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Samstag, den 12» Juni 1897
24» Jahrgang
mit Unterha!Lirngs-Krttagr „Sterne und Klumerr".
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& Zwei Reichstagsersatzwahlen.
Der Ausfall der Reichstagswahl in Wiesbaden erfüllt die freisinnige Presse mit den Triumphatorgefühlen, die ihr immer leicht kommen, wenn etwas für den Freisinn gut abgelaufen ist. Aus einem einzelnen Wahlergebniß werden alle möglichen Folgerungen gezogen, die bei nüchterner Betrachtung nicht unbedingt haltbar sind. Der freisinnigeKandidatWinter- mayer erhielt 6566 Stimmen und kommt mit dem Centrumskandidaten Frhrn. v. Fugger (5355 Stimmen) in die Stichwahl. Für den Sozialdemokraten Quarck wurden 5166, für den Nationalliberalen Barthling 3072 Stimmen abgegeben. 1893 erhielt der Centrumskandidat 5027 Stimmen, hat also jetzt 328 dazu gewonnen; der Sozialdemokrat dagegen erhielt 6253, hat also jetzt 1087 verloren. Die übrigen Stimmen lassen sich nicht ohne weiteres vergleichen und es ist deshalb viel Schönfärberei dabei, wenn in der freisinnigen Presfe gejubelt wird, der freisinnige Kandidat habe gegen 1893 um 1671 Stimmen zugenommen, Antisemiten und Nationalliberale hätten 3217 verloren. Damals stimmten nämlich Konservative und Nationalliberale für den Kandidaten der freisinnigen Vereinigung, der auf diese Weise 6289 Stimmen erhielt. Außerdem erhielt noch ein Antisemit 1245 Stimmen. Diesmal sind die Stimmen der freisinnigen Vereinigung ohne Zweifel dem Kandidaten der freisinnigen Volkspartei zugefallen, während die Konservativen sich zum großen Theile der Wahl enthalten zu haben scheinen. Sind doch gegen 1893 im Ganzen 3572 Stimmen weniger abgegeben worden.
Auf freisinniger Seite wird das Wahlergebniß vor allem als Volksgericht gegen das Vereinsgesetz gefeiert. Die ,Nordd. Allg. Ztg/ meint demgegenüber, es hätten sich in Wiesbaden ja nur Gegner des Vereinsgesetzes gegenübergestanden. Uns ist die Stellung des nationalliberalen Kandidaten zu dem Vereinsgesetze nicht bekannt; vermuthlich wird er dagegen gewesen fein. Allein schon der Umstand, daß der Regierungsapparat für ihn thätig war, dürfte ihn den Wählern verdächtig gemacht haben. Man hat auch die Person des Kaisers für ihn ausgespielt. Wenn nun so wenig Wähler für ihn zu begeistern waren, so spricht das zum Mindesten nicht für die Ansicht des Ministers v. d. Recke, daß die Bevölkerung in Sachen des Vereinsgesetzes auf der Seite der Regierung stehe, und von der angedrohten „Abrechnung" ist nichts zu merken. Unbestreitbar geht nach Ausweis vieler Stichwahlen der Zug jetzt nach links, und das hätte sich in Wiesbaden wohl auch ohne das Vereinsgesetz ebenso gezeigt wie jetzt. Der neue Kours hat eben gar zu viel Quellen der Unzufriedenheit eröffnet. Im übrigen wollen wir den „Umschwung" nicht überschätzen, um den dabei betheiligten Wählern nicht zu viel Ehre anzuthun. Im Grunde sind doch die Leute, die das eine Mal diesen, das andere Mal jener Partei zum Siege verhelfen, kundige Thebaner, die selbst nicht wissen, was sie wollen.
Eine solide und zielbewußte Wählerschaft steht hinter dem Centrum; sie wählt nicht bald so, bald so. Der Unterschied in den Stimmen bei den verschiedenen Wahlen ist nie groß und rührt nicht von Ueberläufern her, sondern davon, ob es gelingt, einige Wähler mehr an die Wahlurne zu bringen oder nicht. Die 328, die jetzt für das Centrum hinzugekommen sind, haben 1893 schwerlich für eine andere Partei gestimmt, sondern sind zu Hause geblieben. Es handelt sich auch nur um Katholiken, denn Andersgläubigen erlaubt die „Toleranz" ja nicht, für das Centrum zu stimmen. Somit ist der Zuwachs von 328 Stimmen mehr werth, als der freisinnige Zuwachs von 1671. Denn während 3572 Wähler mehr als 1893 zu Hause geblieben sind, hat das Centrum aus der eigenen Reserve 328 mehr an die Wahlurne gebracht; der freisinnige Zuwachs dagegen rührt im Wesentlichen von Leuten her, die 1893 für einen anderen Kandidaten gestimmt haben. Auffallend ist der Rückgang der sozialdemokratischen Stimmen. Wir
wagen nicht zu hoffen, daß er einen Rückgang der Partei bedeute, sondern glauben, daß viele Sozialdemokraten sich der Stimme enthalten haben. Dr. Quarck, ein „Akademiker", der von der Demokratie und Bourgeoisie zur Sozialdemokratie übergegangen ist, ist bei den „Genossen" nicht besonders beliebt. Da die Partei sonst Disziplin kennt, muß diese Unbeliebtheit schon sehr stark sein, zumal es sich für die Sozialdemokratie doch nicht um einen Scheinkampf handelte, sondern sie hoffen durften, wie 1893 in die Stichwahl zu kommen.
