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Mittwoch, den 2. Juni 1897.
24. Jahrgang
FuldaekWZeitiiiig
mit Unterhaitnngs-Keiiage „Sterne und Klnmen".
Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Sftnma Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.
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Die ,Fuldaer Zeitung', welche, wie von unseren Lesern freundlichst anerkannt wird, sich stets erfolgreich bemüht hat, ihren Inhalt stetig zu verbessern und zu erweitern, wird auch ferner nach Kräften bestrebt fein, ihren Lesern ein getreues Spiegelbild der Weltbegebenheiten zu bieten.
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sind in der,Fuldaer Zeitung' von sicherer Wirksamkeit.
H. Wie sollt' ich Dein vergessen, o Bismarck!
Momente aus dem Leben einer katholischen deutschen Frau.
Die Feste zur 100jährigen Geburtstagsfeier unseres Heldenkaisers sind vorüber. Vor mir liegt eine Zeitung mit Festberichten. Da fällt mein Auge auf die fett gedruckte Stelle einer Rede: Wie sollt' ich Dein vergessen, o Bismarck! Gar seltsame Gefühle werden in meiner Seele wach. Ich will ihm, dem großen Reichskanzler, den Ruhm nicht schmälern, der ihm, als dem Einer Alldeutschlands gebührt; aber Nachklänge aus einer schweren Zeit lassen mich nicht allzu freudig einstimmen in jenen Ruf; Nachklänge, die mich an Augenblicke meines Lebens mahnen, wo unter bitterem Weh auch jene Worte auf meinen Lippen schwebten: Wie sollt' ich Dein vergessen, o Bismarck!
Die traurigen Tage des Kulturkampfes waren angebrochen, Tage des Kampfes und des Streites für uns! Tausende von den edelsten Söhnen und Töchtern Deutschlands mußten in die Verbannung ziehen.
Es war ein freundlicher, heller Herbsttag, lieber der alten Stadt Bochum lagerte tiefe Trauer: mußten doch heute die Letzten der ehrw. Väter der Redemptoristen, der ehrw. Pater Zobel mit fünf Genossen, der Gewalt weichen und die heilige Stätte verlassen, von welcher so reicher Segen für Bochums Bewohner ausgeströmt war. Es ist Mittag.
Da horch! dumpf schallen von den Thürmen der katholischen Kirche die Glocken; es ist Grabesgeläute. Die Stunde naht, in welcher die Wohlthäter der Armen in die Verbannung ziehen müssen. Eine große Menge Gläubige harret auf dem Bahnhofe. Da sieht mau Hohe und Niedrige, Kaufmann und Arbeiter, versammelt, um den Scheidenden das letzte Geleite zu geben; lange wartet man. Endlich, endlich erscheinen die Wagen, in welchen die Söhne des hl. Alphonsus, von den ersten katholischen Bürgern der Stadt begleitet, die von ihnen so heiß geliebte Stadt verlassen müssen. Kein Auge bleibt trocken, jeder will sie noch einmal sehen, jeder noch einmal den hl. Segen empfangen. Mit heiterem Blick, ruhig und gottergeben schauen sie auf die kuieende Menge; mahnend, den Herrn nicht zu vergessen, tröstend, sich in Gottes hl. Willen zu ergeben, dankend für alle Liebe und Treue, scheiden die geliebten Priester. „Gott und die hl. Jungfrau segnen und beschützen mein geliebtes Bochum", dies sind die letzten Worte des scheidenden Superiors. Lange, käsige sahen wir dem Zuge nach, war es uns doch, als ob alles Glück, aller Frieden, aller Segen mit ihm davon geeilt sei. Beim Gedanken an jene bittere Scheidestunde kommen mir die Worte unwillkürlich in den Mund: Wie sollt' ich dein je vergessen, o Bismarck!
Ich war Lehrerin. Ich hatte noch eine Mutter. Ihr galt mein ganzes irdisches Lieben! Ihr den Lebensabend nach einem dornenvollen Pilgerpfad zu verschönen, galt all' mein Dichten und Trachten. Doch nicht allzulange durfte ich dieses Glückes mich freuen. Der liebe Gott rief die geliebte Mutter bald
heim. Nie vergesse ich die bittere Stunde, wo die Kunde mir wurde: „Du hast keine Mutter mehr!"
O, ihr alle, die ihr noch nicht am offenen Muttergrabe standet, ihr wiffet noch nicht, was Schmerz ist. Doch die Mutter in die Erde senken sehen, ohne den priesterlichen Segen, ohne das heilige Opfer für ihre Seelenruhe, ohne Sang und ohne Klang, ach, das kann niemand nachempfinden, dem nicht ähnliches widerfuhr. Und so habe ich es erfahren. O, geliebte Mutter, dich verlieren war hart; dich aber ohne die Tröstungen unserer hl. Religion in die Gruft senken zu müssen war noch viel härter! Das Andenken an jenes Weh, das heute noch sich wild aufbäumt in meinem Herzen, drängt mir die Worte auf die Lippen: Wie sollt' ich dein vergessen, o Bismarck!
