M 126 Freitag, den 4. Juni 1897 24. Jahrgang
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K- Der Prozeß v. Tausch
geht feinem Ende entgegen. Am Mittwoch wurde das Zeugenverhör geschlossen, am Donnerstag folgten die Playdoyers und heule wird wohl das Nrtheil gesprochen werden. Wie es ausfallen wird, steht dahin; das ist Sache der Geschworenen, die ohne Zweifel nach bestem Wissen und Gewissen urtheilen werden. Wer nun die Berichte gelesen hat, wird vielleicht keinen ausreichenden Grund zum Schuldigspruch finden. Es dreht sich bekanntlich darum, ob v. Tausch politische Artikel in die Zeitungen gebracht und einen Meineid geleistet habe, indem er dies in dem Leckert-Lützow- Prozeß bestritt. Das Belastungsmaterial, das die anderthalbwöchige Verhandlung zu Tage gefördert hat, ist jedenfalls äußerst geringfügig, und wer die Berichte verfolgt hat, wird wohl stark enttäuscht fein, daß der Prozeß so wenig Neues, geschweige denn Sensationelles bietet. Obwohl drei Minister und ein Polizeipräsident als Zeuge auftraten, wurde man in der Hauptsache nicht klüger, als man aus dem früheren Prozeß geworden war. Das Neue von Interesse, das da vorgebracht wurde, hatte mit der Anklage wenig zu thun, so daß mit Recht der -Vorsitzende nach Beendigung einer längeren Zeugenaussage wieder und wieder darauf hinwies, daß alles das den Angeklagten nicht eigentlich belaste. Nur die Aussagen des Dr. Levysohn am,Berl. Tageblatt, dem v. Tausch gesagt haben soll, Leckert werde im Auswärtigen Amte empfangen, und des Bismarck-Journalisten Krämer, dem v. Tausch Mittheilungen über das Befinden des Kaisers gemacht hat, waren für den Angeklagten bedenklich; aber das Zeugniß des ersteren wurde in feiner Nachtheiligkeit für Tausch durch andere Aussagen und die schließliche Unsicherheit Levysohns abgeschwächt; die Mittheilungen an Krämer sind nur aus Befragen erfolgt, nicht hat v. Tausch bekundet, er wünsche die Verbreitung in der Presse. Ueberhaupt hat fein Zeuge direkt und bestimmt bekundet, v. Tausch habe ihm politische Dinge mitge- theilt, damit sie in die Presse gebracht wurden. Noch weniger ist irgend etwas von Jntriguen Tausch nachgewiesen.
Damit ist freilich keineswegs gesagt, daß er das Bestrittene doch gethan habe, aber es muß ihm eben bewiesen werden, und das hat seine Schwierigkeiten gehabt. Vielleicht war es sein Glück, daß der Mann, der das Meiste hätte bekunden können, Normann- Schumann, nicht zur Stelle war. Dem größten Diebe ist es wieder einmal gelungen, dem Galgen rechtzeitig zu entgehen. Er gab den Sozialdemokraten Winke und schrieb im Sinne der Bismarckfreunde, er bediente gleichzeitig zu ihrer Zufriedenheit Antisemiten und Judenfreunde; in ausländische Blätter schrieb er die schwersten Majestätsbeleidigungen und beschuldigte aber bei seinen Brodgebern Unschuldige der Thäter- schaft. Die bösen Artikel, nach deren Urheber die Polizei forschen sollte, hatte er meist selbst geschrieben.
«L Die Mnmn von Wdeustein.
Eine Erzählung aus dem Donauthal von Antonie Jüngst 25 ------ (Nachdruck verboten.)
13.
„Barbara!" — „Wilhelm!"
Das waren die einzigen Worte, welche die beiden Liebenden tauschten, als sie in dem von grellem Feuerschein beleuchteten Hofe aufeinander trafen. Der tiefe, minnigliche Blick jedoch, mit dem Auge in Auge tauchte, der warme, feste Druck, mit dem für eines Herzschlags Weile Hand in Hand ruhte, sagte mehr als tausend Worte. Dann wandte Herr Wilhelm mit kühler Entschlossenheit den Rettungsarbeiten sich zu, befahl und ordnete an, als ob er der gebietende Herr auf der Veste fei, und der Schloßhauptmann wie seine Leute folgten ihm willig.
Johann von Zimmern sah es mit wachsendem Un- mulh und ballte in machtlosem Zorne die Faust, aber er wagte, wie vorhin bei Barbara, auch hier keinen Einspruch. Plötzlich eilte Barbara mit allen Zeichen des Schreckens auf den Bruder zu.
„Johann, im Verließ ist noch ein Gefangener. Soll der Unglückliche dort unten elend umkommen?"
