Jlo 100
Dienstag, den 4. Mai 1897
24. Jahrgang
»linier
Zeitung
mit Unterhaltrrngs-Keilage „Sterne und Klumen".
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Deutsche» Deich.
Berlin, 3. Mai.
* Die Zeit der KatHokikenversammkimg in LaudsHut ist nunmehr vom Lokalkomitee in Neber- einstimmunA mit Fürst Löwenstein definitiv auf Montag, den 30. August (Begrüßungsabend) bis einschließlich Freitag, den 3. September festgesetzt worden ; zugleich ist bestimmt worden, daß im Anschlüsse an die Katholikenversammlung Freitag, den 3. Sept. Abends von Landshut ein Pilgerzug nach Freiburg in der. Schweiz abgeht, welcher Samstag, den 4. Sept. Abends dortselbst anlangen wird.
* Exminister vo« Köller ist in Kammin i. P. am Sonntag in einer politischen Versammlung, in welchem der Abg. Pachnicke einen Vortrag hielt, dem letzteren als Redner entgegengetreten, indem er die Handelsverträge scharf verurtheilte. Diese Verträge, welche die Getreidezölle um 15 Mk. pro Tonne ermäßigt hätten, dürften nicht erneuert werden. Als der Abg. Pachnicke darauf erwiderte, daß das, was Herr von Köller hier vertreten habe, weit über dasjenige hinausgehe, was die gegenwärtige Regierung vertretbar finde, rief von Köller dazwischen: „Darum bin ich ja auch ausgetreten!" —Bekanntlich ist Herr von Köller nicht freiwillig von seinem Minister- amte gegangen, sondern gegangen worden.
* IlnfreirvMige Setvstkriiik übte am Donnerstag im Abgeordnetenhause der freikonservative Graf Limburg-Stirum an seiner eigenen Person. Bei der Berathung über das Gehalt des Kultusministers kam zuerst der Abg. Roeren (Ctr.) zum Worte. Unter anderem legte er dar, weil man auf unsere Klagen über Zurücksetzung der Katholiken bei Anstellungen so oft entgegne, „es seien unter den Katholiken nicht geeignete Kräfte für höhere Posten", darum wolle er b-ronen, daß vier Katholiken als geeignet zu einem Botschafter-Posten befunden worden seien; also seien doch die Katholiken nicht so dumm von Hause aus. Darauf machte der freikonservative Abgeordnete Graf Limburg-Stirum den Zwischenruf: „Z u diesem Posten braucht man keine große Intelligenz!" Es ward ihm darauf aus den Reihen des Centrums durch einen anderen Zwischenruf geantwortet: „Das müssen Sieja ambesten wissen!" — Herr Graf Limburg-Stirum war nämlich selbst viel/Jahre im diplomatischen Dienste thätig, u. a. am Hofe von — — Sachsen-Weimar! Das mag freilich leichter sein, als in Konstantinopel, Petersburg ec. seines verantwortungsreichen Amtes zu walten. Ob der Herr Graf nachträglich über diese seine eigene Leistung erbaut sein wird und ob ihm besonders seine diplomatischen „Kollegen" für seine
Der falsche Graf.
Kriminalroman von Max Benno.
dl] ------ (Nachdruck verboten.)
(Schluß.)
Die Vorhersagungen des Arztes über Doktor Sallust bewahrheiteten sich nicht. Der Leidende erholte sich nicht mehr, bekam jedoch mehrere lichte Minuten, in denen er, vollständig umgewandelt, die Versöhnung mit Gott und den Menschen vollzog. Vierzehn Tage nach dem Einzuge Edgars wurde er auf dem kleinen Anstaltskirchhofe begraben.
Der Sekretär Malang war ihm bereits vorausgegangen. Man hatte ihn aus dem Bahnhofsgebäude nach der Stadt übergeführt, wo er am andern Morgen verschied.
Adolf Seeburg, der falsche Graf, überlebte die Beiden nicht lang. Er machte einen Fluchtversuch aus dem Gesängnisse, wurde jedoch von der Schildwache bemerkt. Da er deren Anruf nicht beachtete, schoß ihn der Soldat nieder, und einige Tage später wurde er, nachdem er ein reumüthiges Bekenntmß abgelegt hatte, durch den Tod von einem voraussichtlich harten Schicksal befreit.
Mit dem Ableben sämmtlicher Schuldigen war der Prozeß zum Abschlusie gebracht, und der Heim
Kritik der Botschafter-Intelligenz dankbar fein werden, darüber darf man wohl einige Zweifel hegen.
