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Dienstag, den 1. Juni 1897.
24. Jahrgang
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mit Unterhaltungs beilage „Sterne und Klumen".
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Deutsches Reich.
Berlin, 31. Mai.
* Der Hailer hörte heute die Vorträge des Chefs des Cioilkabinets, des Reichskanzlers und die Marinevorträge.
* Der Geh. Legationsrath Dr. v. Schwartz- Koppen geht, wie die ,Nat.-Ztg.' hört, aus der Kolonialabtheilung des auswärtigen Amts, in welcher er zu Dr. Kaysers Zeiten den Direktor in dessen Abwesenheit vertrat, in die 2. Abtheilung über, in welcher durch den Tod des Dr. v. Schelling eine Lücke entstanden ist.
Herr v. Miquel hat gefährliche Freunde. Vor einigen Tagen veröffentlichte der,Hamb. Korr.' eine Zuschrift, worin bestritten wurde, daß sich der Finanzminister mit Rücktrittsabsichten trage; das Macedonien des Finanzministeriums sei vielmehr für seine Thalkraft zu klein geworden und er fühle die Fähigkeit in sich, den Reichskanzlerposten zu übernehmen. Man hat allgemein angenommen, daß da die Herzensgedanken des Herrn v. Miquel ausgeplaudert wurden und sich nur gewundert, daß der kluge Kommunist und Bauernaufwiegler von ehemals so unvorsichtig sei, damit nicht besser zurückzuhalten. Jetzt hält der ,Hamb. Korr/ es für nöthig, seine Auslassungen vor „Mißverständnissen" in Schutz zu nehmen. Sein Gewährsmann habe, sagt er, nicht seine eigenen Ansichten und Wünsche ausdrücken wollen, sondern nur beabsichtigt, die bei Herrn v. Miquel selbst herrschende Stimmung mitzutheilen. Aber das ist es ja eben! Die ,Deutsche Tagesztg/, die den Finanzminister in ihr Herz geschlossen hat, ist nicht wenig verdrießlich, daß man ihn „im Kreise seiner Amtsgenossen, vielleicht auch höheren Orts, diskreditiren" will, hofft aber, daß die gewünschte Wirkung wegen der täppischen Art des Vorgehens nicht eintreten werde.
* Der Reichskanzler empfing am Samstag im Beisein des Kolonial - Direktors den apostolischen Vikar von Nord-Sansibar, Bischof von Ficeli, Gmit Alkgeyer, welcher bisher in Trinidad thätig war und jetzt zum Nachfolger des Bischofs de Courmont ernannt ist. In der Begleitung des Bischofs befand sich der Provinzial der Kongregation der Väter vom heil. Geiste, Pater Acker. Beide Geistliche sind geborene Elsässer.
* Die anläßlich der Vereinsgesetznovelle wieder innerhalb der Sozialdemokratie angeregte Frage, ob sie sich künftig an den Matzten zum Ävgeordneten- tzaule betheiligen solle, wird in der Presse der Partei sortdauernd erörtert. Die meisten Organe derselben, welche in die Diskussion eingreifen, sprechen sich für die Betheiligung aus, so die ,Reue Zeit', in welcher Herr Kautzki dafür plädirt, ferner von Neuem die /Sächf. Arbeiterzeitung' und das ,Hamburger Echo'. Die Frage wird wohl auf dem nächsten Parteitage entschieden werden. Diejenigen Stimmen, welche sich für die Wahlbetheiligung erklären, erwarten nicht.
«x Die Zimmern von Wildenßein.
Eine Erzählung aus dem Donauthal von Antonie Jüngst 22 ------ (Nachdruck verboten.)
11.
Die an jenem Maiabend ausgestreute böse Saat sollte schon bald verhängnißvolle Früchte tragen. Alle Feinde der Werdenberger und Wildensteiner, und ihrer waren car viele in Schwaben, sagten dem feigen Mörder und seinem Helfershelfer — als solcher galt Johann von Zimmern im ganzen Lande — ab. Wenn nicht Kaiser Maximilian seinen Günstling geschützt und vor der Verfolgung der Truchsesse von Waldburg, den Erben des Grasen von Sonnenberg, bewahrt hätte: Felix von Werdenberg würde noch vor Jahresfrist das Blut seines Opfers mit dem eigenen Leben bezahlt haben. Aber ob auch die Mächtige Hand des Kaisers über das Haupt des -Schuldigen sich streckte und die Acht von rhm fernhielt, der allgemeinen Verurtheilung konnte er ihn nicht entziehen, weder ihn noch seinen Spießgesellen. Und seltsam, je weniger die Rächer der furchtbaren Unthat den eigentlichen Urheber zu erreichen vermochten, desto mehr wandte sich der Groll der schwäbischen Edlen gegen Johann von Zimmern. Hätte der Wildensteiner dem Mörder nicht Unterschlupf in
daß die Sozialdemokratie bei dem preußischen Dreiklassensystem Wahlmänner durchsetzen, vermittels dieser die linksliberalen Kandidaten unterstützen und möglicherweise auf dem Wege des Wahlkompromisses auch ein und das andere Mandat erhalten könnte.
