Einzelbild herunterladen
 

JVs. 104

Samstag, den 8. Mai 1897

24. Jahrgang

mit Unterhaitungs-Keiiage „Sterne und Sturnen".

Erscheint täglich, Sonn« und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementsvreis ohne Brinqerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark öO Pfennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzeile oder deren Raum 15 Ps., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches R^ich»

Berlin, 7. Mai.

* Der Aaiser empfing im Neuen Palais heute Mittag um 12 Uhr den Äbt der Benediktiner-Abtei Maria-Laach, den hochw. Herrn Willibrord Benzler, welcher für die Ueberlaffung der fiskalischen Abtei- Kirche in Maria-Laach zum gottesdienstlichen Gebrauch seinen Dank abstattete.

* Eine Unmenge von Krisen-Aachrichten ist in den letzten Tagen durch die Presse verbreitet worden, die mit der Militürstrafprozeßreform und dem Ver­einsgesetz zusammenhängen. Die Anwesenheit des Grafen Waldersee in Berlin wird jetzt dahin erklärt, daß er wegen eines älteren Leidens einen hervorragenden Berliner Arzt befragen wolle. — Zum Nachfolger des verstorbenen Professors v. Treilschke ist Professor v. Delbrück, der Herausgeber der Preußischen Jahr­bücher, berufen worden.

h Dem Genlrnm wird es von der ,Kreuzztg.' und der ,Deuschen Tagesz/ sehr verübelt, daß es am Donnerstage am Schlüsse der Reichstagssitzung gegen den Antrag stimmte, auf die Tagesordnung für Frei­tag den Margarineantrag zu fetzen, wie wohl Abg. Dr. Bachem selbst diesen Antrag gestellt hatte. So etwas sei unerhört, meint die,Kreuzztg.'; das Cen- trum werde sich nicht wundern dürfen, wenn es nach­gerade das Vertrauen bei anderen Parteien verliere. Wozu der Lärm? Ob das Margarinegesetz heute oder erst morgen fertig wird, ist doch ganz belanglos. Bebel drohte bekanntlich mit Anträgen auf nament­liche Abstimmungen und Anzweiflung der Beschluß­fähigkeit des Hauses bei den weiteren Verhandlungen. Warum sollte man sich dem' ohne Roth aussetzen? Können denn die Herren Konservativen wirklich nicht einen Tag länger in Berlin bleiben? Es ist doch nicht gerade schmeichelhaft, sich nachsagen lassen zu müssen, daß man sich gerade nur zu Abstimmungen über Fragen einfindet, an denen man ein starkes materielles Interesse hat, während man bei an­deren wichtigeren Sachen durch Abwesenheit glänzt. Was das Vertrauen bei anderen Parteien betrifft, so möchten wir die ,Kreuzztg/ daran erinnern, wie schmählich die Konservativen im Abgeordnetenhause das Cenlrum s.Z. bei dem Wahlreformgesetze betrogen haben, von anderen Fällen konservativer Zuverlässig­keit nicht zu reden.

* „DasKentrrrm uud die indirekten Stenern" betitelt sich das neueste Flugblatt, welches vom Volks- verein für das katholische Deutschland herausgegeben ist. In der sozialdemokratischen Presse wird in jüngster Zeit eine Fluch von Angriffen gegen das Centrum erhoben; dasselbe soll die Schuld daran tragen, daß im deutschen Reiche auf jede Arbeiter­familie von 5 Köpfen jährlich nicht weniger als 60 Mk. an indirekten Steuern und Zöllen auf nothwendige Lebensmittel entfallen. Ungefähr das Gleiche war schon in unzähligen Flugblättern anläßlich der Reichs­lagswahl im Jahre 1893 behauptet worden und wurde auch noch in einer besonderen Broschüre (Die Thätig- keit des deutschen Reichstages von 1890 bis 1893), welche im Auftrage der sozialdemokratischen Partei erschien, in einer die Wahrheit entstellenden Weise dar- gelegt. Um klar zu stellen, was von diesen Vorwürfen zu halten ist, sind die einzelnen Arten der indirekten Steuern und Zölle in diesem neuesten Flugblatt aus­führlicher behandelt worden und gezeigt, wie wenig begründet diese dem Centrum gemachten Vorwürfe thatsächlich sind. Von den indirekten Steüern (Ver­brauchsabgaben) kamen in Betracht: Die Salzsteuer, die Zuckersteuer, die. Brausteuer, die Tabaksteuer, die Branntweinsteuer Von den Zöllen diejenigen auf Brodgetreide, Vieh und thierische Produkte, Kaffee, Petroleum. Das Flugblatt ist in jeder Anzahl gratis zu beziehen von der Centralstelle des Volksoereins München-Gladbach.

