24. Jahrgang
Mittwoch, den 30. Juni 1897
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stehen werden? Ob die Personalverschiebungen zugleich ein neues Programm bedeuten und welches, bleibt erst wohl im Dunkeln. Nur soviel darf als feststehend gelten: der Abgang der beiden den Konservativen verhaßten Minister bedeutet ein Ein- schwenken des Kurses nach der agrarisch- stumm'schen Richtung.
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Deutsches Reich.
Berlin, 29. Juni.
ft An dem Aestnrahk, welches der Kaiser am Sonntag aus Anlaß des Regierungsjubiläums der Königin von England in Kiel gegeben hat, nahmen u. A. theil der König von Belgien, der Reichskanzler, der englische Botschafter in Berlin, sowie die Mitglieder der englischen Botschaft, der deutsche Botschafter in Rom v. Bülow, der deutsche Gesandte in Kopenhagen von Kiderlen- Wächter. Während der Tafel erhob sich der Kaiser, begrüßte zunächst den König von Belgien und kündigte an, daß derselbe L la suite der deutschen Marine gestellt sei und brachte dann nach einem Trinkspruche auf die Königin von England ein dreifaches Hurrah auf dieselbe aus. Hierauf dankte der König von Belgien dem Kaiser und brachte dessen Gesundheit aus.
* Der Zreichsktmzrer wird bei feiner Rückkehr nach Berlin auf der Durchfahrt in Friedrichsruh dem Fürsten Bismarck einen Besuch abstatten.
ft Der Gesundheitszustand des Staatssekretärs Frhrn. v. Marschalk hat, wie das Wolff'sche Telegraphenbureau aus Kiel meldet, seine Ersetzung als Staatssekretär des Auswärtigen Amts nothwendig gemacht. Nach sicherem Vernehmen des genannten Bureaus ist der deutsche Botschafter in Rom v. B ü l o w vom Kaiser zunächst stellvertretungsweise mit der Leitung des Auswärtigen Amtes betraut worden, v. Bülow wird die Geschäste nach der Rückkehr des Kaisers nach Berlin übernehmen; augenblicklich werden sie, wie wir bereits gemeldet, vom Unterstaatssekretär Frhrn. v. Rotenhan wahrgenommen.
* In der ,Augsburger Postzeitung' erläßt der Reichstagsabgeordnete Herr Richard Mülker Iukda folgende Erklärung: „Der Mieder- bayerische Bauer' enthält eine Mittheilung, daß der Reichstagsabgeordnete Herr Dr. Lieber nach Bekanntwerden der v. Stumm'schen Aeußerungen (Kladderadatsch) bereit gewesen wäre, die ganze Marinevorlage zu genehmigen. Diese Mittheilung muß ich als durchaus unrichtig bezeichnen. Als Mitglied der Budgetkommission habe ich den betreffenden Verhandlungen beigewohnt und bin über die Ansichten des Herrn Dr. Lieber um so genauer unterrichtet gewesen, als mich derselbe beaus- tragt hatte, im Falle einer Verhinderung durch Krankheit seine Ansichten in der Kommission und im Plenum des Reichstags zu vertreten. Infolge dessen kann ich konstatiren, daß alsbald nach Bekanntwerden der v. Stumm'schen Aeußerungen Herr Dr. Lieber nicht kannte ihn an der Stimme und schaute über den Zaun. Die Leutchen standen zwischen dem hohen Gesträuch und bemerkten mich nicht. Sie plauderten unbefangen mit einander. Da trug das Mädchen den gefüllten Korb in das Haus, Hermann schaute ihr nach und da habe ich meine Entdeckung gemacht. Hermann ist in Martha verliebt und zwar bis über die Ohren. Dabei ist er aber auch ein kluger Bursche, der sich zu beherrschen versteht. Er weiß, daß die Bäuerin, wenn er ihr seine Neigung gestände, schwerlich ihre Einwilligung zu dieser Wahl geben würde, und daß die brave Martha sich niemals auf eine heimliche Liebschaft einläßt. Deshalb gesteht er niemanden, wie es in seinem Innern aussieht, und denkt wahrscheinlich: Kommt Zeit, kommt Rath. Auf die Dauer thut dieses Verhältniß nicht gut. Ein kleiner Anlaß, und das Feuer schlägt zum Dache hinaus. Wir wollen hoffen, daß dann der Brand, ohne allzu großen Schaden angerichtet zu haben, gelöscht werden kann."
Die Beiden trennten sich. Valenün fuhr heim und der Schäfer begab sich in seine Wohnung.
3.
