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JK 101

Mittwoch, den 5. Mai 1897

24. Jahrgang

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mit UrrterhaLtungs-Kettage „Sterne und Klrrmen".

Erscheint läalich Sonn- und Feiertage ausgenommen. — Vierteljährlicher Abonnementsvreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld in Fulda und auswärts 1 Mark 50 Mennig. Inserate kosten die einspaltige Garmondzcile oder deren Raum 15 Pf., Reklamen die Petitzeile 25 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

i+i Zur inneren Lage.

Der verflossene Sonntag war von verschiedenen politischen Wetterpropheten als ein kritischer Tag e r st e r O r d n u n g angekündigt worden. Der Reichs­kanzler sollte mit dem nur aus kurze Zeit zurück­gekehrten Kaiser eine Besprechung haben und dabei sollte dieEntscheidung über die Militärstra fprozeß- reform und das Vereinsgesetz faßen; da sie wahrscheinlich so aussallen werde, daß der Reichs­kanzler seine Versprechungen nicht erfüllen könne, werde er feinen Abschied nehmen. Der Sonntag ist gewesen, der Reichskanzler war auch im Neuen Palais zu der größeren Tafel hinzugezogen, die aus Anlaß der Anwesenheit des Herzogs Johann Albrecht von Mecklenburg stattfand, aber von einer Entscheidung oder gar von einer Kanzlerkrisis hört man heute noch nichts. Fürst Hohenlohe erschien in der Reichstagssitzung, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Vorläufig ist also wohl alles noch in Ordnung.

Wie lange freilich dies „vorläufig" dauert, das ist eine andere Frage. So viel steht fest: im Reichs­tage wie im Abgeordnetenhaufe glaubtkein Mensch mehr an das Erscheinen der beiden, so lange er­warteten Vorlagen. Wie es mit ihnen überhaupt steht, hüllt sich in völliges Dunkel. Alle Tage wechseln die Nachrichten, wenigstens über die Militärstraf­prozeßreform; die Novelle zum Vereinsgesetze „ruht" seit Ostern. Liegt die Militärstrafprozeßreform beim Kaiser, oder in den Ausschüssen des Bundesrathes oder bei diesem selbst? Jede Meldung hierüber wird am nächsten Tage sicher durch eine andere „richtig gestellt." Nach der, soviel wir wissen, in diesem Augenblick neuesten Meldung haben der Kaiser und der Prinzregent von Bayern sich noch über sie zu verständigen, was wohl sagen soll, man sei über den obersten Gerichtshof noch nicht einig. ' Danach wäre die Vorlage also wohl noch gar nicht beim Bundesrathe gewesen. Sollte das Unwahrscheinliche eintreten und sie nächstens noch dem Reichstage zugehen, so hätte der Reichskanzler zwar sormell seine Zusage eingelöst, allein an eine Erledigung wäre nicht mehr zu denken. Denn sicher ist sie nicht so beschaffen, daß der Reichstag sie mit Hurrah in allen drei Lesungen annehmen würde. Gegen erheb­liche Aenderungen dürfte sich die Regierung sträuben, denn es wird ein sehr subtiles Kompromißkunstwerk sein, das bei unzarter Behandlung sofort in die Brüche geht. Also bedürfte es längerer Verhand­lungen, aber der Reichstag ist auf keinen Fall üder Pfingsten hinaus zu hallen. Schon vor Pfingsten wird anscheinend keine beschlußfähige Ver­sammlung mehr zu Stande kommen. Daher dürfte in etwa 14 Lagen dem grausamen Spiele ein Ende gemacht sein. Der Nachtragsetat, der neue Servis­tarif, die Beamtenaufbesserung, das Reliktengesetz und das Auswanderungsgesetz werden wohl die einzigen noch zur Erledigung kommenden Vorlagen sein. Wenn es gut geht, faßt man auch noch zu der Unfallver- ficherungs- und der Jnvaliditätsversicherungs-Vorlage eine Resolution. Das Margarinegesetz kann nur zu Stande kommen, wenn der Reichstag noch auf ein paar Tage beschlußfähig wird, denn die Gegner werden die Erledigung sonst nicht zugeben.

