M 131 Freitag, den 11. Ium 1897. 24. Jahrgang
iildaerWZkitiliig
mit Unterhirltrmgs-Kettage „Sterne und KLnweu".
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<£ Ein vernichtendes Urtheil
muß jeder verständige Mensch über das Gebühren der sensationslüsternen Presse ^Generalanzeiger' rc.) -fällen nach den Enthüllungen, welche der Tau sch- Lützow-Prozeß über diese Sorte von Blättern an's Tageslicht gebracht hat. lieber diese unerquicklichen ' Dinge äußert sich der „konservative" ,Reichsbote' in t durchaus zutreffender Weise folgendermaßen:
Welch' traurigen Eindruck macht die Thätigkeit dieser Leute, wie sie uns in diesem Prozesse entgegentritt! Nichts als eine Jagd nach elendem Kleinigkeitskram, Klatschereien, gehässigen Jntriguen und Sensations-Nachrichten. Im letzten Grunde aber ist das Publikum an alledem mitschuldig, weil es so versessen ist auf die Zeitungen, welche den Klatsch am schnellsten und ausführlichsten bringen, wenn es -auch noch so oft erfährt, daß es belogen und betrogen wird, und obwohl gewissenhafte Eltern alle Ursache haben, viele dieser Blätter vor den unschuldigen Augen ihrer Kinder zu verstecken, wenn sie nicht deren Herzen wollen vergiften lassen. Zur Redaktion solcher Blätter bedarf es keiner wissenschaftlich gebildeter Männer, dazu genügen Leute vom Schlage "des Leckert und Genossen, und sie bringen es fertig, wozu gebildete Männer sich nicht hergeben. Das Publikum muß das aus solchen Blättern herausfühlen — und man schämt sich oft in Die Seele ob der gebildeten Familien, in denen solche Blätter -gelesen werden. Und hernach wundert man sich, wenn diese heillosen Preßzustände emporwuchern und sich Personen in der Presse Herumtreiben, die für jedes ehrliche Gewerbe zu unfähig oder zu schlecht sind. Die Hilfe kann allein vom Publikum kommen. Alle ernsten Leute sollten es sich zur Aufgabe machen, die schlechte Presse zu bekämpfen und vor Allem sie nicht selbst zu unterstützen. Aber so lange diese Presse in dem Beamtenthum und Bürgerthum ihren Leserkreis findet, ist alle Hoffnung umsonst. Von dort ist überhaupt zur Besserung des öffentlichen Geistes so viel wie nichts zu erwarten; die gutgesinnte Presse aller Parteien sollte sich verbünden, diese Sensationspresse mit ihrem Schwanz von Journalisten und Reportern zu bekämpfen, um die Ehre der Presse zu retten.
Wir haben mehr als einmal aus die schweren Schädigungen hingewiesen, die unserem Volksleben durch Blätter zugefügt werden, welche jeder ernsteren, selbstständigen und furchtlosen Erörterung politischer Fragen rc. aus dem Wege gehen und den politischen Stumpfsinn durch Klatsch und Tratsch nähren. Es trifft das in erster Linie auf die farb- und charakterlosen Blätter zu. Ueber das Verhalten dieser Presse den Behörden gegenüber findet sogar das Organ des „Bundes der Landwirthe", die ,Deutsche Tagesztg/, einige Worte, mit denen wir uns ausnahmsweise einmal einverstanden erklären können:
......Zu dem hochtrabenden Hervorkehren der Bedeutung der Presse steht das oft bedientenhafte Gebühren ihrer Vertreter in scharfem Gegensätze. Hätte wohl der Polizeikommissar v. Tausch so viel Entgegenkommen gefunden, wenn nicht gewisse Journalisten sich beinahe schon dadurch geschmeichelt fühlen, daß ein Mann in der Stellung eines Polizeikommissars sich ihnen nähert?! Wenn aber ein Geheimrath oder gar eine lebendige Exzellenz sich zu gewissen Preßvertrekern herabläßt, dann gerathen die meisten aus dem Häuschen und wissen vor demüthiger Dankbarkeit sich nicht zu halten. Jeder Mensch wird so eingeschätzt, wie er sich selbst einschätzt. Wenn die Vertreter jener Presse
Das Sündenerve.
