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M 127 Samstag, den 5. Juni 1897 24. Jahrgang

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mit Unterhalturrgs-KeUage „Sterne uns Ktnmen".

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△ Pfingsten.

Der hl. Geist kam am Pfingstfeste auf die Jünger herab in Gestalt feuriger Zungen, und diesem Sinn­bilde entsprechend wirkte er alsbald in ihnen. Beim Thurmbau zu Babel war die Sprache der Menschen verwirrt worden, so daß sie einander nicht mehr ver­standen. Beim Pfingstfeste in Jerusalem hörten alle dort Versammelten die Jünger in ihrer Sprache reden, wiewohl die Jünger nur Galiläisch gelernt hatten und die Zuhörer aus den verschiedensten Ländern waren. So war das Pfingstwunder das Gegen­stück zu der.Sprachenverwirrung. Hochmuth und Frevel gegen Gott hatten die Einheit der Sprache zerstört, der demüthige Gehorsam des Gottessohnes hat es dagegen bewirkt, daß die Angehörigen der verschiedensten Sprachen die Apostel in ihrer Sprache die Großthaten Gottes verkünden hörten.

Die Sprachengabe ist nun freilich nicht allgemein und dauernd bei der Kirche in der Weife verblieben, wie sie am ersten Pfingstfeste so wunderbar gewirkt wurde und wirkte. Aber das Wichtigere ist geblieben: die Menschen haben sich einander wieder verstehen gelernt. Vor Eintritt des Christenthums in die Welt betrachtete jedes Volk das andere als den Feind, den man verfolgen, unterdrücken und aussaugen dürfe; für die Griechen und Römer waren alle anderen Nationen Barbaren. Die vom heil. Geiste geleitete Kirche hat die Menschheit gelehrt, sich als ein großes und gleichberechtigtes Volk Gottes zu betrachten, in dem die einzelnen Stämme und Nationen alle den­selben Anspruch auf Liebe und Gerechtigkeit haben. Allerdings hat auch das Christenthum Kriege und Unterdrückung des einen Volkes durch das andere nicht zu verhindern vermocht, weil die Menschen immer Menschen bleiben. Aber das Ideal des Christen- lhums ist die allgemeine Völkerverbrüderung. Damit ist Vaterlandsliebe sehr wohl vereinbar, und nichts ist ungereimter, als wenn man uns „Ultramon­tanen" Mangel an Patriotismus vorwirft. Wie man Eltern, Geschwister, Kinder ec. inniger liebt, als die ferner stehenden Menschen, dabei aber doch diese eben­falls, wie das Gebot Christi vorschreibt, lieben kann, so kann man auch sein Vaterland lieben, und so thun wir es, ohne dabei in einen Chauvinismus zu ver­fallen, der das eigene Land und Volk renommistisch über all' Anderem erhebt, nur daheim Gutes sieht und den Haß gegen alles Fremde schürt. Die lieber« treibung des Patriotismus ist unchristlich, schon weil sie ein Unrecht gegen Andere in sich schließt, und wenn nun gar hinter diesem Patriotismus sich sehr häß­liche Nebenabsichten nothdürftig verbergen, wie es z. B. meistens bei den Deutschrhümlern der Fall ist, welche bei uns gegen die polnischen Mitbürger Hetzen, so können wir das nun und nimmermehr vereinbaren mit dem Geiste, der die Völker aller Zungen in der Einheit der Liebe versammelt hat.

Im Heidenthum verstanden sich übrigens nicht einmal die eigenen Volksgenossen, weil sie die Liebe, die Charitas, nicht kannten. Sogar die besseren Geister unter den Griechen und Römern, Philosophen, Dichter und Redner, hatten für die Armuth nur wegwerfende Worte. Man kannte kein Mitleid für Arme, Kranke, Schwache, Sklaven, man sorgte nicht sür sie, sondern empfand nur Eckel und Verachtung ihnen gegenüber: von Recht und Gerechtigkeit ist schon gar nicht die Rede. Die Arbeit galt dem größten Denker als un­ehrenhaft. Erst mit dem Christenthum, hat sich da eine Wendung vollzogen. Der Herr selbst hat die Arbeit durch sein Beispiel geheiligt und die Armen selig gepriesen, und der heilige Geist hat sich von Anfang an als Pater pauperum, als Vater der Armen erwiefen. Schon die ersten Christen übten eine aus­gedehnte Armenpflege und der Sklave galt ihnen so gut als Bruder wie der Reiche und Mächtige.