Wie nunmehr die Stichwahl ausfallen wird, läßt sich nicht vorher sagen. Der freisinnige Kandidat hat vor dem Centrumskandidaten 1211 Stimmen voraus. Wie die ausgefallenen Parteien sich stellen werden, steht dahin; wenn die Sozialdemokraten wollen, haben sie die Entscheidung in der Hand. Für den Centrumskandidaten dürfte die Sache insofern ungünstiger stehen, als er mit dem konfessionellen Vorurtheil zu kämpfen hat. Einem Katholiken die Stimme zu geben, fällt einem „über alle Vorurtheile und Voreingenommenheit erhabenen Protestanten" äußerst schwer, selbst wenn es .sich um einen politischen Gesinnungsverwandten handelt, wie doch der Centrumskandidat es den Konservativen gegenüber sein sollte. Protestanten nehmen gern die Stimmen von Katholiken, geben ihnen ihre eigene aber höchst ungern.
In Königsberg haben die Sozialdemokraten, die früher erst in der Stichwahl siegten, am Donnerstag das Mandat im ersten Anlauf wiedergewonnen. Ihr Kandidat Rechtsanwalt Haase erhielt 11912 Stimmen. Das ist gegen 1893 eine Zunahme von 944, während die Gegner an Stimmen verloren; von einem Rückgang der Sozialdemokratie kann also dort nicht die Rede sein. Der nationalliberale Dr. Krause erhielt nur 3854 Stimmen gegen 7296 i'nkJähre 1893. Damals stimmten aber auch die Konservativen für ihn, die ihn jetzt wegen seiner Rede gegen das Vereinsgesetz nicht mehr zu dm „Ordnungsparteien" nehmen wollten und einem Antisemiten zu 2036 Stimmen verhalfen. Der freisinnige Kandidat brachte 7878 Stimmen auf, das sind 1074 weniger als 1893. Diesem Rückgang ihrer eigenen Stimmen legt die freisinnige Presse natürlich nicht in umgekehrtem Sinne aus, wie die Zunahme in Wiesbaden, sondern suchen nach äußeren Gründen für den Verlust. Wir wollen ihnen den Trost auch keineswegs rauben.
Uns genügt die unbestreitbare Thatsache, daß die beiden Wahlen, wie überhaupt die der letzten Zeit, deutliche Kundgebungen gegen die von uns bekämpften Bestrebungen der Regierung und der Koulissenarbeiter sind. Von den Weltflottenplänen und der Einschränkung des Vereins- und Versammlungsrechtes will das Gros der Bevölkerung nichts wissen. Bis zu den nächsten allgemeinen Wahlen wird auch die Stimmung schwerlich umschlagen.
Deutsches Deich*
Berlin, 11. Juni.
* Kin wahres Morl ist dem nationalliberalen ,Schwäb. Merkur' anläßlich einer Besprechung der Heiligsprechung in Rom entschlüpft. Nachdem das Blatt sich in einem längeren Artikel den Kopf zerbrochen, warum diese Heiligsprechung so feierlich begangen werde, heißt es:
Es ist ein Jrrlhum, zu meinen, daß diese Heiligsprechung eine Annäherung des Vatikans an den Qüirinal bedeute. Die Kirche wird nie einen Deut von ihren Ansprüchen opfern und nie wird sich aus dem Vatikan eine Stimme erheben, aus der es wie Entsagung klingt. Denn- noch ist die politische Bedeutung dieser Feierlichkeit weit größer, als die Freunde und Propheten der Versöhnung annehmen. Sie hat einen universalen Charakter: Leo XIII., der das Ende seiner Tage nahen sieht (er hat in Briefen und Gedichten diesen Gefühlen Ausdruck gegeben), will, so cheint es, vor seinem Tode in einer mit nie dagewesenem Pomp begangenen Feier, an der die gesammte katholische Christenheit durch ihre angesehensten Vertreter Theil nimmt, bei der selbst die Gegenwart der Könige, Kaiser und Fürsten, ür die eine besondere Loge errichtet ist, fingirt wird und die im täglich von allen Katholiken gebrauchten Kalender unvergängliche Spuren zurücklassen, aller Welt kund thun, wie unerschütterlich fest die Macht der katholischen Kirche auch am Ende des 19. Jahrhunderts noch steht, das ihr so viele und so liefe Wunden geschlagen hat. Auch am Ende des 19. Jahrhunderts, das soll dieses Fest uns lehren, besteht unerschütterlich und wird von der ganzen kathol. Christenheit getheilt der von der liberalen Wissenschaft verurtheilte Wunderglaube.
