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Mittwoch, den 16. Juni 1897

24. Jahrgang

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mit Urrterchattungs-Kettage „Sterne und Klrrrnerr".

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Deutsches Welch.

Berlin, 15. Juni.

* Der Kaiser begab sich heute Vormittag am Todestage des Kaisers Friedrich nach dem Mausoleum bei der Friedenskirche zu Potsdam. Später hörte der Kaiser im Neuen Palais den Vor­trag des Chefs des Militärkabinets, sowie die Marine­vorträge. Gegen 1 Uhr empfing der Kaiser den Reichskanzler Fürsten Hohenlohe und den Finanz­minister Dr. v. Miquel. — Es sind Gerüchte über Personalveränderungen verbreitet, die in Preußen das Finanzministerium und die Vizepräsidentschaft des Staatsministeriums, im Reiche das Reichsamt des Innern und die Stellvertretung des Reichskanzlers betreffen würden. Nach einer anderen Version soll es sich um die definitive Entscheidung in der Frage der Besetzung der Stelle des Staatssekretärs im Reichsmarineamt handeln; die ,Post" meldet denn auch, daß auch der Kontreadmiral Tirpitz und der Admiral v. Knorr heute vom Kaiser empfangen seien. — Nachmittags wohnte der Kaiser der Beisetzung des Generals v. Albedyll bei. — Wie man sich in diplo­matischen Kreisen erzählt, hat der italienische Bot­schafter Graf Lanza in der Audienz vom Sonnabend dem Kaiser ein Handschreiben des Königs Humbert überreicht, worin sich der König für die ihm aus Anlaß seines 25jährigen Jubiläums als Chef der 13. Husaren erwiesene Aufmerksamkeit bedankt.

* Im Kerrenhairse ist ein Antrag eingebracht worden;, welcher für die Provinz Schlesien folgende Verordnung bezweckt: „Bilden mehrere Gutsbezirke mit Landgemeinden einen Schulverband, so ist die Auflösung und Eingemeindung eines dieser Guts­bezirke auf Grund des § 2 der Landgemeindeordnung für die sieben östlichen Provinzen der Monarchie vom 3. Juli 1891 bis zu anderweitiger gesetzlicher Rege­lung der Schulunterhaltungspflicht nicht in Ausführung zu bringen."

* Dem Landtage soll noch während dieser Session ein Gesetzentwurf zugehen, welcher bezweckt, die den alten Landschaften zustehenden Zwangs -

Das Sündenerde.

Original - Roman von Max Benno.

5 ------ (Nachdruck verboten.)

„Bis zu dem Schweizerhäuschen scheint Joseph sich geschleppt zu haben und hat in demselben wahrscheinlich ein Unterkommen gesucht," berichtete der treue Knecht seiner erschrockenen Gebieterin weiter. „Ohne Zweifel machte er Feuer, um sich zu wärmen, und dabei gerieth das Holzwerk in Brand. Er ergriff die Flucht, ist wahr­scheinlich gestürzt und dann auf dem Platze liegen geblieben, wo er erfror. Gut war es, daß man für seine Verhältnisse ziemlich viel Geld bei ihm fand. Jetzt bekommt er wenigstens ein christliches Begräbniß. Sonst hätte man ihn auf die Universität zu den Studenten geführt. Er liegt in der Leichenstube des Armenhauses, wohin er gebracht worden ist."

Mit mühsam errungener Fassung hört die Bäuerin den Bericht Valentins an. Sie knüpft keine Be­merkung an das Vernommene und der Knecht verläßt wieder das Gemach. Gegen Abend steht Scholastika Sommer von ihrem Lager auf und kleidet sich an. Sie geht in die Stube hinunter, wo die scheuernde Salome über ihr unerwartetes Erscheinen in begreif­liches Erstaunen gerät.

befugnisse auf die neuen landschaftlichen Institute und die öffentlichen Zwecken dienenden Kreditinstitute zu erstrecken.

* Bei der in Königsberg am 10. d. Mts. er­folgten KrsatzwaHk zum Reichstage betrug die Gesammtzahl der abgegebenen gütigen Stimmen 23,138. Davon erhielten Rechtsanwalt Haase- Königsberg (Sozialdemokrat) 11,914 Stimmen, Guts­besitzer Papendik - Dahlheim (freisinnige Volkspartei) 5008, Rechtsanwalt Krause - Berlin (nationalliberal) 4050 und Glaser Strömer (soziale Reformpartei) 2161 Stimmen. Der Kandidat der sozialdemokrati­schen Partei, Rechtsanwalt Haase-Königsberg, ist da­her gewählt.

