__ AAn Freitag, den 2. Juli 1897 24. JahrgM
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mit U«terl,alt«ngs-Keitagr „Sterne und Klumen".___________________
wärtsreformiren eingetreten ist. Außerdem, haben wir ja gehört, Herr v. Miquel betrachte ihn als williges Werkzeug für seine Reform-Ideen, die auf das „Sparen" vom engherzigsten Gesichtspunkte aus hm- ausberuhen. Die Beamtenschaft, so vermuthen rotr, wird in manchen Schichten mit der Ernennung zufrieden ein. Schon vor dem Tode Stephans konnte man von'Beamten die bestimmte Erwartung aussprechen qören, daß ein General sein Nachsolger werde. Man wffte, daß dieser zwar ein strammes Regiment führen, aber über bureaukratisch kleinliche Chikanirereien er- iaben und nur ein warmes Herz für Beamten zeigen werde. Jedenfalls wird die Freude allgemein sein, daß nicht Unterstaatssekretär Dr. Fischer den Posten erhalten wird. Das Auftreten Fischers im Reichstage qat ihm hier wenig Sympathien erworben. Dieser Tage wurde berichtet, er werde seinen Abschied nehmen, wenn v. Podbielski Staatssekretär werde.
So wohlwollend der norddeutsche allgemeine Entschuldigungszettel sür den neuen „Postsekretär" lauten mag (von wem mag er übrigens wohl herrühren?), o froh werden vermuthlich alle „kommenden Männer", sein, wenn man ihnen keinen solchen mitgibt. Gras v. Posadowsky braucht indeß auch keinen. Als unbekannter Mann kam er in das Reichsschatzamt; mit bewundernswerthem Fleiß und Geschick hat er sich in das schwierige Amt einzuarbeiten gewußt. Nur ungern wird er es jetzt mit einem andern vertauschen, zumal mit einem so weitschichtigen und vielumfassenden wie das Reichsamt des Innern. Herr v. Bötticher hat dies 18 Jahre verwaltet und unstreitig mit tüchtiger Kenntniß der zahllosen Einzelheiten. Man staunte oft, wie unterrichtet er über die verschiedensten Dinge war und wie er über das Fernliegendste sofort Auskunft zu geben wußte. Freilich besaß er auch die Gabe, in schwierigen Fällen mit vielen Worten nichts zu sagen und doch neugierigen Fragern oder Angreifern den Weg zu verlegen. Wenn er, wie man sagt, gestürzt ist, weil er zu der bekannten Rede Richters schwieg, so hat er nicht aus Mangel an Schlagfertigkeit und Redegewandtheit geschwiegen, sondern weil nach allgemeinem Urtheil nichts zu erwarten war und Reden die Sache nur schlimmer gemacht hätte. Graf v. Posadowsky hat sich bis jetzt mit dem Reichstage immer ganz gut zu stell en gewußt. Insofern ist er also ein geeigneter Nachfolger für Herrn v. Bötticher. Auch Redegabe besitzt er. Das Weitere muß sich finden. Es wird vor allem darauf ankommen, inwieweit der Sturz der Herren v. Marschall und v. Bötticher nicht bloß ein persönlicher, sondern auch ein sachlicher Erfolg ihrer Freunde ist, und gegebenenfalls, roie lange e§ bauert.
Herr v. Miquels Avancement ist vorläufig nur ein formelles. Bei Böttichers Abgang war er an der Reihe. Ob ihm als „Mze" die Leitung der ganzen inneren Politik Preußens mit Eingriffen in die Reichspolitik eingeräumt wird, dürfte davon ab- hängen: "wer Reichskanzler sein wird.
Deutsches Deich.
Berlin, 1. Juli.
* Der Kaiser theilte am Mittwoch beim Diner des Nachtklubs in Kiel mit, daß erden König von Belgien zum Ehrenmitglied des kaiserlichen Nachtklubs ernannt habe. Die Nachricht, daß der Kaiser den Reichskanzler in den nächsten Tagen in Schillingsfürst besuchen werde, wird von der ,Nordd. Allg. Ztg.' als unzutreffend bezeichnet. Am 4. Juli tritt der Kaiser die Nordlandsreise an, von der er gegen Ende dieses Monats zurückkehrt. Die Reise nach Peterhof erfolgt Anfangs August und zwar voraussichtlich zur See in Begleitung des Panzergeschwaders. Der Aufenthalt in Peterhof dauert vier Tage, so daß die Rückkehr gegen den 9. August erwartet wird. Wie ein italienisches Blatt aus guter Quelle erfährt, soll das Kaiserpaar beabsichtigen, in der zweiten September- Hälfte die internationale Kunstausstellung in Venedig zu besuchen, wobei wahrscheinlich eine Zusammenkunft mit der italienischen Königsfamilie stattfinden werde.