Die Führung Gottes lenkte meinen Lebensweg in andere Bahnen; ich wurde Gattin und Mutter. Die Wellen des Kulturkampfes gingen höher als je. Der alte, treue Pfarrer meiner Heimath ruhte schon lange im Grabe. Der einzige Priester, ein junger Kaplan, der ihm treu zur Seite gestanden hatte, mußte fein Amt niederlegen. Verwaist war die arme Gemeinde. Selbst kein ewiges Licht brannte mehr in dem alten Kirchlein, denn weinend hatte der graue Pfarrer der Nachbargemeinde unter dem Weheklagen der Gemeinde das hochw. Gut aus dem Tabernakel geholt. Für mich, der ich eine Zeitlang in meiner Heimath wohnte, nahte eine schwere Stunde. Noch einmal wollte ich durch den Empfang der ht. Sakramente mich stärken auf die große Stunde, die nach ärztlichem Urtheil wohl die letzte meines irdischen Daseins sein konnte. Nach der Via Stunden weiten Pfarrkirche der Nachbargemeinde zu gehen, war wegen Krankheit mir nicht möglich. Der junge Priester, der fein Amt als Kaplan aufgeben mußte hatte feine Heerde nicht als Miethling verlaffen. Er wohnte als Privatmann auf einem Bauerngute. Unter tausend Mühen, Opfern und Gefahren spendete er Hilfe und Segen, wo er konnte. Am Tage durfte er es nicht wagen, seine kranken Schäflein zu besuchen, denn „das Auge des Gesetzes wachte" in der Person eines eifrigen Gendarmen, der fein Bestes that, um den treuen Hirt abzufangen. An den eifrigen Priester also wandte sich mein nun schon in Gott ruhender Gatte. Und siehe, er versprach am Abend, wenn Alles ruhe. Niemand im Dörflein und im Hause mehr wache, wolle er kommen und mir die hl. Kommunion als Wegzehrung bringen. Nie, solange der liebe Gott mein Dasein fristet, werde ich jenen Abend vergefsen. Es war ein stürmischer Dezemberabend. Wie ein Dieb in der Nacht mußte et, dem Himmel und Erde gehört, sich zu der harrenden Seele bringen lassen. Da war fein Ministrant, kein tönendes Glöcklein, kein Priestergewand, fein Krankeufreuz; nur ein müder Wanderer schlich behutsam in das einsam liegende Landhaus, ängstlich umher spähend, ob nicht der Wächter des Gesetzes sich in der Nähe zeige. Und wo war mein Gott und Heiland im hl. Saframente? Eine Keine silberne Dose, in ein Zeitungsblatt gewickelt, barg ihn sorgsam versteckt in der Brusttasche des betenden Priesters! So fonnten die Augen der spähenden Wächter ihn nicht entdecken! Noch heute lebt mein Herz in namenlosem Wehe ob jener Stunde! Noch heute fühle ich die hl. Schauer jener hl. Nacht, wo, gleich wie in den ersten christlichen Zeiten, der Heiland sich nicht öffentlich zeigen durfte; und dies geschah in dem geeinigten christlichen Deutschland! O ja, wer solches empfunden, wer solche Früchte des Kulturkampfes genoffen, der wird dich sicher nicht oergeffen, o Bismarck!
Doch nicht in Rache gedenken wir dein! Nein, ein Bismarck war das Wertzeug in Gottes Hand, um den Weizen von der Spreu zu sichten. Es mußte der Welt kund werden, daß selbst die Geschosse eines eisernen Kanzlers ohnmächtig abprallten an dem Felsen Petris Dankend gedenken wir dein, o Bismarck, du mußtest einen neuen Lorbeerzweig in den Ruhmeskranz der Kirche Christi winden!
Die 28Großstädte des Deutschen Reiches im 19. Jahrhundert,
welche am 2. Dezember 1895 mehr als 100000 Einwohner hatten, behandeln die „Mittheilungen des württembergischen statistischen Landesamts". Die gegenwärtigen 28 Großstädte in Deutschland hatten folgende Bevölkerung:
Berlin......
2. 12. 1895
1. 12. 1875
1816
1677 351
966858
166584
Hamburg.....
625 552
264675
106 920
München.....
407174
193024
46396
Leipzig......
398448
127387
32492
Breslau......
373206
239050
63020
Dresden.....
334066
197295
49074
Köln.......
321431
135 371
38844
Frankfurt am Main .
229299
103136
40485
Magdeburg ....
214397
87925
30250
Hannover.....
209560
106677
24000
Düsseldorf.....
176 024
80695
11844
Königsberg in Preußen
172391
122636
55197
Nürnberg.....
162380
91018
49459
Chemnitz.....
160991
78209
10835
Stuttgart.....
158321
107273
21124
Altona......
148944
84097
23085
Bremen......
141937
102532
47797
Stettin......
140 731
80972
21143
Elberfeld.....
139168
80589
18071
Straßburg im Elsaß .
135313
94306
49902
Charlottenburg . . .
132393
25 847
3223
Barmen......
127002
86504
23104
Danzig......
125639
97 931
44511
Halle.......
116 302
60503
19 747
Braunschweig ....