Wie es um das V e r e i n s g e s e tz im Näheren bestellt ist, weiß man nicht, jedenfalls rechnet man nicht mehr darauf, und erwirkt dahef auch für den Landtag den Sessionsfchluß vor Pfingsten. Der ist sehr wohl zu ermöglichen, denn die zweite Berathung des Kultusetats wird sicher diese Woche (nöthigenfalls mit Abendsitzungens zu Ende geführt werden. Die dritte Lesung des Etats pflegt in der Regel drei Tage zu dauern. Vorher wird man die erste Lesung der Eisenbahnvorlage vornehmen, die vielleicht ein paar Tage dauert, aber für das Schicksal der Vorlage nichts zu bedeuten hat, denn diese wird ohne Schwierig­keiten durchgehen. Wichtige sonstige Vorlagen sind nicht vorhanden. Selbst also wenn die dritte Be­rathung des Etats diesmal wegen der Beamtenauf­besserung etwas länger dauern sollte, ist also ein

Hinausschleppen der Session über Pfingsten kaum möglich.

Das Ausbleiben der Militärstrafprozeßreform und des Vereinsgesetzes zeigt von starken Reibungen in den „maßgebenden Kreisen". Welche Fol­gerungen wird der Reichskanzler daraus für sich ziehen? Das „Gefühl", daß er nicht lange mehr im Amte bleiben werde, ist ziemlich allgemein verbreitet. Die ,Deutsche Tagesztg/ meint, ob der binnen kurzem doch nothwendige Kanzlerwechsel ein paar Monate früher eintrete, sei ziemlich bedeutungslos; der Reichskanzler hätte eben keine bindenden Versprechungen abgeben sollen, jetzt sei es das kleine liebet, wenn er die Fol­gerungen aus der Nichterfüllung der Versprechungen ziehen müsse. Dagegen will die ,Posst wissen, es würden aus dem Ausbleiben der Vorlagen keine äußern Konsequenzen von Bedeutung erwachsen. Wir unsererseits sehen den kommenden Ereignissen und etwaigen kommenden Männern mit größter Ge- müthsruhe entgegen. Daß es aber die Stimmung im Volke verbessern werde, wenn Versprechungen nicht gehalten werden, glauben wir kaum. Und uns scheint sich doch in den letzten Jahren so viel Mißstimmung aufgehäust zu haben, daß die Regierenden allen Grund hätten, sie nicht noch zu vermehren. Welcher Stand, welche Klasse, welche Partei ist denn heute überhaupt noch zufrieden im Lande? Mit Ausnahme der fleißig Feste feiernden Hofgesellschaft wohl niemand.

DerrLsches Weich.

Berlin, 4. Mai.

Yi General-Oberst der Kavallerie IrHr. v. Koö ist, wie der ,Reichsanz/ meldet, auf ftin Abschieds­gesuch von den Stellungen als Oberbefehlshaber in den Marken und als Gouverneur von Berlin ent­bunden worden und zu den Offizieren zur Disposition üb er getreten. Er bleibt in den Listen der aktiven Generale, sowie in der Stellung als General-Adju­tant des Kaisers und in dem Verhältniß ä la suite des Hus.-Rgts König Wilhelm I. Nr. 17. Gleichzeitig meldet der ,Reichsanz/, daß der General der Kavallerie Graf v. Wedel unter Belassung in dem Verhältniß als General-Adjutant des Kaisers zum Gouverneur von Berlin ernannt worden ist.

* Kontreadmiral Girpitz, der mit der Vertretung des Staatssekretärs Hollmann beauftragt ist und sich gegenwärtig auf der Heimreise befindet, wird sich, wie die ,Posst hört, bereits gegen den 20. d. M. beim Kaiser melden. Seinen eventuellen Erholungsurlaub dürfte er also erst nach der Audienz beim Kaiser antreten.

