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Dienstag, den 8. Juni 1897.

mit UnterhaLtrrngs-KeUage „Sterne und Klumen"

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher AbonnementsvreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Psennia Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzcile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

LLDie Preßverhältnisse im Lichte des Prozesses Tausch-Lützow.

Durch die Enthüllungen in dem Prozesse Leckert- Lützow und dem Prozesse Tausch-Lützow ist die Polizei schwer bloßgestellt worden. Aber auch mehrere saule Punkte im Bilde der Presse sind in ein grelles Licht gesetzt worden.

Die Polizei ist eine Einrichtung, die von Staats­wegen reformirt werden kann, sobald nur die rechte Erkenntniß und der ernste Wille an den maßgebenden Stellen zum Durchbruch kommt. Bis jetzt freilich sehen wir noch keine Anzeichen, daß es zu einer gründlichen Reform kommen wird.

Die Presse ist kein staatliches Gebilde, sondern eine urwüchsige Pflanze. Genauer gesagt, ein Gewirr von höchst verschieden gearteten Pflanzen, guten und bösen, schönen und häßlichen, großen und kleinen. Es gibt keine Instanz, welche die Presse diszipliniren und umgestalten kann, als nur der Geschmack des Publikums. Die ernst strebenden Männer von der Presse vermögen nichts auszurichten gegen die Nor- mann-Schumann, Leckert, Lützow, Tausch rc., so lange das Publikum oder ein erheblicher Theil des Publi­kums Gefallen findet an den „sensationellen Meldun­gen", worin diese Fälscher der öffentlichen Meinung sich auszeichnen.

Es ist eine Schande, daß ehrlose Polizeispione, unreife Burschen und intrigante Polizei-Kommissare eine so große Rolle in der Presse spielen können, wie es sich in dem Prozesse gezeigt hat. Aber mit Recht kann man sagen: Das Publikum hat diejenige Presse und diejenigen Journalisten, welche es verdient. Wenn weite Kreise des Volkes von einer krankhaften Neuigkeitssucht befallen sind, für nichts Anderes mehr Sinn haben, als für „Nachrichten", welche die Nerven kitzeln und alle Neuigkeiten, die ihnen gedruckt vor die Augen kommen, ohne vernünftige Prüfung und Sichtung heißhungrig verschlingen, dann blüht natürlich der Weizen derjenigen Journalisten, welche nichts gelernt haben, aber zu schnüffeln und im Be­darfsfälle zu erdichten verstehen. Dann finden sich auch sofort die Hinterlistigen ein, welche „Nach­richten lanziren", durch welche unten oder oben „Stim­mung" gemacht werden soll. Bei dieser Art von „Sensationspresse" sind Polizeispione als Neuigkeits- Lieferanten und Polizei-Kommissare als Einbläser der Federhelden sehr am Platze. Geistesarmuth und Schurkerei können da ein treffliches Kompagnie- Geschäft machen.

Der gelehrteste, erfahrenste und geschickteste Ver­fasser eines hochpolitischen Leitartikels kann längst nicht so viel Einwirkung auf die Gedanken und Gefühle der Massen gewinnen, als der grüne Jüngling Leckert, der die erdichtete „Nachricht" von der Entstehung des Breslauer Kaisertoastes in die Welt setzte. Mit den durchschlagendsten undberedtetsten sachlichen Aussührun- gen bringt man keine Ministerkrisis in Gang; aber

«i Hit jtimmttn Mit MildkOtin.

Eine Erzählung aus dem Donauthal von Antonie Jüngst 27 ------ (Nachdruck verboten.)

14.

„Ich wiederhole, es war die gerechte Strafe des Himmels, die Dich getroffen. „Mein ist die Rache," fpricht der Herr, und das Schwert, welches der Haß­ergrimmte seiner Hand entwindet, kehrt sich gegen ihn selber."

Der also Redende war Wilhelm von Zimmern, der auf der Heimfahrt von Loreto von den Schreckens­mären ereilt worden. Die Kunde von der Ermordung des unglücklichen Grafen Andreas, von der Mit- wiffenschaft, deren man seinen Bruder bezichtigte, von dem Brande der väterlicheu Burg und, der surcht- baren Gesahr des einzigen Erben hatte den frommen Waller nicht rasten lassen auf seinem Wege. Ohne Aufenthalt war er mach dem Wildenstein geritten und stand nun neben Herrn Johann vor den ausgebrannten Mauern der einst so stolzen Palas.

„Häufe nicht auch Du noch mehr der Vorwürfe auf mein unseliges Haupt," bat der Schloßherr klein­laut. „Ich habe schon genug an meiner Last zu tragen. Noch immer liegt mein armes Weib —" er deutete mit der Hand nach der Vogtei, vor deren

durch ein sensationelles Neuigkeits - Telegramm lassen sich Minister aneinanderhetzen und Krisen herbeiführen.

