vollends dieser unerklärliche Auftritt!
„Er wird ein bischen zu viel getrunken haben," suchte Adolf sie zu beruhigen, und kehrte wieder in den Reigen zurück, aber die unbefangene Heiterkeit feiner Tänzerin war unwiederbringlich dahin. Vergeblich bot der junge Mann feine Scherze und feine ganze Beredsamkeit auf. Ein trübes Lächeln, das die Lippen des Mädchens umspielte, war sein ganzer Erfolg.
Während einer Pause erhob Martha sich und eilte ins Freie. Die kühlende Abendluft that ihr wohl. Sie näherte sich dem Gartenhause an der Kegelbahn und trat, als sie es leer sand, hinein.
Sie nahm Platz und schaute, in Gedanken verloren, zu dem fternenbefäeten Himmel hinauf. Es war ihr seltsam zu Muthe. Das schmerzverzerrte Antlitz des Iugendgespielen wich nicht von ihr, und fast unbewußt durchfchauerte sie jene mit süßen Schmerzen verbundene Ahnung, um deren Verwirklichung schon so viele Thränen gemeint worden sind'.
Die Musik spielte wieder. Sie hörte es, sowie das Geräusch des Tanzes, aber e& weckte kein Verlangen zur Theilnahme in ihr. Eine Viertelstunde um die andere verging und immer noch saß Martha auf ihrem einsamen Platze.
Da vernahm sie eilige Schritte und in der nächsten Sekunde sah sie die Gestalt eines Mannes vor sich — Adolf.
„Was fällt Dir denn ein," rief dieser, daß Du davonläufst und hier Grillen fängst, während Du als Ball- königin doch aus den Tanzboden gehörst! Schon seit einer Viertelstunde habe ich Dich wie eine Stecknadel gesucht. „Komm nur, damit Du die Damentour nicht versäumst."
Er wollte ihre Hand ergreifen, doch das Mädchen duldete es nicht und schickte sich an fortzugehen, aber Vogel vertrat ihr den Weg.
„Martha", flüsterte er mit nicht ganz sicherer Stimme, „die günstige Gelegenheit kommt vielleicht nicht so bald wieder, deshalb will ich sie benutzen und Dir zeigen, wozu mein Herz mich schon lange treibt. Ich liebe Dich und bitte, sei auch Du mir ein Bischen gut! Du kennst mich und weißt, daß ich kein unrechter Bursche bin. Wirst Du vollends mein liebes Weibchen, dann werde ich dafür sorgen, daß Du ein recht hübsches Nestchen bekommst."
Er suchte den Arm um ihre Schulter zu legen, erreichte aber seinen Zweck nicht. Martha wich von ihm zurück. Sie preßte plötzlich ihre Hände auf die Augen und unter heftigem Schluchzen brachen die Thränen zwischen ihren Fingern hervor.
In feiner Bestürzung über diesen unerwarteten Gefühlsausbruch hatte Adolf das schwache Geräusch in seinem Rücken überhört. Erschrocken wandte er deshalb den Kopf, als er den mit heiserer Stimme ausgestoßenen Ruf: „Ha, elender Bursche" vernahm. Gleichzeitig erhielt er einen so wuchtigen Stoß auf die Brust, daß ihm die Sinne schwanden und er bewußtlos zusammenbrach.
(Fortsetzung folgt.)
Vermischtes.
* Grüne Schuhe — das ist das Neueste auf dem Gebiete der Schuhwaaren-Jndustrie, und zwar wird diese Neuheit der „Unterthanen"-Bekleidung von der Firma R. Baumann in Sangerhausen auf den Markt gebracht. Die Schuhe sollen sehr gefällig aussehen und es nicht unwahrscheinlich lassen, daß sie den so schnell beliebt gewordenen braunen Schuhen starke Konkurrenz machen werden.
Verfälschte schwarze Seide.
ein Müsterchen des Stoffes, von dem mm kaufen will, und die etwaige Versäischunq tritt sofort zu Tage: Aechte, reingefärbte Seide kräuselt so ort zusammen, verlöscht bald und hinterläßt wenig «sche von ganz helldräunlicher Farbe. — Verfälschte Seide (die leicht speckig wird und bricht) brennt langsam fort (tmment- lich glimmert die „Schlußfäden" weit r, wenn sehr m t Farbstoff erschwert) und bint-rläßt eine dunkel,rarne Asch-, die sich im Geg-nsatz zur ächten Seide nicht kräuselt, sondern krümmt Zerdrückt man d e Asche der ächten Seide, so zerstäubt sie, die bei verfälschten nicht. Die Seide« - Fabriken C. Henneberg (k u. k. Hostie?.), Zürich, versenden gern Muster von ihren ächten Seidenstoffen an Jedermann und liefern einzelne Roben und ganze Stücke porto- und steuerfrei ins Ha-