* In Betreff der Iu«k1ionsz»rage« für Gver- feljrer hat das Centrum den Antrag im Abgeordnetenhaufe eingebracht, die königl. Staatsregierung aufzufordern, die der Hälfte dezw. dem Viertel der Oberlehrer zu gewährende pensionsfähige Zulage von 900 Mk. nach keinem anderen Grundsätze als dem der Anciennetät verleihen zu wollen.
* Den Reichstag zum Besuche der Leipziger Auskolkung einzuladen beabsichtigt, wie verlautet, die Direktion derselben. Man hofft, daß die Vertreter des deutschen Volkes der Stadt Leipzig so gern die Ehre ihres Besuches schenken werden wie der Stadt Hamburg, deren Gartenbauausstellung der Reichstag am 28. Mai zu besichtigen gedenkt.
* Die Stellvertretung des Landraths durch den Kreisfekretär in Ersatzangelegenheiten hat wiederholt zu Unzuträglichkeiten geführt, so daß diese Stellvertretung fortan auf das Aeußerste eingeschränkt werden und von ihrer Anwendung vorher dem Mili- tärvorsitzenden der Kreiserfatzkommission ober dem Vorsitzenden der Oberersatzkommission schriftlich Anzeige erstattet werden soll.
* lieber eine Keraösetzung des D'okpackel- porlos haben im Reichspostamte seit einiger Zeit Berathungen stattgefunden. Die Gründe hierfür find dem ,ConfektionäL zufolge in der beabsichtigten Einführung des Staffeltarifs für Stückgutfendungen zu finden. Der Staffeltarif würde die Konkurrenzfähigkeit der Privatpostanstalten bis auf Entfernungen bis 700 Kilometer erhöhen (bis jetzt nur 350 Kilometer), fodaß die Privatpost dann ihre Thätigkeit bis auf die fünfte Postzone ausdehnen kann. In die Entfernung bis 700 Kilometer fallen aber die wichtigsten Verkehrsbeziehungen des Packetverkehrs, wie Berlin- Frankfurt, Berlin-Köln, Berlin-Aachen. Diesen Verkehr will und kann aber die Reichspost nicht verlieren. Die Entscheidung fällt allerdings nicht leicht, weil die ganze gegenwärtige Zoneneintheilung geändert und die Ermäßigung ganz außerordentlich weit gehen müßte. Tie Verhandlungen sind durch den Tod des Staatssekretärs von Stephan in's Stocken gerathen, dürften aber nach der Ernennung eines neuen Generalpostmeisters sofort wieder in Fluß kommen.
* Darmstadt, 2. Mai. Vor Eintritt in die Berathung der Zweiten Kammer meldete sich gestern der Abg. Köhler ums Wort und theilte mit, daß der Reichstagsabgeordnete Hirschel, welcher sich während der gestrigen Sitzung in den Wandelgängen aufgehalten habe, vom Abg. Jöckel hinausgewiesen wurde. Erfragte an, ob dem Reichstagsabg. verwehrt sei, was im Reichstag den Landtagsabg. ausdrücklich zugestanden werde. Abg. Jöckel antwortete, daß er den Herrn nicht gekannt habe, der Herr hätte sich aber hier als Gast fühlen und als folcker in den Räumen des Hauses auftreten sollen. Präsident Haas erklärte, in den Außenräumen gegangene Graf Salmi wurde nicht in feiner Grabesruhe gestört. Es war nämlich eine Frage aufgeworfen worden, ob nicht ein Gewaltakt den Tod des alten Herrn herbeigeführt habe. — Diese Frage erschien nunmehr gegenstandslos. Die Gläubiger Sallust's deckten sich, so gut es ging, durch dessen Haus, die Grundstücke und die Fabrik. Isidor Schnell dagegen, der als stiller Theilhaber eine bedeutende Summe für das Cementwerk eingelegt hatte, fiel mit seiner Forderung vollständig durch. Er strengte einen Prozeß an, verlor aber auch diesen und sah sich schließlich um sein ganzes Vermögen gebracht. Mit Gott und der Welt hadernd, schlich er noch mehrere Jahre in der Gegend umher. Auf einmal war er verschwunden, und man hörte nichts mehr von ihm.
Hanna hatte mit Antonien bis zum Tode Sallust's an dessen Krankenbett ausgeharrt. Am Abend des Begräbnißtages fuhr der Graf Edgar von Salmi vor dem Krankenhause an und Holle die alte Frau und das Mädchen in die Villa.
Es gewährte einen rührenden Anblick, als an diesem Abende Mutter und Sohn zum erstenmal allein Hand in Hand bei einander saßen und die vor Glück und Freude weinende Frau ihre halb erblindeten Augen zu dem blühenden Jüngling erhob. Sie hatte wiederholt einen Anlauf zu Selbstanklagen genommen;
des Hauses die Ordnung während der Sitzung nicht überwachen zu können. Abg. Köhler stellte schließlich einen schriftlichen Antrag in Aussicht, der den Reichstagsabgeordneten den Aufenthalt in den Räumen des Hauses auch während der Sitzung gestattet.
