Einzelbild herunterladen
 

Jg 129

Mittwoch, den 9. Juni 1897.

24. Jahrgang

FuldaerWZeiluiig

mit Unterhattungs-Keilage „Sterne und Klumen".

----——--------------------——

Erscheint täglich. Sonn- und Feiettage ausgenommen. — Bierteliährlicher Abonnementsvreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig.

Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Keich.

Berlin, 8. Juni.

* Ter Kaiser hörte heute Morgen im Neuen Palais die Vorträge des Kriegsministers v. Goßter und des Chefs des Militärkabinets v. Hahnke. Um 12 Uhr empfing er in Abschiedsaudienz den bis­herigen Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika Edwin F. Uhl behufs Entgegennahme seines Abberufungsschreibens, und unmittelbar darauf in Privataudienz den abberufenen japanischen Ge­sandten Vicomte Acki. Der Audienz des Herrn Uhl wohnte als Vertreter des Auswärtigen Amts der Unterstaatssekretär Wirkliche Geheime Rath Frhr. v. Roten Han bei. — Später ertheilte auch die Kaiserin dem Botschafter Uhl mit feinerGemahliu t)ie erbetene Abschiedsaudienz.

* Mrinz Keiurich geht nicht mit dem .König Wilhelm", sondern mit dem Panzerschiff erster Klasse ^Kurfürst Friedrich Wilhelm" zum Regierungs-Jubiläum nach England. (Dadurch würde die angebliche Aeußerung des Kaisers, weshalb er verhindert sei, den Prinzen auf einem bessern Schiff als dem ,König Wilhelm" nach England zu entsenden, eine weitere Beleuchtung erfahren. D. Red.)

* In Potsd am fand am zweiten Pfingstfeiertage i)as Stiftungsfest des Lehrinfanteriebataillons, das sog. Schripperifeff in gewohnter Weise statt. Der Feier wohnten der Kaiser und die Kaiserin mit t>en Söhnen und der Tochter bei, ferner der Prinz und die Prinzessin Friedrich Leopold von Preußen, der Erbprinz von Hohenzollern, Prinz und Prinzessin Karl von Hohenzollern, der Sohn des Königs von Siam, der Zögling des Kadettenhauses ist.

ft Die nächste Sitzung des KerreuHarrfes ist auf den 23. d. M. anberaumt worden. Auf der Tages­ordnung stehen mündliche Berichte über Petitionen. Für den 24. d. M. ist die Berathung der Novelle zum Vereinsgesetz in Aussicht genommen, die wahrscheinlich mit der Einsetzung einer Kommission endigen wird. Diese soll unverzüglich ihre Thätigkeit beginnen und schon den 25., an dem keine Plenarsitzung stattfindet, benutzen. Der Präsident nimmt an, daß die Kommission bis zum 28. ihren Bericht festgestellt haben wird. Am 26. werden die von der Kommission vorher noch­mals berathene Städte- und Landgemeinde-Ordnung für Hessen-Nassau und der in der Finanz-Kommission abgelehnte Antrag Frankenberg, betr. die Dotation 'der Provinzen, auf die Tagesordnung gesetzt werden. Nach der ,Kons. Korr.' ist kaum anzunehmen, daß das Herrenhnus in Bezug auf die Landgemeinde­ordnung für Hessen-Nassau von seinen Beschlüssen «bgeht. Es ist also nicht nnmöglich, daß die Vorlage scheitert. Am 28. soll das Handelskammergesetz zur Berathung kommen. Am 29. fällt des katholischen Feiertags wegen die Sitzung aus. Am 30. soll die Schlußberathung des Vereinsgesetzes stattfinden. Ein Berichterstatter will wissen, die Stimmung im Herren-

«i Dir 5iumem mm H)iMtin.

Eine Erzählung aus dem Donauthal von Antonie Jüngst 28 ------ (Nachdruck verboten.)

„Das kann, das darf nicht so weiter gehen," rief Herr Wilhelm entrüstet, als der Ritter seine Klage beendet. „Wildenstein soll nicht Wildenstein zu Grunde richten. Heute noch werde ich mich zu Gott­fried begeben und ihm sagen--"

„Er wird Dich nicht hören. Er ist allen Vor­stellungen unzugänglich. Meitingen" — es wurde dem stolzen Zimmern schwer, den' Namen seines einstigen Feindes auszusprechen — „ist erst gestern unverrichteter Sache von Mößkirch zurückgekommen."

„Mich muß er hören. Und dann, ja dann Valet, du böse Welt! Dann schüttele ich den Staub diefes Landes von meinen Füßen und ziehe fort, weit fort in die Ferne, gleich unserm Vater, nach jenem Orte, dahin schon lange meine Sehnsucht drängt. Aber ungleich ihm will ich an der geweihten Stätte, wo das Kreuz meines Erlösers gestanden, im Schatten von Golgatha meine Tage beschließen. Den Theil des väterlichen Erbes, der mir noch gebührt, schenke ich Deinem kleinen Buben: Euch die Güter und der Unfriede, mir der Pilgerstab und der Friede! Doch stehe, da kommt Barbara!"

