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Dienstag, den 15. Juni 1897
24. Jahrgang
ulioicrMZkitiiiift
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Deutsches Deich»
Berlin, 14. Juni.
* Finanzminister Dr. v. Miqitek hat seine Kur in Wiesbaden unterbrochen und ist am Sonntag von dort hierher' zurückgekehrt. Heute Vormittag hatte derselbe eine Unterredung mit dem Kanzler. Man glaubt, daß v. Miquel in den nächsten Tagen, jedenfalls aber noch vor Ende des Monats nach Wiesbaden zurückkehren werde. Sein Befinden hat sich übrigens nach dem Gebrauch von Bädern und Massage bereits erheblich gebessert.
* Der König von Siam wird auf Einladung des Kaisers der großen Herbstparade des Gardekorps beiwohnen.
* Gegen die Giltigkeit der Wahl des Pfarrers v. Wokszkegier in Pr. Stargardt wurde Protest beim Abgeordnetenhause erhoben.
* Es muß weit gekommen sein in Deutschland, wenn ein freiwilliges Regierungsblatt, wie die Kölnische Zeitung', sich Folgendes zu schreiben veranlaßt sieht: „Nun leben wir in ganz unöerechen- öaren AerHältnifien. Niemand vermag anzugeben, wer in der nächsten Woche an der Spitze der Geschäfte stehen wird; und das Dauernde in der Erscheinungen Flucht ist doch wohl das, daß geistig hervorragende und charaktervolle Männer, die von dem Vertrauen der Nation getragen werden, es schwer finden, sich zu behaupten, während schmiegsame Streber und herzlich unbedeutende Junker, die durch weite Fernen von dem geistigen Leben unseres Volkes getrennt sind, krampfhafte Anstrengungen machen, um an die Oberfläche zu kommen. Und aus manchen Zeichen kann man herauslesen, daß der Zeiten Gunst den Dutzendmenschen winkt, die sich nicht durch geistige Ueberlegenheit überlästig machen und das gesteigerte Selbstgefühl des blauen Blutes mit halb schneidigen, halb nachlässigen Manieren verbinden."
* Von den 20 kommandirenden Generalen des deutschen Heeres sind 13 mehr als 60 Jahre alt. mährend vor zwei Jahren nur 9 kommandirende Generale das Alter von 60 Jahren überschritten hatten. Der Aelteste ist der General der Kavallerie v. Haenisch, Kommandeur des IV. Armeekorps, der also 68 Jahre alt ist. Zwischen 55 und 60 Jahre alt sind drei kommandirende Generale. Der General der Jnsanterie v. Bomsdorff vom V. Korps wird noch in diesem Jahre 55 Jahre alt. In weitem Abstande folgen dann die drei jüngsten kommandirenden Generale, die regierenden Fürstenhäusern angehören, der Erbprinz von Meiningen vom VI. Korps, der 46 Jahre alt ist, Prinz Arnulf von Bayern vom I. bayerischen Korps, der 45 Jahre alt, und der Erbgroßherzog von Baden vom VIII. Korps, der im nächsten Monat sein 40. Lebensjahr vollendet. Am längsten steht an der Spitze seines Armeekorps Prinz Georg von Sachsen,
Das Sjmdrnerde.
Original - Roman von Max Benno.
4 ------ (Nachdruck verboten.)
Die Bäuerin verschließt nach der Entfernung Josephs die Hausthüre und begibt sich mit schwankenden Schritten in die Stube zurück. Wie gebrochen sinkt sie auf die Bank und weint bitterlich. Allmählich versiegen die Thränen, aber sie rührt sich nicht. Unbeweglich wie eine Bildsäule sitzt sie auf ihrem Platze.
Eine halbe Stunde um die andere vergeht. Schon zweimal hat der Kuckuck auf der Schwarzwälderuhr fröhlich in das neue Jahr hineingerufen — sie beachtet es aber nicht.
Auf einmal aber wird sie aus ihrer Versunkenheit durch das zornige Bellen Hektors geschreckt. Sie schnellt empor und als sie das Fenster erreicht, ist es ihr, als husche eine flüchtige Gestalt da draußen vorbei.
Sie nimmt die Lampe vom Tische und geht in den Hof, wo der Hund immer noch laut bellt.
Da sieht sie, wie dieser heftig an seiner Kette zerrt, als ob er auf einen Gegenstand zustürzen wollte, der einige Schritte außerhalb seines Bereiches im Schnee liegt.
der das XII. Korps seit 9. November 1873, also 23'/» Jahre, kommandirt.
