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jg 142 Freitag, den 25. Juni 1897. 24. Jahrgang

Huld aerMZeiHilig

mit Unterhaltimgs-SeUage „Sterne und Klumen".___________________

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Die parteilose Presse

beginnt nun auch die Liberalen zu beschäftigen. Zn einer in der Schönhauer und Prenslauer Vor­stadt Berlins abgehaltenen öffentlichen Versammlung des freisinnigen Bezirksvereins behandelte Herr Rektor Braus dieses Thema unter dem charakteristischen Titel:Die parteilose Presse, eine Krankheit unseres öffentlichen Lebens. Es wurden zu­nächst die Aufgaben einer vernünftigen Presse dar- qethan und gezeigt, daß eine solche in einem konsti­tutionellen Staate neben der Mitwirkung der Be­wohner einer freiheitlichen Entwickelung bedürfe, die zur Kennzeichnung der Wahrheit weder vor den höchsten Stellen Halt machen noch von der Regierung oder bestimmten Jnteressentengruppen abhängig sein dürse. Dann folgte eine Charakterisirung der partei­losen Presse mit ihren schweren Schädigungen, die «uf Verwirrung und Einschläferung der öffentlichen Meinung abziele und unter verkappter Maske der Reaktion diene. In der Sensationserregung liege eine schwere sittliche Schädigung des Volkes, die immer wieder öffentlich gebrandmarkt werden müsse. Bei der mangelnden politischen -Schulung unserer Jugend sei es dem größten Theil des Volkes nur möglich, durch die Presse sich mit den brennenden Tagesfragen bekannt zu machen; würden nun politische Thatsachen todtgeschwiegen oder nur einseitig behandelt, so stehe das Volk völlig rathlos da. Wer aber selbst eine eigene Meinung habe, könne euch bei seinen Lesern keine politische Meinung kulti- viren und verkenne die erzieherische und bildende Aufgabe der Presse, die darin bestehe, Anregung und^Aufmunterung zu geben, um die Leser zu taug­lichen Mitgliedern des Staates heranzubilden.

Das .Berliner Tageblatt' bemerkt hierzu: „Wir selbst haben wiederholt auf die Schäden der partei­losen Presse hingewiesen, die, indem sie der Ver-

Das Sündrnrrbe.

Original-Roman von Max Benno.

12 ------ (Nachdruck verboten.^

Sigel strich mit der Hand über die Stirne. Ein stechender Blick zuckte aus seinen Augen.

„Er scheint auch zu wissen, daß Deine Tochter ein schönes Kind ist," warf er leicht hin, obgleich durch seine Stimme eine große Aufregung klang; „mir kam es wenigstens ein paar Mal vor, als ob . . . ."

„Der Bursche in das Mädel verschossen wäre," ergänzte Vogtherr, da sein Nachbar zögerte, den Satz zu vollenden. „Das fandest Du so schnell heraus! Man sieht wohl, daß Du Dir die Welt angesehen und kennen gelernt hast. Das heimliche Glühen des Adolf Vogel, so heißt der Junge, für meine Martha ist auch mir bekannt; aber ebenso bestimmt weiß ich, daß mein Mädel nichts davon ahnt. Mir aber fällt -es nicht ein, ihr den Staar zu stechen, weil dadurch in der Regel das Feuer erst recht angefacht und ge­schürt wird. Zudem kann man ja nicht wissen, ob aus dem Burschen nicht noch etwas wird, und Du kannst Dir denken, daß ich in der Wahl der Freier für meine Tochter, so hübsch sie ist, nicht sehr wäh­lerisch sein dars."

sumpfung Vorschub leistet, im besten Falle ohne es zu wissen, häufig aber auch bewußt nur die Reaktion fördert ... In dieser Beziehung dars sich der Liberalismus das Centrum zum Muster nehmen; denn seit vielen Jahren ist kaum eine Katholiken-Versammlung abgehalten worden, in der nicht energisch auf die Schäden der parteilosen Presse hingewiesen und zur Förderung der eigenen Presse aufgefordert wurde."