_ Das große Publikum kennt von den Preßverhält- niffen äußerst wenig, die Prozeßverhandlungen liest aber jeder, und nun ist jeder geneigt, sich einzubilden, er kenne die Presse und die Journalisten, um sein Urtheil nach den Exemplaren zu formuliren, die da ausgetreten sind in wenig rühmlicher Rolle. Stellte man sich bisher unter den Journalisten vielleicht noch den eifrigen Reporter vor, der aufdringlich nach Neuigkeiten jagt, Lappalien zu großen Ereignissen aufzubauschen sucht, so hat man ihn in den Prozessen als ein sehr bedenkliches Subjekt „erkannt". Der Journalist ist darnach ein Mensch, der vor allem nach Sensation hascht, alles, was man ihm anver­traut, sofort in die Zeitungen bringt, womöglich ent­stellt und übertrieben, im Falle des Mangels an Thatsachen sich die verwegensten Nachrichten aus den Fingern saugt, der Polizei Spionendienste leistet, Ueberzeugung nicht kennt, „sondern bald so, bald so" schreibt, wie's trifft, d. h. wie am besten Geld her­auszuschlagen ist, vor Urkundenfälschung und anderen Strafthaten nicht zurückschreckt, kurz ein Mensch, dem man am besten aus dem Wege geht. So präsentiren sich dem Publikum die v. Lützow, Leckert, Nor- mann-Schumann als Vertreter der Presse; sogar unter den Zeugen finden sich Exemplare, die das Ansehen der Presse in weiten Kreisen nicht heben werden, und zwar denken wir da nicht blos an einen Gingold-Staerk oder an den wunderlichen Herrn Sebald, dessen Geistesverfassung vor Gericht ange­zweifelt wurde, sondern auch an einige andere Sen­sationsjournalisten, die den Typus derer vertreten, denen man kein Geheimniß anvertrauen und keine Mittheilung machen darf, die sich journalistisch ver- werthen läßt.

Weite Kreise des Publikums sind ohnehin schon geneigt, mit einiger Verachtung auf die Presfe und ihre Vertreter herabzusehen, d. h. nicht wenn man von ihr lobend erwähnt wird und wäre es auch nur als Vorstandsmitglied dieses oder jenes über­flüssigen Vereins, sondern dann, wenn in der Presse etwas gesagt wird, was man nicht gern hört. Die Tausch-Prozesse werden diese Neigung vergrößern. 9hin muß aber doch mit allem Nachdruck betont werden, daß die in den Kreisen der Urtheilsfähigen angesehene Presse nicht im Geringsten kompro- mittirt ist. Kein einziges geachtetes Berliner oder auswärtiges Blatt spielt in den Prozessen eine aktive oder passive Rolle; kein namhafter Vertreter der Presse ist blosgestellt. All das ungünstige Licht, das die Prozesse auf die Journalistik geworfen haben, kon- zentrirte sich auf die Blätter, die in politisch urtheils­fähigen Kreisen gar kein Ansehen genießen und gar nicht beachtet werden. Allerdings sind es auch gerade die Blätter, die das Publikum zu seiner Lieblingslektüre erkoren hat. Es sind die Blätter, die weniger auf die Belehrung ihrer Leser ausgehen, Thür der kleine Hans Werner im Sande wühlte — „von den Banden des Fiebers gefangen, rast in wilden Phantasien und ruft in den kläglichsten Tönen nach ihrem Kinde, das von der Feuersgluth verzehrt werde."

„Aber die ärgste Wucht des Fiebers ist gebrochen. Pater Ivo hofft, daß die Krisis in Bälde eintrete, wie Barbara mir sagte."

„Hoffen, hoffen, immer hoffen, aber niemals Sicherheit, niemals Gewißheit. So oft ich dem Krankenzimmer mich nahe, fürchte ich, das Schlimmste zu hören. Einzutreten wage ich nicht mehr, da meine Anwesenheit die Raserei der Unglücklichen nur steigert. Katharina sieht ja in mir den einzigen Urheber all' des Elends," fügte der Burgherr mit ausbrechender Bitterkeit hinzu.

„Schlage an Deine Brust, Johann, und sage: mea culpa! mea culpa! Hättest Du Dich nicht hin­reißen lassen von unberechtigtem Eigensinn, von ver­stocktem Haß: Andreas von Sonnenberg lebte noch. Du wärest nicht zum Helfershelfer seines Mordes, Dein langjähriger Rottenführer nicht zum Brandstifter geworden. Der unselige Godehard! Hast Du nichts wieder von ihm gehört?"