„Mag er doch!" murrte der Ritter. „Der Zauberer hat nichts Besseres verdient als den Holzstoß."
und dann machte man diesen Bock auch noch zum Gärtner, indem man ihn mit der Ermittelung der Verfaffer beauftragte. Dieser geriebene Erzschuft muß die Polizei gründlich betrogen haben. Geradezu unbegreiflich ist, wie die Polizei ihn gewähren lasten und immer benutzen konnte, wiewohl sie doch hin und wieder hinter seine Schuftereien kam.
Dies Angebot der geheimen Polizei und ihrer Agenten ist überhaupt ein sehr faules Ding. Nach den Ergebnissen des Prozesses muß man annehmen, daß die Polizei ihren Agenten Strafthaten hingehen läßt, um nicht ihres ferneren Dienstes verlustig zu gehen und sich bei den Agenten um jedes Vertrauen zu bringen. Polizeipräsident v. Windheim soll auf seiner Rundreise zum Studium der fremden Polizei keinen rechten Grund zu Reformen der Berliner Polizei gefunden haben. Darüber kann man nur den Kopf schütteln. Wieweit v. Tausch die journalistische Thätig- keit des Normann-Schumann unterstützt hat, ist ganz im Dunkeln geblieben. Bewiesen ist ihm nichts, denn alle Zeugen, die mit Normann-Schumann verkehrt hatten, sagten aus, dieser habe ihnen niemals mit« getheilt, daß er seine Nachrichten von Tausch habe, oder dieser die Verbreitung wünsche. -Vielleicht ist v. Tausch durch seine Agenten ebenso über's Ohr gehauen worden wie zahlreiche andere Leute. Ganz in Ordnung war sein Verhältniß zu Normann- Schumann offenbar nicht, wie auch verschiedenes andere, namentlich in Geldsachen, bei ihm nicht in Ordnung war, aber das hat alles mit der Anklage nichts zu thun.
Als Staatssekretär Frhr. v. Marschall den Prozeß gegen Leckert und v. Lützow anftrengte, war es ihm um den Nachweis zu thun, daß die Anschuldigungen von Jntriguen des Auswärtigen Amtes aus der Luft gegriffen feien. Der Nachweis ist ihm vollkommen gelungen; nicht das Mindeste liegt gegen das Auswärtige Amt vor. Wenn aber der Staatssekretär zugleich beabsichtigte, auch den „Hintermännern" auf die Spur zu kommen, so ist das nicht gelungen, allein er hat ja auch selbst erklärt, er glaube gar nicht an die Existenz der „Hintermänner". Anscheinend hat er den Herrn v. Tausch im Verdacht gehabt,, die Treibereien zu veranlassen oder zu begünstigen. Dafür ist, wie gefagt, in diesem Prozeß kein genügender Beweis geliefert worden und anscheinend hat auch der Staatssekretär inzwischen seinen Verdacht fallen lassen. Nach dem Leckert-Lützow-Prozesse fiel die Bismarck- und Frondeur-Presse über ihn her, weil er den Prozeß infcenirt hatte und die Beamtenhierarchie bloßgestellt habe. Unseres Erachtens that er ganz recht, sich so seiner Haut zu wehren, wenn es ihm auf anderer Weise nicht möglich war. Wie es eigentlich zuging, daß zwischen den verschiedenen Ressorts die Sache nicht im Stillen beigelegt werden konnte, ist freilich auch jetzt noch nicht klargestellt.
Nunmehr wird es wohl wieder über den Staatssekretär hergehen. Er hat heute einen längeren, wie
„Aber er ist ein Mensch, ein Christ!" flehte Barbara und streckte bittend ihre Hände aus.
„Bei Gott, wir haben den alten Storemund vergessen!" rief nun -auch Karlin Pfeifer herzutretend. „Aber es ist noch nicht zu spät. Die vordere Halle ist bislang verschont geblieben. Gebt den Schlüssel, edler Herr!"
„Den Schlüssel! Den Schlüssel!" hieß es v»n allen Seiten.
„Johann, erbarme Dich des Unglücklichen!" bat Frau Katharina, die kleine Armgard wie beschwörend emporhebend.
„Wie, es steckt noch Jemand im Verließe?" fragte Wilhelm von Meitingen entsetzt und ließ den Lösch- eimer, den er mit sicherer Hand geführt hatte, zur Erde gleiten.
Herr Johann that, als ob er die Frage nicht gehört habe, zog aber doch den Schlüssel hervor und reichte ihn dem Schloßhauptmann. Während dieser mit zwei Knechten in die noch unversehrte Halle eilte, den Gefangenen zu befreien, wandte Barbara sich an die Schwägerin und sagte:
„Wem hast Du den Hans anvertraut, Katharin?" Ich sehe den Buben nirgends."
