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JK 141 Donnerstag, den 24. Juni 1897. 24. Jahrgang

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mit Unterhaltungs-Kettage „Sterne und Klnmen".

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Deutsches Reich.

Berlin, 23. Juni.

ft Der Kaiser hat bekanntlich an dem Festessen des Norddeutschen Regattavereins auf der,Kolumbia' am Sonntag nicht theilgenommen. Der Grund hiefür wird jetzt nachträglich bekannt. Der ,Hamb. Korr.' meldet aus Kuxhaven, dem Kaiser sei es nicht möglich gewesen, bei dem hohen Seegang vom Sonntag von der ,Hohenzollern' sich auf die,Kolumbia' zu begeben. „Das kaiserliche Gefolge, namentlich der Chef des Marinekabinets, Kontreadmiral von Senden-Bibran, und der Leibarzt Dr. Leuthold baten den Kaiser, der in Begleitung des Grafen Waldersee in die Pinasse stieg, um an Bord der ,Kolumbia' zu gehen, den Versuch aufzugeben. Die Pinasse wurde durch die Wellen hoch hinaufgeschnellt und flog gleich darauf wieder in die Tiefe herab; dabei stieß sie mit solcher Gewalt gegen die,Hohenzollern', daß das kleine Schiff im Bug ein fast fußgroßes Loch bekam und Waffer nahm. Dann wurde ein Ruderboot mit zwölf Ma­trosen beordert, in dem der Kaiser trotz der stürmischen See Platz nahm, es war den Ruderern jedoch nicht möglich, bei dem herrschenden Seegang vorwärts zu kommen und es sollte ein Minenleger das Boot zur ,Kolumbia' schleppen. Mit Rücksicht auf die Schmie­rigkeit des Anlegens, auf die von dem mittlerweile auf der ,Kolumbia' angelangten Gefolge des Kaisers durch Drahtungen hingewiesen wurde, unterblieb so­dann die Fahrt nach dem Amerikadampfer."

* Zu der Ilede des Kaisers auf dem Gürzenich in Köln wird in der ,Freif. Ztg.' bemerkt, dir Rede führe an, daß am Fuße des Standbildes Wilhelms I. Man auf einer Seite den Meergott mit dem Dreizack in der Hand sehe. Der Kaiser nahm da­raus Anlaß, auf die Nothwendigkeit einer starken Macht zur See hinzudeuten, und folgerte aus der Anbringung des „Dreizacks in unferer Faust" das besondere Verständniß der Kölner Bürgerschaft dafür. Nun stellt aber die betr. Figur gar keinen Meergott dar, fondern den friedlichen alten Vater Rhein, der neben dem Dreizack freund­lichen Traubenschmuck trägt und seit alter Zeit schon auf den meisten rheinischen Standbildern zu sehen ist. — Auch ohne diese „Enthüllung" wußte man, daß die Mehrheit der Kölner Bürger nicht zu den Marine-Enthusiasten gehört.

* Der Handelsminister Aresekd hat für heute Abend an eine größere Zahl von Mitgliedenn des Herrenhauses und Abgeordnetenhauses Einladungen zu einem „Bierabend" ergehen lassen.

Das Sundenrrve.

Original-Roman von Max Benno.

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Trotz seiner begreiflichen Neugierde stellte Vogt­herr keine weitere Frage mehr, sondern begab sich, der Anweisung des Freundes gemäß, in die Schenke und rief die Wirthin heraus.

Sigel bezahlte die Zeche, und die beiden Gäste schritten mit einander davon.

Nach einer viertelstündigen Wanderung tauchte auf einer kleinen Anhöhe zwischen den mit Früchten beladenen Obstbäumen ein bescheidenes einstöckiges Haus vor ihnen auf. Der Weg führte unmittelbar an dem durch einen Lattenzaum eingefriedigten Ge­müsegarten vorbei. Auf einmal blieb Sigel stehen und lauschte. Eine eigenartige Musik klang aus dem Garten heraus und nach einer Weile ertönte zu dieser Begleitung das von frischer Mädchenstimme gesungene einfache Volkslied:

„In einem kühlen Grunde Da geht ein Mühlenrad, Mein Liebchen ist verschwunden. Das dort gewöhnet hat.

Sie hat mir Treu versprochen.

Gab mir 'nen Ring dabei. Sie hat die Treu gebrochen. Das Ringlein sprang entzwei.

* Irtzr. v. Stumm soll der „Hamb. Börsenhalle" zufolge in letzter Zeit nach verschiedenen Seiten hin, von denen er um Förderung national - politischer Zwecke, beispielsweise auch in der Marinefrage, ange­gangen worden sei, auf das allerentschiedenste erklärt haben, daß er sich von der aktiven Politik v o l l st ä n d i g zurückzuziehen entschlossen sei. Es wird auch so gehen!

