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Montag, den 24. Mai 1897.

24. Jahrgang

uldaer

mit Unterhalturrgs-Kettage „Kternr urrd Klumen"

Erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

III Illi IIJI«■■■ -----

xh. Die Handwerkergesetzes-Vorlage ist am Freitag in der Plenarsitzung des Reichstages in ihrem wichtigsten § 100, entsprechend der Regie­rungsvorlage, wieder hergestellt worden. Der in der Kommission beschlossene Zusatz, daß die oberen Ver­waltungsbehörden, d. h. die Regierungspräsidenten die Besugmß erhalten sollen, auch gegen den Willen der Mehrzahl der betheiligten Handwerker Zwangs- innungen zu dekretiren, ist in Folge einer glänzen­den Rede des Centrumsabgeordneten Freiherrn von Hertling wieder gestrichen worden.

Die Ablehnung dieses Zusatzes erfolgte mit 150 gegen 118 Stimmen, alsdann wurde der § 100 betr. Bildung von Zwangsinnungen nach dem Beschluß der Mehrheit der betheiligten Handwerker mit 155 gegen 110 Stimmen angenommen. Das Centrum stimmte nach Beseitigung der Willkür der oberen Verwaltungs­behörden geschlossen für den § 100.

Hiermit dürfte auch die Annahme des ganzen Gesetzes gesichert sein. Allerdings ist die Vorlage, wie sich am Samstag im Reichstage gezeigt hat, an einem Punkte angelangt, wo die Freunde des Hand­werks alle Kräfte aufbieten muffen, wenn sie sicher in den Hafen gebracht werden soll. Auf der Linken Ihm man alles, sie zum Scheitern zu bringen, und hat dabei einen Bundesgenossen von der nunmehr kurzen Dauer der Session. Wenn es nur ge­lingt, die Entscheidung etwas hinauszuschleppen, so haben die Gegner gewonnenes Spiel. Auf eine solche Verschleppung waren schon am Freitag die drei An­träge auf namentliche Abstimmung bei einem einzigen Paragraphen berechnet. Arn Samstag sollte dasselbe Manöver versucht werden, doch wurde durch zwei­malige Feststellung der Beschlußunfähigkeit noch mehr erreicht, denn die ganze Vorlage wurde von der Tages­ordnung abgesetzt.

Wir haben kein Recht, denjenigen, die ein Gesetz für schädlich halten, es übel zu nehmen, wenn sie mit allen Mitteln der Geschäftsordnung es zu ver­hindern suchen. Wir würden unter Umständen das Gleiche thun. Was wir aber verlangen .müssen, ist, daß man loyal vorgehe. Nicht besonders schön ist es schon, wenn ein Schriftführer bei der Abstimmung nicht mit den übrigen Mitgliedern des Bureaus anerkennen will, daß seine Freunde in der Minderheit seien, wie es am Samstag handgreiflich der Fall war, und dadurch die Auszählung des Hauses erzwingt. Scharfen Tadel verdient es aber, wenn eine Anzahl Abgeordneter bei der Auszählung ab­sichtlich draußen bleibt, um die Beschlußun­fähigkeit herbeizuführen. Das geschah am Samstag bei der zweiten Auszählung. Kaum war die Abstim­mung geschlossen, so kam eine ganze Reihe von ihnen noch in den Saal. Ein paar davon hatten sich that- sächlich verspätet und wußten gar nicht was vorging; die meisten aber hatten vor der Thüre gewartet. Eine Zählung der Hüte bei Beginn der zweiten Sitzung

Lr Hit Zimmern von Wildenstein.

Eine Erzählung aus dem Donauthal von Antonie Jüngst 16 ------ (Nachdruck verboten.)

8.

Als Richmodis am nächsten Morgen in das Kämmerlein ihrer Herrin trat, erschrak diese über das Aussehen der Magd.

„Um Gottes willen, Richmodis, was ist Dir? Bist Du krank?"

Die Zofe schüttelte verneinend das Köpfchen.

„Hast Du einen Geist gesehen vielleicht?"^— auch Barbara's Wangen, verfärbten sich, ihre Stimme zitterte — „das Klagen des unglücklichen Zauberers gehört, der noch immer unten im Verließe schmachtet?"

„Ach, edles Fräulein, Schlimmeres als das, viel Schlimmeres," stöhnte Richmodis und ließ sich er­schöpft auf einen der hölzernen Schemel fallen.

„So sprich doch endlich," drängte Barbara, „Du spannst mich auf die Folter mit Deinen unverständ­lichen Redensarten."