* Heber die ISiesvadener Aeichslags-Krsatz- waHk vom 9. ds. Mts. liegt jetzt der amtliche Bericht vor. Danach wurden 20570 Stimmen abgegeben. Hiervon entfielen auf Wintermeyer (frs. Vp.) 6761, v. Fugger (Centrum) 5541, Dr. Quarck (Soz.) 5207 und Bartling (ntl.) 3058 Stimmen. Zwischen den beiden erstgenannten ist also Stichwahl nöthig; dieselbe ist auf den 23. ds. Mts. festgesetzt worden.
* Das Gesetz betr. die Erweiterung des Staatseisenvatznnetzes und die Betheiligung des Staats an dem Bau von Kleinbahnen sowie an der Errichtung von landwirthschaftlichen Getreide- lagerhäusern wird im,Reichsanzeiger' veröffentlicht.
* Der Weröand deutscher Z>ost- und Gele- grapHen-Askltenterr hielt am Sonntag seinen Verbandstag in Berlin ab. Nach dem Geschäftsberichte umfaßt der Verband jetzt 30 Bezirksvereine, 53 Ortsvereine und 10 Bezirksstellen mit 10,835 Mitgliedern. Der Referent bemerkte, v. Stephan fei ein kurzsichtiger Sozialpolitiker gewesen und habe auf dem Gebiete der Sozialpolitik viel versäumt. Daher müsse sein Nachfolger hier den Hebel ansetzen. Als besondere Wünsche des Assistentenstandes bezeichnete der Vortragende Abkürzung und feste Begrenzung des Diätariats, Verbefserung der Pensions-Verhältnisse, Einführung eines Wohnungsmiethzuschusses statt des Wohnungsgeldzuschusses, achtstündigen Normal-Arbeitstag, Ausdehnung des freien Sonntags aus 36 Stunden, längeren Urlaub und Schutz vor Mißbrauch der Disziplinargewalt der Vorgesetzten.
* Die Einnahme an Wechfekstempekfteuer in Deutschland während des Monats Mai ds. Js. betrug 776 206,90 Mark. Davon entfetten auf das Reichspostgebiet 685 896,80, auf Bayern 65 988,80, Württemberg 24351,50 Mark.
* Die Abstempelung der Schuldverschreibungen der preußischen 4prozent. Staatsanleihe und der dazu gehörigen Zinsscheine und Zinsschein-Anweisungen findet, wie der ,Reichsanz.' bekannt gibt, bei den Abstempelungsstellen außerhalo Berlins nur noch bis zum 30. Juni d. I. statt. Die Inhaber solcher Effekten werden daher aufgefordert, dieselben ungesäumt an die ihnen zunächst gelegenen, von den in der Bekanntmachung der Staatsschulden- Verwaltung vom 3. Februar d. I. bezeichneten Ab- stempelungsstellen zum Zwecke der Abstempelung einzureichen. Nach dem 30. Juni d. I. findet die Abstempelung ausschließlich bei der Kontrolle der Staatspapiere in Berlin, Oranienstraße 92/94, statt.
* Der XI. ordentliche Aerufsgenosienschafts- tag findet morgen (Dienstag) hier statt. Auf der Tagesordnung stehen außer dem Berichte des Vorsitzenden der Kassenbericht, Festsetzung der Jahresbeiträge und Genehmigung des Voranschlags für das Jahr 1898. Hierzu liegt ein Antrag der ostdeutschen Binnenschifffahrts-Berufsgenossenschaft vor: „daß die
Scholastika tritt näher. Mit einem Schreckensrufe fährt sie zurück: ein klägliches Wimmern kommt ihr aus einem Bündel von Tüchern und alten Kleidern entgegen.
„Ein Kind," das ist der erste Gedanke, der ihr durch den Kopf schießt. Schnell entschlossen rafft sie das Bündel auf und trägt es in die Stube hinein. Hier löst sie die Umschnürung und findet, daß ihre Vermuthung sie nicht getäuscht hat. Ein etwa halbjähriges Knäblein ist so dicht und sorgfältig in die Tücher gehüllt, daß es von der Kälte schwerlich etwas zu leiden gehabt hat.
Einige Sekunden lang betrachtet die Bäuerin rathlos das arme Geschöpfchen, das aufs neue zu weinen anfängt. Dann aber bettet sie es auf das Sopha und eilt in die Mägdekammer hinauf.
Sie kommt mit der Großmagd Salome, einer schon bejahrten Person, wieder zurück. Diese wird durch die sonderbare Neujahrsbescheerung auf dem Haidhofe in nicht geringes Erstaunen versetzt. Sie vollzieht jedoch, ohne viele Fragen zu stellen, die Anordnungen der Bäuerin. Ein Feuer wird int Herde angemacht und Milch für den kleinen Findling gekocht. Dies erscheint wirklich nicht unnöthig gewesen zu sein, denn das Bübchen, ein kräftiges und augenscheinlich
Vertheilung der Jahresbeiträge für die ordentlichen Mitglieder des Verbandes nach Maßgabe der Umlagebeiträge oder der Zahl der versicherten Personen oder nach Höhe der Lohnsummen, der Verwaltungskosten oder dergleichen festzustellen ist" Nach den Ergänzungswahlen zum Ausschuß wird über die Vereinfachung derÄrbeiterversicherungs- und Abänderung der Unfall« versicherungs - Gesetze verhandelt und endlich Bestimmung über Zeit und Ort für den nächsten ordentlichen Berufsgenossenschafstag getroffen.