* Der Schluß des Landtags soll am 30. Juni oder 1. Juli erfolgen. Es wird angenommen, daß das Herrenhaus die Vereinsnovelle in der Fassung der Regierungsvorlage wiederherstellt, worauf die Regierung, da die Fertigstellung der Novelle aussichts­los erscheint, den Schluß des Landtags herbeiführt.

* Die Kentrirrnsfraktiorren halten morgen Abend in Wannsee das herkömmliche Fraktionsmahl zum Sessionsschluß ab.

* Die Leitung der sozialdemokratischen Par­tei Deutschlands hat nach dem,Vorw.' beschlossen, den diesjährigen Parteitag auf Sonntag, den 30. Oktober nach Hamburg einzuberufen. Die Tages­ordnung wird später bekannt gemacht, doch ist be­schlossen, die Stellungnahme der Partei zu den preu­ßischen Landtagswahlen ebenfalls zur Besprech­ung zu bringen.

* Im siidwekafrikamschen Schutzgebiet ist nach einem Telegramm des dortigen Kaiserlichen Landeshauptmannes nunmehr die Rinderpest fest­gestellt worden; bisher hatte man gehofft, daß man es nur mit einer der in Südafrika heimischen Seuchen zu thun habe. Wie Major Leutwein in seiner tele­graphischen Meldung hinzufügt, schreitet die Seuche im Hererolande langsam fort, während es gelungen zu sein scheint, sie bei Windhoek zu lokalisiren.

* Der Augendöund für praktischen Sozialis­mus hat sich aufgelöst. Das Vereinsvermögen wurde zu gleichen Theilen der christlich - sozialen und der national-sozialen Partei überwiesen. Der Grund der Auflösung liegt in den beiden genannten politischen Richtungen, welche fast regelmäßig in den Mitglieder­versammlungen zu lebhaften Debatten führten. Wie die ,Postt meint, beabsichtigen die Christlich - Sozialen einen neuen Jugendbund ins Leben zu rufen.

Ausland.

* Karis, 23. Juni. Frankreich hat von China ein für seinen Handel und seine Politik in den asia­tischen Kolonien bedeutendes Zugeständniß erhalten. Es ist ihm der Bau einer Eisenbahn von Tonkin nach dem Innern der nördlich gelegenen chinesischen Provinz Aünnan gestattet worden, außerdem wurde Frankreich die Ausbeutung der Minen in den chinesi­schen Grenzprovinzen durch französische Ingenieure be­willigt. Nachbar John Bull wird ob dieses Erfolges wohl nicht ruhen können, bis ihm in dem ebenfalls an Uünnan angrenzenden Britisch-Birma ähnliche Ver­günstigungen gemacht sind.

Hör ich das Mühlrad gehen. Ich weiß nicht, was ich will, Am liebsten möcht ich sterben. Da wär's auf einmal still."

„Martha," flüsterte Vogtherr seinem Nachbar auf dessen fragenden Blick zu, und fügte dann ebenso leise hinzu: „Es ist das Gütchen meiner Schwägerin Anna, welches diese mit einem alten Knechte betreibt. Wir können ja ein bischen hinein gehen, wenn Du Lust hast."

Damit öffnete er die Gartenzaunthür und schritt, von Sigel gefolgt, dem Hause zu, vor dem auf einer einfachen Holzbank zwei junge Burschen saßen, von denen der eine eine Geige unter dem Arm hielt und der andere eine Handharmonika neben sich gelegt hatte, während ein Mädchen von etwa achtzehn Jahren in eine irdene Schüssel Bohnen einschnitt.

Beim Nahen der zwei Männer erhob sich letztere und reichte Vogtherr die Hand. „Grüß Gott, Vater," sagte sie herzlich, „es ist mir allein daheim zu lang­weilig geworden, da ging ich zur Tante Anna her­über und helfe ihr, da sie die Wäsche hat."

Vogtherr knüpfte keine Bemerkung daran. Er stellte den Begleiter als einen guten Freund aus früherer Zeit vor und unbefangen grüßte das Mädchen auch diesen. Plötzlich jedoch schlug sie die Augen nieder und ein glühendes Roth erschien auf ihren

* London, 23. Juni. Im Unterhause wird über die traurigen Zustände in der britischen Armee interpellirt werden. Den Kavallerie-Regi­mentern fehlen viele Pferde, und bei den letzten Manövern sind von 18 Kanonen 7 nach dem 2. Schüsse unbrauchbar geworden.