Eine ungewöhnliche Bewegung herrschte schon seit einigen Tagen in dem Dorse Buchberg. Wie
Reichskanzlei, sind nach Kiel berufen worden, v. Bülow hatte eine lange Audienz beim Kaiser und machte eine Spazierfahrt mit dem Fürsten Hohenlohe. Herr v. Kiderlen-Wächter ist ebenfalls in Kiel; desgleichen Graf Waldersee, der Botschafter Graf Eulenburg wird dort ebenfalls erwartet, £err. v. Kiderlen- Wächter und Graf Eulenburg mögen sich dort einfinden, weil sie die Nordlandsreise mitzumachen haben; jedenfalls hängt ihre Anwesenheit aber auch mit der Krisis zusammen. Da ist es nun sehr auffallend, daß Herr v. Miquel nicht dabei ist, sondern in Berlin schwitzt. Vor 14 Tagen mußte er seine Wiesbadener Kur unterbrechen, um Hals über Kopf Gott weiß, was alles, jedenfalls aber allgebietender Staatsmann zu werden, und jetzt ist er nicht einmal dabei, wenn die wichtigsten Personenfragen entschieden werden. Mögen die andern oder mag er selbst nicht gewollt haben, jedenfalls aber ist nicht mehr die Rede davon, daß er Vizekanzler und Vizeministerpräsident werden soll. Er wird wohl Finanzminister bleiben und dabei nach dem Rücktritt des Herrn v. Bötticher Vizepräsident des Staatsministeriums werden, weil ihm das zukommt.
Herr v. Bötticher soll jetzt thatsächlich sein Entlassungsgesuch eingereicht haben. Als sein Nachfolger wird jetzt wieder Graf Posadowsky genannt, an dessen Stelle Regierungspräsident v. Rheinbaben in Düsseldorf das Reichsschatzamt übernehmen soll. Unbesetzt ist auch noch immer das Staatssekrelariat des Reichspostamts, das wirklich dem ehemaligen Husarenoffizier (v. Podbielski zugedacht sein soll, wie die ,Frankt. Ztg.' meint, deshalb, weil er sich weniger gegen die „Reform" - Pläne des Herrn v. Miquel sträuben würde, als jemand, der von dem Fach etwas verstände. Herr v. Miquel scheint also doch in die Reichsangelegenheiten hineinreden zu wollen, auch wenn er nicht Vizekanzler wird. Wie der ,Reichsbote' erzählt, ist Herr v. Miquel s. Z. durch den Grafen Waldersee beim Kaiser einge- sührt worden. Es war dies im Jahre 1887, als der allzeit wetterkundige Herr v. Miquel sich lebhaft für kirchliche Fragen, will sagen für das Kirchenbauen in Berlin inlereffirte, und die bekannte Waldersee- Versammlung stattfand. Graf Waldersee ist seitdem aus Berlin „verbannt" worden, der von ihm em- psohlene Herr v. Miquel aber sitzt warm in Berlin und wäre beinahe etwas ganz Großes geworden. Daß jetzt bei der Aemtervertheilung auch für den Grafen Waldersee etwas abfallen foll, darüber verlautet nichts.
Ob nun in Kiel die ganze Krisis „gelöst" worden ist, müssen wir nun in den nächsten Tagen erfahren, da auf der Nordlands- und Petersburger Reise wohl keine Personalfragen entschieden werden. Die Stellvertretung für den Stellvertreter v. Bülow läßt ver- muthen, „daß Verschiedenes in der Schwebe" ist. Ob nun nach der Reise der Faden dort wieder ausgenommen wird, wo man ihn jetzt fallen läßt, oder ob wir dann wieder vor einer ganz neuen Situation sinnen, daß dabei von der Bäuerin, Hermann, Anton Vogtherrs Martha, Vogel und sogar von Karl Sigel Rollen gespielt worden sind. Der Hadernsepp war auch dabei mit seinem Sack, aber was die Leute thaten und wie sie miteinander in Berührung kamen, das fiel mir nicht ein. Etwas Gutes ist es jedenfalls nicht gewesen, denn ich stand schreckliche Angst aus und beim Erwachen tropfte mir der kalte Schweiß von der Stirne herab."
Der Schäfer stieß eine Rauchwolke ans. „Man träumt oft solchen Unsinn," sagte er, aber manchmal ist doch etwas daran. Deine Bemerkung über Vogtherrs Martha mahnt mich an etwas. Ist es Dir nicht auch schon aufgefallen, daß Hermann fast täglich bei der Base des Mädchens einkehrt, letzteres fast immer anwesend ist und wo dann mit Vogel musizirt wird? Wer weiß, wozu das noch führt, denn daß der Goldwaarenhändler ein Auge auf Martha geworfen hat, weiß ich bestimmt." Der Andere machte eine abwehrende Handbewegung.