Das Blatt hat zweifellos Recht mit seiner Be­hauptung der vielfach bewußten Förderung reaktionärer Bestrebungen durch die farblose Presse; auch in dem Umstande, daß der Liberalismus gut thun würde, sich hierin mehr das Centrum zum Muster zu nehmen. Ob dies aber von irgend einem praktischen Erfolg begleitet sein würde, ist doch mehr als zweifelhaft, da die Parteilosigkeit der Presse im Grunde weiter nichts ist, als eine auf das politische Gebiet über­tragene weitestgehende „Toleranz", die ja vom Liberalis­mus auf geistigem Gebiet auf's Ausdrücklichste gepflegt und gepredigt wird. Der Liberalismus ist eben der Vater der parteilosen Presse, und was die Unter­stützung reaktionärer Bestrebungen angeht, so geht eben der Theil des Liberalismus, der sich der durchaus oppositionellen Entstehung desselben nicht mehr bewußt ist bezw. aus kapitalistisch-materiellen Gründen nicht mehr bewußt bleiben will, offen oder verkappt über in das Lager der Reaktion, wie das Vereinsgesetz und die Haltung der Nationalliberalen demselben gegenüber bis zum Augenschein erwiesen haben..

Andererseits hat aber speziell das.Berliner Tage­blatt' nicht den mindesten Anlaß, darüber piquirt zu thun, wenn es mit unter die Kategorie der farblosen Blätter gezählt wird, da es von Sensationsnachrichten ganz und gar nicht frei ist, sich in seinem Beiblatt ,Ulk' geradezu blasphemischer Angriffe auf das Christen- thum erlaubt, überhaupt jede Hintertreppengeschichte über christliche Religionen mit Wohlbehagen verbreitet — nur an das Judenthum darf nicht getastet werden — sehr oft Aussprüche Nietzsches aus seiner berüch­tigten Herren- und Heerdenmoral bewundernd in den Himmel hebt, und sich zu allem Ueberfluß in seinem Inseratenteil die schlüpfrigsten Annoncen gestattet, Eigenschaften, in denen es vielleicht nur von seinem verbilligten Abklatsch, der .Berliner Morgenzeitung' und dem farblosen.Frankfurter Generalanzeiger' über­troffen wird.

Deutsches Jtetdp

Berlin, 24. Juni.

* Die „Krifis" scheint sich „in Wohlgefallen aufzulösen". Es verlautet jetzt, es werde alles beim Alten bleiben, sogar Herr v. Böttich er soll privatim erklärt haben, von seinem Rücktritt sei keine Rede mehr. Allerdings muß man ja immer wieder mit einer plötzlichen Veränderung des Bildes rechnen. Soll doch Herr v. Miquel heute zum Kaiser nach

Sigel blieb stehen. Er warf dem Sprecher einen bösen Blick zu, sagte jedoch nichts.

Er setzte sich wieder in Bewegung und seine Auf­merksamkeit wurde gleich daraus durch seinen Be­gleiter auf eine Anhöhe gelenkt, auf welcher sich hart am Walde eine verwitterte Ruine erhob.

„Die Götzenburg", belehrte ihn Vogtherr.

Die beiden stiegen den "ziemlich steilen Abhang hinauf und erreichten nach wenigen Minuten ihr Ziel.

In wirrem Durcheinander lagen Mauerreste, Stein­massen, Schutt und Geröll neben einer einzigen noch erhaltenen Wand auf dem Boden umher.

Vogtherr schritt der letzteren entlang bis ungefähr in die Mitte, wo man eine kleine, rundliche Vertiefung wahrnahm. „Hier war der Kellereingang," behauptete er und stieß mit dem Fuße aus das lockere Geröll.

Dieses gab nach und fast wäre er mit demselben in die Tiefe gestürzt. Eine weite Oeffnung kam zum Vorschein; von Schutt und Steinen theilweise bedeckt, erkannte man mehrere Stufen. Vogtherr stieg vor­sichtig abwärts und verschwand nach einer Weile. Nun begab sich auch Sigel nach unten.

Hier sand er einen kellerartigen, aber gangbaren Raum. Nur einige Schutthaufen lagen umher. Man sah sie bei dem Zwielicht, welches durch die von oben in die Tiefe dringende Helle entstand.

Kiel berufen worden sein. Der Botschafter Frhr- v. Bülow hat wenig Neigung, Staatssekretär des Auswärtigen Amtes zu werden; er will lieber in Rom bleiben, was wir sehr begreiflich finden.

