146 Donnerstag, den 1. Juli 1897. 24. Jahrgang
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Einweihung der St. Ludwigskirche.
Unmittelbar nach dem Tode des unvergeßlichen Windthorst wurde von den verschiedensten Seiten die Errichtung eines Denkmals für ihn angeregt. Man dachte dabei aber sofort weniger an ein weltliches Denkmal aus Stein und Erz, als an ein Werk katholischen Glaubenseifers, das zugleich dem frommen Andenken des Verstorbenen gewidmet sei. Ein solches Denkmal hatte er sich zu seinen Lebzeiten schon selbst errichtet in seiner Heimathsstadt Hannover. Die St. Marienkirche, in der er nun begraben liegt, verdankt hauptsächlich seiner unermüdlichen Thätigkeit in Anregung der Opferwilligkeit der deutschen Katholiken ihre Entstehung. Ihm zu Liebe wurde überall in der Sammlung für diese Kirche ein besonderer Eifer entwickelt. Was lag näher, als ihm an dem Orte seines parlamentarischen Wirkens, wo die Kirchennoth der Katholiken so groß ist, ein ähnliches Denkmal zu errichten? Der Gedanke fand allgemeinen Anklang. Die beiden Centrumsfraktionen nahmen ihn mit ganz besonderer Begeisterung auf und im Januar 1893 erschien der erste, vom Propst Dr. Jahnel und den Vorsitzenden der Centrumsfraktionen Graf Ballestrem und Dr. Freiherr v. Heereman unterzeichnete Auftuf zu Sammlungen für die St. Ludwigskirche. „Windt- Horst-Kirche" ist sie seitdem volksthümlich genannt worden. Jeder Katholik weiß, daß er bei diesem Namen nicht an ähnliche Benennungen neuer protestantischer Kirchen, wie „Kaiser-Wilhelm-Gedächtniß- Kirche", „Lutherkirche" usw zu denken hat, bei denen, wenn man so sagen darf, Kaiser Wilhelm, Luther usw. die Heiligen vorstellen, denen diese Kirchen „geweiht" sind. Es handelt sich auch nicht um Nachab^"ng der neuen protestantischen Uebung. Katholiken gaben dem frommen Andenken lieber Verstorbener von jeher Kapellen, Kirchen, Stiftungen errichtet. Geweiht ist die neue Kirche dem hl. Könige Ludwig, dem Namenspatron Windthorsts. Zum ehrenden Gedächtniß für den großen Centrumsführer haben die deutschen Katholiken sich den Bau dieser Kirche besonders angelegen sein lassen. Sie liegt weit im Westen, noch über die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniß-Kirche hinaus, auf Milmersdorfer Gebiet in der Pfarrei Charlotten- burg. Demnächst wird ohne Zweifel eine eigene St. Ludwigsgemeinde errichtet werden; die Charlotten-
*<* Das Sündenerve.
Original - Roman von Max Benno.
15 ------ (Nachdruck verboten.)
Er entfernte sich und schritt in den Nebel hinein. Nach einer Weile sah er das Haus des Kohlenbrenners vor sich. Ein feiner Rauch stieg aus dem Kamin auf.
„Sie sind schon auf," murmelte der Bursche vor sich hin, „natürlich, Martha ist ja Festdame und da gibt es Arbeit genug.
Die Thüre stand offen. Er ging ins Haus und fand das Mädchen, welches soeben die Wohnstube zu scheuern begann.
Martha sah ihn. Der Ausdruck, einer unangenehmen Empfindung erschien auf ihrem Gesicht.
„Was willst denn Du schon, Bastian?" fragte sie.
„Wo ist der Vater?" forschte dieser, ohne eine direkte Antwort zu geben, „ich habe einen Auftrag für ihn."
„Er ging schon gestern Abend zu seinem Weiler hinüber und wird in der Hütte sein, da er bis jetzt nicht heimgekehrt ist," belehrte ihn nunmehr Martha.
Ein eigentümlicher Blitz zuckte bei diesem Bescheid aus den Augen des Burschen hervor. Eine Bemerk
burger Pfarrei ist viel zu groß und die neue Pfarrei hat ja nun in der Kirche einen Mittelpunkt.
