jk 139 Dienstag, den 22. Juni 1897. 24. Jahrgang
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Redaktion und Verlag der »Fuldaer Zeitung'.
Deutsches Deich*
Berlin, 21. Juni.
* Der Kaiser ist heute von Kiel nach Helgoland abgereist, wo er bis Donnerstag oder Freitag zu bleiben gedenkt, um die Ankunft der englischen Uacht- flotte abzuwarten; dann wird er während der Kieler Woche auf der „Hohenzollern" im Kieler Hafen verbleiben und gegen Ende dieses und Anfangs nächsten Monats die Nordlandfahrt antreten, an die sich Anfangs August die Fahrt nach Peterhof zum Gegenbesuch des Zaren anschließen wird. Mitte August wird der Kaiser wieder in Potsdam sein, um von dort aus nach Magdeburg zur Theilnahme an der dortigen Enthüllung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals zu reifen; am 23. August finden die großen Hebungen der Flotte in Gegenwart des Kaisers statt. Ende August und Anfangs September folgt der Aufenthalt in Koblenz und in Homburg, sowie die Theilnahme an den bayerischen Manövern, an die sich dann der längst in Aussicht gestellte Besuch in Ungarn anschließen dürste.
Ueber die Krifis liegen heute thatsächliche neue Nachrichten nicht vor. Es scheint, als ob noch allerhand Schwierigkeiten zu überwinden sind. Die ,N. Allg. Ztg.' erklärt heute offiziös, Fürst Hohenlohe beabsichtige keineswegs, sich auf den Altentheil der auswärtigen Politik zurückzuziehen und die innere Politik anderen Händen vollständig zu überlassen. Es fei auch im Reiche wie in Preußen nach der Ver-
Das Sündenerve.
Original - Roman von Max Benno.
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Vogtherr, der die Rede mit verständnißvollem Kopfnicken begleitet hatte, antwortete leichthin: „Gut und schlecht, wie rnan's gerade nimmt. Ich kam, wie Du weißt, als ein gewiegter Bursche aus dem Brumm- kasten heraus, wo man jn schon so Manchen zu einem' prächtigen Universalgenie heranzog, und gedachte meine Geschicklichkeit als Lithograph zu verwerthen, die Du mir beigebracht haft. Aber ich machte überall die Rechnung ohne den Wirth bezw. die Herren Geschäftsinhaber, von denen ich, sobald sie erfuhren, wo ich meine Studien gemacht hatte, regelmäßig den Laufpaß erhielt. Da stieg ich eine Stufe tiefer herunter und griff zum Stiefel, der ja auch in Waldheim von mir ein paar Jahre lang geführt wopden ist. Ich fand einen Meister, der nicht den geringsten Anstoß an meiner Vergangenheit nahm. Da ich etwas leisten konnte, kamen wir gut mit einander aus, so daß ich schließlich sogar feine älteste Tochter, welche Gefallen an mir gefunden hatte, zum Weibe bekam. Als der Alte starb, übernahm ich fein Geschäft und betreibe jetzt daneben noch die Kohlenbrennerei; so fehlt es mir am Röthigen nicht und ich kann ruhig täglich
faffung gar nicht zulässig, eine selbständige Vertretung für die gesummte innere Politik unabhängig vom Reichskanzler und Ministerpräsidenten einzufetzen. Man weiß nicht, ob Fürst Hohenlohe damit bloß formell feine Rechte wahren will angesichts der herrfch- geroaltigen und schneidigen Rolle, die in der Presse Herrn von Miquel zugetheilt wird, oder ob etwas Tieferes duhintersteckt. Was Herr v. Miquel werden foll, scheint noch gar nicht festzustehen. Vielleicht scheut er auch selbst vor dem ihm zugedachten Posten zurück, weil er fürchtet, die in ihn gesetzten Hoffnungen in Bezug auf die Marine rc. nicht erfüllen zu können und sich bald zu verbrauchen. Daß Frhr. ».Marschall demnächst abgehen werde, hält die ,Kreuzztg.' gegenüber anderen Meldungen fest; dagegen bezeichnet sie die Gerüchte, daß die Minister v. d. Recke und Brefeld zurücktreten würden, als ganz unbegründet.