„Elsbeth, meiner Kammermagd, sie folgte uns mit dem Kinde auf dem Fuße."
es heißt, zweimonatlichen Urlaub angetreten. Es wird wohl nicht ausbleiben, daß man den Urlaub mit dem Prozeß in Verbindung bringt und als Anzeichen feines bevorstehenden Rücktritts ausgibt, zumal da am Dienstag der Kaiser die Parade dringender Staatsgeschäfte wegen abgebrochen haben soll und nach derselben Herrn v. Marschall empfing.
Auf die Kenntniß der „Hintermänner", nach denen so viel gefragt worden ist, wird man wohl enbgiltig verzichten müssen, falls es überhaupt Hintermänner gibt. Dem Fürsten Bismarck hat der Leiter des literarischen Bureaus im Auswärtigen Amte das Zeugniß ausgestellt, daß er fein „Hintermann" sei. Wenn der Leiter des,Memorial diplomatique6, in das Normann-Schumann seine schlimmsten Artikel über den Kaiser schrieb, behauptet, der Verfasser habe warme Empfehlungen von deutschen Centrumsabgeordneten gehabt, so gehört das zu den „Scherzen" des Polizeispions, mit denen er so viele Leute angelogen hat.
Deutsches Deich.
Berlin, 3. Juni.
Der Urlaub des Staatssekretärs Freiherrn v. Marschall wird, wie zu erwarten stand, von der ihm übel gesinnten Presse mit dem Prozeß v. Tausch in Verbindung gebracht, und mit Sicherheit wird angekündigt, daß der Rücktritt bald erfolgen werde. Bekanntlich war Freiherr v. Marschall im letzten Winter ernstlich krank. Auch jetzt ist er noch sehr leidend. Ein Urlaub in dieser Jahreszeit ist daher nichts Auffälliges; eine Reihe anderer Minister geht ja in diesen Tagen ebenfalls auf Urlaub, so Herr v. Miquel aus drei Wochen nach Wiesbaden. Diejenigen, die Herrn v. Marschall aus dem Prozeß Tausch einen Strick drehen möchten, erinnert die ,Nat.- Ztg/ daran, daß der,Reichsanzeiger' am 10. Dezember v. I. die Erklärung brachte, der Kaiser habe schon am 7. Oktober in dem in Hubertusstock abgehaltenen Kronrathe befohlen, daß die Angelegenheit Leckert- Lützow streng untersucht und nach allen Richtungen hin klar gestellt werden solle. Die Prozesse haben klargestellt, daß alle gegen Frhr. v. Marschall und das Auswärtige Amt gerichteten Anschuldigungen wegen Jntriguirens vollständig hinfällig sind. Das kann dem Staatssekretär genügen. Wenn anderes nicht so klar gestellt ist, so ist das nicht seine Schuld. Wir glauben auch, daß seine Freunde gar nicht so sehr nach dieser Klarstellung verlangen. Ist die politisch: Polizei auf das ärgste biosgestellt, so ist dasür nicht Frhr. v. Marschall verantwortlich, sondern es sind diejenigen, die, indem sie keine Abhilfe schaffen konnten oder wollten, es soweit brachten, daß der Kaiser selbst die Untersuchung und Klarstellung befohlen.
ft Die Stellungnahme Bayerns zu der Mikitär- flrafprozetzordnung soll, wie die .Karlsr. Ztg/ aus „zweifellos offiziöser" Quelle mittheilt, bis jetzt die
„Aber Elsbeth steht dort am Eingänge der Halle bei Frau Agathe und von Hans Werner sehe ich keine Spur."
In dem Augenblicke löste sich Richmodis von der Gruppe der neugierigen Mägde und stürzte aus ihre Herrin zu.
„Der kleineJunker ist doch bei Euch, edles Fräulein?"
„Nein, er muß bei Elsbeth sein. Elsbeth, Elsbeth, wo ist das Kind?"
Frau Katharina war schon bei der ersten Frage halb ohnmächtig in die Kniee gesunken, auch Barbara wankte, als die Magd zögernd sich nahte.
„Ich war mit dem Junker bis an die Treppe gekommen," bekannte Elsbeth stockend, „als das goldene Kreuz und der Henkeldukat meines Pathen mir einfielen. Ich hieß Junker Hans auf mich warten und sprang hinaus in meine Kammer, und als ich zurückkam --ich, ich meinte, er fei Euer Gnaden nach
gelaufen, da ich ihn nicht mehr fand."
„Mein Kind! Mein Kind!" schrie Frau Katharina gellend, daß es das Prasseln der Flammen, das Lärmen der Menschen, das Brüllen des geängsteten Viehes in den Ställen übertönte.
Eben trat Karlin Pfeifer mit den Knechten aus der Halle, eine gebrochene, menschliche Gestalt, der Haar und Bart wirr im Winde flatterte, in ihrer