„Ich habe gehört," fing Richmodis mit gedämpfter Stimme und scheu sich umsehend an, als fürchte sie in jedem Winkel einen Späher, „wie über einen Un­schuldigen abgeurtheilt, wie das Haupt eines Ahn­ungslosen geworfen wurde!"

hatte die Anwesenheit von 210 Abgeordneten ergeben, bei der Auszählung ergab sich aber, daß nur 178 daran theilgenommen hatten. Mit Recht rügte der Abg. v. Levetzow am Schluß der Sitzung ein solches Verhalten als des Reichstags unwürdig.

Man kann verlangen, daß der Reichstag be­schlußfähig fei, wenn er ein Gesetz beschließen will; man kann aber nicht verlangen, daß die Freunde des Gesetzes für sich allein schon die zur Beschlußfähigkeit erforderliche Mehrheit bilden. Das kann man schon deshalb nicht, weil stets das eine oder andere Mandat erledigt ist und einzelne Abgeordnete krank sind, so daß die Mehrheit derjenigen, die thatsächlich anwesend sein können, unter 199 bleibt. Es ist daher durchaus illoyal, ein beschluß­fähiges Haus dadurch beschlußunfähig zu machen, daß man sich bei der Abstimmung entfernt. Hoffent­lich nimmt man sich auf freisinniger Seite die Kenn­zeichnung eines solchen Manövers. durch Herrn v. Levetzow ad notam. Empfehlen dürfte es sich auch, bei Anträgen auf namentliche Abstimmung Kontrolle darüber zu führen, ob die Anträge auch die erforderliche Unterstützung von 50 Mitgliedern haben und ob diese wirklich anwesend sind.

Alle tadelnswerthen Manöver der Gegner ent­schuldigen aber die lässigen Freunde der Vorlage nicht. Scheitert das Handwerkergesetz, so trifft die Verantwortung nicht die Gegner, sondern die Freunde, die durch Abwesenheit glänzen. Es muß leider gesagt werden, daß nur zu häufig eine Anzahl von Ab­geordneten fehlt, die absolut keinen Entschuldigungs­grund haben. Warum müssen z. B. gewisse Beamte, die für die Dauer der Session einen Stellvertreter haben, jeden Augenblick fehlen, ja mehr Tage zu Hause als in Berlin zubringen? Daß das die gewissen­hafteren Kollegen verdrießt, ist nur zu begreiflich. Diese Kollegen müssen eine um so größere Arbeits­last übernehmen, je mehr fehlen, und dann müffen sie auch noch erleben, daß sie umsonst gearbeitet haben, oder wenigstens spruchreife Sachen verschleppt werden, weil andere Abgeordnete zu bequem sind, auch nur an wichtigen Sitzungstagen nach Berlin zu kommen. Daß das böse Beispiel nicht sehr günstig wirken kann auf das Gros der Abgeordneten, die nicht in der glücklichen Lage sind, zu Hause einen kostenfreien Stellvertreter zu haben, sondern wichtige Geschäfte durch ihre Anwesenheit in Berlin versäumen müssen, bedarf gleichfalls keiner Hervorhebung.

Am Montag steht die Handwerkervorlage wieder auf der Tagesordnung. Es sind zwar noch sehr viele Paragraphen zu erledigen, aber man darf doch hoffen, sie bewältigen zu können, wenn das Haus beschluß­fähig ist. Wir begreifen es nicht, wie ein Abgeord­neter, der doch ein Freund des Handwerks sein will, die Verantwortung für das Scheitern der Vorlage leichten Herzens übernehmen mag. Die Session wird zweifellos vor Pfingsten schließen. Es kann sich also nur noch um wenige Sitzungstage

„Richmodis, Du bist ernstlich krank. Du redest im Fieber."

„Wollte Gott, ich thät's, edles Fräulein! Aber ich bin nur zu sehr bei gesunden Sinnen. Mein Auge täuscht mich nicht, mein Ohr betrügt mich nicht. Ich habe gesehen und gehört."

„Was, Richmodis, was?"

„Was ich um alle Schätze der Welt nicht gesehen und gehört haben möchte. Als Ihr gestern Abend mich zeitig entließet, um Euch zur Ruhe zu begeben" — Barbara lächelte matt, sie hatte keinen Schlaf verspürt, es war ihr nur unerträglich gewesen, länger den mitleidigen Blicken der Zofe ausgesetzt zu sein — „ging ich hinunter in die Kemenate, die alten Be­kannten zu begrüßen. Aber dort fand ich alles in der größten Verwirrung. Frau Katharina, welche in der Hast der Reise ihres unlängst verstauchten Fußes nicht geachtet, empfand die peinlichsten Schmerzen und hatte sich legen müssen. Der kleine Junker schrie nach seinen Mößkirchener Spielgefährten und wollte durch nichts sich beruhigen lassen. Die fremden Mägde wußten nicht aus noch ein und liefen in den verwickelten Gängen zwecklos hin und her. In der Küche sah es nicht besser aus, und in der Thorhalle gar, da war es fürchterlich. Der Vogt und Keller­meister mitfammt den Söldnern, die anfangs über

handeln. Wer es mit der Pflicht, die er mit dem Mandate übernommen hat, ernst nimmt, sollte daher unter allen Umständen am Platze sein, wenn nicht geradezu zwingende Gründe es ihm unmöglich machen.