* Einen für die AvweHr von Streiks wichtigen Bescheid hat der Jnnungsverband deutscher Bau- gewerksmeister vom Reichsamt des Innern erhalten. Aus eine Anfrage desselben, ob es gesetzlich zulässig sei, von den Angehörigen der Verbandsinnungen zu verlangen, daß sie keine Gesellen aus Orten, in denen Streiks ausgebrochen sind, in Arbeit nehmen, hat das genannte Reichsamt mitgetheilt, daß § 104a der Reichs-Gewerbeordnung dem Reichskanzler keine Veranlassung geben werde, gegen einen Beschluß des Jmmngsverbandes in der bezeichneten Richtung einzuschreiten. Dem Verbandstag soll nun ein Antrag auf Nichteinstellnng von Gesellen ans Streikorten unterbreitet werden.
* Die sozialdemokratische Partei will ihren diesjährigen Parteitag anfangs September in Hamburg abhalten. Der Parteitag wird sich befaffen mit der Stellungnahme zu den Landtagswahlen und der Taktik der Partei bei einer etwaigen Aenderung des Vereinsgesetzes. Auch der Programmpunkt „Religion ist Privatfache" soll gründlich durchberathen werden. Es heißt, es fei der Wunsch Bebels, zwischen Parteiangehörigkeit und der Religionsfrage endlich einmal Klarheit zu schaffen. Die polnischen Sozialisten gedenken sich bei den nächsten Landtagswahlen aktiv zu beteiligen, indessen haben sie einen formellen, bindenden Anschluß in dieser Richtung noch nicht gefaßt, sie wollen vielmehr erst die endgiltige Stellungnahme der deutschen Sozialdemokratie auf dem erwähnten Parteitage abwarten.
* Elberfeld, 14. Juni. Die Herren Prediger Thümmel und Giefekke, ein „edles Bruderpaar", haben auf dem Feste des Evangelischen Bundes am Clarenbach-Denkmal wieder einmal ihr evangelisches Herz ausgeschüttet. Es ist traurig, daß diese beiden Männer keine andere Lebensaufgabe kennen, als den Haß der Protestanten gegen die Katholiken zu wecken und mit allen Mitteln zu schüren. Aus der Rede des Solinger Predigers Giesekke hebt das ,Wupperthaler Volksblatt' folgende Stellen hervor: Der alte böse Feind schreite mit frecher Sohle, bald dröhnend, bald schwänzelnd durch unser deutsches Volk. Und wenn er dem Zeuge Israels Hohn spreche, die Jesuiten zurückverlange oder die nothweudigen Kriegsschiffe verweigere, dann entsetzen sich die, welche kämpfen sollen vor dem Goliath der Philister und fürchten sich sehr. Und wenn er sich in einen Engel des Lichts gesundes Kind, genießt mit Wohlbehagen das Gebotene und schläft gleich darauf ein.
Die Magd nimmt es nach dem Wunsche der Herrin in ihre Kammer und letztere ist wieder allein. Sie begibt sich an den Tisch, auf dem die Umhüllung liegt, und durchsucht diese, findet aber nicht das Geringste, was ihr über die Herkunft und die Eltern des Kindes einen sicheren Anhaltspunkt bieten könnte.
Noch ist sie damit beschäftigt, da wird ihre Aufmerksamkeit durch einen hellen Feuerschein abermals nach außen gelockt und gleichzeitig kommen polternde Schritte die Treppe herab. Valentin stürzt mit den anderen Knechten in die Stube herein.
„Es brennt 1" ruft er „und nach der Richtung vermuthe ich, daß es das Schweizerhäuschen auf der Götzenburg ist. Da wäre der Schaden freilich nicht groß. Ader wir wollen doch nachsehen, da das Feuer möglicherweise auch anderswo ist."
Scholastika nickt mit dem Kopfe. Sie bringt kein Wort über die Lippen hervor. Die Aufregungen, die Schlag auf Schlag einander folgen, sind selbst für ihre starken Nerven zu groß.
Die Knechte eilen fort, und abermals sinkt sie kraftlos nieder. Die Götzenburg! Welche Erinnerungen ruft dieses Wort in ihr wach! Sie verweben sich mit dem vor wenigen Stunden Erlebten zu einem