* Zur Wiesbadener Ikeichstagsmatzk schreibt man dem Mainzer Journal" mit vollem Recht: „Be­trübend ist indeß, daß in unserer Stadt (Wiesbaden) die Katholiken nicht zahlreicher für den Centrumsmann stimmten. Denn von den 3—4000 wahlberechtigten Katholiken Wiesbadens haben trotz der großen Rührigkeit seitens der hiesigen Centrumsleitung im Ganzen nur 9 32 Wähler ihre Stimmen für Herrn Raymund v. Fugger abgegeben; das ist. geradezu be­schämend. Was soll man dazu sagen, wenn Leute, die sonst gute Katholiken sind und von denen einer mit ander Spitze unserer kirchlich en Gemeinde marschirt, gleichzeitig für die Kandidaten der Centrums­partei und der freisinnigen Volkspartei agi- tiren helfen, bezw. in die Agitationsfonds der beiden Parteien ihre Beiträge leisten und mit ihrer Namensunterschrift auch unter dem Flug­blatt der freisinnigen Volkspartei zu finden sind? Die Vergangenheit und der sonstige Charakter der hier in Frage kommenden Personen garantirt ja wohl dafür, daß kein böser Wille vorliegt, allein das läßt sich nicht wegleugnen, daß ein solches Verfahren Aergerniß gegeben hat und wohl bei manchem ent­scheidend war, sich entweder ganz der Stimmenabgabe zu enthalten oder auch freisinnig zu wählen. Möchte man fürderhin dies doch wohl erwägen und sich über­zeugt halten, daß Entschiedenheit heutzutage eine Hauptforderung ist, welche wir an Männer zu stellen gezwungen sind. Das hier Gesagte gilt auch für Herren aus dem katholischen Kirchenvorstande und der Gemeindevertretung im nahen Biebrich, denn auch da krankt mancher gerade an diesem Punkte!" — Wie gesagt, wir unterschreiben diese kräftigen Worte vollständig. Nur eines will uns in denselben gar zu optimistisch dünken. Es soll „kein böser Wille" vorliegen, wenn einer der angesehensten Katholiken offen für den Kandidaten der Kirchenfeinde eintritt. Das verstehen wir nicht, offen gestanden! Und sollte es doch der Fall sein, so wäre der Ausdruck „es liegt kein böser Wille" vor, nichts weiter als eine milde Umschreibung für: „die betr. guten Katholiken sind in politischer Beziehung in bedauernswerther Weise unreif", denn sonst hätten sie als gute treue und überzeugte Katholiken nicht für den Kandidaten der Feinde unserer Kirche gegen den wackeren Katholiken

Dies steigert sich noch, als die Frau erklärt, daß sie einen Ausgang machen werde.

„In Wind und Schnee hinaus wollt Ihr?" ruft die Alte bestürzt. „Bedenkt doch, daß Ihr krank seid."

Die Bäuerin schüttelt den Kopf. „Ich habe jetzt keine Zeit, krank zu sein", sagt sie entschieden, „und bin es auch nicht. Das Bischen Uebelkeit und Schwindel ist schon wieder vorbei. Ich werde jedoch nicht lange ausbleiben und rach einer halben Stunde wieder da sein. Du brauchst es Niemand zu sagen, daß ich . . ."

Die Magd nickt mit dem Kopfe. Sie ahnt, was ihre Herrin zu dem abendlichen Gange bewegt.

Diese geht über den Hof nach dem Garten und schlägt einen schmalen durch den Wiesengrund führen­den Seitenweg ein. Nach kurzer Wanderung sieht sie Lichtschein, und mehrere Häuschen tauchen aus dem Dunkel empor. Nach einem der unscheinbarsten lenkt sie ihre Schritte und hat bereits die Eingangsthüre erreicht, als diese geöffnet wird und ein Mann ins Freie heraustritt. Beim Anblick der Frau bleibt er stehen und hebt den Kopf, so daß der Schein des Mondes auf seine Gesichtszüge fällt. Da prallt Scholastika, als habe sie ein Gespenst gesehen, zurück ....

v. Fugger stimmen und agitiren können. Aber das wird uns doch Niemand glauben machen wollen, daß „an der Spitze der kirchlichen Gemeinde zu Wiesbaden" marschirende „gute Katholiken", also Männer, die von den dortigen Katholiken als Führer betrachtet werden, in politischer Beziehung so unreif sein sollten! Unserer Meinung nach ist es deshalb in obigem Falle ganz und gar verkehrt, die Behauptung auszu­werfen, es liege „kein böser Wille vor". Das Ver­halten dieser Herren ist allzusehr geeignet, Ver­wirrung in die Reihen der katholischen Wähler zu bringen. Mit solchen „Spitzen" aber, das mögen die wackeren Katholiken Wiesbadens merken, muß unbedingt aufgeräumt werden!

