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Montag, den 3. Mai 1897.
24. Jahrgang
mit UnterhaLtungs Beilage „Sterne mtfr Hinmen".
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Der Apfelbiß.
In einer der Miethkasernen der Vorstadt St. Antoine bei Paris wohnte im fünften Stocke eine Weißzeug- Näherin, Celeste Dubois. Sie war keineswegs eine fleißige Arbeiterin; ihre Haupteinnahmen stoffen aus sehr unlauterer Quelle, denn Celeste war eine eifrige Besucherin der öffentlichen Bälle und Lustbarkeiten. Der Portier drückte die Augen zu, ihm brachte die Dubois manches Trinkgeld ein.
Eines Morgens, als die Portiersfrau, deren Mann nebenbei das Schuhflickergeschäft betrieb, dem Mädchen ein Paar reparirte Stiefeletten bringen wollte, fand sie die Thür nur angelehnt. Die Frau klopfte an und trat ein, da sie keine Antwort erhielt. Fast wäre sie vor Schrecken in Ohnmacht gefallen: Celeste lag mit durchschnittenem Halse auf dem Sopha.
Das Alarmgeschrei der Portiersfrau rief die Nachbarn herzu; bald erschien auch der Polizeikommissar, der das Zimmer bis zum Eintreffen des Untersuchungsrichters absperrte.
Der aufgenommene Thatbestand ließ keinen Zweifel übrig, daß hier ein Mord begangen worden war. Man fand auf dem Schooße der Ermordeten ein blutiges Rasirmesfer, welches ersichtlich als Mordwerkzeug gedient hatte, und ihre Hände waren blutbefleckt, so daß auf den ersten Anblick ein Selbstmord begangen zu fein fchien. Aber die Halswunde war so tief, daß schwerlich das Mädchen sie sich hätte beibringen können, das Messer war bis auf die Wirbelknochen gedrungen und trug Scharten von deren Berührung und der Schnitt ging von rechts nach links; außerdem konstatirte der Gerichtsarzt, daß die Hände der Ermordeten nur durch Anwischen von Blut absichtlich befleckt worden waren; der Mörder mußte also versucht haben, auf diese Art die Spuren seiner That zu verbergen. Außerdem war die Ermordete beraubt worden. Eine Summe von sechzig Franken in Napoleons fehlte; die Dubois hatte das Geld noch am Nachmittage vorher der Portiersfrau und einem ihrer Nachbarn gezeigt und erzählt, sie bewahre es in einem alten Strumpfe auf, der in ihrer Matratze versteckt fei.
Schon nach wenigen Stunden wurde ein Mann verhaftet, welcher im höchsten Grade der That verdächtig erschien. Es war ein im sechsten Stocke, in einer Dachkammer desselben Hauses wohnender Schlossergehilfe, ein verheiratheter Mann, Vater von zwei Kindern, bisher unbescholten; er befand sich durch unverschuldetes Mißgeschick in bedrängter Lage und hatte am Tage vor der That keinen Pfennig, um Brod für sich und feine Familie zu kaufen. Der Schloffer, mit Namen Ferrand, war es gewesen, dem die Dubois auf dem Korridor ihr Geld gezeigt hatte, wie die Portiersfrau bezeugte. Die Frau sagte ferner aus, daß sie dem Manne einen sehr schönen Apfel für feine Kinder geschenkt habe. Dieser Apfel, welchen Ferrand in die Tasche gesteckt hatte, fand sich im Zimmer der Ermordeten, nur ein Stück war herausgebissen. Ferner sand man bei der Visitation Fer- rands ein Zwanzigfrankenstück; ein zweites hatte er am Morgen im Bäckerladen gewechselt.
Ferrand betheuerte seine Unschuld. Seine Aussage lautete: „Ich sprach mit der Dubois auf dem Korridor, noch nachdem die Portiersfrau bereits fortgegangen war. Sie bat mich, ihr ein Rasirmesfer zu leihen, um sich ein lästiges Hühnerauge auszuschneiden. Ich holte das Messer, gab es ihr und wagte es, sie auch um eine Anleihe zu bitten, da es augenblicklich mir so schlecht ginge. Die Dubois war ein sehr gut- müthiges Geschöpf und kannte mich als ehrlichen Mann; sie lieh mir zwei Napoleons auf acht Tage. Zinsen wollte sie keine andern haben als den Apfel, welchen ich noch in der Tasche hatte; ich freute mich, ihr diesen Gefallen thnn zu können. An dem Morde bin ich unschuldig.
Der Untersuchungsrichter schüttelte ungläubig den Kopf und ließ den Mann in Haft nehmen.