Der Bauplatz wurde schon im Jahre 1890, also vor dem Tode Windthorsts von der Berlin-Wilmers- dorfer-Terrain-Gesellschaft unter Zustimmung der Gemeinde Wilmersdorf dem fürstbischöflichen Stuhle geschenkt, mit der Bedingung, eine monumentale Kirche darauf zu erbauen. Damals war diese Gegend noch unbebaut; es waren sumpfige Wiesen und Gärten mit wilden Hecken dazwischen. Das Unternehmen des Kirchenbaues hat ohne Zweifel nicht wenig dazu beigetragen, daß jetzt die Gegend nicht nur bedeutend angebaut ist, sondern Straßen entstanden; der Kirchplatz stößt mit seiner Ostseite an die Pfalzburger Straße, an der jetzt auch ein prächtiges und großes neues katholisches Waisenhaus liegt. Auf der Nord- und Südseite ist der Platz ebenfalls schon bebaut; nur nach Westen hin ist noch eine weite und wüste Strecke von Wiesen und Schuttabladestellen; allein es wird nicht lange dauern, so hat sich auch hier alles verändert. Da in dieser Gegend noch wenig Katholiken wohnten — d. h. für Berliner kirchliche Verhältnisse wenig — so gedachte man zuerst eine Jnterimskirche zu bauen. Unter dem Einfluß der lebhaften Bewegung für eine „Windthorst-Kirche" entschloß man sich jedoch, sofort einen Monumentalbau zu errichten. Der Plan dazu ist von Herrn Baumeister Menken, der u. a. auch die jüngst eingeweihte katholische Garnisonskirche in der Hasenheide geschaffen hat, entworfen worden. In Anbetracht der Kosten und da man selbst zu Ehren Windthorsts in Berlin das Geld für Kirchenbauten nicht verschwenden darf, ist allerdings etwas einfacher gebaut worden, als der Baumeister geplant hatte, doch ist auch so ein wahrhaft monumentaler Bau entstanden. Man hat nämlich die Sparsamkeit vorwiegend in der Weise walten lassen, daß man nicht auf einmal die ganze Kirche baute, sondern vorläufig nur ein Stück, das für eine Reihe von Jahren dem Bedürfniß genügt. Die Kirche, die 1800 Personen faßt, ist eine in edlen und vornehmen, wenn auch einfachen Formen gehaltene dreischiffige Basilika gothischen Stiles. Davon ist vorläufig von dem Langhause nur ein Joch gebaut, so daß die Kirche sich als Centralkirche darstellt. Um ihr jedoch sofort ein monumentales Ansehen zu geben, hat der Baumeister mit außerordentlichem künstlerischem Geiste ans der Vierung einen mächtigen, hohen und schlanken Thurm herauswachsen lassen. Das Westportal ist, wie aus dem Gesagten erhellt, nur ein provisorisches. Später wird die Kirche nach Westen hin verlängert werden und dort noch zwei kleinere Thürme erhalten. Man hätte gern in Sandstein gebaut, aber dazu fehlten die Mittel. Nun, im Nordosten Deutschlands weiß man, daß man auch in Backstein schön und monumental bauen kann. Nur die Pfeiler, auf denen der Vierungsthurm ruht, sind aus Sandstein, weil sie sonst zck viel Raum weggenommen hätten. Der Bau hat wiederholt gestockt, weil die Mittel zum Weiterbauen fehlten, aber schließlich ist er doch so weit, daß er dem gottes- ung schien ihm auf der Zunge zu schweben, aber er sprach sie nicht aus.
Kurz grüßte er und begab sia, wieder auf die Kohlenplatte zurück.
Schon aus der Ferne bemerkte er diesmal, wie Vogtherr bei seinem Weiler stand und sich mit demselben zu schaffen machte. Sein finsteres Gesicht heiterte sich auf.
„Wo stecktest Du denn?" rief er ihm mit gedämpftem Tone zu, „ich habe Dich vergeblich hier und in Deiner Wohnung gesucht, und doch sagtest Du mir ..."
„Du kamst eben etwas zu früh," fiel ihm Vogtherr ins Wort „und überdies hatte ich etwas anderes zu thun. Den Bock kannst Du mitnehmen. Er liegt an dem gewöhnlichen Platz."
Der Bursche räusperte sich. „Und wie steht es mit dem übrigen?" fragte er kleinlaut. „Martin gibt mir für das Wild schwerlich etwas, da ich seit längerer Zeit auf feiner schwarzen Tafel stehe und schon, mehrmals zu zahlen versprach. Heute aber möchte ich als ehemaliger Soldat doch auch ein Bischen mitthun."
