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24. Jahrgang

Freitag, den 21. Mai 1897

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iildaeiMZeituiig

mit Unterhaitungs-Keilage „Sterne uns Klurrren".

Die „Minirarbeit der römischen Kirche".

Die Berliner Kreissynoden beginnen wieder zu tagen. Am Mittwoch trat die Kreissynode von Berlin II zusammen, die vorwiegend den Norden Berlins umfaßt. Wie üblich hat ihr der Superintendent einen Bericht über die kirchlichen und sittlichen Zu­stände des Bezirkes vorgelegt. Und womit beginnt dieser Bericht? Mit einem großen Lamento über die „Minirarbeit der römischen Kirche". Es wird einfach jede Aeußerung katholischen Lebens für „römische Propaganda" erklärt. Es liegen in dem Bezirk der Synode die katholische St. Sebastianskirche, das Kloster der Dominikaner in Moabit, das Hedwigs- Krankenhaus, die Anstalt Maria-Viktoria-Heil, eine Niederlassung der grauen Schwestern und das St. Josephs-Kinderhospital. Flugs werden alle diese An­stalten für „Stützpunkte" der Propaganda und Cita- dellen erklärt, von denen „ein beständiger Kampf unterhalten wird". Man sieht, es ist den Herren einfach nicht recht, daß Katholiken in Berlin existiren und Kirchen und religiöse Anstalten unterhalten. Die bloße Existenz der Katholiken jagt ihnen so viel Angst ein, daß sie ringsum „Propaganda" wittern.

Doch nein, der Bericht führt auch Fälle an „zur Beleuchtung der römischen Propaganda". Und was darin in den Blättern mitgetheilt wird, ist in der Thal haarsträubend. So hat man einen evangelischen Geistlichen um eine Gabe für das Kinderheim gebeten. Die Katholiken Berlins werden zwar von Sammlern für rein protestantische Zwecke überlaufen, aber das ist „recht und billig"; wird dagegen ein Prediger aus Versehen um eine Gabe für eine katholische Anstalt angegangen, so muß dar­über der Synode berichtet werden, damit diese sich von der „Minirarbeit der römischen Kirche" ein an­schauliches Bild machen kann. In einer rein evan­gelischen Ehe soll die Frau vor der Geburt des Kindes von katholischer Seite wiederholt aufgesordert worden sein, das Kind katholisch taufen zu lasten. Wenn die Geschichte wahr ist, so ist die „katholische Seite" jedenfalls kein Geistlicher gewesen, sonst würde man es gesagt haben. Offenbar falsch ist die Erzählung, ein Kaplan, der den Sohn eines verstorbenen katholischen Vaters schon im „Firmungs­unterricht" (?) hatte, habe dem Knaben, der nach seinem und seiner Mutter Wunsche bei dem evangelischen Geistlichen unterrichtet wurde, verboten, diesen Unter­richt zu besuchen, mit dem Hinzufügen, es sei bester, sich die Stunde über auf der Straße aufzuhalten, er brauche es der Mutter ja nicht zu sagen. Durch diese Geschichte schimmert deutlich hindurch, daß es sich um eine ungehörige protestantische Propa­ganda handelt, die man mit Verleumdung des katholischen Geistlichen zu bemänteln sucht. Es ist eine statistisch unanfechtbar erwiesene That- sache, daß die Mischehen, besonders auch in

«L Die Zimmern von Mdenstein.

Eine Erzählung aus dem Donauthal von Antonie Jüngst 14 ------ (Nachdruck verboten.)

Ein mattes Lächeln erhellte die bleichen Züge Barbaras. So hatte Richmodis doch schon Zeit ge­sunden, nach dem getreuen Liebhaber sich umzuthun. Aber der flüchtige Sonnenblick machte alsbald dem alten, trüben Ausdruck Platz, und mit tiefer Be- küinmerniß sagte sie:

„Felix v. Werdenberg ist ein schlimmer Feind, das hat Zimmern oft genug zu feinepi Schaden er­fahren. Wenn es um den Sonnenberger geht, da fürchte ich selbst, daß die alten Fehden mit neuer Kraft entbrennen werden. Andreas von Sonnenberg hat es nicht böse gemeint, gewiß nicht, aber den Felix hat es an feiner schwächsten Stelle getroffen. Er wird nicht ruhen noch rasten, bis er die tödtliche Be­leidigung mit Blut abgewaschen."

„So wißt Ihr es schon, edles Fräulein?" fragte Richmodis neugierig, als die Herrin schwieg und starren Blickes in den sinkenden Abend schaute.

Barbara nickte.