Die Frau Ferrand wurde vernommen; sie wußte weder von der Anleihe etwas, noch von der Ver-
schenkung des Apfels, noch davon, daß ihr Mann der Dubois ein Rasirmefser geliehen habe. Ferrand, dem dies sofort vorgehalten wurde, erklärte, daß seine Frau sehr eifersüchtig fei; sie habe ihn schon wiederholt gebeten, sich von der Dubois fernzuhalten, und deshalb habe er nicht gewagt, ihr die Quelle des Geldes zu nennen, oder des Gespräches Erwähnung zu thun.
Frau Ferrand war außer sich vor Schrecken, als sie vernahm, welchen Verbrechens ihr Mann verdächtig erscheine. Sie eilte zum Polizeipräsidenten, stürzte ihm zu Füßen und beschwor ihn mit Thränen, sich des armen Unschuldigen anzunehmen. Der Polizeipräsident war tief ergriffen; er glaubte zwar nicht an die Unschuld des Schlosfergehilfen, rief aber dennoch einen der geschicktesten Beamten der Entdeckungspolizei und beorderte ihn, die Sache nochmals gründlich zu untersuchen.
Der Beamte, Vellier war fein Name, begab sich zunächst nach dem Orte der That und nahm da die kleinsten Kleinigkeiten, welche sich im Zimmer befanden, in Augenschein. Dann ließ er einen Zahnkünstler holen und von demselben einen genauen Wachsabdruck hes Gebisses der Ermordeten nehmen. Der Wachsabdruck war mit einer Kompositionsmasse ausgefüllt und die ohf diese Weife entstandene Nachbildung der Zähne der Dubois sorgfältig aufbewahrt. Gleiches geschah mit den Zähnen Ferrands, und auch der Apfel, oder richtiger das aus demselben herausgebifsene Stück ward derselben Prozedur unterworfen.
Schon an demselben Tags ward festgestellt, daß weder die Dubois noch Ferrand den Apfel angebiffen Chatten. Ihre Gebisse paßten nicht zu dem fehlenden Stücke. Der Mensch, welcher den Apfel kostete, hatte einen schadhaften Zahn links neben dem Augenzahne.
Während des Abends durchstreiften einige zwanzig verkleidete Polizeibeamten die verrufenen Schenken und Restaurationen des Stadtviertels und beobachteten scharf alle Leute, welche sie essen oder trinken sahen, um etwaige Zahnlücken zu entdecken.
Noch in derselben Nacht führte man einen oft bestraften Verbrecher auf die Poizeipräfektnr und ersuchte chn höflich, feine Zähne in Wachs zu beißen. Der Abdruck stimmte mit dem Apfelbisse, die Zahnlücke gab ein unverkennbares Merkmal. Wie vom Blitze getroffen gestand der Mörder sofort, und Ferrand konnte schon am Morgen seiner Familie zurück- gegeben werden.
Der falsche Graf.
Kriminalroman von Max Benno.
50] ------ (Nachdruck verboten.)
Ein unwillkürliches Schweigen hielt die Menge gebannt. Da krachten die Böller von der Anhöhe herab, wo Severin sie hatte aufstellen lassen, und der junge Offizier entblößte mit herzlichem Gruße nach allen Seiten das Haupt.
„Edgar, Edgar, Graf Salmi, hoch, hoch!" brauste es auf einmal wie Donnerhall durch die Luft. Alles drängte nach dem Wagen und hundert Hände streckten sich zum Willkomm ‘
Der Todtgeglaubte war aufgestanden! Sie sahen ihn, wenn auch noch etwas bleich und angegriffen, gesund und munter vor sich. Noch mehr! Er war nicht das unscheinbare Studentlein, sondern der Erbe eines erlauchten Namens, den ihm ein Anderer zu rauben gesucht hatte.
Allmählig legte sich der Sturm und der Wagen fuhr weiter in das Innere der Stadt. Jubelnd zog die Menge ihm nach.
Nur Antonie und Hanna blieben zurück. Letztere war auf die Kniee niedergesunken. Sie verbarg ihr Gesicht unter den Händen, und heiße Thränen rollten unter den abgemagerten Fingern hervor.
Antonie aber schaute mit leuchtenden Augen dem Menfchenstrome nach.
Severin hatte die Gruppe von feinem Schießplätze aus bemerkt und eilte herbei. Sein Gesicht strahlte. In seiner innigen Herzensfreude legte er den Arm um Tonis schlanke Gestalt. „Habe ich's recht gemacht?" jubelte er.
Das Mädchen drückte stumm seine schwielige Hand. Sprechen konnte sie vor Aufregung nicht.
Ein tiefer Seufzer lenkte die Aufmerksamkeit der
Beiden auf Hanna. Für das gebrechliche Weib war die Erschütterung zu groß gewesen. Bewußtlos lag sie am Boden.