Ein spöttisches Grinsen zuckte um die Mundwinkel Vogtherrs.
dienstlichen Gebrauche übergeben werden konnte. Freilich fehlt noch manches. Es fehlen die Seitenaltäre, nur ein, allerdings sehr schöner Hauptaltar (nach der Zeichnung von Menken durch Bildhauer Moest in Köln geschnitzt, der Tabernakel von Brems-Varin in Trier) ist vorhanden; die Ausschmückung fehlt noch; an den Vierungspfeilern sollen je 3 Heiligenfiguren in Sandstein stehen; bis jetzt sind nur vier, je eine an jedem, vorhanden, darstellend den heiligen Kaiser Heinrich II. und feine Gemahlin die hl. Kunigunde, die hl. Elisabeth und auffallender Weise Karl den Großen. Die Fenster in Glasmalerei sind ruhig und schön gehalten; im Chor bringen sie Szenen aus dem Leben des hl. Ludwig zur Darstellung. Für den gottesdienstlichen Gebrauch sind in den letzten Tagen eine Reihe werthvoller Geschenke gemacht worden, von denen wir nur ein Ciborinm von der Gemahlin Windthorsts und ein selbstgesticktes Ciborimnmcintel- chen, sowie eine kostbare Altardecke von der Tochter Windthorsts erwähnen. Es fehlt aber auch hier noch an allen Ecken.
Am Dienstag, dem Feste der Apostelfürsten Petms und Paulus wurde die Einweihung der Kirche vollzogen. Es war vorläufig nur die einfache Benediktion ; die feierliche Konsekration wird später, wie man hofft, durch Seine Eminenz den Kardinal-Fürstbischof Kopp, vollzogen werden. Es hatten sich zu der Feier die Katholiken der Umgebung, sowie andere hervorragende Katholiken , desgleichen die Geistlichen, soweit sie heute abkömmlich waren, eingefunden. Die katholischen Vereine hatten Fahnendeputationen gesandt. Man versammelte sich in dem neuen Waisenhause. Um 10 Uhr begannen die Glocken der neuen Kirche zu läuten und die feierliche Prozession zog nun zu dem Gotteshause. Wir haben sie nicht genau gezählt, aber mindestens 60 Fahnen und Banner waren im Zuge. In der Kirche hatten sich inzwischen die geladenen Gäste eingefunden. Aus dem Kultusministerium waren die Geheimen Räthe Renners, Förster und Brandt erschienen. Von Abgeordneten bemerkten wir die Herren Prinz v. Arenberg, v. Kehler, Dieden, Krebs, Schmidt-Warburg, Dr. Rintelen und Dasbach. Hätte die Feier nicht in der Zeil parlamentarischer Ferien stattgefunden, so wären natürlich sämmtliche Centrumsmitglieder dagewesen. Die Bene- diktion vollzog Pfarrer Kleineidam von Charlotten- burg, der auch die Festrede hielt. In dieser wurden die Gedanken, die das heutige Apostelfest, der heilige Ludwig als Patron der Kirche und die Erinnerung an den großen Centrumsführer an die Hand gaben, geistvoll und ansprechend zu einem gemeinsamen Ganzen verwerthet. Alsdann celebrirte Pfarrer Kleineidam unter Assistenz des Herrn Kaplans Milz bei St. Pius und des Generalsekretärs Dr. Hille das erste feierliche Hochamt in der St. Ludwigskirche. Die kirchliche Singschule unter Leitung des Hegens chori bei St. Bonifaz, Herr Holzschneider, erhöhte die Feier durch ihren vorzüglichen Gesang. Te Deum und Segen schlossen den Gottesdienst. Ein Roth-
„Das Bischen kennt man," sagte er, „wenn ihr Burschen so recht im Zug seid, dann hört ihr nicht auf, bis der letzte Pfennig aus dem Beutel und noch eine hübsche Zeche auf Pump gemacht ist. Warum wendest Du Dich nicht an Deine guten Freunde Vogel oder Hermann, der immer Geld genug hat, während ich nur ein armer Kohlenbrenner und Anstreicher bin?
Bastian zwinkerte mit den Augen. „Mach mir doch keine Flausen vor mit Deiner Arrnuth," hielt er entgegen, „ich weiß recht gut, daß Du immer Moneten hast. Woher, das ist mir freilich ein Räthsel, wenn Du sie nicht allenfalls von Deinem reichen Spezel in dem Maikäferhäuschen da oben, dem Millionär, wie's heißt, bekommst. Hermann scheint gegenwärtig nicht viel übrig zu haben, da er Vogel zum heutigen Feste nur mit einer bescheidenen Summe aushalf. Von meinem Vater aber, der mit feinem kleinen Gerichtsdieners-Gehalt selber kaum weit reicht, erhalte ich nichts."
„Wir sind gute Freunde, Georg. Ich that Dir schon manchen Gefallen, und Du mußt mir helfen, da es nicht Dein Vortheil sein wird, wenn die Noth mich zu Dummheiten treibt."
Vogtherrs Gesicht röthete sich. Die letzte Anspie-