Deutsches Kerch.

Berlin, 22. Mai.

* Die Ikaug- und Huartierkilte der preußischen Armee und des XIII. (württembergischen) Armeekorps ist am Samstag zur Ausgabe gelangt. Zum ersten Male sind in derselben in einem Anhänge die Offi­ziere der Schutztruppen angegeben, die früher in der Marine-Rangliste enthalten waren.

ft In Sachen des Wikitärstrafprozesses wird der ,Nat.-Ztg/ bestätigt, daß in München nach wie vor das Verlangen nach einem besonderen obersten Gerichtshof für Bayern geltend gemacht werde. Dort werde deduzirt, daß ein bayrischer König wohl auf diesen Sonderanspruch verzichten könne, nicht aber ein stellvertretender Regent. Für unüberwindlich gelte indessen die Abneigung nicht, man scheine aber mit der Sache keine Eile zu haben und dafür auch in gewissen dortigen Strömungen Beistimmung zu finden.

Das Wereinsgesetz soll nach dem neuesten Geschaftsplane erst am nächsten Freitag zur zweiten Berathung int Plenum kommen. Vielfach herrscht die Meinung, die Regierung werde sich mit den Kom­missionsbeschlüssen begnügen und die Konservativen würden zu ihnen „umfallen". Rach der,Krenzztg/ wäre diese Meinung allerdings irrig; wenigstens ver­weist das Blatt „auf die ganz bestimmten, jede Miß­deutung ausschließenden Erklärungen der konservativen Redner im Plenum wie in der Kommission", was doch wohl nur heißen kann, die Partei werde sich mit den Kommissionsbeschlüssen nicht begnügen. Daß aus der Abstimmung des Abg. Prinzen Hohenlohe im Reichs­tage Schlüsse auf die Meinung feines Vaters zu ziehen seien, hält die ,Krenzztg/ für eine den Reichskanzler geradezu beleidigende Annahme. Der Sohn sei doch alt genug, um seine eigenen Wege zu gehen. Die Ions. Korr/ hat den kindischen Einfall, dem Prinzen zu rathen, seinen Platz, gerade so wie früher der Abg. Prinz Carolath, von der rechten Seite des Hanfes nach der linken zu verlegen. Mit solchen Albernheiten verräth man nur, wie unangenehm man trotz gegen« theiliger Versicherung durch die Abstimmung über­rascht worden ist.

* Ein Aufruf sonderöarker Art, über den sich die schärfsten Glossen machen ließen, wird augen­blicklich an die Zeitungs-Redaktionen versandt; näm­lich ein „Aufruf zur Sammlung für verarmte Gläubiger Griechenlands". Es ist wirklich und wahrhaftig Ernst mit der Sache, für so undenk­bar man sie auch halten sollte. Wer hat den Auf­ruf unterschrieben? Ein Arzt, ein kleiner Bankier, ein Sattlermeister, ein Tischlermeister und einige andere

den Einfall der Werdenbergischen Knechte gemurrt, hatten schließlich gemeinsame Sache mit ihnen ge­macht und so lange gezecht, bis sie ihrer Sinne nicht mehr mächtig waren."

„Ich hörte das wüste Lärmen bis hier herauf," nickte Barbara, als die Zofe athemschöpfend innehielt, „es war wie das tollste Getobe der Hölle."

„Und höllische Anschläge sind es auch, die da den weinschweren Köpfen entsprungen sind," bekräftigte Richmodis. „O Gott, daß wir wehrlose Frauen ohnmächtig sind, das Entsetzliche zu hindern!"

„So laß mich doch endlich hören, um was es sich handelt! Du quälst mich mit Deinen geheimniß- volleu Andeutungen."

„Es war schon ziemlich spät und ich endlich allein mit Frau Agathe in der Küche, als der trunkene Kellermeister mit einem Kruge Falerner im Arm über die Schwelle gestolpert kam. „Schau, Richmodis," lallte er mit schwerer Zunge, „Du könntest mir einen Gefallen thun. Deine junge Füße tragen Dich schneller die Stiege hinauf, als mich die wohlbe­messenen sechs Kreuze, die ich auf dem Rücken habe. Geh, spute Dich, Mägdlein und kredenze den Ge­strengen den Nachttrunk." „Aber wird der gnädige Herr nicht schelten, wenn ich statt Eurer komme?" wandte ich ein. Doch davon wollte der Alte nichts