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Donnerstag, den 20. Mai 1897

24. Jahrgang

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mit Untrrhaltungs-Keilagr „Sterne uns Ktnmen".

Erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementsvreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

□ Die Handwerker-Gesetzesvorlage.

lieber die Berathungen der Kommission, welche die Handwerkervorlage vorberathen hat, ist jetzt der Bericht erschienen. Nach dem Regierungs-Entwurf sollten Zwangs-Innungen nur da errichtet werden können, wo sich die Mehrheit der betheiligten Hand­werker dasür erklärt, so daß es diese selbst in der Hand hätten, durch Stimmenmehrheit den Jnnungs- zwang bei sich einzuführen.

Diese wichtige Bestimmung ist durch die Kom­missionsbeschlüsse dahin geändert worden, daß die oberen Verwaltungsbehörden, d. h. die Regierungs­präsidenten die Befugniß erhalten sollen, auch da Zwangsinnungen, der alle betheiligten Handwerker beitreten müssen, zu schaffen, wo die letzteren sich ganz oder theilweise gegen die Innung erklären. Es soll also an Stelle der freien Selbstbestimmung der Mehrheit der Handwerker der Zwang, welchen der Regierungspräsident verfügt, treten. Unbegreif­licher Weise hat ein Theil der Centrumsmitglieder in der Kommission für diese Erweiterung der Macht­befugnisse der Verwaltungsbehörde gestimmt und da­durch ist die Mehrheit für den betreffenden Antrag entstanden.

Das Gesetz dürfte durch diesen Zusatz zum § 100, der die Handwerker von dem Belieben der Regie­rungspräsidenten abhängig machen will, für Manchen unannehmbar werden, der fönst dem Jnnungs- wesen und der damit beabsichtigten Hebung des Hand­werkerstandes wohlwollend gegenübersteht.

Die sog. diskretionären Befugnisse, welche die neuere Gesetzgebung leider immer mehr in Anwendung bringt, sollen auch hier wieder eine so große Rolle spielen, daß das Handwerk hinsichtlich seiner Organi­sation von den Verwaltungsbehörden abhängig wird und gegen seinen Willen zu einer Innung gezwungen werden kann, auch wenn es sie für unzweckmäßig und nicht im Verhältniß zu den ihm dadurch erwachsenden Kosten stehend ansieht.

Die Regierungsvorlage wollte solche weitgehende Befugnisse gar nicht in Anspruch nehmen, sondern den Handwerkern selbst die nöthige Einsicht zu­trauen, darüber zu entscheiden, was sie für ihre Ver­hältnisse als das Passendere ansehen, „freiwillige" oder „Zwangs"-Jnnung; und dieser Weg scheint auch der richtigere zu fein, denn Jeder weiß selbst am besten, wo ihn der Schuh drückt.

Deutsches Deich.

Berlin, 19. Mai.

* Der japanische Gesandte Wikomke Aoki wird, wie man in diplomatischen Kreisen wissen will, nicht mehr auf feinen Posten nach Berlin zurückkehren. Die Gründe seiner Abberufung sind der ,Kreuzztg/ zufolge politischer Art und haben zu Differenzen zwischen ihm und dem Minister des Aeußern in Tokio geführt.

«x öit liiitmmi ooii UildcÄm.

Eine Erzählung aus dem Donauthal von Antonie Jüngst 13 ------ (Nachdruck verboten.)

Barbara hatte dem Willen des Bruders sich fügen muffen und zur Fahrt nach dem Wildenstein sich reifefertig gemacht, bange Ahnungen in der Seele, dumpfe Verzweiflung im Herzen. Und als sie dann gesenkten Hauptes inmitten des stattlichen Zuges ritt, sah sie nicht das leise Weben des Lenzes, der seine lichtgrünen Schleier über die sonnbeglänzten Thäler breitete, und tausend Blüthen am Wegrain weckte, hörte sie nicht die hoffnungsfrohen Lieder der Vög­lein int Hage. Sie sah nur eine geliebte Gestalt in trostlosem Dunkel weiter und weiter verschwinden, hörte nur ein versickerndes Tönen, wie ihres Glückes Sterbegeläute.

Als das betrübte Mägdlein über die Zugbrücke ritt, welche den Burgselsen mit der Hochebene ver­bindet, nnd in den finsteren Thorthurm einlenkte, meinte sie, das offene Grab gähne ihr entgegen. Langsamen Schrittes betrat sie die Halle und wollte Frau Katharina in die Kemenate folgen, da belehrte sie ein rauher Handgriff und ein noch rauheres Wort des Bruders, daß auch hier auf dem Wilden­stein ihre Haft fortdauern solle.