„In Mößkirch wurde in den letzten Tagen von nichts Anderem gesprochen. Du erinnerst Dich, daß Kaiser Maximilian den Grafen von Werdenberg als

Berlin, dem Protestantismus zu Gute kommen. Gleichwohl jammert der Bericht weiter, daß die katholische Kirche die Mischehen zur Propaganda be­nütze. Die katholischen Geistlichen bemühen sich pflichtmäßig, Ehepaare in Mischehen zur kirchlichen Trauung und zur Taufe der Kinder zu bewegen. Leider mit verhältnißmäßig geringem Erfolg. Die Neidhammel auf protestantischer Seite aber können das nicht ausstehen. Daß die Prediger sich an die Mischpaare herannahen und sie zur kirchlichen Trauung und zur Taufe der Kinder zu bewegen suchen, ist selbstverständlich recht und billig; thun katholische Geistliche dasselbe, so ist es „Minirarbeit" gegen das Evangelium. Die Herren wagen es nur nicht offen auszusprechen, was sie denken. Ihre wahre Meinung ist: Die katholische Kirche darf sich in Berlin überhaupt nicht betheiligen; Berlin gehört dem Protestantismus, auch die katholischen Bewohner Berlins gehören ihm. Wollte man von katholischer Seite die protestantischePropaganda beleuchten, so würde man ganz andere Dinge erzählen können, als sie der Synode erzählt werden.

Verrnuthlich soll das Lamento über die Schlechtig­keit „Roms" den Synodalen das Hinwegkommen über die Zustände im eigenen Hause erleichtern. Je mehr man sich mit „Rom" beschäftigt und ihm Schuld an allem Unangenehmen zufchceiben kann, um fo weniger braucht man sich mit Selbstoorwürsen auf­zuhalten. Und daß 'es nicht glänzend steht in der Kirche der Reformation, läßt der Bericht trotz aller sichtbaren Schönfärberei nur zu deutlich erkennen. Da wird geklagt, daß die Sekten „an dem Besitzstände der evangelischen Kirche rütteln“. Es wird geklagt über die „wüste, glaubenslose, ja religionslose Masse", die nur noch äußerlich gewisse kirchliche Dinge mit­mache. Die Sozialdemokratie hat mit ihrer Propa­ganda für den Austritt aus dcr Landeskirche keinen besondern Erfolg gehabt. Der Bericht gibt indeß ehrlich zu, daß dies nicht an der Bekenntnißtreue der Massen liege, sondern daran, daß man es nicht erst für der Mühe werth halte, sich die Umstände eines formellen Austrittes zu machen; überdies könnte man nach dem Austritte gewisse. Unterstützungen nicht mehr erlangen. Man hat in Berlin den Versuch gemacht, tagsüber die protestantischen Kirchen offen zu halten. Man hat den Versuch wieder einge­stellt, weil die Leute fein Bedürsniß hatten, in die Kirche zu kommen und zu beten. Es wird ge­klagt, daß viele Mischehen ungetraut blieben. Da man sich entrüstet über die Bemühung kathol. Priester, die Trauung zu erreichen, so steht der Berichterstatter offenbar auf dem Standpunkte, lieber gar keine kirch­liche Trauung, als eine katholische. Dasselbe dürste für die Taufe gelten.

Das Konsistorium hatte diesmal die besondere Frage gestellt: „Wie steht es mit dem Familien­leben in den Gemeinden der Diözese?" Den „Leit­sätzen" des Berichterstatters hierzu entnehmen wir die seinen Stellvertreter nach Stuttgart sandte zur Hoch­zeit des Herzogs Ulrich mit der Herzogin Sabine. Auch Andreas von Sonnenberg war mit anderen schwäbischen Herren--"

Barbara stockte mitten in der Rede. Ein zartes Roth stieg langsam in ihre bleichen Wangen.

„O, ich weiß schon," fiel Richmodis hastig ein. „wer auch mit nach Stuttgart geritten, sich den Minne­dank einer schönen Dame zu verdienen, weiß auch, wessen Farben er getragen und welch' hohes Lob aus fürstlichem Munde er sich erworben hat."

„Ja, auch Wilhelm von Meitingen hatte sich dem Zuge angefchloffen. Es war das letzte Mal, daß meine Augen ihn sahen," seufzte Barbara. „Aber außer ihm und meinen Brüdern war der Graf von Sonnenberg gleichfalls zu Hofe gefahren. Der wackere Andreas hatte der schönen Herzogin zu Ehren viel Eschenholz verstochen und dem italienischen Feuerwein mehr zugesprochen, als ihm gut war. Als nun am Hochzeitstage der Brautzug sich ordnete und Felix von Werdenberg in feinem prächtigen Festgewand, einen farbigen Reif um die spärlichen Locken, die hohe Braut in dem langnachwallenden goldstückenen Schlepp­kleide und dem köstlichen Schleier aus brabanter Spitzen zur Stiftskirche führte, mochte es sich leicht ereignen, daß neben der schönen, schlanken Herzogin