* Die Zahl der pensionirie« chenerake hat einen beträchtlichen Zuwachs bekommen. Am 17. d. M. find nicht weniger als 15 Generale pensionirt worden. Die Zahl der in diesem Vierteljahr abgegangenen Generale beläuft sich nunmehr auf 30.
* Die Uebersicht der unerledigte n Vorlagen des Landtages ergibt, daß im Kerrcrrhanse noch fünf Gesetzentwürfe stecken, die vom Hause der Abgeordneten zugegangen sind, die hessen-nassauische Landgemeindeordnung, das Handels- kammergesetz, die Gesetze betreffend das Verfahren bei (Steuerübertretungen, die Jagd auf Wafferoögel für Ostfriesland und die Forstverhältniffe im Justizamt Olpe. Außerdem steckt noch im Herrenhaufe der von der Regierung zugegangene Gesetzentwurf über die Verpflichtung der Bullenhaltung in Naffau und Schlesien.
ft, Zur Dercinsgesetzuovelke hört die ,Schles. Zeitung' aus Herrenhauskreifen, es stehe dort durchaus noch nicht fest, ob man angesichts der schlechten Aussicht, die eine Neuamrn dirung des Entwurfs ober gar eine Wiederherstellung der Regierungsvorlage haben würde, sich die Mühe geben wolle, in eine weitschichtige Komrnifsions- und Plenarberathung einzutreten. Es fei vielmehr sehr wohl möglich, daß im Herrenhause diejenige Stimmung die Oberhand gewinne, welche es für das richtigste halte, sich auf Verwerfung des verstümmelten Entwurfs zu beschränken.
* An Zöllen unb Derörauchssteuerrr sind im Reiche während der Monate April und Mai zur Anschreibung gelangt 118429072 Mark d. i. etwa 12l/2 Mill, weniger als im gleichen Zeiträume des Vorjahres. Die Ist - Einnahme beläuft sich auf 111444379 Mk., was ein Minus von rund 5 Mille gegen April-Mai 1896 bedeutet. An der Summe der Ist-Einnahme partizipieren die Zölle mit etwas über 631/» Mill. Mk., die Tabaksteuer mit nahezu ll/2 Mill., die Zuckersteuer mit nicht ganz 12 Millionen, die Salzsteuer mit etwas über 7 Millionen, Verbrauchsabgabe von Branntwein mit rund 18 Millionen Mark, meine paar Krüge Bier trinken. Wie Du siehst, ist mein Geschäft einfach genug. Wie erging es denn Dir da drüben?"
Sigel schaute sich, wie wenn er belauscht zu werden fürchtete, vorsichtig um.
Vogtherr fah es. „Du kannst ganz ohne Sorgen fein," versicherte er, „und frisch von der Leber weg sprechen, denn wir beide sind ja alte gute Freunde; wir werden hier durch keinen Menschen gestört. Ich bin wirklich begierig, zu hören, was Du triebst und ob Dir Deine verschiedenen Pläne geglückt sind."
Sigel schenkte wieder ein, stieß an und trank.
„Zum Theil sind sie es," entgegnete er, „wie Du schon vorhin gehört hast. Auf der Rückreise nach Europa traf ich auf dem Schiffe mit einem Kleeblatt famoser Burschen zusammen und ließ mich von ihnen für eine Gesellschaft anwerben, deren Geschäfte zwar unter Umständen etwas gefährlich, aber desto einträglicher sind. Ein Mitglied dieser vernünftigen Leute habe ich schon in Waldheim kennen gelernt, aber damals noch nicht an den Eintritt in diesen den ganzen Erdball umspannenden Bund gedacht, der sich das Ernten auf den Saatfeldern gutmütiger und unvorsichtiger Leute zur Aufgabe macht. Er hat feine Agenten und Geschäftsführer überall in den großen Städten und auf dem Lande, und durch eine befon-
Die Einnahme der Post- und Telegraphenverwaltung stellt sich auf 51939 548 Mark (-si 3 905 585 Mark), die der Reichseifenbahnverwaltung auf 11654000 Mark.
