*
*
vor mit den plötzlichen Entschließungen, impulsiven Stimmungen, unkontrolirbaren Strömungen und Einflüssen rechnen müssen, die doch auch jetzt bei dieser Krisis wieder heroortreten. Die ,Nat.-Ztg.' verweist darauf, daß gerade, wie schon früher wiederholt, wichtige Personalveränderungen und politische Krisen eintraten in dem Augenblicke, wo der Kaiser nach Reisen und Jagden, auf denen ihn kein Minister begleitet hat, auf kurze Zeit nach Berlin zurückgekehrt ist, um alsbald neue Reisen zu unternehmen. Herr v. Miquel mag Vizekanzler und Vizeministerpräsident werden, Vizekaiser wird er nicht werden.
rt Vizekanzler St. v. Miquel.
' Aller Wahrscheinlichkeit nach wird als das Er- gebniß der neuesten Krisis die Vizekanzlerschaft des Herrn v. Miquel sich Herausstellen. Augenblicklich stt eine kleine Pause in der Entwicklung eingetreten. Der Kaiser ist zu einem Regimentsjubiläum nach Liegnitz gereist, bevor alle Personenfragen entschieden waren. Herr v. Miquel muß deshalb noch ein paar Tage in Berlin bleiben. Erledigt wurde, scheint es, zunächst nur der Wechsel im Reichsmarineamt. Das Entlassungsgesuch des Staatssekretärs Hollmann ist jetzt angenommen und am Donnerstag die Ernennung des Kontreadmirals Tirpitz zu seinem Nachfolger vollzogen worden. Die übrigen Personenfragen dürsten zwar prinzipiell ebenfalls, formell aber noch nicht entschieden sein.
Nach den wahrscheinlichen Meldungen bleibt Fürst Hohenlohe Reichskanzler und preußi- icber Ministerpräsident und Dr. v. Miquel wird in beiden Aemtern sein Stellvertreter. Damit würde Herrn v. Bötticher die Stellvertreterschaft wohl nicht allein, sondern auch das Staatssekretariat im Reichsamte des Innern genommen werden. Daß er bei der Debatte über das Noth- vereinsgesetz nicht „schneidig" genug aufgetreten sei und namentlich dem Abg. Richter nicht kräftig genug erwidert habe, soll ihm angeblich an hoher Stelle sehr übel genommen worden sein. Aber abgesehen davon, daß selbst der vielgewandte Herr v. Miquel den Kürzeren gezogen haben würde, wenn er bei dieser Gelegenheit in die parlamentarische Arena herabgestiegen wäre, hat das Verhalten des Herrn v. Bötticher entscheidend kaum gewirkt. Herr v. Bötticher hätte sein dornenvolles Amt längst gern mit einem Oberpräsidium vertauscht und andererseits vermochte der Miquel'sche Thatendrang im Finanzministerium keine Befriedigung mehr zu finden. Da lag es nahe, daß endlich der Wechsel eintrat.
Der Rücktritt des Herrn v. Bötticher würde noth- wendig eben auch als ein Erfolg seiner konservativen Freunde zu betrachten sein, einmal weil ihr Liebling Miquel an seine Stelle tritt, und zweitens weil ziemlich gleichzeitig mit ihm wohl der ebenso gehaßte Staatssekretär Frhr. v. Marschall gehen dürfte. Die ,Kreuzztg/ kündet schon an, daß ein anderer im auswärtigen Dienste gründlich erfahrener Staatssekretär „überwürz oder lang" an seine Stelle treten soll. Namen nannte sie nicht, vielleicht ist der Troubadour und Botschafter Graf Philipp Eulenburg gemeint. Preußischer Finanzminister an Stelle Miquels soll Staatssekretär Graf v. Posadowsp werden. Wer ihn im Reichsschatzamte ersetzen soll, darüber erfährt man noch nichts Bestimmtes.
Am einfachsten wäre es wohl, Herr v. Miquel nädme auch dieses Konto noch auf seine Schultern. Eine gewisse Anwartschaft darauf hat er ja schon als Vater der „Reichsfinanzreform". In Preußen ist ihm
Wohl eine halbe Stunde hatte Frau Scholastika Sommer regungslos auf einem Stuhle gesessen, versunken in Gedanken über ihre neue Entdeckung. Dann begab sie sich in die Magdstube, wo das Findlingskind in einem Bette lag. Es wachte. Ein Lächeln glitt beim Anblick der Frau über sein liebliches Kindergesicht.
Scholastika hob das Knäblein empor und schaute ihm tief in die schönen blauen Augen. Dann preßte sietes mit zärtlicher Leidenschaft an ihre Brust und
Deutsches Deich*
Berlin, 17. Juni.
