Samstafl, den 1. Mai 1897.
24. Jahrgang
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_________mitUnterhaltnngs-Hrllage „Sterne und Klumen".
Deutsches Kerch.
B erlin, 30. April.
* Wie Konservative IlittergutsveKtzer und Mitglieder des Wundes der LandwirtHe ihre Arbeiter vehandekn: Die , Germania' schreibt: „Eine an die Thaten Dr. Peters erinnernde Geschichte, die wir übergehen würden, wenn sie nicht von dem Blatte, das darüber zuerst berichtete, dem,Niederschl. Anzeiger', für buchstäblich wahr erklärt worden wäre, wird in östlichen Blättern über einen Rittergutsbesitzer im schlesischen Kreise Glogau verbreitet. Derselbe soll gleich Peters Pastorssohn und ferner derselbe Herr sein, welcher für den Bund der Landwirthe dadurch Propaganda zu machen gesucht habe, daß er bäuerliche Besitzer mit Freibier bewirthete und ihnen sogar einen Ball in Aussicht stellte, ohne damit freilich bei den Bauern entsprechende Gegenliebe zu finden. Dieser Herr, so schreibt das obengenannte Blatt, beschäftigt auf feinem Dominium polnische Arbeiter aus Rußland. In einer der vergangenen Wochen hatte er diesen Leuten nur den sechsten Theil ihres Lohnes ausgezahlt und behielt das Uebrige als Kaution zurück. ~ Das wollten sich denn die Leute nicht gefallen lasten; nach Rücksprache mit dem Gutsbesitzer soll es aber zu einer Einigung gekommen sein, ^tun hatte ein zu den polnischen Arbeitern gehöriges Mädchen den Ort verlassen, um sich nach einer andern Arbeitsgelegenheit umzusehen; dasselbe kehrte am Charfreitag gegen Abend zurück, theilte ihren Arbeitsgenossen mit, daß sie eine neue Arbeitsgelegenheit gefunden habe, und forderte sie auf, die bisherige Arbeitsstelle zu verlassen und mit ihr zu gehen. Ein Arbeiter hinterbrachte dies dem Guts besitz er, und dieser begab sich nun in Begleitung des Gutsin- spektors, des Schafmeisters und eines großen Hundes Nachts 11 Uhr nach dem mitten im Dorfe gelegenen Gemeindehause, wo das Mädchen Unterkunft gefunden hatte. Das Mädchen wurde vom Schafmeister ergriffen und nach dem Dominium geschleppt; der Gutsbesitzer und der Inspektor folgten. Daselbst schlug nun ersterer mit einem starken Rohrstocke auf das arme Mädchen ein, bis der Stock zerbrach. Augenzeugen berichten, daß das Mädchen grün und blau geschlagen worden war. Hierauf ließ der Gutsbesitzer das Mädchen durch den Schafmeister in einen unter dem Speicher befindlichen, weder der Luft noch dem Lichte zugänglichen Keller sperren, in dem außerdem noch Wasser stand. In diesem menschenunwürdigen Raume mußte das Mädchen die Nacht zubringen. Am Sonnabend vor dem Osterseste verreiste der Gutsbesitzer; vor seiner Abreise befahl er noch dem Schafmeister, das Mädchen in einen andern Keller zu sperren, der sich unter der Stallung befand.
Der falsche Graf.
Kriminalroman von Max Benno.
------- (Nachdruck verboten.)
Severin suchte Antonien im Krankenhause auf. Das Mädchen begleitete ihn in den Garten, wo das Paar auf einer Bank sich niederließ. Hier schüttete der brave Bursche seinen Schmerz aus. Er sagte der weinenden jungen Freundin alles und gestand, daß er schon früher die Ueberzeugung gehabt habe, der angebliche Sohn Schirmers sei der wahre Erbe des Grafen Salmi gewesen.
Tie Beiden hatten einer alten, seitwärts auf einer Bank im warmen Sonnenschein zusammengekauerten Frau kerne Beachtung geschenkt. Diese erhob sich nun und wankte auf das Paar zu. Sie fchob den großen Augenschrrm zurück und zeigte ein von Pockennarben entstelltes Gesicht.
„Was habt Ihr gesagt?" forschte sie mit hohler Stimme. „Graf Ferdinand von Salmi sei gestorben und auch sein Sohn tobt? O gebt mir Wahrheit! Ich flehe bei der Gnade des Himmels darum!"