Als „Zungen wie Feuer" ließ sich der heilige Geistauf die Jünger nieder. Das Feuer leuchtet und es wärmt. Die eine Thätigkeit hat der heilige Geist in der Kirche entfaltet, indem er sie alle Wahrheit lehrte.

die andere, indem er durch die Liebe das Antlitz der Erde erneuerte. Wir brauchen nicht aufzuzählen, was die Kirche im Laufe der Jahrhunderte gethan hat, um durch Werke der Liebe die Menschen mit einander zu verknüpfen. Die heutige Zeit weist einen großen Riß zwischen den verschiedenen sozialen Klassen auf; man hat sogar von den Arbeitenden und den Besitzenden als von zwei verschiedenen Nationen gesprochen, die sich gegenseitig nicht mehr verstehen. Wir sehen aber auch ein erfreuliches Streben auf allen Seiten, die Klüfte zu schließen, in Werken der Liebe und Gerechtig­keit eine allen gleich verständige Sprache des heiligen Geistes zu sprechen. An erster Stelle arbeiten an diesem Werke die gläubigen Christen; die Katholiken sind in der sozialen Thätigkeit allen voraus. Ja mag auch der Abfall vom Christenthum noch so groß sein, mögen die Vorkämpfer sozialer Reformen zum guten Theile dem Glauben entfremdet sein, der Gedanke der Sozialreform selbst ist und bleibt ein durch und durch christlicher. Wir haben darin immer noch das Wirken des heiligen Geistes zu erkennen, der vor bald zweitausend Jahren das Wunder wirkte, daß die sich verstanden, die ganz verschiedene Sprachen redeten. Als durchaus unchristlich müssen wir dagegen die Bestrebungen bezeichnen, die gegenwärtig wieder stark hervortreten: mit Gewalt und Unterdrückung die Stimmen zum Schweigen zu bringen, die man nicht verstehen mag.

Die Hauptsache ist, daß jeder bei sich die Sprachengabe des heiligen Geistes wirksam werden läßt. Nicht jeder hat die Aufgabe, für den Völker­frieden zu sorgen oder die soziale Frage zu lösen. Wohl aber soll jeder in seinem engeren Kreise, zunächst und vor allem im Kreise seiner Familie und dann in dem seiner Bekanntschaft den Geist der alles ver­stehenden und allen verständlichen Liebe bethätigen. Eine ernste Prüfung wird wohl jedem sagen, daß da noch manches zu wünschen bleibt. Wir hätten aber allen Krieg und Streit auf Erden nicht, wenn jeder an seinem Platze seine Schuldigkeit thäte. Wird auch die Einheit der Sprache der Menschheit wohl nicht zurückgegeben werden, so kann und soll sie doch in der Sprache des heiligen Geistes, das ist die werk- thätige Liebe, die Großthaten Gottes verkünden, wie es die Jünger am Pfingstfeste zu Jerusalem mit wunderbarer Sprachengabe thaten.

s» Bit Simmern von Milötnltein.

Eine Erzählung aus dem Donauthal von Antonie Jüngst 26 ------ (Nachdruck verboten.)

Johann von Zimmern, der in lähmender Todes­starrheit neben dem Abte stand und seine Hand wie hilfesuchend in dessen Gewand gekrallt hatte, stöhnte laut auf. Wie ein Blitz fchoß ihm die Erinnerung an fein frevelndes Wort durch den Sinn, daß ein Meitingen nimmer seine Schwelle betreten solle, es sei denn, bet Wildenstein thne ihm selber seine Pforten auf. Jetzt waren die Thore der Burg weit geöffnet für Freund und Feind, die Herrlichkeit des Palas (so hieß der große Festsaal der alten Burgen), daran Geschlechter gebaut und verschönt, war dahin, der mächtige Rittersaal, die stolzen Gemächer sanken in Asche zusammen — und da nahte sein bestgehaßter Gegner, den größten Schatz der Zimmern, das einzige frisch sprossende Reis des alten Stammes in den Armen!

„Gott segne Euch, mein Sohn!" sagte der Abt, dem Schwankenden die Bürde abnehmend. „Ihr seid ein wackerer Mann, ein rechter Edelmann."

Lachend, schluchzend, kaum selber wissend, was sie that, drängte sich nun auch Barbara heran und um­fing trotz dem Bruder und den Zuschauern den Ge­liebten mit beiden Armen.

„O, Wilhelm, wenn Du darin geblieben wärest! Wenn das Feuer Dich verschlungen hätte!" klagte sie schaudernd.

„Ich wußte, Gott und seine Engel würden mich geleiten. Und Du betetest ja für mich, mein süßes Sieb."

„Ich habe nicht gebetet," sagte Barbara, den Kopf schüttelnd. „Ich habe nicht einmal an Gott ge­dacht in diesen furchtbaren Augenblicken."

„Leiden und schweigen ist auch Gebet," lächelte Pater Ivo, der unvermerkt herzugetreten war. „Aber

jetzt thätet Ihr wohl, den Ritter mir folgen zu lassen in die Stube des Vogtes. — Die Wunde dort auf Eurer Wange, Herr Wilhelm, sollte nicht länger der rauhen Nachtluft ausgesetzt sein."