114686
65938
29050
Dortmund.....
111235
57742
4000
Aachen......
110489
79606
27164
Krefeld...... 107278
Alle diese Großstädte zusammen zählten 1895 1875
7271708 3 880701
62905
1816
1065640
8319
Einwohner. Dabei hatte das Gebiet des gegenwärtigen Deutschen Reiches 1895 52,28 Millionen, 1875 42,7 Millionen, 1816 24,8 Millionen. Zu Beginn unseres Jahrhunderts gab es also überhaupt nur zwei Großstädte im jetzigen Reichsgebiet Berlin und Hamburg, die Hauptstadt des größten deutschen Staates im Norden und die Hauptseestadt, und diese zwei hatten verhältnißmäßig recht bescheidene Bevölkerungsziffern. Die Städte Krefeld, Düsseldorf, Chemnitz waren sehr mäßige Landstädte, Charlotten- burg und Dortmund unbedeutende Wohnplätze. Im Jahre 1875 hatten sich erst 11 Städte zu „Großstädten" aufgeschwungen. Allen voran blieb Berlin, das von 1816 bis 1875 um volle 800274 Personen gewachsen ist. Bolle 59 Jahre hat Berlin gebraucht, um von 166 584 auf 826 341, also um 659 757 Personen anzuwachsen; in den 24 Jahren 1871-95 dagegen betrug die Zunahme 851010, war also größer als diejenige der ersten zwei Dritteln des ganzen Jahrhunderts. Auch die Hauptstädte der anderen größeren Bundesstaaten des Reiches haben keineswegs gelitten; von 1816 bis 1895 haben sich München von der neunten zur dritten, Dresden von der siebenten bis zur sechsten und Stuttgart von der 21. zur 15. Stelle gehoben. Städte mit reicher Vergangenheit und von altem Ansehen, wie Königsberg i. Pr., Straßburg i. E., Nürnberg, gehörten noch beim Eintritt in unser Jahrhundert zu den sechs größten deutschen Städten; beim Ausgang desselben sind sie an die 12, 20. und 13. Stelle hinuntergedrängt worden.
Vor achtzig Jahren wohnte nur 1 Prozent der Gesammt- bevölkerung in „Großstädten", heute 14 Prozent. Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1890 waren von je 100 ortsanwesenden Einwohnern außerhalb der betreffenden Großstädte geboren in München 64 Proz., Hannover 62,5, Stettin 62,4, Dresden 61,8, Frankfurt a. M. 61,7, Stuttgart 59,9, Leipzig, Straßburg 59,8, Berlin 59,3, Altona 59,1, Halle a. S. 58,5, Chemnitz 58,4, Breslau 57,4, Königsberg 56,8, Magdeburg 55,8, Braunschweig 55,4, Nürnberg 54,9, Düsseldorf 53,2, Hamburg 52,5, Danzig 49,4, Köln 47, Bremen 45,2, Elberfeld 42,7, Krefeld 41, Barmen 38,7 und Aachen 37,6. Man steht, nur in 7 von den 26 hier aufgeführten Großstädten bestand am 1. Dezember 1890 die Mehrheit der Ortsanwesenden aus Ortsgebürtigen, und auch bei keiner dieser 7 erreichte ste zwei Drittel.
Der .Reichsanzeiger' meint: „Wenn das Wachsthum der deutschen Großstädte in demselben Maße fortschritte, in welchem es 1875—95 vor sich gegangen ist, so würde in weiteren 20 Jahren, also im Jahre 1915, unter je 5 Einwohnern des Deutschen Reiches ein „Großstädter" sein, und knüpft daran die Fragen: Sind die Großstädte die Träger einer kommenden höheren Kultur oder nicht? Soll ihr Wachsthum gefördert oder hintangehalten werden? Ist künstliche Dezentralisation der Bevölkerung im Interesse einer harmonischen, wirthschaftlichen und geistigen Entwickelung des Gesammtvolkes anzustreben oder nicht? und wenn ja, ist diese Dezentralisation überhaupt möglich?
Literarisches.
„Die Drüchte des Heikes" von?. Georg Freund, 0.8s. 8. Verlag der Alphonsus-Buchhandlung in Münster i. W. Preis geheftet 1 Mk. 70 Pfg.
Ein Büchlein, das wir mit der größten Freude und Erbauung gelesen haben und dem christlichen Leserkreise aufs wärmste empfehlen möchten! In echt populärer, ungemein ansprechender Form, in ebenso leicht verständlicher, wie innig warmer und originell interessanter Weise werden in 22 Ab- chnitten auf 266 Seiten „die Früchte des Geistes", Liebe, Freude, Friede, Geduld, Wohlwollen, Güte, Langmuth, Sanft- muth, Treue, Bescheidenheit und Keuschheit behandelt, und jeder Abschnitt schließt mit einem Gebet zu Gott dem heiligsten Geiste um die eben besprochenen Tugenden. — Firmpathen werden ihren Pathenkindern nicht leicht ein schöneres, passenderes und nutzbringenderes Andenken an den Tag der heiligen Firmung geben können, wie diese „Früchte des Geistes".