Severin erkannte in dem Weibe die alte Kunstreiterin, die bei dem Cirkusbrande so schwer verletzt worden war.
und der etwas wärmer war. In diesem Keller, dessen Fenster vernagelt wurde, wurde das Mädchen vier Tage und vier Nächte gefangen gehalten. Seit dem 21. April steht der Keller offen da, das Mädchen ist seit dieser Zeit verschwunden. Niemand weiß, wohin es sich begeben hat oder was sonst mit ihm vorgegangen ist." Dies der Bericht des niederschlesischen Blattes, eines Organs der freisinnigen Volkspartei. Den Ort des Vorganges und den Namen des selbstherrlichen Gutsbesitzers zu nennen, wird die strafrechtliche Verfolgung des letzteren Gelegenheit geben." Dies sind die Thaten der angeblichen „Vorkämpfer für Gottesfurcht und gute Sitte". Es ist kein Wunder, daß die Arbeiter nicht bei ihnen bleiben wollen, und wäre nur zu wünschen, daß sie überhaupt keine mehr fänden und sie sich die Arbeit selbst thun müßten.
tl Die Host' hat es jetzt sehr eilig mit der Erledigung der verbummelten Klatsverattznng im A b g e o r d net e n h a u s e. Sie seufzt, daß die Paritätsklagen kein Ende nähmen, so sehr der Beschluß des Etats dränge. Aber das Centrum wäre mit seinen Beschwerden längst fertig, wenn seine Gegner nicht mit allem möglichen anderen Kram kämen. Daß die Beschwerden unbegründet sind, beweist die ,Post' wieder einmal mit der Erinnerung an den kath. Reichskanzler kath. Minister, kath. Oberpräsidenten (Mehrheit!) re., selbstverständlich auch an Frhrn. v. Huene. Damit ist die Behauptung unserer Zurücksetzung widerlegt! Kath. Reichstagskandidaten, die für die Militärvorlage waren, sollen nach der Host' als Feinde der Kirche bezeichnet worden sein. Den Beweis behält das Blatt wohlweislich für sich.
* Dem Reichstage ist der Gesetzentwurf über den Servistarif und die neue Klassentheilung der Orte zugegangen. Der neue Tarif soll vom 1. April er. in Kraft treten. Der Mehrbedarf beträgt über 800 000 Mk. und soll von den einzelnen Bundesstaaten nach Maßgabe der Bevölkerung aufgebracht werden. Die Servissätze für das Quartier der Unteroffiziere werden um 25%, das der Gemeinen um 33/2%, für Stallung der Dienstpferde um 50° 0, für Geschäfs- zimmer um 75% erhöht, jedoch mit der Einschränkung, daß die Erhöhungen für Unteroffiziers- und Soldatenquartiere auf die Fälle der vorübergehenden Quartiere beschränkt bleiben. Die Anträge von Ortschaften auf Versetzung in die Servisklasse A sind sämmlich abgelehnt worden. Nach Klasse l sollen 24, nach Kl. I( 23, nach Kl. III 41, nach Kl. IV 146, nach Kl. V 4 Orte versetzt werden. Bei Einreihung der einzelnen Orte in die Servisklaffen ist allgemein davon auszugehen, das Orte unter 5000 Einwohnern der Kl. V, von 5000—10 000 Einwohnern der Kl, IV, von 10—20000 Einwohnern der Kl. III, von 20—40000 Einwohnern der Kl. II, über 40000 Einwohner der Kl. I anzugehören haben.
h. Dem Abgeodnetenhause ist der Gesetzentwurf bett, die Krwettervng des Staatseise«- öatznnetzes und die Betheiligung des Staats an dem Bau von Kleinbahnen sowie an der Errichtung
Obgleich ihm ihre Frage seltsam vorkam, ertheilte er doch über alles bereitwilligst Auskunft.
Da sank das Weib mit einem schmerzlichen Aufschrei in die Knie und hob die gefalteten Hände zum Himmel empor. „Todt, alles tobt!“ stöhnte sie. „Und ich allein bin zum Leben verdammt! O Gott, Dein Gericht ist furchtbar, aber gerecht."
Severin und Antonie hatten sich von ihrem Erstaunen über diesen Auftritt noch nicht erholt, als sie fahen, wie ein Soldat mit eiligem Schritte vom Krankenhause her auf sie zukam.
„Antonie, Julius!" tönte es, und die Geschwister lagen sich in den Armen. Auch dem nicht wenig überraschten Severin reichte Julius mit herzlichem Gruße die Hand.
Die Beiden erkannten sofort, daß Julius in die letzten Ereignisse bereits vollständig eingeweiht war. Um so weniger konnten sie die gehobene Stimmung begreifen, die dessen ganzes Auftreten verrieth.
Da flüsterte der Bruder dem Mädchen einige Worte ins Ohr. Dieses erbleichte anfangs, dann aber schoß ihr alles Blut ins Gesicht. „Er lebt?" rief sie. „Ist es möglich? ist es wahr?"