„Du bist verwundet?" fragte Barbara erschreckt, erst jetzt den blutigen Streifen auf dem Antlitz des Geliebten bemerkend.

„Nur eine Schramme," beschwichtigte dieser. „Ein Pfosten war mir im Wege; ehe ich mich dessen ver­sehen, hatte er mir die Wange aufgerissen."

„Kommt ins Haus, edler Herr; auch die Brand­flecken an Euren Händen bedürfen der Pflege. Hier braucht man Euren Arm nicht mehr. Die Wuth des Feuers ist erschöpft, fernere Nahrung ihm abgeschnitten. Es läßt sich nun leicht durch die vereinte Kraft der Schloßmannschaft und der Klosterbrüder auf die ohne­hin verlorenen Gebäude beschränken. Frau Katharina ist auch hinübergebracht mitsammt dem Büblein. Die Arme liegt noch in tiefer Ohnmacht und weiß nicht, daß ihr Kind gerettet ist."

„Wie fandest Du den Knaben?" erkundigte sich Barbara, während sie dem äußeren Thore zuschritten. „Wie war es Dir möglich, in dem brennenden Hause den rechten Weg einzuschlagen?"

„Die Magd war zum Söller gelaufen und hatte bei ihrer Rückkehr das Kind nicht mehr getroffen, folglich mußte es in umgekehrter Richtung sich ent­fernt haben. Ich eilte an zwei, drei Gemächern, in denen ein undurchdringliches Feuermeer lohte, vor­über. Auf der Schwelle des vierten, ein Gaukel- männlein in der Hand, lag der Kleine regungslos, betäubt von dem erstickenden Qualme. Augenscheinlich hatte das Wort der Magd, ihre beste Habe retten zu wollen, auch ihn veranlaßt, in den Saal zurückzu­kehren und das vergessene Spielzeug zu holen. Wie ich den Knaben aufgehoben und mit ihm den Aus­gang gewonnen habe durch Rauch und Flamme hin­durch : ich weiß es nicht, Gott hat mich geleitet. Ihm sei Lob und Dank!"

„Amen," sagte Pater Ivo, und Barbara flüsterte: „Ich will ihm danken jeden Tag und jede Stunde. Mein ganzes künftiges Leben soll nur ein Lobgesang sein. Aber," sie zögerte vor der niederen Thür der unberührt gebliebenen Vogtei, „wo ist mein Bruder, Pater Ivo?"

„Herr Johann sitzt mit dem hochwürdigen Vater Abt auf dem Bänklein an der Brücke. Dem edlen Ritter war so schwach geworden, daß er zu Boden gesunken wäre, wenn der Schloßhauptmann ihn nicht aufgefangen und nach dem sicheren Platze ge­leitet hätte."

Barbara's Blick folgte der angedeuteten Richtung, bevor sie mit dem Geliebten in das heimelige Stübchen des Vogtes trat.

Auf der steinernen Bank, welche sonst der Wach­mannschaft zur sommerlichen Abendrast diente, saß Johann von Zimmern bleich und schreckverstört und lauschte den Worten des Abtes, der eifrig in ihn hineinsprach. Am anderen Ende der Bank lauerte der Gefangene in sich zusammengesunken und unver­ständliche Redensarten vor sich hin murmelnd. Zu­weilen hob er das Haupt und starrte in die roth- flammende Gluth, aber die des Lichtes entwöhnten Augen senkten sich alsbald wieder.

„Und selbst wenn es wahr ist, edler Herr, daß der Unselige sich dem Teufel verschrieben hat und allerlei schwarzer Künste wissend gewesen — Ihr, und vor Euch Euer Vater, hattet doch kein Recht, ihn hier auf dem Wildenstein gefangen zu halten," schloß der Abt seine ernste Mahnung. „Er hätte der Kirche und ihrem Strafgerichte gehört. Schenkt mir jetzt noch den Rest seines elenden Lebens!"

„Es war seine Schuld, daß in der Fehde mit den Stumpf und Spät das Unglück sich an die Fersen meines Vaters heftete," widersprach Johann. „Hätte er nicht mit seinen Teufelssprüchen die Waffen unserer Gegner gefeit, nimmer wäre Zimmern ihnen unterlegen."

„Zimmern von Wildenstein!" murmelte der Ge­fangene. „Hütet euch vor dem grimmenden Löwen! Was feine Pranke saßt, läßt sie nimmer wieder los. Schlimmer als Tod ist Zimmerns Rache."

„Gott hat heute ein Wunder der Gnade an Euch gewirkt, Herr Johann," fuhr der Abt dringlicher