„Nun ja, das könnte", fuhr der Schäfer fort, „mir und Dir gleichgiltig sein. Aber es ist eben ein Hacken dabei, der von mir erst vorgestern entdeckt worden ist. Ich ging dem Schasstalle zu an dem Garten der Schwägerin Vogtherrs vorüber, wo Hermann Martha beim Bohnenabschneiden hals. Ich er
•o Das Snnbenerbe.
Original - Roman von Max Benno.
14 ------ (Nachdruck verboten.)
Valentin strich mit der Hand über sein graues Haar. „Du wirst recht haben," entgegnete er. Anton paßt zu allem Andern eher, als zu einem Bauernknecht. Aber man weiß ja, warum er sich auf dem Haidhof verdingt hat. Ich fah es kommen, und glaubte meine Pflicht dadurch thun zu müsfen, daß ich der Bäuerin einen Wink gab. Hätte ich es lieber bleiben lassen. Es erwuchs nur Unheil daraus. Vielleicht wäre, wenn man dem Wasser den Sauf gelassen hätte alles ganz anders geworden, denn für die einzige Tochter hätte die Bäuerin am End schon ein Opser gebracht. Deshalb mag ich mich auch diesmal in die Sache Hermanns nicht einmischen. Das nächste Jahr muß er ohnehin Soldat werden, und da geht es dann schon aus einem anderen Ton. Ich hoffe, daß alles gut wird, obgleich ich die dummen Gedanken, welche mich manchmal plagen, nicht los werden kann. Neulich haben sie mich sogar im Schlafe verfolgt. Ich träumte ganz närrisches Zeug, wußte aber, als ich erwachte, ums Leben nicht mehr, worin es bestand. Nur darauf konnte ich mich be
wirb die Krisis aufgearbeitet. Zuerst wurde Herr Tirpitz aus dem Stellvertreter zum Nachfolger des Staatssekretärs Hollmann gemacht. Nun hat auch Staatssekretär Frhr. v. Marschall eineu Stellvertreter" erhalten in der Person des Botschafters v. Bülow. Der neue Stellvertreter foll sein Amt erst nach der Rückkehr des Kaisers nach Berlin antreten; bis dahin erhält er, wie s. Z. der Stellvertreter Tirpitz, selbst einen Stellvertreter in dem Unterstaatssekretär Frbr. v. Rotenhan. Man darf daraus mit Sicherheit schließen, daß er alsdann Staatssekretär werden soll, wenn er nicht gar das Amt des Reichskanzlers selbst übernimmt. Der ,Hamb. Korr.' will nämlich wissen, v. Bülow solle unter gewissen Voraussetzungen, deren Eintritt zur Zeit noch nicht feststeht, zum Reichskanzler und der Gesandte in Kopenhagen, Herr v. Kiderlen- Wächter, bekannt als Nordlandsreisebegleiter des Kaisers, zum Staatssekretär des Auswärtigen Amtes ernannt werden. Unter den „gewissen Voraussetzungen" scheint der Rücktr itt d e s Fürsten Hohenlohe verstanden zu werden. Dieser wird neuerdings wieder nach der Petersburger Reise des Kaisers in Aussicht gestellt. Fürst Hohenlohe wird den Kaiser aus dieser Reise begleiten. Die offiziöse Kieler Meldung, Herr v. Bülow solle das Auswärtige Amt erst nach der Rückkehr des Kaisers nach Berlin übernehmen, spricht sehr dafür, daß er zugleich als Reichskanzler ins Auge gefaßt ist.
Daß nicht etwa die Stellvertretung für Frhrn. v. Marschall bloß vorübergehend sein soll, erhellt aus der offiziösen Meldung, sein Gesundheitszustand habe seine „Ersetzung" nothwendig gemacht. Daß sein Zustand gar keine Aussicht auf Wiederherstellung seiner Gesundheit biete, haben wir bisher nicht gehört. Wenn er auch ernstlich krank ist, so wird doch seine Krankheit nicht der wahre Grund seines Rücktritts fein. Seine Freunde werden den letzten Anstoß zu seinem Sturz in dem Prozeß Tausch sehen. Jedenfalls ist sein Sturz ein Erfolg für feine ost- elbifchen und bismarckfreundlichen Gegner. Da es bisher immer geheißen hat, Fürst Hohenlohe werde gehen, wenn Herr v. Marschall gehe, fo halten wir es für sicher, daß er die Kanzlerschaft nach der Petersburger Reise niederlegt.
Fürst Hohenlohe, Herr v. Bülow, Geh.-Ober-Reg.- v. Wilmowski, der erste vortragende Rath in der
Filli>iierWZeit«ng
mit Nnterhaltn«gs-Keitage „Sterne und Stumen"._________________