* Der Kaiser ist heute früh nach Liegnitz abgereist zur Jubiläumsfeier des Königsgrenadierregiments (2. Westpr.) Nr. 7 und zur Grundsteinlegung eines Kaiser Wilhelm-Denkmals. — Der Kaiser hat die Einladung des Komitees zum Besuch der Gartenbau- und landwirthschaftlichen Ausstellung in Hamburg wegen Zeitmangels abgelehnt. Das Stadtgespräch verbindet die Ablehnung mit der Unterlassung eines Kaisertoastes gelegentlich des Reichstagsbesuchs.
* Das Dereirrsgcsetz wird möglicherweise bei der zweiten Abstimmung im Abgeordnetenhause bereits abgelehnt. Bei den Nationalliberalen wächst zusehends die Neigung, die früheren Beschlüsfe platt zu Boden fallen zu lassen, um der Regierung und den Konservativen im Herrenhause die Möglichkeit abzuschneiden, das grausame Spiel zu verlängern. In diesem Sinne sprechen sich' die ,Nat.-Lib. Korr/, der ,Hann. Storr.' und eine Resolution der Vorstände der nationalliberalen Vereine in Elberfeld und Barmen aus. Es brauchen nur wenige Nationalliberale dieser Parole zu folgen und das Schicksal des Gesetzes ist am nächsten Dienstag besiegelt.
* Die Nationakkiöeracen werden der,Nat.-Lib.- Korr.' zufolge in Wiesbaden für den freisinnigen und gegen "den Centrumskandidaten stimmen. Wir haben freilich nichts anderes erwartet. Die Herren stimmen ja nicht einmal für einen Centrumsmann, wenn ihm ein Sozialdemokrat gegenüber steht.
Bei der LandtagserfaHwahk in preußisch Stargardt haben bekanntlich vier freisinnige Wahlmänner dem polnischen Kandidaten dadurch zum Siege verholfen, daß sie sich der Abstimmung enthielten, weil der freikonservative Gegenkandidat keine befriedigende Erklärung über seine Stellung zu der Verernsgesetznovelle abgeben wollte. Wie wohl 1892 die Konservativen in Stuhm-Marienwerder genau ebenso einem Polen gegen einen Freisinnigen zum Siege verholfen haben, wird jetzt in der „nationalen" Presse ungeheuer gezetert über den „Verrath am Deutschthum". Der blinde Fanatismus verlangt von den Deutschen, daß sie jedem deutschen Kandidaten
bedeckte den kleinen Mund mit glühenden Küssen. „Armer Wurm," dachte sie, „Deine Unschuld hat Dich nicht vor dem unversöhnlichen Walten des Sündenerbes bewahrt. Doch vielleicht ist es so besser. Vielleicht nimmt der barmherzige Golt die Zuchtruthe von uns. Ich will ja mit Ergebung und in Demuth alles tragen, was auch noch kommen mag."
Sie "suchte Valentin auf und hieß ihn, für den folgenden Morgen den Wagen in Bereitschaft zu halten, da sie in die Stadt fahren werde.
Der Knecht schaute sie zwar etwas verwundert an, und in seinen Blicken konnte man eine gewisse Besorgniß lesen. Aber er knüpfte keine Bemerkung daran.
Mit Tagesanbruch fuhr die Bäuerin in der That
vom Haidhofe weg. Ein jüngerer Knecht kutschirte. Scholastika hatte dies und das Daheimbleiben Valentins ausdrücklich verlangt. Da über Nacht Thauwetter eingetreten war, machte dieser sich im Hofe zu schaffen und schaufelte den nassen Schnee fort.
Bei dieser Arbeit wurde er durch das Herankommen eines ältern Mannes gestört. Dieser trug einen sogenannten Dreispitz und einen mit großen Metallknöpfen besetzten langen Rock; eine kurze Pfeife stak in seinem Munde.
„Guten Morgen, Valentin," grüßte er und reichte
tÄnti* * (Snnn. nnh Steiertaae ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementsvreis ohne Bringerlohn und BesteSgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig, erlernt taghd^Sonn^ “^o|"e"“8eri““7t”7®arinonb,eile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die P-lit,-iI- 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
Das Sündenerde.
Original - Roman von Max Benno.
6 ------ (Nachdruck verboten.)
Scholastika holt tief Athem; dann wendet sie ihren Kopf einer halboffenen Thüre zu, die sich im Hintergründe befindet und fragt flüsternd: „Da drinnen liegt er, nicht wahr?"
Veri nickt und folgt der Bäuerin, die ihr einige Stufen abwärts in einen engen Raum vorausschreitet, wo mit einem weißen Tuche bedeckt eine menschliche Gestalt liegt, der erfrorene Joseph Vogtherr, zu dessen Haupte eine Wachskerze brennt. Ein zweites Licht befindet sich neben einem Weihwasserbecken auf dem Tifche. Die Bäuerin kniet neben der Leiche nieder und betet lange. Dann erhebt sie sich, taucht einen Rosmarinzweig in das Weihwasserbecken und besprengt den Tobten. „Mögest Du Gnade und Vergebung gefunden haben vor dem ewigen Richter, der ja ein barmherziger Gott ist," sagt sie leise.