Schnell entschlossen nahm Severin sie auf den Arm und trug feine Last, von Antonien begleitet, nach dem Krankenhause zurück.
Er hielt sich eine Zeit lang bei dem Mädchen auf und machte nachher auch dem Doktor Sallust einen Besuch.
Hanna's Zustand hatte sich schnell wieder gebessert. Sie war aus ihrer Betäubung erwacht, und ein Glas Wein hatte die schlummernden Lebensgeister wieder geweckt.
Sallust lag, als Severin mit dem Mädchen bei ihm eintrat, bewegungslos in seinem Bett. Die Augen jedoch blickten nicht mehr in so hohem Grade scheu und verwirrt, wie es in den letzten Tagen der Fall gewesen war. Dennoch erkannte man aus seinem eigenthümlichen Gesichtsausdrucke, daß der Bann, der seinen Geist fesselte, sich noch nicht ganz gelöst hatte.
Mit freudigem Erstaunen hörte Toni, wie der Onkel Toni's deutlich Severins Namen aussprach. Der Hausknecht gab dem Kranken die Hand. Dieser schaute ihm eine Zeit lang stumm ins Gesicht.
„Was thust denn Du da, Severin?" fragte er. „Suchst Du Deinen Herrn? Du findest ihn nicht. Er war schon zweimal bei mir, ging aber jedesmal wieder fort. Er ist gegen mich recht gut und freundlich gewesen, und wenn er wieder kommt, geh' ich mit ihm. Ich that ihm viel Böses, ihm und den Anderen. Sie trugen selber die Schuld. Warum haben sie mir meine Lisa genommen? Dies machte mich wild. Sie mußte es auch büßen, das arme Ding! Es war schade um sie. Mit dem Grafen wäre ich noch ganz anders umgesprungen, hätte er nur nicht um die Wechsel gewußt. Ha, ha, diese Wechsel! Isidor mag sehen, wie er zu seinem Gelde kommt; ich bezahle ihn nicht. Ich kann ihn nicht bezahlen: denn ich habe ja nichts. Es gehört Alles den Kindern! Kein Pfennig mir. Das Meinige ist schon lange draufgegangen. Theodor starb gerade zur rechten Zeit. Ha, ha, diese Wechsel! Wie man nur eine leichtgläubige Frau mit so ein paar Nullen in Galopp setzen kann! Doch es kommt nichts heraus. Dies und das Frühere nicht. Hanna ist so klug und schweigt, und Toni, das arme Mäuschen, ist froh, daß man ihr vom eigenen Gelde das Gnadenbrot) gibt. Das Kind hat kein Glück. Den Liebsten schoß man ihr tobt, und der Bräutigam ist eingesteckt. Ein falscher Graf! Auch mich hat er zum Besten gehabt. Du bist damals ein großer Prophet gewesen, Severin. Die Abrechnung kam. Doch thut nichts. Georg hat pjir die Hand gegeben, und auch Theodor — Ferdinand---"
Die Gedanken des Kranken verwirrten sich wieder vollständig. Er brachte, noch einige unzusammenhängende Sätze hervor, dann verstummte er ganz.
Mit fast athemlofem Schweigen hatten Severin und Antonie auf das Gespräch des Doktors gehört, das trotz seiner Verworrenheit mehr als ein Ge- heimniß verrieth. Das Mädchen namentlich befand sich über die Bedeutung des Vernommenen für sie und Julius nicht int Zweifel. Gleichwohl ging sie ohne weiteres darüber hinweg und bat auch Severin zu schweigen, was dieser versprach.
Sallust hatte die Augen geschlossen. Er schien zu schlummern. Severin und Antonie gingen leise hinaus.
Da schlug eine Stimme an das Ohr des Mädchens, bei deren Klang ein unwillkürliches Beben ihren Körper durchdrang. Sie hemmte ihren Schritt und drückte die Hand auf das fast hörbar pochende Herz. Eilige Schritte kamen unter Sporengeklirr die Treppe herauf. Sie erblickte das blühende Antlitz des Bruders und neben ihm — den Jugendfreund, den Geliebten, den sie bereits als tobt beweint hatte. In der nächsten Sekunde lag sie, laut schluchzend, vor Entzücken und Wonne an seiner Brust. Das war ein Wiedersehen! Unter seinem beglückenden Einflüsse wurden alle Bedenken, die Antonien bei dem Vergleiche ihrer 'Armuth mit der glänzenden Stellung Edgars beunruhigt hatten, wirkungslos auf die Seite gedrängt. Edgar vergaß auch Severin nicht, der bei diesem Anblick glückselig vor sich hinlächelte. Er schloß den treuen Menschen in die Arme, ohne daran zu denken, daß er ein Graf war und jener ein Knecht.