Hause gehe dahin, die freikonservativen Anträge aus dem Abgeordnetenhause aufzunehmen und noch genauer zu formulieren.

* Durch die Kabinetsordre vom 6. Mai wird der Beschluß bekannt gegeben, die Kandesver- tHeidigmrgskommiskon aufzuheben, während Vor­behalten bleibt, zur Berathung einzelner die Landes- vertheidigung betreffenden Fragen jeweilig besondere Kommissionen zu berufen. Die Kommission hat fast 30 Jahre bestanden. Als die ehemalige Ingenieur- Kommission einging, wurde durch Kabinetsordre vom 23. Dezember 1867 unter dem Präsidium des damaligen Kronprinzen eine „Landesvertheidigungskommission" eingesetzt mit der Aufgabe, zu prüfen, ob und welche neuen Befestigungen im Lande anzulegen seien, resp. welche der bestehenden eingehen könnten. Außerdem wurden ihr auch andere militärische Fragen organi­satorischer und reglementarischer Natur vorgelegt. Ihre Aufträge erhielt die Kommission direkt vom obersten Kriegsherrn, wie sie auch direkt an diesen zu berichten hatte.

* Nicht weniger als 36 Mrolestversammknngen gegen die Vereinsgesetznovelle haben die Berliner Ge­werkschaften zu Mittwoch, den 9. dieses Monats, einberufen.

* „Manern, einigt Guch!“ Ein Mahnruf von Dr. Ratzinger. Unter diesem Titel ist im Verlage der Jos. Kösel'schen Buchhandlung in Kempten eine hochinteressante Broschüre erschienen. Der Verfasser, in landwirthschaftlichen Kreisen bekannt durch seine Anträge für Agrar-Reform im bayerischen Landtage und durch seine Schrift: „Erhaltung des Bauern­standes" (Freiburg bei Herder 1893), richtet einen eindringlichen Mahnruf an alle Landwirthe zur Einigung und zur einheitlichen Wahrnehmung ihrer Interessen. Er begründet die Nothwendigkeit einer obligatorischen Berufsgenossen schäft neben und über freiwilligen Erwerbsgenoffenfchaften. Soll letzteren das große Gebiet des Erwerbslebens über­lassen bleiben, so soll die Wahrnehmung aller öffent­lich-rechtlichen Interessen zu den Aufgaben der obli­gatorischen Verufsgenossenschaft gehören, so namentlich Theilnahme an der Preisbildung der Produkte. Die Preisbestimmung soll von den Produktenbörsen auf die international verbundenen Landesberufsgenossen­schaften übergehen. Zu den Aufgaben der letzteren zählt der Verfasser freie Regelung des Grundschulden- und Versicherungswesens, Fachschulunterricht, Begrün­dung einer allgemeinen Sitte der Schonung des Gutes im Erbaange, einheitliche Vermittlung der Versorgung der Städte, Wahrnehmung der Lebensinteressen der einheimischen Produktion gegen Ausbeutung durch das internationale Handels-Kapital und gegen Verfälschung der Lebensmittel. Der Verfasser belegt seine Aus­führung mit reichem statistifchem Material. Bezüglich des Verhältnisses der Berufsgenossenschast zu den Erwerbsgenossenschaften spricht sich der Verfasser da­hin aus, daß die Berufsgenossenschaft anregend und

Das Fräulein, welches vorhin den Heimgekehrten nur flüchtig hatte begrüßen können, trat aus der Vogtei. Zum erstenmal« feit langer, langer Zeit schwebte ein Lächeln auf ihren Lippen, strahlte ein frohes Licht aus ihren Augen. Liebreich beugte sie sich zu Hans Werner nieder, und das jubelnde Kind mit anmuthiger Bewegung auflüpfend, eilte sie mit ihm den Brüdern entgegen.

„Ich bringe gute Kunde, Johann," rief sie schon von weitem. „Mit Wilhelm ist ein Engel Gottes eingezogen in die Burg. Katharina ist soeben aus dem Schlummer erwacht, das Fieber hat sie verlassen, das Bewußtsein ist wiedergekehrt. Sie verlangt nach Dir und dem Kinde."

„Gott sei Dank!" sagte Wilhelm, die Hände fal­tend, und auch Johannes Brust entrang sich ein erleichterndes Stoßgebet. Schweigend nahm er den Knaben aus Barbaras Armen und schritt den andern voran dem Hause zu, unter dessen Thür Pater Ivo ihn erwartete.

„Die Gefahr ist vorüber, edler Herr, die fromme Frau dem Leben wieder geschenkt gerade wie unser armer Kranker, der heute Mittag den milden Oktober- Sonnenschein im Klostergarten genossen hat."