Geheimer Oberregierungsrath Semper aus dem landwirthschaftlichen Ministerium ist am 1. Mai gestorben. Derselbe war 1838 geboren. 1866 trat er in den preußischen Dienst; 1887 wurde er in das genannte Ministerium berufen und 1889 zum vor­tragenden Rath in demselben ernannt. Der ,Reichs- anzeiger" widmet dem Verstorbenen einen warmen Nachruf, in welchem esu. A. heißt: „Gleichbedeutend durch seine Arbeitskraft und Fähigkeiten, wie durch seine Charaktereigenschaften, ein treuer Freund seiner Freunde und Kollegen, wird er allen unvergessen bleiben, die mit ihm zusammen gearbeitet haben."

ft Zu der Frage, ob der Reichskommissar Dr. Meters wegen der von ihm begangenen Handlungen strafrechtlich verfolgt werden könne, geht der ,Nordd. Allg. 3tg/ ein längerer Artikel von „einem namhaften Juristen" zu. Der Verfasser kommt darin zu einem negativ en Resultate. — Natürlich!

* Das „Hnelkenstudinm" des Avg. v. Kynern, welches in den letzten Tagen bei der Kultusdebatte im Abgeordne'.enhause in so eigenthümlicher wenn auch nicht ungewöhnlicher Weise sich geltend machte, erfährt eine des politischen Interesses wie des guten Humors nicht entbehrende Beleuchtung durch folgende Erklärung, welche der altkatholische Pfarrer a. D. S t rucksberg in Charlottenburg heute Abend in der,Vosf. Ztg/ veröffentlicht. Dieselbe lautet:

Der Abgeordnete von Eynern hat in den Sitzungen des Abgeordnetenhauses vom 30. April und 1. Mai sich den Anschein gegeben, als ob das Wert von Michaud-Hoffmann die von ihm benutzte Quelle für den Ausspruch Montalemberts über Veuillot sei. Dieses Verfahren enthält einen bedenk­lichen Mangel an Wahrheitsliebe, denn ich habe ihm die Quellenangabe in der Sitzung vom 28. v. Mts. zu­gestellt. Weiter hat v. Epnern mit der Quelle wie folgt

operirt, was ich im Einzelnen unter Beweis stelle. 1. Nach Zustellung der Angabe und nach erneuter Mahnung meiner­seits, der Sache Beachtung zu schenken, hat v. Eynern mich fragen lassen, ob Michaud-Hoffmann einen oder zwei Namen darstellt, ein Beweis, daß das Buch ihm völlig unbe­kannt war. 2. von Eynern hat das Werk am 29. v. Mts. citirt, allerdings aus guten Gründen kaum hörbar, als „Ge­schichte der katholischen Kirche in Frankreich", wie ich irr- thümlich aus dem Gedächtniß angegeben hatte. Es muß heißen: „Zustand rc." 3. von Eynern hat das Werk als seine Quelle insinuirr ohne es gesehen oder eine Ahnung davon zu haben, an welcher Stelle des Buches sich der angebliche Ausspruch Beuillots befindet. Erst nachdem er die Quelle am 29. v. Mts. angegeben hatte, hat er sich das Buch aus der Bibliothek geben lassen und auch nach längerem Suchen die Stelle gefunden. Dann hat er freudestrahlend das Buch in den Reihen jener Fraktionsgenossen herumge­zeigt, aber für den Beralher hatte er nicht ein einziges Wort des Dankes und keinen anerkennenden Blick, sondern schnöde Mißachtung. Der Abgeordnete von Eynern verdankt seine Angaben über die Germania - Flugschriften „Zur Lehr und Wehr", über die Analecta Ecclesiastica mit ihrem Ausspruch über „die gesegneten Scheiterhaufen", über die ultramontane Kampfesweise gegen Pastor Thümmel im vorigen Jahre, über „den zweiten Jansen", Dr. Paulus in diesem Jahre, allein mir; anderes Material aus diesem Jahre reservirt er sich fürs nächste Jahr, entsprechend dem Verfahren mit der Nachricht über Dr. Paulus. Daß er sich allein das Ver­dienst der Verhandlung über diese Dinge zulegt, konnte und mochte ich nicht hindern, gegen seine unwahren Insinuationen aber muß ich Einspruch erheben.