* Der auswärtige Kandel Denlschtands war in diesem April erheblich größer als im April des Vorjahres. Die Einfuhr belief sich auf 33,5 Millionen Doppel - Centner gegen 30,5 im April 1896. Das Eisen ist an der Zunahme mit rund 141,000, das Getreide mlt 674,500 Doppel-Centner betheiligt; auch die Einfuhr von Holz ist um 200,000, von Material- waaren um 470,000 D. - C. gestiegen, die Kohleneinfuhr dagegen um 380,000 D.-C. zurückgegangen. Die Gesammteinfuhr in den ersten 4 Monaten des laufenden Jahres betrug 112,1 Mill. D. - C. gegen 100,1 im gleichen Zeiträume 1896. Die Ausfuhr des April betrug 22 Mill. D.-C. gegen 20,3. Die ersten 4 Monate hatten eine Ausfuhr von 82,37 Mill. D.-C. gegen 79 in 1896. An der Mehrausfuhr des April sind die Kohlen mit 720,000, der Rohzucker mit 608,500 D.-C. betheiligt, während die Eisenausfuhr abermals um 298,000 D.-C. zurückgegangen ist.
* Eine weitere Berliner Kreissynode trat heute zusammen. In dem Jahresberichte heißt es, daß von einem besonderen Anwachsen des Katholizismus nichts konstatirt sei. Dagegen wird lebhaft geklagt, daß die sittlichen Zustände sich verschlimmerten und die Kirchlichkeit trotz aller Kirchenbauten abnehme. Gewarnt wird vorder zunehmenden Veräußerlichung des kirchlichen Lebens unter Hinweis auf die kirchlichen Musikaufführungen, Theatervorstellungen, lebenden Bildern zu wohlthätigen Zwecken, das Ueberwiegen des Chorgesanges und der Orgelpräludien im Gottesdienste, die sich jagenden Wohlthätigkeits-Bazare, die bunten Farben und Bilder in den neuen Kirchen rc.
* Schon seit acht Tagen wicd vor der Strafkammer des Berliner Landgerichts I verhandelt gegen die unrühmlichst bekannten Herren v. Cansch und v. Kritzow, die wegen wissenlichem Meineids und anderer schönen Dinge unter Anklage stehen. Mit beißender Schärfe, aber nicht mit Unrecht schreibt zu den Verhandlungen die Zeitschrift,Nation': „Wir haben eine nicht neue, aber sehr charakteristische und drastische Umschreibung von dem erhalten, was mit dem ehrenvollen Namen des „Staatsinteresses" belegt wird. Es sitzen auf der Anklagebank ein Paar Individuen, über deren moralische Qualitäten ein Wort nicht mehr zu verlieren ist. Wie das richterliche Ur- theil gegen sie ausfällt, ist von untergeordneter Bedeutung. Das Urtheil der öffentlichen Meinung kann schon jetzt zu der Entscheidung gelangen, daß der eine wie der andere ganz armselige Lumpen sind, bereit, alles zu thun; Lumpen, die sich Arbeit durch die Einfädelung von Jntriguen schaffen; die klare Verhältnisse verdunkeln, um stets polizeiliche Beschäftigung zu finden; die Umtriebe, welche nicht vorhanden waren, denuzieren, um ihre Unentbehrlichkeit darzuthun; die seiner Burg gegeben, ihm nicht Beistand geliehen durch seine erlesensten Knechte, nimmer würde Felix von Werdenberg das Leben des tapferen Grafen Andreas anzutasten gewagt haben.
So ward, wenn auch stillschweigend, eine empfindliche Art von Acht über den Wildenstein ausgesprochen. All' die tapferen Ritter, die zu des alten Herrn Werner's Zeiten gern im Zeichen des glimmenden Löwen gerastet und droben manch' Fäßlein trefflichen Seeweins ausgestochen hatten, lenkten jetzt ihr Rößlein vorsichtig zur Seite und ritten gesenkten Blickes an der Veste vorüber.
Wetternd und zähneknirschend ertrug der Ritter die ausgezwungene Einsamkeit. Verflucht von der unglücklichen Wittib des Gemordeten, gemieden von den Besten, Feindschaft und Fehde von allen Seiten — und dennoch sein Ziel nicht erreicht, dennoch Wilhelm von Meitingen vor der Eisenfaust des schurkischen Godehard gerettet: das war es, was Herrn Johann wurmte Tag und Nacht. Er tobte vom frühen Morgen bis zum späten Abend; nur wenn der im Uebermaß genossene Wein ihm die Zunge band, schwieg seine polternde Stimme.