Ganz wahr sind diese Worte; ja, das lehren uns die Feste' in Rom. Denn von der Kirche gilt das Wort: „Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen". An dem Felsen Petri haben sich Manche den Kopf zerschellt, wenn sie auch mcht viel Hirn zu verlieren gehabt haben. Auch der liberalen Wissenschaft wird es nicht besser gehen.
* Gegen die IrerurtHeikung v. MHow's im Lützow-Tausch-Prozeß haben die Rechtsanwälte Dr. Holz und Dr. Luscinsky Revision eingelegt.
* Auf die für das Jahr 1897 festzusetzende Dividende der MeitHsöankantHeike wird, wie der ,Reichsanz.' meldet, vom 15. ds. Mts. ab eine erste halbjährliche Abschlagszahlung von VI«, °/o — 52,50 M. für den Dividendenschein Nr. 4 erfolgen.
* Eine Merschärfrmg des Nahrungsmittel- gefetzes fall einer hiesigen Korrespondenz zufolge innerhalb der verbündeten Regierungen erwogen werden, da das bisherige Strafmaaß sich als unzulänglich erwiesen habe.
h. Der ,Dorwärks° erwidert auf die gegen ihn gerichtete Resolution der Maler und Vergolder, allerdings sei der in der Resolution erwähnte Passus in der Rede Krauses nicht besonders berücksichtigt worden. Damals habe sich aber die Lage ganz anders dargestellt, als es jetzt der Fall sei. Damals sei die Gefahr eines preußischen Sozialistengesetzes in brennendster Nähe erschienen und gegenüber dieser unmittelbar drohenden Vernichtung des Vereinsrechts für die Sozialdemokratie sei der nationalliberale Angriff auf das Vereinsrecht der Minderjährigen in den Hintergrund getreten. Der fragliche Artikel des ,Vorwärts' habe nur der in weiten Parteikreisen herrschenden Stimmung Ausdruck gegeben, daß es nicht rathsam sei, die Spitze des Angriffs gegen die nätiönällilleräle Partei zu richten in dem Moment, wo diese die Vereinsgesetznovelle entschieden bekämpfe. Auf die auf der Gewerkschaftsversammlung gegen Redakteure des ,Vorwärts' gemachten persönlichen Bemerkungen einzugehen, lehnt das sozialdemokratische Organ ab, da es ihm darum zu thun sei, „sachlich" zu bleiben.
r6! Der Meröavd deutscher Maiffeiseuvereme hielt am 10. ds. Mts. hier seine Jahresversammlung ab. Aus verschiedenen Ministerien waren Vertreter derselben erschienen. Nach dem Jahresbericht umfaßt der Verband zur Zeit 2866 Genossenschaften. Die weit größte Zahl (2564) sind Spar- und Darlehns- kassen, der Rest vertheilt sich auf Molkerei-, Obstver- werthungs-, Pferdezucht-, Fettviehverkaufs-, Rohstoff-, Tabakverkaufs-, Spiritusverkaufs-, Kornhaus-, Ein- und Verkaufs-, Konsum-, Brennerei-, Wohlfahrts- genossenschasten, Winzervereine und eine Schlächterei vereinigter Landwirthe. Die Rheinprovinz enthält 401, Hessen-Nassau 466, Provinz Sachsen 61, Prov. Brandenburg 124, Westpreußen 158, Ostpreußen 175, Schlesien 229, Hessen 37, Baden 20, Mecklenburg 48, Oberelsaß 87, Unterelsaß 175, Lothringen 19 Genossenschaften. In den anderen Ländern und Provinzen ist deren Zahl nur eine geringe. Bezüglich der Errichtung eines Raiffeisendenkmals in Neuwied beschloß man auf der Versammlung, einen diesbezüglichen Aufruf zu erlassen und mit befreundeten Vereinen wegen Beschaffung der Mittel in Verbindung zu treten. Der nächste Verbandstag soll 1899 zugleich mit dem 50jährigen Jubiläum der Gründung von Raiffeisenvereinen und der Enthüllung des Raiffeisendenkmals in der Rheinprooinz, entweder in Köln oder Neuwied, stattfinden.
Auf dem 8. Evaugekisch-soziaken Aongretz zu Leipzig sprach Kirchenrath Prof. Dr. Wendt-Jena in der 1. Versammlung von Donnerstag über das „Eigenthum nach christlicher Beurtheilung". In einer Resolution wurde die Ueberzeugung ausgesprochen, daß die christliche Beurtheilung des Eigenthums weder auf «seelische noch auf kommunistische Ideale verpflichtet, auch ihrer Art nach nicht geeignet sei, ohne weiteres in die Rechtsordnung überzugehen, daß aber das Evangelium es jedem Christen zur Pflicht mache, Besitz und Genuß des Eigenthums prinzipiell dem ewigen Gut unterzuordnen und in den Dienst der Liebe und der gemeinsamen Aufgaben zu stellen. Pfarrer Naumann führte aus, die kirchliche Belehrung lege zu viel Gewicht auf das Verbot: „Du sollst nicht stehlen". Heute müsse der Diebstahl milder