* Kokmar, 2. Mai. Seit heute erscheint hier an Stelle des unterdrückten katholischen Blattes der ,El- säßer Kurier" gleichzeitig in Mülhausen die ,Ober- elsäßische Landeszeituvg'.
Hom grichisch-tiirkischku Kriegsschauplätze.
Konstantinopel,3. Mai. Während die Depeschen aus Athen melden, daß bei Velestino die Türken eine 9lieberlage erlitten hätten und zum Rückzüge gezwungen worden feien, telegraphirt Edhem Pascha hierhin, daß die Stadt Velestino von den türkischen Truppen genommen worden ist, so daß also die türkische Haupt- armee auf der rechten Flanke der bei Pharsala und Domoko concentrirten griechischen Streitkräfte den Ausgangspunkt der Straße Pharsala-Velestino besetzt hat. Diese zwischen dem Kara-Dagh und Tziragiotika nun durchführende Straße trifft kurz unterhalb Pharsala auf die Straße Trikala-Pharsala-Armpro. Hier werden sich also die nächsten Kämpfe abspielen, da das Kabinet Ralli nur auf Grund der gewahrten Ehre und der militärischen Bedeutung der griechischen Armee glaubt in nähere Verhandlungen treten zu können. Die folgenden Tage werden also die taktischen Operationen bringen, die einen Entscheidungskampf um Pharsala vorbereiten. Die Bewegungen in Epirus, wie die der beiden Geschwader, sind heute mehr wie je für den eigentlichen Gang der Ereignisse bedeutungslos.
Konstantinopel, 3. Mai. Saad EddinPascha ist mit 8000 Mann ausgewählter Truppen, von Mo- naftir kommend, in Janina eingetroffen. Die Pforte hofft, durch Eingreifen frischer Truppen den Feind aus Epirus hinauszudrängen und dort die Offensive ergreifen zu können.
Konstantinopel, 2. Mai. Die Bahnlinie Dedegatsch-Saloniki zwischen den Stationen Uenotschei und Olschila ist unterbrochen. 10 Militärzüge wurden dadurch aufgehalten. Man meint, die Schienen seien durch irreguläre Banden ausgehoben worden. Bei Karawanserai fand ein Gefecht zwischen 2 türkischen Regimentern mit einer Batterie und 1 Bataillon Evzonen und 1 griechischen Batterie statt. Karawanserai wurde durch die Türken genommen; die Griechen warfen ihre Kanonen in den Fluß und flohen nach Kumtschadis.
Athen, 3. Mai. 1300 irreguläre Freiwillige sind vergangene Nacht nach Epirus abgegangen. — Der König hat die Rückberufungsordre des Obersten Vassos von Kreta unterzeichnet. — Man glaubt, daß nach der Rückkehr des Ministerpräsidenten Ralli von der thessalischen Armee die griechische Regierung Frankreich um die Intervention nachsuchen werde.
doch mit edlem Zartgefühl deckte Edgar den Mantel der Liebe über das Vergangene und lenkte das Gespräch in eine andere Bahn.
Hanna hatte ihre Thränen getrocknet. Noch näher schmiegte sie sich an den Sohn. „Eine Bitte, Edgar," flüsterte sie, „mußt Du mir noch erfüllen. Unablässig hat mich in den letzten Tagen und Nächten bet der Erinnerung an das Geschehene und angesichts der wunderbaren Fügung ein Gedanke verfolgt. Es drängte mich allmählich zu einem Entschlüsse. Meine Mutter war in ihrer Art auch eine fromme, gottesfürchtige Frau, aber nicht so wie der Vater und Du, nicht so. Ich bin lange int Dunkeln gewandelt, die verderblichen Lehren der falschen Freiheit verblendeten mich, nun aber ist es vor meinem Geiste Helle und licht. Ein Glaube, der so gute Menschen bildet wie Ferdinand und Dich, muß der richtige fein. O lehre mich bekennen und glauben, was Du glaubst und was Du von Deinem Vater gelehrt worden bist! Ist mein Leben auch ein verfehltes gewesen, hat eigene Schuld mich von Euch getrennt, die Ewigkeit möchte ich mit Euch theilen, wo es keine Trennung mehr gibt!"
In tiefer Bewegung schloß Edgar die Mutter an feine Brust und küßte sie auf die welken Lippen. „Dein Wille soll geschehen!" sagte er mit strahlenden Augen. Nun ist mein Glück erst vollkommen; denn