„Man fand den Schurken mit abgestürztem Genick zwischen den Felsenklippen. Der Sack voll kostbarer

als auf „Sensation". Möglichst interessante, auf­regende, pikante Nachrichten bringen, am liebsten, ehe sie noch passirt sind, das Unbedeutendste aufbauschen, politisch aber die Leser versimpeln, das ist das einzige Bestreben dieser Blätter, denn auf diese Weise läßt sich dem lieben Publikum das meiste Geld aus der Tasche jagen. Die v. Lützow, Normann- Schumann, Leckert rc. wurden von allen anständigen Blättern abgewimmelt, nur die Presse, die das liebe Publikum in sein Herz geschlossen hat, ließ sich willig herbei, die Erzeugnisse dieser Herren ihren Lesern vorzusetzen und munterte die wackern „Gewährs­männer" gar noch auf, um den Quartalswechsel herum ganz etwas Besonderes zu bringen, damit die dummen Abonnenten wieder für drei Monate eingefangen würden.

Arbeitet die von den unwürdigen und unfähigen, bei keinem anständigen Blatte Unterkommen findenden Auch-Journalisten bediente Sensationspresse daran, Geschmack und Urtheil des Publikums zu verderben, so fragt sich doch noch sehr, wen der größere Theil der Schuld trifft: die Presse, die ihr Publikum ver­simpelt, oder das Publikum, das diese Versimpel­ungspresse unterstützt und am Leben erhält. Gäbe es kein Publikum, das die großen „General- Anzeiger" und die sonstigen miserablen, charakter­losen Blätter mit Abonnement und Inseraten fett macht, fo wären auch Journalisten vom Schlage der Leckert-Lützow rc. unmöglich, denn sie müßten mit den industriellen Verlegern dieser Blätter ver­hungern. Alle die Reklamen mit hohen Abonnenten­zahlen, die diese Blätter loslassen, um zu den alten Gimpeln neue zu fangen, sind eben so viele blu­tige Verhöhnungen der Dummheit ihrer „geehrten Abonnenten."

Wenn das Publikum doch noch so viel Urtheil hätte, um aus den Enthüllungen dieser Prozesse zweiNutzanwendungen zu ziehen. Erstens die, daß man den sensationellen Meldungen nicht glauben darf, da sie mehr Dichtung als Wahrheit bringen. Die Neuigkeitskrämerei muß zu schwindelhaften Hilf-- mitteln greifen, weil die Wahrheit oft zu dürftig und zu langweilig ist. Zweitens aber, und das ist die Hauptsache, muß man sich bewußt bleiben, daß hin­ter diesen packenden Neuigkeiten häufig noch etwas Schlimmeres steckt, als die Phantasie eines hungrigen Reporters, nämlich die Hinterlist des Einbläsers, der mit den „Neuigkeiten" seinen verdächtigen Zweck verfolgt. Es handelt sich da also nicht bloß um harmlose Jrrthümer oder phantastische Lücken­büßer, sondern um Lügen und wahrhaftes Gift. Der Ausdruck „Brunnenvergiftung" paßt wahrlich auf dieses Treiben nur zu gut. Ob der Herausgeber des „interessanten" Blattes oder der sog. „Korre­spondent" ihre Unschuld betheuern, macht nichts aus; auf der Jagd nach Neuigkeiten gerathen sie bewußt oder unbewußt in die Abhängigkeit von den „Wissen-

Geräthe, die er in der Eile zusammengerafft, ist ihm auf dem (teilen Pfade wohl zu schwer geworden und hat ihn im Dunkel der Nacht hinabgerissen in die Tiefe."

„Gott sei feiner Seele gnädig!" murmelte Wil­helm von Zimmern und bekreuzte sich. Dann aber den Arm des Bruders ergreifend und auf das spielende Knäblein deutend, fuhr er wärmer fort: „Gott ist Dir dennoch gnädig gewesen über alles Verstehen und Verdienen, Johann! Dein Kind errettet vor dem furchtbaren Tode in den Flammen! vor einem Schicksale, das auszudenken die Phantasie sich sträubt! Der wackere Meitingen! Wie drängt es mich, ihn in meine Arme zu schließen, ihn als Bruder will­kommen zu heißen! Seine Minne ist echt und treu und ihres Lohnes werth. Was hast Du über ihn und Barbara beschlossen?"

„Kann ich denn anders als meine Einwilligung geben zu ihrem Bunde? Kann ich dem Retter meines Kindes die Hand meiner Schwester versagen?" Der Ritter lachte höhnisch auf. „Getroffen, geschlagen, aus all' meinen Stellungen verdrängt, kaum noch Herr in meiner eigenen Veste: bin ich Dir da gedeh- müthigt genug. Du strenger Bußprediger des Herrn?"

Wilhelm schüttelte das Haupt.

„Nicht so, Johann. Wohl hat die Hand des