Behauptung, es sei noch „eine beträchtliche Anzahl" christlicher Familien vorhanden, aber diesen ständen „andere in größerer Zahl gegenüber, deren Zusammen­leben ein christliches kaum genannt werden kann"; die eheliche Treue werde häufig, besonders seitens der Männer, verletzt. Im Uebrigen beschränken wir uns auf die Wiedergabe folgender Stelle des Berichtes: „Unkeuschheit und Unzüchtigkeit in Worten und Wer­ken ist den jungen Leuten beiderlei Geschlechtes etwas so Natürliches, daß der Ehrentitel „Jungfrau" in feiner wahren Bedeutung kaum noch verstanden wird; und wo das noch der Fall ist, da kann man wohl der Meinung begegnen, in Berlin sei es über­haupt nicht mehr möglich, eine „Jungfrau" zum Mare zu führen." — Wenn es fo steht — und der Bericht­erstatter muß es ja wißen —, fo hätten, denken wir, die Synodalen alle Ursache, vor der eigenen Thür zu fegen, statt sich über die gar nicht existirende „römische Propaganda" aufzuregen. Am Ende ist aber auch hier das Prinzip: „Bester gar nichts glauben, als katholisch glauben."

Deutsches Deich.

Berlin, 20. Mai.

* Die Entscheidung im Aaurpfe um das Dereinsrecht ist heute sowohl im Reichstage wie auch in der Kommission des Abgeordneten­hauses gefallen. Der Reichstag hat heute das Nothvereinsgefetz in dritter Lesung gegen die Stimmen der beiden konservativen Parteien enbgiltig an­genommen— für das Gesetz stimmte auch der Sohn des Reichskanzlers Abg. Prinz Alexander zu Hohenlohe — und die Kommission des Abgeordneten­hauses für die preußische Vereinsgesetznovelle hat heute die Kautschuk-Paragraphen (Artikel I und III der Vorlage) mit 15 gegen 13 Stimmen abgelehnt. — Angenommen wurde von der Kommission des Abgeordnetenhauses der Artikel IV, soweit derselbe das Verbot der Verbindung politischer Vereine auf­hebt; auch der Artikel II der Vereinsgefetznovelle betreffend das Verbot der Theilnahme Mi nder- jähriger an politischen Versamm lungen fand eine aus Konservativen, Freikonservativen und Nationalliberalen bestehende Mehrheit, jedoch in amenbirter Fassung. Der Artikel il der Vorlage lautete nämlich: „An Versammlungen, in denen politische Angelegenheiten erörtert oder berathen werden, dürfen Minderjährige nicht theilnehmen." Das amenbirte Gesetz wurde schließlich von der Kommission gegen die Stimmen der Konser­vativen mit 19 gegen 9 Stimmen (8 Konservative und 1 Freikonservativer) angenommen. Mit der Ab­fassung des schriftlichen Berichts über die Kommissions- verhandlungen ist der nationalliberale Abg. Oswalt von der Kommission beauftragt worden. Die zweite Lesung im Plenum wird voraussichtlich in den ersten Tagen der nächsten Woche erfolgen. Mit ihren auf und dem stattlichen Eitelfriedrich von Zollern die kurze, gedrungene Gestalt des Grafen nicht zum Besten "sich ausnahm. Jedenfalls erregte feine Er­scheinung die allzeit bereite Lachlust des Sonnenbergers. „Nur immer hoch genug, mein Werdenberg!" rief er ihm vom Fenster hinab entgegen.

Das gemeine Volk, das in der Straße sich drängte, — Landsknechte Bauern und fahrende Leute — fing das Wort mit schallendem Gelächter auf. Des Hohnneckens und Spottens über den unscheinbaren, zwerghaften Galan der herzoglichen Braut war kein Ende. Gras Felix, der nuf aus Rücksicht auf die Würde seines kaiserlichen Herrn an sich gehalten, eilte nach be­endeter Feier, ohne an dem festlichen Gelage theilzu- nehmen, in die Herberge des Andreas und stellte ihn zur Rede ob feines unziemlichen Scherzes. Dieser aber, welchem der reichlich genoffene Wein noch das Hirn umnebelte, sah im Bewußtsein feiner stattlichen Leibeslänge und feiner überlegenen Körperkraft ver­ächtlich auf den kleinen Werdenberg herab und er­widerte: „Was willst Du doch, Studentlein? Wenn ich meinen kleinen Finger zwischen Deine Zähne legte, hättest Du das Herz nicht, mich zu beißen."

Natürlich fuhren alsbald die Degen aus der Scheide, und vielleicht wäre der Zwist schon da zum blutigen Austrag gekommen, wenn nicht der alte

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