* Mit neuen Gewehren ausgerüstet ist aber­mals probeweise das Garde-Jägerbataillon in Potsdam, das erst kürzlich neue Gewehre ohne Lauf­mantel ausprobirt hacke. Die jetzt zur Probe ge­tragene Waffe hat einen längeren, gänzlich von Holz umhüllten Lauf und wird mit einer Gaspatrone ge­laden, welche die Eigenschaft hat, daß, ohne neu zu laden, gleich verschiedene Schüsse hintereinander ab­gegeben werden können. Den Mannschaften des Bataillons ist dienstlich das strengste Still­schweigen über die Konstruktion des neuen Ge­wehres anbefohlen.

* Zu der Nachricht, daß der Reichstag vielleicht schon am Samstag die Session schließen werde, wird uns aus Berlin geschrieben: Das Centrum wird alles daran setzen, vor Schluß nicht allein das Margarine­gesetz, sondern auch noch die Handwerksvorlage zu erledigen. Die Regierung hat es nfttjt in der Hand zu schließen, wenn sie will, denn sie muß auf die Erledigung des Nachtragsetats warten, den man ja nicht gleich vorzunehmen braucht. Wenn freilich der Reichstag nicht beschlußfähig sein sollte, wird das Centrum sich vergebens bemühen.

* Der dem Abgeordnetenhause zugegangene Wach- tragselat fordert zur Erweiterung der Bahnhofs- Anlagen in Aachen, erste Rate 500 000 Mark, zur Erweiterung des Bahnhofs in Dortmund, erste Rate 400 000 Mk. und zur Erweiterung des Bahnhofs in Bochum, erste Rate 100 000 Mk.

* Die ^elilionskommissto» des Reichstags überwies heute die Petitionen des Bundes der Land- wirthe, bekr. Besteuerung der Kunstweinfabri­kation und Abänderung des Gesetzes über den Verkehr mit Wein, dem Reichskanzler zur Er­wägung. lieber die Petition betr. das Verbot der Kunstweinfabrikation, Einführung eines Zolls auf Quebrachoholz und amerikanischeObstabfälle wurde zur Tagesordnung übergegangen.

* Der Kommission des Abgeordnetenhauses für das Wereinsgesetz gehören aus dem Centrum an die Abgg. Dr. Rintelen (Stellvertreter des Vor­sitzenden), v. Hagen (Schriftführer), Dr. Bachem, Dr. Lieber, Dr. Porfch, Roer en, Dr. Stephan.

* Die preußische MereinsgefeHnovetke veranlaßt die ,Sächsische Arbeiterztg/ in Dresden zu Reflexionen darüber, ob es nicht angebracht sei, daß sich die Sozialdemokraten für die Folge an den preußischen Wahlen betheiligen. Zwar habe die Demokratie keine Aussicht, Mandate zu gewinnen; aber der Umstand allein, daß es gelingen würde, die „Uebermacht der Junker" im Landtage endgiltig zu brechen, sei der Mühe werth, sich an den Wahlen zu betheiligen, einerlei, wer auch an Stelle der Junker kommen werde, denn die Junker seien der Soziademokratie schlimmste politische Feinde.

h Die Budgetkommission des Abgeordneten­hauses hat am Dienstag die Berathung der Sekun- däröatznvorkage beendet. Die geforderte Summe

Barbara war nun allein in dem öden Gelaffe. Regnungslos und starren Blickes stand sie hochauf­gerichtet da, nachdem Johann ihr seine grausame Drohung zugerufen und dann die Thüre hinter sich ins Schloß geschmettert hatte. Erst als der letzte Fußtritt verklungen war, warf sie sich auf einen Schemel, schlug die Hände vors Gesicht und weinte bitterlich. In ihrem Kummer achtete Barbara nicht darauf, was um sie her vorging. Sie bemerkte kaum, daß nach geraumer Weile ein Troßknecht Mantel­säcke und Felleisen hereinschleppte, daß Richmodis erschien und mit auffälligem Geräusche die mitgebrachte Habe ihrer Herrin zu ordnen begann.

„Fürwahr, ein herrliches Gemach!" brach die Zofe endlich das ihr unerträglich werdende Schweigen. „Ein Gemach, wohl würdig eines edlen Fräuleins, einer Tochter des Zimmerischen Geschlechtes!"

Barbara hob die müden Augen und blickte traurig um sich.

„Wenn mein Vater es wüßte--"

„Ja, wenn der Gestrenge es wüßte," fiel Rich­modis eifrig ein, „wenn er überhaupt wüßte, wie es um den Wildenstein bestellt ist, im Grabe umdrehen würde sich der gnädige Herr."