* Konstantinopel, 23. Juni. Von den grie­chisch-türkischen Friedens-Verhandlungen „nichts Neues"! Sieben Verhandlungen haben stattgefunden; von ihrem Resultat ist nichts Anderes zu berichten, als non liquet. Griechenland hat die Naivetät be­sessen, der Türkei die Berechtigung zur Forderung einer Kriegsentschädigung abzusprechen, da sie den Krieg begonnen habe. Das ist wahrlich ein gut Stück frecher und alberner Arroganz.

Aus dem Reichstage.

•«£ 234. Sitzung vom 23. Juni.

Der Reichstag hat heute die Berathung der Hand­werkervorlage bis zum letzten Artikel, der von dem Jn- krafttreten des Gesetzes handelt, erledigt.

Hier wurde auf Antrag der Sozialdemokraten die Be­rathung abgebrochen, weil letztere noch die wichtigsten Schutzbestimmnngen für die Konfektionsarbeiter in die Vor­lage hineinarbeiten wollen. Die Kommission, der die Regierungs­vorlage über den Konfektionsarbeiterschutz überwiesen worden ist, hat nämlich heute beschlossen, in dieser Tagung die Vor­lage nicht zu erledigen. Die Sozialdemokraten wollen nun durch besondere Anträge die wichtigsten Schutzbestimmungen in die Handwerkervorlage einfügen. Die letzteren selbst wurden heute, abgesehen von redaktionellen Aenderungen, in der Hauptsache nach den Beschlüssen der zweiten Lesung angenommen.

Von den Antisemiten wurde die in der zweiten Lesung schon abgelehnte Bestimmung, wonach von 1905 ab nur die­jenigen Personen, welche zur Führung des Meistertitels be­rechtigt sind, Lehrlinge sollen anleiten dürfen, wiederholt.

Vom Centrumsabgeordneten Kuler wurde diese Be­stimmung und der Befähigungsnachweis im allgemeinen warm befürwortet.

Nachdem aber Handelsminister Dreseld das eventuelle Scheitern des ganzen Gesetzes in Aussicht gestellt hatte, falls diese Bestimmung, die den Keim zum Befähigungsnachweis enthalte, angenommen werden sollte, wurde der antisemitische Antrag abgelehnt. Für denselben stimmten die Antisemiten, das Gros der Konservativen und einige Mitglieder des Centrums.

Die in zweiter Lesung angenommene Bestimmung, wo­nach die sogenannten privilegirten Innungen ohne weiteres in Zwangsinnungen umgewandelt werden können, ohne daß die Zustimmung der Betheiligten nöthig wäre, beantragten die Freisinnigen und Sozialdemokraten zu streichen.

In namentlicher Abstimmung wurde der Antrag mit 170 gegen 126 Stimmen abgelehnt. Die Anwesenheit von 296 Mitgliedern wurde mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Das Centrum war besonders stark vertreten.

Staatssekretär Dr. v. Wötticher war zugegen, griff aber nicht in die Debatte ein.

Morgen beginnt die Sitzung bereits um 12 Uhr. Es soll zunächst der Rest der Handwerkervorlage und dann die dritte Lesung des Nachtragsetats und des Servistarifs erledigt werden. __________________

Aus dem Landtage.

KerrenHaus. — 22. Sitzung vom 23. Juni.

Das Herrenhaus erledigte heute Petitionen.

Zu einer längeren Debatte kam es nur bei der Be-

Wangen. Ein Blick aus den Augen des Mannes hatte in ihrem Innern eine bis jetzt nicht gekannte- Empfindung geweckt.

Sigel hatte immer noch kein Wort gesagt. Un­verwandt starrte er das prächtige Menschenkind an. Er schien es nicht zu begreifen, daß dieses Mädchen mit ihrer elastischen Gestalt, den Taubenaugen und dem rosigen Mund die Tochter des Mannes sein sollte, der neben ihm stand. Und doch durfte er nicht daran zweifeln, denn sie hatte ihn ja „Vater" genannt.

Vogtherr errieth seine Gedanken. „Kein übles Ding, meine Martha," flüsterte er ihm zu, als das Mädchen sich wieder auf die Bank gesetzt hatte, „nicht wahr? Ich bilde mir auf sie auch nicht wenig ein."

Er trat auf die Gruppe zu und forderte die jungen Leute auf, sich noch einmal hören zu lassen, da es seinem Freunde Vergnügen machen werde. Die Burschen sowie Martha sträubten sich auch nicht.

Nach einer Weile verließen Vogtherr und Sigel den Garten und setzten ihren Weg sott. Letzterer war sehr einsilbig geworden. Schweigend und in Gedanken verloren ging er neben dem Gefährten einher.

„Deine Tochter ist wirklich ein herrliches Geschöpf," begann er nach einer Weile, „und wenn ich mich nicht davon überzeugt hätte, glaubte ich an Deine Vaterschaft nicht."