* Die Antisemite« haben am Sonntag auf ihrem „Parteitag" für Schlesien beschlossen, bei den nächsten Reichstagswahlen in 15 schlesischen Wahl­kreisen Kandidaten aufzustellen; in den übrigen sollen Zählkandidaten ausgestellt werden.

* Die Anarchistin Agnes Weinhold hatte nach Verbüßung ihrer 6jährigen Zuchthausstrafe im ,Sozialist" Mittheilungen über Behandlungen von Strafgefangenen gemacht. Da dieselben unwahr waren, wurde sie wegen Beamtenbeleidigung ange­klagt und am Montag vom Berliner Landgericht zu 6 Wochen Gefängniß verurtheilt. Der Redakteur des ,Sozialist" Friedrich erhielt eine Zusatzstrafe von 2 Wochen Gefängniß.

* Eine Reihe wichtiger Anträge gelangt auf dem 20. Deutschen Ileischer-Deröandstage, der am 23. und 24. d. M. in Berlin stattfindet, zur Be- rathung. Zunächst ist eine Petition an die Reichs­regierung um Erlaß eines Einfuhrverbotes für Wurst und wurstähnliche Erzeugnisse aus dem Auslande vor­geschlagen, bei deren event. Ablehnung die Forderung einer genauen sanitätspolizeilichen Untersuchung vom Auslande eingeführter Wurstwaaren an das Reichs- Gesundheitsamt gerichtet werden soll. Von der Ber­liner Schlachter-Innung wird der Erlaß eines einheitlichen Reichsgesetzes über die Errichtung von Freibänken verlangt mit der Maßgabe, daß in diesen Instituten nur Fleisch in gekochtem Zustande verkauft werden darf. Ferner befürwortet die Berliner In­nung die Einführung eines Zolles auf künstliche, aus dem Auslande eingeführte Futtermittel, sowie eine entschiedene Stellungnahme in der Frage des Wurst­färbens. Weitere Anträge treten für die Verallge­meinerung der obligatorischen Fleischschau, für eine Vergebung der Fleisch- und Wurstlieferungen für größere Garnisonen an selbstständige Gewerbetreibende an Stelle von Großlieferanten, sowie für ein Verbot des gewerbsmäßigen Schlachtens und Auspfundens von Fleisch durch Private ein. Endlich werden auch verschärfte Maßnahmen gegenüber den Pferde- schlächtereien verlangt.

△ Der XI. ordentliche Verufsgenostenschafts- tag ist heute hier zusammengetreten. Als Vertreter der Reichsregierung wohnte u. A. Ministerial-Direktor v. Woedtke der Versammlung bei. Der wichtigste

„Anton", kreischt sie, „Anton, Du . . ."

Auch der Mann ist erschrocken. Er kämpft einige Sekunden lang mit einem Entschlüsse. Mit einer raschen Bewegung aber wendet er sich plötzlich ab, ohne eine Antwort zu geben, und rennt querfeldein davon.

Die Bäuerin scheint ihn verfolgen zu wollen. Sie macht einige Schritte in der gleichen Richtung, und „Anton, Anton", ruft sie abermals.

Der Flüchtige ist jedoch bereits im Dunkel ver­schwunden. Sie sieht und hört nichts mehr von ihm.

Unschlüssig bleibt sie noch eine Zeit lang stehen, dann wendet sie sich wieder dem Häuschen zu, das sie durch die offen gebliebene Thüre betritt.

Durch die klaffenden Spälten einer morschen Thüre schimmert aus einem Raume zur ebenen Erde Licht hervor.

Scholastika drückt auf die Klinke und betritt ein kellerartiges Gewölbe, in dem im Halbschlummer eine ärmlich gekleidete Frau sitzt.

Bei dem Eintritt der Frau Scholastika fährt diese auf.

Der Ausdruck grenzenloser Ueberraschung erscheint bei dem Erkennen derselben auf ihrem Gesicht.

„Die Haidhofbäuerin", murmelt sie und tritt