* Die Reichstagskommission zur Vorberathung des IlnfairverlilHerungsgesetzes fuhr heute in der zweiten Berathung der Novelle zur Gewerbeunfallver- sicherung fort und gelangte bis § 61. Fast durchweg

wurden die Beschlüsse erster Lesung beseitigt. § 55 wurde auf Antrag des Abg. Trimborn dahin abge­ändert, daß dem Verletzten auf Antrag die Schreib­gebühren für Abschriften von Protokollen u. dgl. er­lassen werden sollen. Man hofft, in dieser Woche die zweite Berathung zu beenden.

* Eine Neuorganisation der Fetdartilkerie, die über die augenblicklich zur Berathung stehenden Forderungen für das Reservematerial weit hinaus­geht, wird von verschiedenen Offiziösen abermals in Aussicht gestellt. An „leitender Stelle" erwäge man diese Neuorganisation und beabsichtige, sie vielleicht eher durchzuführen, als im Allgemeinen angenommen werde. Neue fahrende Batterien sollen nicht geplant sein, wohl aber die ja auch unabweisbar sich auf- drängende Aenderung der heutigen Torso-Organisation in eine zweckmäßigere, der Gliederung im Kriege mehr entsprechende und auch im Frieden dem Regiments - Kommandeur Uebersicht und Leitung erlaubende, Im­provisationen bei der Mobilmachung ausschließende. Dabei würde der engeren Verbindung der Feldartillerie mit den anderen Waffen auch schon in den größeren Friedensverbändeu, nothwendig zur Sicherstellung des Zusammenwirkens auf den Gefechtszweck im Kriege, Rechnung getragen werden. Möglich wäre dies nur durch die Unterstellung unter die Divisionen. Eine Zutheilung von je einem der heutigen Feldartillerie- Regimenter zu jeder Division beseitigte das liebet der übergroßen Regimenter aber noch nicht, es würde sich um kleinere Regimenter von 6 Batterien handeln, von denen je zwei, zu einer Brigade, wie bei der Kavallerie, vereinigt, jeder Division unterstellt würden. Vorläufig scheint es sich doch nur um ge­wisse Pläne militärischer Theoretiker zu handeln. Für jede Division eine Artilleriebrigade — das würde eine ganz erheb liche Vermehrung d'er Kadres voraussetzen.

* Auf höheren militärischen Befehl ist bei sämmt- lichen Truppentheilen eine bemerkenswerthe Neuerung eingesührt worden. Es betrifft dies die Nauiens- venenmrng der Offiziere. Bisher wurden inner­halb der selbständigen Truppenkörper die Namen der aus demselben Geschlecht stammenden Offiziere einfach nummerirt, zum Beispiel v. Schmeling I, v. Schme- ling II, v. Schmeling III re. Aus ästhetischen wie praktischen Gründen ist hierin jetzt eine Aenderung eingetreten, indem in solchen Fällen dem Familien­namen der Vorname des betreffenden Offiziers anzu- fügen ist, z. B. v. Stülpnagel-Otto, v. Stülpnagel- Ernst re. Alle auf den Militärdienst bezüglichen Schriftstücke werden dementsprechend geändert.

* Neue Aniformavzeichen der verschiedensten Art sind in Verbindung mit der Neuerrichtung der Truppentheile am 1. April d. I. wiederum einge- führt worden. Es gibt jetzt, so klagt die ,Köln. Ztg.' in ihren „Militärischen Mittheilungen", innerhalb der preußischen Infanterie so viele verschiedene Ab­zeichen, daß, um alle diese Merkmale zu behalten, mindestens ein gutes Gedächtniß erforderlich ist, jeden­falls ist aber durch diese Neuerungen eine Verein­fachung in der Uniformirung nicht eingetreten, in welcher sich rechtzufinden selbst für den Fachmann es seine Schwierigkeiten hat; im bayerischen, sächsischen und württembergischen Kontin­gent giebt es bei der Infanterie derartig verschiedene Unterscheidungszeichen nicht, sie beschränken sich allein auf die Nummern bezw. der Namenszüge auf den Schulterklappen.

* Bei den diesjährigen größeren Truppen­übungen soll das Fahrrad einem erweiterten Ver­such bezüglich seiner Verwendung bei einem größeren Kavalleriekörper unterworfen werden. Zu diesem Zwecke wird bei der Kavalleriedivision des 11. Armeekorps eine besondere Radfahrer - Abtheilung aufgestellt werden, die von dem Pionier-Detachement dieser Division in der Stärke von einem Offizier und 60 Mann dargestellt wird. Dieses Pionier-Detache­ment ist die nach der „Ordre de bataille“ zu jeder Kavalleriedivision gehörige einzige Fußtruppe, die mit außerordentlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, um der Kavallerie überallhin und mit gleicher Schnelligkeit folgen zu können. Wenn auch im Frieden das Fortschaffen auf Wagen sich ohne weiteres aus­führen läßt, so wird dies im Kriege nur in den seltensten Fällen sich ermöglichen lassen; reitende