Mit dem Leben des Sonnenberger's war auch der letzte Strahl von Glück aus der Burg entwichen. Ob keines es sich selbst gestehen mochte: der Geist
mit solchen Praktiken vor allem für ihre eigene Tasche und ihre eigene Existenz arbeiten, und die dann schließlich die Macht, Verwirrung in öffentlichen Angelegenheiten zu stiften, auch benutzen, um entweder den Politiker auf eigene Hand zu spielen, oder um Politik in einer bestimmten Richtung und für bestimmte Personen zu treiben, in der Hoffnung, auch hierfür entsprechende Entlohnung zu erhalten. Diese Beamten und Agenten der Polizei sind Katilinarier in jeder Beziehung; sie bereichern sich gegen das Strafgesetzbuch; sie schwören falsch, wie ein gemeiner Verbrecher, und statt die Ruhe des Staates vor Anschlägen zu schützen, zetteln sie selbst Anschläge gegen die Ruhe des Staates an. Es sind Vertreter der Polizei, wie sie gar nicht idealer gedacht werden können. Als man nun diese ausgezeichneten Organe, die mit dem Strafgesetzbuch umgingen, wie es ihnen paßte, darüber fragte, wie sie solches zu verantworten in der Lage seien, erhielt man stets dieselbe Antwort. Herr v. Tausch sagte: Er habe gegen das Gesetz geschwiegen und gegen das Gesetz gehandelt — im „Staatsinteresse", und Herr v. Lützow sagte: er habe sich zu allem gebrauchen lassen, weil er annahm und annehmen mußte, alles geschehe im „Staatsinteresse". Hier haben wir also ein System der Gesetzesverletzung und ein System der Beschönigung und Verdeckung von Gesetzesverletzungen im Staatsinteresse oder man kann auch kurz sagen: Gaunerei nach allen Richtungen aus Staatsinteresse ... In der niederen Sphäre der Polizei heißen solche Elemente v. Tausch und v. Lützow, und in dieser niederen Sphäre kom- pliziren sich ihre Handlungen mit dem gemeinen Verbrecher; in der höheren Sphäre haben diese Elemente einen einwandfreien Namen, aber sie handhaben — etwa das Versammlungsrecht so, wie es ihnen und ihren Junkergenossen paßt, und in der noch höheren Sphäre heißen sie „Scharfmacher", und sie begnügen sich nicht mehr damit, einzelne Gesetze über den Haufen zu werfen; sie sind bereit, der ganzen Verfassung an's Leben zu gehen, und sie rühmen dieses größte Verbrechen als nothwendig im — Staats- mteresse. Man sieht, sie alle gehören zu einander: die großen Scharsmacher da oben und die kleinen da unten; sie vertreten gemeinsam das System des Gesetzes- und Verfassungsbruches aus Staatsinteresse. Sie sagen: Wir stehen über dem Gesetz aus — Staatsinteresse.
Bekanntlich ist der Selbstmord des Soldaten Marzillier in der Reichstagssitzung vom 15. Febr. ds. Js. durch den Abg. Bebel zur Sprache gebracht worden mit der Vermuthung, daß derselbe die Folge einer Mißhandlung von Seiten eines Unteroffiziers sei. (Marzillier lag in der Garnison Königsberg.) Infolge dessen wurde eine Untersuchung angestellt; dieselbe ergab ein negatives Resultat. Der Bruder des Verstorbenen reichte aber weiteres Material ein, so daß die Untersuchung erneuert werden mußte. Dieser Tage erhielt nun derselbe nach dem ,Vorw.' des Ermordeten schwebte ob dem friedlosen Steine. Er warf sogar seinen Schatten auf die Wiege des zarten Mägdleins, das im Heumond das Licht der Welt erblickt hatte. Ob auch Frau Katharina des winzigen Geschöpfchens mit ängstlicher Sorge pflegte, ob Frau Marthe, die alte Schaffnerin, all' ihre Künste an ihm erprobte, in schweigender Mondnacht die heilkräftigsten Kräuter am Bergabhang suchte und die schlaffen Glieder in dem duftenden Sud badete: die kleine Armgard wollte nicht gedeihen. Schwach und haltlos blieb der brechliche Körper, welk und faltig das bleiche Gesichtchen, aus welchem nur ein paar große, schwarze Augen wie erschrocken in die Welt starrten.
Herr Johann konnte den stummen Vorwurf, der in dem schmerzlichen Blick des unschuldigen Kindes lag, nicht ertragen; er mied die Kemenate und wandte das Haupt zur Seite, wenn einmal die Wartefrau mit der Kleinen ihm begegnete. Aber der an ihm nagende Groll pflegte dann jedesmal höher aufzuflammen und ein Opfer seiner Wuth zu suchen.
Am meisten hatte die arme Barbara unter diesen Ausbrüchen einer ungezügelten rohen Laune zu leiden, besonders als auch der alte Nusplingen, müde des langen Wartens, allen Ansprüchen auf ihre ihm durch den Bruder zugesicherte Hand entsagte und offen aus