Mitleidsvoll bemerkt dazu die ,Germ/: Armer Ernst von Eynern! Nach der empfindlichen Nieder­lage im Abgeordnetenhause nun noch in solcher Weise von seiner „Quelle", dem altkatholischen Pfarrer Strucksberg öffentlich an den Pranger gestellt zu werden, ist mehr als bitter, freilich aber nicht unverdient.

* Die von uns bereits angekündigte freie Äommtffion aus Regierungsvertretern, Sachver­ständigen und Parlamentariern zur Vorberathung über die Umgestaltung der Medizinalbehörden ist heute unter Vorsitz des Ministerialdirektors Dr. v. Bartsch im Kultusministerium zusammengetreten.

* Die Schnelkfeuergeschütze sollen, wie die ,Brest. Ztg/ erfährt, demnächst bei einer Anzahl von Feldartillerieregimentern zur probeweisen Ein­führung gelangen. Bei dem schlesischen Feldartillerie­regiment ist ein Theil des neuen Materials bereits eingetroffen, und, wie das genannte Blatt weiter schreibt, wird das Geschützexerzieren mit den alten Geschützen schon ausgesetzt.

* Der Bundesrath hat beschlossen, daß im Schulunterricht, sowie im amtlichen Verkehr fortan für 100 Kilogramm die Bezeichnung Doppek-Genttter abgekürzt „dz" angewandt werden soll.

* Stettin, 4. Mai. Der Kaiser ist heute Vor- mittag~i 1 Uhr 20 Minuten zum Stapellaufe des vom Norddeutschen Lloyd erbauten Schnelldampfers „Kaiser Wilhelm der Große" hier eingetroffen und am Bahn­hofe von dem Oberpräsidenten, Staatsminister v. Putt- kamer, dem Polizeipräsidenten Dr. v. Zander, dem Vorsitzenden des Aufsichtsraths des „Vulkan", Geh. Kommerzienrath Schlutow empfangen worden. Die Stadt ist festlich geschmückt und eine große Menge bewegt sich auf den Straßen; das Wetter ist prächtig. Der Stapellauf erfolgte punkt 12 Uhr Mittags. Den „Taufakt" vollzog die Frau des Senators Plate aus Bremen. Das neue Schiff ist das größte Dampfschiff der Welt. Die Länge des Kolosses beträgt 190'/- Meter oder 625 englische Fuß, die Breite 20,1 Meter gleich 66 Fuß, die Höhe gegen 60 Fuß oder etwa 18 Meter. Die mächtigen Dampfmaschinen sollen 28,000 Pferdestärken inbiciren und dem Riesenschiffe dadurch eine Geschwindigkeit von 21 bis 22 Seemeilen oder 39 bis 41 Kilometer ertheilen, also die Geschwindig­keit eines Eisenbahn-Personenzuges. Die Wasserver­drängung beträgt bei voller Ladung etwa 14,000 Tonnen. Um sich leichter einen deutlichen Begriff von diesem Riesenumfang zu machen, sei erwähnst daß viele Flußdampfer nur 30 bis 100 Tonnen Fassunge­raum haben, also weniger als ein Hundertstel. Von den 36 Paffagierdampfern von zwölf Rhedereien aus Stettin und den benachbarten Oderstädten, welche mit vielen Tausenden Zuschauern besetzt alle zur Feier dieses größten Stapellaufs vor der Vulkanwerft auf der ziemlich schmalen Oder halten, haben die meisten nur 30 bis 100 Tonnen Fassungsraum, so daß weit über hundert solcher Paffagierdampfer zusarnmen- genommen noch nicht so viel Tonnengehalt haben, wie der eine neue Lloyddampser „Kaffer Wilhelm der Große". Die Schiffslänge von 190l/g Meter über-