Original - Roman von Max Benno.
(Nachdruck verboten.)
Jede Schuld rächt sich hienieden, Sei es frühe oder spät. Doch die Sühne führt zum Frieden, Wenn die Liebe mit ihr geht.
1.
Ein klarer Sternenhimmel wölbt sich über der Winterlandschaft, die, von bewaldeten Höhen begrenzt und durchschnitten, sich weit ins Land hineinzieht. Scharf streicht der Wind über die hart gefrorne Schneedecke und bricht sich mit vernehmlichem Pfeifen an der hohen Giebelwand eines großen schwäbischen Bauernhauses, das sich einsam auf seiner mächtigen Bodenanschwellung erhebt.
Es ist die letzte Nacht im Jahre. Wenige Stunden uoch — und man ruft dem alten Jahre mit dem Willkomm des neuen den Scheidegruß zu.
An das stattliche Gebäude, in dem die Wohn- .gelasse mit Schuppen, Stallungen und Remisen unter ■einem Dache sich befinden, schließt sich ein ausgedehnter Baumgarten, den ringsum eine Hecke von werschiedenen Gesträuchen umgibt.
Trotz der weit vorgeschrittenen Nachtstunde bringt Lichtschein aus der Wohnstube und aus einem Raume rieben den Ställen in^das Dunkel heraus.
auf ihre Würde zu halten verständen, so würden sie demgemäß behandelt. Wie würdelos ist aber ihr Gebühren, wenn man sie bei einer Festlichkeit mit der Einladung übergangen hat! Wie wird da gezetert und verschämt um nachträgliche Einladung gebettelt, statt daß man, wie es jeder vornehme, anständige Mensch thut, das unbeachtet läßt, wozu man nicht eingeladen ist. Wie jubelten und jauchzten gewisse Blätter damals, als sie vor der Einweihung des Nordostsee-Kanals, damit sie ja das Fest in's rechte Licht rückten, mit liebenswürdiger Höflichkeit von den Ministern behandelt wurden! Als ob die Höflichkeit nicht selbstverständlich wäre, als ob die Vertreter der siebenten Großmacht nicht durchaus berechtigten Anspruch darauf hätten! ....
Wir haben dem nichts hinzuzufügen.
Der Sensationspresse mißt auch die,Post' ein gut Theil Schuld an den Erscheinungen zu, wie sie der Prozeß Tausch enthüllt hat:
So lange es in größerer Zahl Zeitungen gibt, die im Geschäftsinteresse in erster Lime dem Sensations-Be- dürfniß des Publikums Hintertreppen-Romanen zu stöhnen trachten und daher auf pikante Nachrichten route que coüte jagen, so lange es vorkommen kann, daß Blätter um solcher Nachrichten willen als Mitarbeiter Personen dulden, deren Eigenschaft als Polizeispitzel ihnen bekannt ist, andere in den Prozessen hervorgetretene Redaktionsinterna gar nicht zu rechnen, ist der Boden für Sumpfpflanzen dieser Art noch vorhanden, und es steht einem Theile unserer Presse schlecht an, mit Pharisäermiene Steine auf die politische Polizei zu werfen, statt zunächst vor der eigenen Thüre zu fegen.
Das sensationshungrige Publikum trifft übrigens, wie schon gesagt, auch ein großer Theil der Schuld an den widerlichen Vorgängen, die in den Prozessen Leckert-Lützow und Tausch-Lützow aufgedeckt worden sind. Ein gewisses Publikum, das keine höheren Bestrebungen und Ziele kennt, verlangt Tag und Tag nach „interessanter, pikanter" Lektüre, und die Leckert, die Lützow und ähnliche Sensationsausbeuter reichen sie ihm mit Hilfe einer gewissen Sorte von Verlegern, die das Geschäft vollständig an die Stelle des Gewissens setzen. Das Ueberhandnehrnen der farb- und parteilosen Blätter ist ein trauriges Zeichen für die Geschmacksrichtung und Versimpelung unseres Volkes.