„Welcher Kranker?" erkundigte sich Wilhelm, als Johann zusammenfahrend und leicht die Stirne run-

unterstützend, durch Rath und Kontrolle einwirken fülle, wodurch es ihr gelingen wird, geübte landwirth- schaftliche Verwaltungselemente zu gewinnen, welche dem Staate heute mangeln. Den Wirkungskreis der Berufsgenossenschaft schildert der Verfasser als Auf­gaben, welche wie Glieder einer Kette zusammenhängen. Dr. Ratzinger appellirt an die Selbstthätigkeit und Initiative des Bauernstandes. Niemand könne dem Bauernstands helfen, wenn er sich nicht selbst zu retten weiß. Ohne die kräftigste Theilnahme aller Bauern in ihren untersten Gliedern, in der landwirth- schastlichen Gemeinde, würde die Berufsgenossenschast eine ebenso unbewegliche Organisation bleiben, wie es der landwirthschaftliche Verein war. Der Verfaffer will die bäuerliche Bewegung auf praktische Ziele lenken. Als nächstes Ziel solle die Bildung einer obligatorischen Berufsgenossenschast und die Aus­gestaltung des freiwilligen Genoffenschaftslebens er­strebt werden zur Verbesserung der Produktion und zur lohnenden Gestaltung des Absatzes. Die Er­reichung der Berufsgenossenschaft soll die Wahlparole bei den kommenden Reichstags- und Landtagswahlen sein. Der billige Preis der Broschüre (60 Pfg., 12 Er. 6,50 Mk., 25 Ex. 12,50 Mk., 50 Ex. 22,50 Mk.) macht dieselbe vorzüglich geeignet zur Massenverbreitung unter dem Landvolke, in dessen Kreisen dieselbe sicher­lich lebhaftes Interesse und Aufsehen erregen wird.

* Ein Berliner Blatt weiß zu melden: Herr v. Gausch beabsichtigt, sein Abschiedsgesuch unter Beifügung eines ärztlichen Gesundheitsattestes über seinen gegenwärtigen krankhaften Zustand einzureichen. Nachdem Herr v. Tausch gestern die Freisprechung im Gerichtssaale entgegen genommen und im Unter­suchungsgefängnisse sein Gepäck empfanaen hatte, wurde er vonl Rittmeister Dietrich v. Kotze, dem Vetter des ehemaligen Ceremonienmeisters, an der Pforte des Untersuchungsgefängnisses erwartet. Herr v. Kotze geleitete hiernach den Freigesprochenen in die Becker'sche Weinhandlung in Alt-Moabit, wo von seinen Freunden der gute Ausgang der Affäre ge­feiert wurde. Herr v. Tausch setzte sich jedoch nicht nieder, sondern nahm ein Glas Sekt, trank es mit einer Verbeugung gegen die Tafelrunde aus und em­pfahl sich sofort. Um seine hochbepackte Droschke — es sah aus, so erzählt ein Augenzeuge, als ob er von einer Badereise heimkehrte — hatten sich inzwischen Hunderte von Menschen versammelt. — Mit dem „Abschiedsgesuch" dürfte es doch nicht so leicht bestellt sein, denn allgemein wird die Erwartung ausgesprochen, daß demnächst ein Disziplinarverfahren gegen v. Tausch eingeleitet werden wird.

* In den deutschen Münzstätten sind im Monat Mai geprägt worden an Doppelkronen 5122440 Mk., Kronen 320000 Mk., Zehnpfennigstücke 62 702,60 Mk., Einpfennigstücke 7674,78 Mk.

* Das König!. P olizeipräsidium in Berlin erläßt folgende Bekanntmachung: Vor einiger Zeit wurde bereits in der Presse gewarnt vor einer

zelnd an dem Mönche vorübergeschritten und mit Bar­bara in das Krankenstübchen getreten war.

„Ein beklagenswerther, unglücklicher Mensch," ver­setzte der Pater. „Ich hätte eigentlich seiner nicht erwähnen sollen; aber Ihr wißt, Herr, wovon das Herz voll ist, fließt der Mund über. Bei dem Brande der Palas wurde ein Gefangener aus dem Verließe befreit, welcher seit Jahren in dem dunklen Loche ge­schmachtet hatte."

„Wie, Johann hat leben und athmen können, indeß in seiner Nähe, nur durch eine Mauer geschieden, ein lebendig Begrabener nach Rettung schrie? Ich erinnere mich jetzt der Sache gewiß, Barbara hatte von dem letzten Willen des Vaters gesprochen und um die Frei­heit des Unglücklichen gebeten. Thor, der ich war, zu glauben, daß auch meinen Brüdern ein solches Wort heilig sein müsse! Wessen bezichtigt man den armen Schächer?"

„Er soll ein Goldmacher, ein Zauberer gewesen sein. Aber Ihr wißt, edler Herr, Unglaube und Aberglaube gehen nur zu ost Hand in Hand. Mög­lich, daß er in früheren Jahren auf verbotenem Wege die geheimnißvoll wirkenden Kräfte der Natur zu er­forschen gesucht hat, aber das würde schwerlich die Rache des Zimmerischen Löwen auf ihn herabgezogen haben. Nach der Aussage des Thorwartes und des