„Ich verstehe Dich nicht, Richmodis, erkläre Dich deutlicher."

von 8 Millionen Mark für die Kleinbahnen wurde bewilligt; ebenso die Summe von 2 Millionen Mark für Kornhäuser. Dabei wurde aber von mehreren Seiten betont, daß mit weiteren Mitteln nicht vorge­gangen werden dürst. Der Werth der Kornhäuser für die Allgemeinheit ober für weitere Kreist fei noch nicht erwiesen. Mit den bisherigen Bewilligungen von 5 Millionen Mark sei zunächst dem Bedürfniß genügt und es müsse abgewartet werden, wie sich die zuerst zu erbauenden Kornhäuser bewähren würden.

* Dem Reichstage ist heute eine Novelle zur Gerverveordnurrg zugegangen, welche sich auf die in der Konfektionsindustrie beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen bezieht. Es wird durch dieselbe zunächst der Bundesrath ermächtigt, für die betreffende Industrie Lohnbücher und Lohnzettel vorzu­schreiben. Außerdem enthält dieselbe Besckmmungen, in welchen die Heimarbeit der Arbeiterinnen be­schränkt und außerdem das Zwischenmeistersystem gleichfalls beschränkt wird. Zugleich wird die betr. Arbeiterkategorie den für die gewerblichen Arbeiter geltenden Bestimmungen des Krankenversicherung s- Gesetzes unterstellt.

* Dresden, 19. Mai. Der katholische Priester Prinz Max von Sachsen soll am 27. Juli in Deutsch-Piekar, wo vor 300 Jahren August der Starke zum Katholizismus übertrat, eine hl. Messt lesen wollen. Diese „neue Taktlosigkeit der römischen Kurie" be­geistert den ,Reichsboten' zu einem langen Schimpf­artikel.

* Ksse«, 19. Mai. Die 29 hier bestehenden katholischen Vereine haben folgende Resolution an­genommen : „In Anbetracht der großen Gefahr, welche der Sittlichkeit durch die sogenannte Kunst und schlechte Literatur erwächst, verpflichten wir uns: 1. Wir werden in keinem Laden kaufen oder kaufen laffen, in welchem schamlose Bilder ausgestellt sind. 2. Die Vereinsvorstände werden ihr Augenmerk auf die Kolportage und die in den Schaufenstern ausliegende Literatur richten und schonungslos gegen die schlechten Erzeugnisse vorgehen. 3. Die Vereinsvorstände wer­den streng darüber wachen, daß in den Versamm­lungen u. s. w. der Vereine Theater- und Gesang­stücke irgendwie anstößigen Inhaltes nicht zur Aus­führung gelangen. 4. Um den übertriebenen wider­lichen Hochzeitsfeiern in den Sonntag hinein Einhalt zu thun, werden wir in unfern Bekanntenkreisen uns bemühen, daß die Samstags-Hochzeiten nach Möglich­keit vermieden werden."

Ausland.

* Wostaganem (Algerien), 18. Mai. In Folge eines blutigen Angriffs seitens der hiesigen Israe­liten aus etwa 10 Radfahrer aus Oran entstanden heute gegen die Israeliten Kundgebungen, bei denen die Synagoge zerstört und etwa 15 Läden der Israeliten geplündert wurden.

Richmodis ließ das Festgewand der Gebieterin, welches sie eben der Umhüllung entnommen, fallen, kam näher heran und flüsterte:

„Der Werdenberger ist vorhin schon eingeritten."

„Und warum sollte er nicht? Felix von Werden­berg ist der Schwager meines Bruders. Die alte Fehde zwischen Zimmern und Werdenberg ist lange begraben."

„Der Gestrenge hat sie nimmer vergessen, hat nimmer Freundschaft mit den Sigmaringern halten wollen, trotzdem Herr Johann eine ihrer Töchter heimgeführt. Aber neue Zeiten, neue Sitten! Die Werdenberger werden hierfür wohl gebietende Herren auf der Veste werden, wenn es so weiter geht, wie mir der Thorwart eben mit bitterem Worte geklagt

„Du sprichst in Räthseln, Richmodis, Du vergißt, daß mein Bruder selbst mich vom Rücken meines Zeltes weg hier in dies Gefängniß" — ein schmerz­licher Blick irrte durch das umvirthliche Kämmerlein — „geführt hat, und ich keinen der alten Getreuen meines verstorbenen Vaters gesprochen habe."

„9luu, so hört, edles Fräulein, und urtheilt selbst! Ich traf den Thorwart auf der Stiege, und da ich müde und durchgefroren war von dem Ritt über die Höhen, trat ich einen Augenblick zu Frau Agathe ins