Deutsches Deich.
Berlin, 10. Juni.
* Der Kaiser hat auf die ihm dargebrachte Huldigung des in Heiligenstadt tagenden kathol. Lehrerverbandes folgende Antwort ergehen lassen:
Kathol. Lehrerverband Heiligenstadt.
Potsdam, 9. Juni, 2 Uhr 35 Min. Nachmittags.
Seine Majestät der Kaiser und König haben das Gelöb- niß unwandelbarer Treue und Ergebenheit, das die 7. Generalversammlung des katholischen Lehrerverbandes des Deutschen Reiches Allerhöchstihr telegraphisch zum Ausdruck gebracht hat, huldreich entgegengenommen und lassen für diese Kundgebung bestens danken.
Auf Allerhöchsten Befehl v. Lucanus, Geh. Kabinetsrath.
— Der Kaiser hat aus dem Kaiser!. Dispositionsfonds 80,000 Mark für den Bau einer neuen evangelischen Kirche in Münster überwiesen. Noch
Auch auf dem Haidhof wird, wie überall, „Sylvester gefeiert". In der Gesindestube wird für das ganze Gesinde ein langer Tisch gedeckt, an dem dieses nach altem Brauche und Herkommen in der bedeutungsvollen Nacht ein reichliches Mahl mit Bier, Apfelwein und Kuchen erhält.
Der Haidhof weist an Knechten, Mägden, Schäfern und Hütbuben eine ansehnliche Zahl auf. Sie sind nun alle heiter und guter Dinge und sprechen unter Lachen und Scherzen herzhaft dem dargebotenen Sylvestermahle zu.
Dabei fällt kein Wort, das verletzen könnte. Aus dem ganzen Benehmen der Leute geht vielmehr hervor, daß jener Geist in diesem Hause waltet, der zu dem Gedeihen jeder Familie, sei sie groß oder klein, unbedingt nothwendig ist.
Diese Wahrnehmung hätte bei einem aufmerksamen Beobachter zweifellos die Verrnuthung geweckt, daß es eine starke Männer Hand fein müsse, der die Führung des Regiments auf dem Haidhof anvertraut war. Die Vermuthung aber wäre falsch. Die Leitung des bedeutenden Anwesens wird nur durch eine einzige Frau besorgt, die sich überdies bereits in ziemlich weit vorgeschrittenem Lebensalter befindet.
Diese Fran, Scholastika Sommer, sitzt jetzt in einer großen Wohnstube, wie man sie auf dem Lande in den wohlhabenderen Gegenden Süddeutschlands
in diesem Jahre soll der Grundstein zu der Kirche gelegt werden.
* Das ,Berl. Tageblatt' behauptet, der große Pädagoge Dr. Kellner, dem die katholischen Lehrer soeben in Heiligenstadt ein würdiges Denkmal gesetzt haben, sei bis an sein Lebensende Freimaurer gewesen. Diese Mittheilung beruht auf Erfindung. Kellner ist fchon 1848 aus der Loge ausgetreten, wie von überlebenden Personen und aus vorhandenen Dokumenten nachzuweisen ist. Man wollte liberalerseits dem katholischen Lehrerverbande' eine Freude verderben und hat zu dem schmachvollen Mittel gegriffen, einen ganzen Mann und einen korrekten Katholiken noch im Grabe zu beschimpfen. Katholische Lehrer, merkt euch das!