* Der Präsident des Reichs - Versicherungsamtes, Dr. ILödiker, verabschiedete sich am Mittwoch von feinen Beamten. Nach der ,Staatsb. - Ztg.' soll er bei dieser Gelegenheit betont haben, daß er nur ungern aus dem Amte scheide und nur dem Drucke der
Lage, der für ihn unerträglich fei, nachgebe. Am selben Tage fand ein Festessen zu Ehren des Scheidenden statt, an welchem zahlreiche Mitglieder des Bundesrathes, des Reichs-Versicherungsamtes, der Berufsgenossenschaften und der Jnvaliditäts- und Altersversicherungs-Anstalten theilnahmen.
* „Das stärkke Sluck". In einem Artikel über den Rücktritt des Freiherrn v. Marschall bemerkt
geroii das stärkste Stück, daß derselbe Kriminal- Kommissar v. Tausch, der einem ihm fast völlig unbekannten Landsmann, dem Zeugen Krämer die eingehendsten Mit- theilunaen und Lügen über ein schweres Ohrenleiden des Kaisers und über de Sendung des Flügeladiutanten Grafen Moltke nach Friedrichsruh am 24. Januar 1894 gemacht hat, noch heute, vier Wochen nach der öffentlichen Enthüllung, die Ehre hat, Mitglied des königlichen Polizeipräsidiums zu Berlin und königlicher Beamter zu sein. Das ist em schlimmes Schlaglicht, das auf unsere innern politischen Zustände fällt. ~ , ..
„Ein um fo schlimmeres Schlaglicht, fugt die ,Nat.-Ztg.' hinzu, „da diejenigen Ergebnisse der Voruntersuchung gegen Tausch, welche, weil für die Anklagepunkte nicht wesentlich, in der Hauptverhandlung nicht vorgebracht wurden, gleichwohl in keineswegs engen Kreisen bekannt sind." Ganz richtig. Vielleicht erleben wir aber noch stärkere Stücke, die schlimmere Schlaglichter werfen.
* „Manchen Katholiken rotrb’s anscheinend zu wohl", schreibt ein gelegentlicher Korrespondent der ,Köln. Volksztg.' So möchte man ausrnsen, wenn man die verschiedenen Anzapfungen und Nörgeleien gegen das Centrum liest und Vorschläge machen sieht, wie man dasselbe theilen, verkleinern ober ersetzen solle uj.ro. So lange Windthorst noch lebte, wagten sich solche Bestrebungen nicht hervor, aber seit seinem Tode scheinen manche Leute in ihrem Tournister ein Ding gefunden zu haben, welches sie irrthümlicher Weife für einen Marschallstab ansehen, und wollen nun mit jener Sicherheit, welche die Unkenntniß der Verhältnisse verleiht, das Centrum kommandiren. Auch mir hat das Centrum verschiedenes nicht recht gemacht, aber hoch über allen kleinen persönlichen Schmerzen steht die eiserne Nothroendigkett, daß die Vertretung des katholischen Volkes nicht geschwächt werden darf! Jeder, der unfern gegenwärtigen innerpolitischen Verhältnissen nur ein wenig Aufmerksamkeit schenkt, muß erschrecken bei dem Gedanken, was wohl werden würde, wenn das Centrum nicht geschlossen und dadurch stark dastände. Und sehen denn die Centrums-Zertrümmerex nicht, daß wir noch immer im Culturkampf leben? Vielleicht betrachten sie die noch bestehenden Ordensgesetze als Bagatelle und sind schon zufrieden, wenn die Priester nicht mehr auf die Straße gesetzt werden und sich nicht mehr bet Nacht und Nebel mit den Sakramenten zu den Sterbenden zu schleichen brauchen. Wehe uns, wenn der Centrumsthurm zusammen bräche! Das Centrum ist kein Gebilde, welches Kinder im Spiele geschaffen, um es ebenso nach Kinderart wieder zu zerstören, wenn man seiner überdrüssig geworden. Wem das eine ober anbere nicht recht ist, der mag seine Meinung äußern, dafür haben wir unsere Presse und die Abgeordneten sind dankbar, wenn bas Volk ihnen mit schaffen Hilst. Manche irrige Auffassung auf ber einen ober andern Seite wird auf diese Weise geklärt, und mancher wird auch bald erkennen, daß in vielen Sachen Wollen und Können zwei ganz verschiedene Dinge sind. Bedingungslose Voraussetzung aber muß fein und bleiben: Immer mit dem Centrum arbeiten, nie gegen dasselbe! Wer gegen diesen Grundsatz fehlt, leistet unfern Gegnern Hilfe, und das ist ein frevelhaftes Beginnen.
* Die Ikeichseinnahmen aus Zöllen und Verbrauchssteuern, welche die Bundesstaaten für das Etatsjahr 1896/97 an die Reichskafse abzuführen haben, betragen nach der vorläufigen Feststellung: Zölle 433 678489 Mk., Tabaksteuer 11 742 803 Mk., Zuckersteuer 93 629 582 Mk.,Salzsteuer46 894 690 Mk., Maischbottich- u. Branntweinmaterialsteuer 15652412 Mk., Verbrauchsabgabe und Zuschlag 101555 405 Mk., Brennfteuer 1001432 Mk., Brausteuer und Ueber- gangsadgabe von Bier 28026433, zusammen rund 732 Mill. Mark. Die Einnahmen aus dem Spielkartenstempel betragen 1422478, an Reichsstempel- abgaben für Werthpapiere, Kaufgeschäfte und Lottene- loofe 47 711351 Mk.