* Der Saakenkand in Preußen um Mitte Juni berechtigte nach der amtlichen Statistik zur folgenden günstigen Ernteaussicht. (1 — sehr gut, 2 — gut, 3 — mittel, 4 — gering, 5 — sehr gering.) Winter- weizen 2,3 (Mai 2,5), Sommerweizen 2,6 (2,6), Spelz 2,2 (2,5), Winterroggen 2,4 (2,6), Sommerroggen 2,7 (2,7), Gerste 2,6 (2,6), Hafer 2,7 (2,7), Erbsen 2,8 (2,8), Kartoffeln 2,8 (3), Klee und Luzern 2,1 (2,5), Wiesen 2,3 (2,6).
st, Im Berliner Wanrcrstreik ist eine besondere Aenderung seit unserem letzten Bericht nicht einge- treten. Die Zahl der Streikenden beträgt nach Angabe der Lohnkommission augenblicklich 1640. Auf 406 Bauten mit 4595 Maurern wurden die bekannten Forderungen der Maurer durchgefetzt. Auf 93 Ban- ftätten, darunter Dom, kgl. Marstall ruht die Arbeit; 1224 Mann sind auf 223 Bauten noch zu den alten Bedingungen thätig.
Ausland.
* Kondor», 21. Juni. HeutesindfechszigJahre verflofsen, seit die Königin Viktoria von England den Thron bestieg. Keinem anderen Regenten war es jemals beschieden, so lange die Regierung des Landes zu führen, und deshalb rüstete man sich feit langer Zeit schon, das sechszigjährige Regierungs- fubiläum der von ihrem Volke hochgeehrten Königin festlich zu begehen.
Königin Viktoria wurde geboren am 24. Mai 1819 als einziges Kind des 1820 verstorbenen Herzogs von Kent und der Prinzessin Luise Viktoria von Sachseu-Koburg. Durch den Tod ihres Vaters, der seinem kinderlosen Bruder, Wilhelm IV., auf dem Thron folgen sollte, war Viktoria nächste Erbin des britischen Thrones geworden. Als Wilhelm IV. am 20. Juni 1837 starb, wurde Viktoria als Königin ausgerufen und am 28. Juni 1838 gekrönt. Sie vermählte sich, der Neigung ihres Herzens folgend, am 10. Februar 1840 mit dem Prinzen Albert von Sachsen-Koburg, welcher nach seiner Vermählung den Titel „Prinz-Gemahl" annahm. Aus ihrer glücklichen Ehe entsprangen 9 Kinder, von denen noch 8 am Leben sind. Vier Generationen der königlichen Familie sind bei dem Regierungsjubiläum vertreten: Die Königin selbst, 78 Jahre alt, der Prinz von Wales 55, der Herzog von Aork 32 und der Prinz Eduard von Pork 3 Jahre alt. Im Ganzen hat die Königin 70 lebende Nachkommen: 7 Söhne und Töchter, 33 Enkel und Enkelinnen, und 30 Urenkelinnen. Wenn es auch der greisen Monarchin, so wenig wie andern Sterblichen vergönnt gewesen, alle ihre Unterthanen zufrieden und glücklich zu machen, so muß doch anerkannt werden, daß unter ihrer Regierung jede ehr-
dere Geheimschrift sind die Maschen des Netzes mit einander in Verbindung gebracht. Ich wurde nach Spanien geschickt und von dort aus ein Schwindel in Scene gefetzt, der uns manches Taufend Franken eintrug. Man ließ sich durch einen ansässigen Agenten die Adresse eines gutfituirten gewöhnlichen Mannes geben, weihte ihn in das Geheimniß eines vergrabenen Schatzes ein, versprach für feine Beihilfe zur Hebung desfelben einen recht großen Gewinn, und ich hätte es, offen gestanden, nicht für möglich gehalten, daß die Leute sich so übertölpeln ließen — es fielen in kurzer Zeit ein halbes Dutzend herein. Denn daß die Schatzgräberei mit einigen Kosten verknüpft war, die zum voraus eingefanbt werden mußten, versteht sich von selbst."
Der Erzähler verstummte. Er fah, wie es in dem Gesichte feines Nachbars zuckte und wie dieser plötzlich in ein auffallendes Gelächter ausbrach.
„Was lachst Du denn?" fragte er halb verblüfft.
„Du sollst es gleich hören," entgegnete Vogtherr. „Vielleicht kommt Dir dann der Spitzel auch auf den Hals. Habt ihr nicht auch einmal in dieser Gegend Geschäfte zu machen gesucht?"
Sigel besann sich ein wenig. „Donnerwetter," rief er dann plötzlich, „woran mahnst Du mich. Es ist wirklich so. Von unferem Agenten in Weilbach kam