Pioniere zu schaffen, ist aber bei der Kürze der Dienstzeit ausgeschloffen, und so steht zu erwarten, daß das Fahrrad in dieser Beziehung die nöthige Abhilfe gewähren wird. Leider ist das in Gebrauch stehende Militärfahrrad noch viel zu schwer, und wenn man auch nicht gleich zum leichtesten Sportrade überzugehen braucht, so könnte doch die Bauart des Kriegsfahrrades etwas erleichtert und namentlich auch die Luftgummireifen eingeführt werden, wie ihn die Franzosen ebenfalls an ihren Fahrrädern haben. Die weitere Schritt zur Einführung eines Faltrades, das sich bei den vorjährigen Manövern des zweiten fran­zösischen Armeekorps bestens bewährt hat, ist dann nur klein.

* Freiburg i.Br., 7. Mai. Nach der neuesten Nummer der Zeitschrift ,Charitas' ist die Königin von Sachsen dem neugegründeten Charstasoerbande als Mitglied beigetreten und hat der Redaktion der Zeitschrift ihre Anerkennung zukommen lassen. Die Redaktion knüpft daran die Hoffnung, „daß durch ein solches Beispiel noch viele Katholiken, besonders aus den höheren Kreisen, zur Unterstützung der Ver­bandsziele ermuntert werden." Die Abonnentenzahl der Zeitschrift betrug bis Mitte April 2559.

Ausland.

Einliedekn (Schweiz), 6. Mai. Die welt­bekannte Firma Benziger u. Co. ist in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden. Das ,Luzerner Vaterland', Centralorgan für die katholische Schweiz, schreibt dazu: Die Firma betritt damit eine ganz natürliche Phase der Weiterentwickelung, wie sie vor ihr eine Anzahl anderer großer Geschäfte katholischer Richtung auf ihrem Entwicklungsgänge auch schon durchgemacht. Das Unternehmen bezweckt eben eine geschäftliche Erweiterung durch ein ver­größertes, fixiertes Geschäftskapital und zwar auf dem Wege einer finanziellen Umgestaltung in eine Familien- Aktiengesellschaft. Nach wie vor sind nämlich die alten Geschäftsinhaber aus der Familie Benziger die Seele des Unternehmens, ebenso sind auch die Programmpunkte des Unternehmens die alten. Durch Art. 2 der Gesellschastsstatuten wird dies un­widerleglich dargethan: „Die Gesellschaft bezweckt die Erwerbung, den Weiterbetrieb und die eventuelle Er­weiterung der bis dahin von der Firma Benziger u. Co. in Einsiedeln, Waldshut und Köln betriebenen sämmtlichen Etablissements und damit also die Pflege katholischen Buch- und Kunstverlages und Sorti- mentsharidels, den Betrieb eines artistisch-graphischen Institutes mit allen seinen Haupt- und Neben- Branchen, sowie die Fabrikation von und den Handel mit Devotionalien und katholischen Kultusgegenständen unter Ausschluß alles dessen, was der katho­lischen Tendenz zuwiderläuft." Benziger u. Co. wird auch in seinem neuen Gewände seinen Weltruf speziell unter den ersten der katholischen Verlagsanstalten behaupten.

* Naris, 7. Mai. Der Herzog von Auma le ist, wie es heißt, aus Schmerz über die Nachricht vom Tode feiner Nichte, der Herzogin von Aleiixon, in Zucco auf Sicilien gestorben. Heinrich Eugen Philipp Ludwig von Orleans, Herzog von Aumale, wurde als vierter Sohn des Königs Louis Philipp von Frankreich am 16. Januar 1822 zu Paris ge­boren, trat mit 17 Jahren in die Armee ein, wurde 1839 Kapitän und begleitete seinen Bruder, den Herzog von Orleans, als Ordonnanzoffizier nach Algier, wo er in mehreren Kriegszügen sich auszeichnete und schnell zum Oberstlieutenant befördert wurde. Am 27. September 1847 wurde er Generalgouverneur von Algerien und erwarb sich in dieser Stellung die Liebe der Kolonisten und der Armee. Auf die Kunde vom Ausbruch der Februarrevolution überließ er sein Amt dem General Caoaignae und begab sich nach England, wo er sich namentlich durch kriegs­wissenschaftliche Artikel in der ,Revue des deux Mondes' literarisch bekannt machte. Die folgenden Jahre widmete er sich ausschließlich einer regen schrift­stellerischen Thätigkeit, die ihm im Jahre 1871 einen Sitz in der französischen Akademie eintrug.

* Belgrad, 7. Mai. Eine türkische Bande hat am Mittwoch Nachmittag zwei bei Raschka pa­trouillierende serbische Gendarmen überfallen, von