4~ Der zur süddeutschen Volkspartei gehörige Reichstagsabgeordnete und naturalistische Schriftsteller 0eorg Conrad, der sich als Dr. Conrad zu bezeichnen pflegt, aber nur Elementarlehrerbildung hat, soll sich, wie ein Bekannter von ihm, W. Kaden jetzt bekannt gibt, jenen Titel in Philadelphia um 300 Franks gekauft haben. Vielleicht steht mit dieser Enthüllung eine Ansbacher Depesche der ,Franks. Ztg.' in Verbindung, wonach Conrad sein Mandat „wegen Kränklichkeit" niederlegen wolle. Hinterher wird freilich gemeldet, er habe sich auf dringendes Bitten, um dem Wahlkreise einen Wahlkampf zu ersparen, (die ,Deutsche Tageszeitung' rechnete bereits auf einen Sieg der Ihrigen) das Mandat beizubehalten ent- fchlossen. Daß Herr Conrad ein Haar in dem Mandat gefunden hat, wundert uns jedenfalls nicht. Er war offenbar mit einem riesigen Selbst bewußt- fein nach Berlin gekommen, wo er Gott weiß was anzurichten gedachte. Er hat aber im Reichstage eine sehr untergeordnete Rolle gespielt. Bei feiner ersten hochfahrenden, aus hohlen Phrasen bestehenden Rede wurde er einfach ausgelacht. Dann hat er nochmals eine lange Rede voll Allgemeinheiten ab- gelesen, ohne daß ihm jemand zuhörte. Weitere Lorbeeren hat er sich nicht errungen.
* Dr. Meters hat bekanntlich gegen das Urtheil der Disziplinarkamrner für die Schutzgebiete, welche ihn des Amtes entsetzte und zur theilweisen Tragung der Kosten verurtheilte, Berufung eingelegt. Ein gleiches hat nunmehr auchdieStaatsanwaltschaf t gethan; dieselbe beantragt, dem Angeschuldigten die sämmtlichen durch das Verfahren erwachsenen baaren Auslagen aufzuerlegen.
* Ahkrvardl wird, wie ein Berichterstatter aus sicherer Quelle wissen will, in allernächster Zeit in Berlin ein Cigarrengeschäft aufmachen. Da er selbst bekanntlich „nichts nich haben" dürfe, stehe hinter ihm ein wohlhabender Gesinnungsgenosse. Ahlwardt selbst werde in eigener Person Verkäufer fein.
O Gegen die Wereinsgesetznovelke haben die Gewerkschaften Berlins am Mittwoch in 36 Ver-
faft überall findet, an dem runden, eichenen Tische. Aus diesem steht eine brennende Lampe, und daneben liegt ein aufgeschlagenes Gebetbuch.
Die Frau, die mehr als ein halbes Hundert Jahre hinter sich haben mag, hat den mit noch dichten, aber bereits von Silberfäden durchzogenen Haaren bedeckten Kopf gesenkt und ihre Hände ruhten gefaltet im Schooße. Sie scheint in tiefe Gedanken versunken zu fein. Noch sieht man die Spuren einstiger Schönheit auf ihrem Gesicht. Um den Mund freilich liegt ein herber, fast harter Zug, der die wohlthuende Wirkung dieses Menschenantlitzes einigermaßen beeinträchtigt und zu den übrigen weichen Linien in grellem Gegensätze steht.
Ein mächtiger Kachelofen strömt behaglich Wärme aus. An den Wänden hängen künstlerisch ausgeführte Heiligenbilder, und in der Stubenecke prangt ein Hausaltar, mit duftenden Topfblumen geschmückt. Neben einem silbernen Weih Wasserbecken befindet sich eine braune Schwarzwälderuhr, deren einförmiges Ticken man als einzigen Laut in der Stube vernimmt.
Auf einmal wird es in dem fein geschnitzten Gehäuse lebendig. Unter fröhlichen Kuckucksrufen klingen zwölf Schläge durch den Raum. Sie verkünden den Anbruch des neuen Jahres. Die Thür wird geöffnet, und das Gesinde drängt sich zwischen deren Rahmen herein.