* Der deutsche Gesandte in Kopenhagen, von Kiderken-Wächler, ist hier eingetroffen; er begibt ich dieser Tage nach Kiel, um dort den Dienst als Vertreter des Auswärtigen Amtes während des Kieler Aufenthalts und der Reise des Kaisers nach Norwegen zu übernehmen.

* Die Aeichslagsfesfion wird morgen geschloffen werden. Zum Abschied soll es aber noch bei der Artillerievorlage eine hochpolitische Debatte geben, in der die gegenwärtigen politischen Zustände einer ge­bührenden Kritik unterzogen werden.

* Die Dereinsgefetz - Novelle wird nach der heute im Herrenhause abgegebenen Erklärung des Ministers Freiherrn v. d. Recke bestimmt aus Abge­ordnetenhaus zurückgehen. Graf Klinckowström irovocirte diese Erklärung, um die Sicherheit zu ;aben, „daß die königliche Regierung die ernste Absicht hat, das Resultat unserer Arbeit dem anderen Hause vorzulegen. Hätten wir diese Gewiß­heit nicht, könnten wir ein festeres Gesetz ausarbeiten. Ob wir eine solche Erklärung vom Staatsministerium erzielen werden, ist fraglich. In weiten Kreisen ist die Ansicht vertreten, daß nur aus Zweckmäßigkeits­gründen das Gesetz diesem Hause vorgelegt worden ist, und daß die Session geschlossen werden soll." Die Erklärung des preußischen Ministers des Innern machte dieser Ungewißheit ein Ende. Herr v. d. Recke sagte klipp und klar:

Die Königliche Staatsregierung legt den allergrößten Werth darauf, die Reform, betreffend das Vereinswesen, in einer ihrer gesetzgeberischen Absicht entsprechenden Art und Weise zum Abschluß zu bringen; sie wird daher, falls aus den Berathungen dieses hohen Hauses, wie ich hoffe, ein dem entsprechendes Gesetz hervorgeht, dem Hause der Abgeordneten noch in dieser Session zu einer anderweitigen Beschlußfassung hierüber Gelegenheit geben.

Also auch die letzte Hoffnung der Nationalliberalen ist zu Schanden geworden. Heute stehen sie als die Blamirtesten aller Europäer da und müssen womög­lich doch noch, nachdem weitere 3 Wochen in's Land gegangen sein werden, klar und offen Farbe bekennen. Hätten sie das früher gethan, so wären dem Lande große Kosten, den Abgeordneten viele Unannehmlich­keiten und der nationalliberalen Fraktion die gewal­tige Blamage erspart geblieben. Die erneute Abstim­mung im Abgeordnetenhause wird nicht vor dem 22. Juli erfolgen können; das sind wieder fast vier Wochen. Sollte das „Sozialistengesetz" angenommen werden, so muß nach abermals drei.Wochen eine erneute Abstimmung stattfinden; es kann daher erst Mitte August die Session geschlossen werden. Jeder einzelne Tag aber kostet dem Lande bloß an Diäten für die Abgeordneten 6400 Mark, und dafür haben die Empfänger gar nichts zu thun.

Vogtherr war vor einer an der Wand befindlichen morschen Thür stehen geblieben, die immer noch lose in den Angeln hing.

Er riß sie auf. Ein starker Luftzug kam ihm ent­gegen. „Dieser Gang," wandte er sich an Sigel, der sich neben ihn gestellt hatte, „führt in den Wald hinaus und mündet ganz in der Nähe meiner Kohl­platte in einer Schlucht, die aber so mit Gestrüpp überwuchert ist, daß sie nur dem Wilde zum Versteck dient und von keinem Menschen betreten wird. Ich will einmal sehen, ob man durchkommen kann. Bleibe Du hier."

Behutsam schritt er in die fast mannshohe Höhle hinein. Nach Verlauf von einer halben Viertelstunde kam er wieder zurück.

„Es ist Alles noch wie früher," versicherte er, „ich kam bis zur Schlucht, wo der Ausgang jedoch so ver­wachsen ist, daß man nicht hinausdringen kann."

Sigel rieb sich die Hände. „Es geht Alles nach Wunsch," schmunzelte er, „das ist ein Plätzchen, wie man es nirgends besser antreffen kann. Nun wundere ich mich nicht mehr, daß von dem wahren Grund der Ansiedelung meines Vaters in diesem weltverlorenen Winkel kein Mensch eine Ahnung besaß. Es soll auch für uns eine Goldgrube werden, wie Du bald be-