„Ich selbst bin an seinem, voll Liebe und Sehnsucht schlagenden Herzen gelegen und bringe Dir Grüße
von landwirthschaftlichen Getreidelagerhäusern zugegangen. Die Gesammtforderung beträgt 69416000 Mark. Für den Bau von Nebenbahnen sollen 59 428 000 Mark aufgewendet werden. Darunter befindet sich eine Bahn Münster-Coesfeld, Coesfeld-Borken Borken- Emfall, Wülfrath-Ratingen, Kirchberg im Hunsrück nach Hermeskeil. Zur Beschaffung von Betriebsmitteln sind 5 988 000 M. ausgeworfen, zur Förderung des Baues von Kleinbahnen 8000000 M. Da die für diesen Zweck bereitgestellten 13 000 000 Mark dadurch in Anspruch genommen sind, so wird die Ermächtigung erbeten, noch eine weitere Summe von 8000000 M. zu verwenden. Für die Errichtung von landwirthschaftlichen Getreidelagerhäusern werden weitere 2 000000 M. gefordert.
Ausland.
* ?aris, 30. April. Die Blätter erklären, der Ministerwechfel in Athen habe nur dann einen Werth, wenn auch die Politik gründlich geändert werde. Eine Fortsetzung des Krieges sowie neue Waffenerfolge der Türken wären für den allgemeinen Frieden trotz des neuen Ministeriums genau so gefährlich, wie die Hartnäckigkeit, mit welcher Delyannis die Rathschläge Europas zurückgewiesen habe.
* Konkantinopek, 30. April. Das Blatt ,Hakikit' schreibt: Die militärisch resultatlos gebliebene Beschießung von Prevesa und anderer Hafenorte werde bei der Kriegsentschädigung Griechenland nur schaden.
* Kanea, 29. April. Die Admirale ermächtigten die Bewohner des Inneren von Kreta, ohne Waffen nach Kanea zu kommen, um sich zu ver- proviantiren; wenn es nöthig wäre, würden ste ein Geleit erhalten.
Aus dem Reichstage.
212. Sitzung vom 30. April.
Zunächst wurde die allgemeine Besprechung des Entwurfs eines In Validenversicherungsgesetzes und der Anträge Plötz und Rösicke zu Ende geführt. Das Ende war, daß eine Kommissionsberathung abgelehnt wurde, was auf eine Ablehnung aller Vorlagen in dieser Tagung hinausläuft.
Die Debatte brachte in der Hauptsache nur Wiederholungen.
Abg. Frhr. v. Stumm (Rp.) befürwortete Vertagung der Materie bis zum Herbste, um dann ganze Arbeit zu machen.
Abg. Aichter (srs. Vp.) stand der gestern vom Abg. Frhrn. v. Hertling angeregten Beschränkung der Versicherung auf die Großindustrie sympathisch gegenüber, bekämpfte die Verschärfung der Staatsaufsicht und die schlechte Wirthschaft mancher Anstalten.
Abg. Dr. Mtze (Ctr.) befürwortete nochmals die Einschränkung der Versicherung und bekämpfte die geplante Zusammenlegung der Versicherungsanstalten. Könne die Land- wirthschaft die Lasten der Versicherung nicht tragen, so müßten die ländlichen Arbeiter eben auf die Versicherung verzichten. Auf die Industrie könnten die Lasten nicht aber gewälzt werden.
Abg. Slei ni nger i Ctr.) gab der Mißstimmung der bayrischen Landbevölkerung über das Klebegesetz scharfen Ausdruck, von ihm!" versicherte Julius. „Sein Schutzengel hat ihn vor einem gräßlichen Tode bewahrt."
Er erzählte die wunderbare Rettung Edgar's durch den Obersten Salmi, setzte die Beiden von Edgar's nahezu vollendeter Genesung in Kenntniß und schloß mit der Versicherung, daß ihnen allen vielleicht schon in den nächsten Tagen ein schönes Wiedersehen bevorstehe.
Antonie und Severin weinten wieder. Aber diesmal waren es Thränen des Dankes für das wunderbare Walten der gnädigen Vorsehung, das ihnen nach den vielen Kümmernissen eine so hohe Freude verhieß.
Sie begaben sich mit dem Bruder ins Krankenlaus und schritten in ihrer glücklichen Stimmung achtlos an dem alten Weibe vorüber, das jedes gebrochene Wort gehört hatte und deren Mund von einem inbrünstigen Gebete überfloß.
Julius trat an das Krankenlager des Onkels, doch dieser erkannte ihn nicht. Sallust murmelte einige unverständliche Worte und drehte sich gegen die Wand.
~ Der Bruder Antoniens kehrte mit Severin in das Städtchen zurück und begab sich nach einem kurzen Aufenthalte im Löwen nach der Villa des Grafen