Dann kehren beide Frauen in das vordere Gemach zurück. Scholastika drückt der Alten ein Geldstück in die Hand, indem sie sagt: „Es braucht nicht gerade Jedermann zu wissen, daß ich hier war. Wenn Du aber gefragt wirst, ist es nicht nöthig, daß Du die Unwahrheit sagst."
alles geglückt. Vielleicht versucht er es nun im Reiche ebenfalls unter Einfetzung feiner ganzen Persönlichkeit und bringt zu Stande, was bisher nicht glücken wollte. Sodann braucht man Geld, viel Geld, um die von Herrn Tirpitz vertretenen Marinepläne zu verwirklichen, mag Herr Tirpitz nun für Kreuzer oder für Panzerschiffe oder für beides schwärmen. Herr v. Miquel hat sich als den Mann bewiesen, der Gelder herbeizuschaffen weiß. Er soll ja auch dieser Tage eine Unterredung mit Tirpitz gehabt haben, die sich zweifellos um die Flottenfrage drehte. Also sollte er gleich den Stier bei den Hörnern fassen und das Reichsschatzamt übernchmen.
Jedoch wird er auch wohl als Vizekanzler ebenso alle Ressortsiin Reiche zu beherrschen gedenken, wie er als preußischer Finanzminister alle preußischen Ressorts beherrscht hat. Er übernimmt den Posten sicher nicht als Sinekure. Es ist vielmehr anzunehmen, daß Fürst Hohenlohe sich ganz auf den Altentheil der auswärtigen Politik zurückzieht und feinen Vizedomus v. Miquel frei im Innern wirthschaften läßt. Herr v. Miquel dürfte sich also mit aller Macht für die Marinepläne in's Zeug werfen und dabei zunächst durch feinen Reichsschatzsekretär, als welchen er sich kaum einen so selbständigen Mann wie den Grafen Posadowsky aussuchen wird, auf die „Reichsfinanzreform" werfen, um das nöthige Geld zu beschaffen.
Ob ihm im Reiche sein altes Glück treu bleibt, müssen wir abwarten. Mit „diesem" Reichstage wird er seine Ideen kaum verwirklichen und ob ein neuer gefügiger werden würde, darf man nach den jüngsten Ersatzwahlen mindestens bezweifeln. Beim Centrum wird Herr v. Miquel jedenfalls nicht mehr Erfolg haben, als mit feinen bisherigen Versuchen, vom preußischen Landtage aus den Reichstag zu beeinflussen. Wir bringen ihm das volle Miß trauen entgegen, das er um uns verdient hat.
Wenn bei den vielen Gerüchten, die in diesen Tagen aufgetaucht sind, auch Herr v. d. Recke und das preußische Vereinsgesetz eine Rolle spielen, so muß vorläufig dahingestellt bleiben, was daran ist. Möglich wäre es ja, daß der Vizepräsident des Staatsministeriums Dr. v. Miquel in Erkenntmß der traurigen Nothwendigkeit, auf das Vereinsgesetz verzichten zu müssen, diese und seinen „geistigen" Urheber von vornherein über Bord werfen will, wiewohl er sonst jedem Winde der Meinung von oben sich doch sehr geschickt zu beugen weiß. Ganz unwahrscheinlich klingt es, wenn man die Produktenbörse und den Handelsminister Brefeld in die Krisengerüchte hineinzerrt.
Würden wir nun endlich unter der Vizewirthschaft des Herrn v. Miquel die ersehnte einheitliche, starke und zielbewußte Regierung haben? Schwerlich, denn zunächst wird Herr v. Miquel kaum so viele gefügige Werkzeuge finden, daß alle ohne Widerspruch nach seiner Pfeife tanzten. Sodann aber würde ja auch bei Herrn v. Miquel schließlich das Regiment doch nicht liegen. Wir würden nach wie
Sie kehrt nach Hause zurück. Hier besteht ihr erstes Geschäft darin, die Umhüllung hervorzuholen, in der das Kind vor ihre Thür gelegt worden war.
Sie unterwirft Stück für Stück einer genauen Prüfung, aber längere Zeit erreicht sie ihren Zweck nicht. Da bekommt sie einen Fetzen Zeug in die Hand, der augenscheinlich zu einem Frauenrocke gehört hatte. Sie hält ihn gegen das Licht und ein schwacher Aufschrei entfährt ihrem Munde. Deutlich erkennt man auf demselben die Spuren, wo in mehrfachen Sinnen ein farbiger Bortenbesatz abgetrennt worden war. Mit bebenden Händen legt sie die Sachen wieder zusammen.
„Meine Ahnung trügt nicht," murmelt sie, „das Kind kam aus der Komödiantenbude. Dort ist Anton und dort finde ich auch sie----"
Freitag, den 18. Juni 1897 -
ulbatr
mit Unterhaltung» Keiiage „Sterne und Klnmen".
24. Jahrgang
M 136