Veränderungen in den höchsten Reichs- und Staatsämtern.
Die Krisis hat wieder ein Stritte vorwärts gemacht. Diesmal ist es nicht der ofrtgtoie Telegraph, der uns davon in Kenntniß setzt, londern der,Reichsanzeiger', der gleich die amtliche Meldung bringt. Danach hat Herr v. Bötticher die nach- qesuchte Dienstentlassung erhalten. An seine Stelle ist der bisherige Reichsschatzamtssekretär Gras v. Pofa- d o wsky zum Staatssekretär des Innern, preußischen Staatsminister und Stellvertreter des Reichskanzlers, Generallieutenant a. D. v. Podbielski zum Staatssekretär des Reichspostamts und Finanzmuilster Dr. v. Miquel zum Vizepräsidenten des Staatsministeriums ernannt worden. Alle diese Meldungen enthalten nichts Ueberraschendes mehr. _ Jetzt fehlt zunächst noch ein neuer Reichsschatzamtssekretär und der scheint sehr schwer auffindbar zu fein. Der badische Flnanzminister Dr. Buchenberger hat den verlockenden Posten abgelehnt, wofür ihn der Großherzog von Baden mit dem Großkreuz des Ordens vom Zähringer Löwen belohnt hat. Warum er abgelehnt hat, weiß man nicht. Vielleicht hat er sich auf das ihm vorgelegte Programm nicht verpflichten mögen, vielleicht fürchtete er sich überhaupt vor der Berliner Löwenhöhle und zog den Aufenthalt bei dem zahmeren Zähringer Löwen vor. Außer ihm sind noch eine Reihe anderer freiwilliger oder unfreiwilliger Kandidaten für das Reichsschatzamt genannt worden. Wir werden ja wohl noch vor der Nordlandsreise erfahren, wen das „Glück" trifft. .
lieber das Auswärtige Amt hat der ,Reichs- anzeiger' sich bis jetzt vollständig ausgeschwiegen. Nachdem ,Wolff' dem Frhrn. v. Marschall gegenüber den Lucanus gespielt und ihn von Kiel aus recht zartsühlend zur Einreichung seines Abschiedsgesuches ausgefordert hat, ist wieder alles still. Es wird auch wohl still bleiben, bis in den August hinein. Dann wird wohl mit dem Wechsel im Staatssekretariat des Auswärtigen Amtes auch ein Kanzlerwechsel eintreten. Es ist bann ein Aufwaschen. Augenblicklich kann nichts weiter geschehen, weil Fürst Hohenlohe mit nach Petersburg reift. Wenn die Ruffen nicht wüßten, daß Kaiser Wilhelm II. fein eigener Kanzler ist, würden sie freilich wenig darauf geben, was ihnen ein abgehender Kanzler bieten könnte.
Fürst Hohenlohe soll sich geweigert haben, die Ernennung des Herrn v. Podbielski zum Staatssekretär des Reichspostamts gegenzuzeichnen. Dafür gibt aber die,Nordd. Allg. Ztg.' dem an die Spitze des Postamts geschleuderten Husarenoffizier ein langes offiziöses Entschuldigungsschreiben mit. Darm wird ausgeführt, es werde sich in einer großen Verwaltung als nützlich erweisen, wenn von Zeit zu Zeit anstatt eines der im regelmäßigen Gang der Beförderung heraufgekommenen ein Mann an die Spitze trete, der in mancherlei anderen Arbeitszweigen sich umgesehen habe, neue Gesichtspunkte mitbringe und unvoreingenommen die bisherigen Geschästsmethoden betrachte. Es wird auf das Beispiel „vorgeschrittener Kulturländer" wie England und Frankreich verwiesen und bestritten, daß die Vertrautheit mit allen technischen Einzelheiten als ein unumgänglich nothwendiges Er- forderniß anzusehen sei; im Gegentheil, nothwendige Reformen würden besser durch Neulinge, falls fie nur über das nothwendige Ouantum Geist und Wissen verfügten, als durch die Männer der traditionellen Praxis besorgt werden. Diese Grundsätze unterschreiben wir durchaus; es wird sich nur zu zeigen haben, inwieweit sie im vorliegenden Falle Anwendung gefunden haben. ' Wir wissen nicht, ob Herr v. Podbielski durch seine von guten Freunden jetzt so laut gerühmte Befähigung (ober durch Gunst, weil er als Sportsman» gefiel, auf feinen Posten gekommen ist. Vorläufig erwarten wir allzuviele Reformen nicht von ihm. Er gehört zur konservativen Partei, die auf dem Postgebiete immer eifriger für das Stüc^
Eckcheint täglich,Sonn^ ^t,n^kttamen